Elise Haighton
Elise Adelaïde Haighton (geboren 28. Mai 1841 in Amsterdam; gestorben 11. August 1911 in Den Haag) war eine niederländische Lehrerin und Feministin.
Leben
Elise Haighton wurde am 28. Mai 1802 als Tochter des Handelsvertreters Richard Haighton (1802–1866) und der Antoinette Petronella Martha Finkensieper (1811–1892) geboren. Sie hatte neun Geschwister. Über ihre Kindheit und Jugend ist nicht viel bekannt. Erst seit sie 1870 als Schriftstellerin bekannt wurde, gibt es Aufzeichnungen. Sie lebte zu der Zeit bei ihrer Mutter, der Vater war vier Jahre zuvor gestorben. Sie unterrichtete an einer Grundschule. Als unverheiratete Frau der Mittelschicht, blieb ihr, wie sie es selbst später formulierte, nur die Wahl, als Lehrerin, Gouvernante oder Gesellschafterin zu arbeiten.
Weitere Ausbildung und literarische Karriere
1870 erwarb Elise Haighton als erste Frau in den Niederlanden ein Niederländisch-Sprachzertifikat und besuchte mehrere Jahre Geschichtsvorlesungen des Literaturwissenschaftlers Willem Doorenbos an der Felix-Meritis-Universität. Später veröffentlichte sie ihre Mitschriften seiner Vorlesungen in vier Bänden, Vorlesungen über Geschichte, 1872–1875 und nach seinem Tod veröffentlichte sie eine Biografie. Nachdem sie sich erfolglos um eine Stelle als Lehrerin an einem Mädchengymnasium beworben hatte, konzentrierte sie sich nach einem Rat von Doorenbos auf die Schriftstellerei. Zunächst veröffentlichte sie unter zwei Pseudonymen, Hroswitha nach der mittelalterlichen Schriftstellerin Hrotsvit und Brunhilde, nach Brünhild der mythischen Kriegerin. In ihre zahlreichen literarischen Beiträgen, die sie für Zeitschriften wie „De Nederlandsche Spectator“, „De Gids“ und „Nederland“ verfasste, folgte sie den Beispielen dieser Frauen. Sie rezensierte Texte von literarischen Größen wie Conrad Busken Huet, Charles Boissevain und Geertruida Bosboom-Toussaint und Bücher, in denen gängige Ansichten über Frauen und Männer hinterfragt wurden. Sie empfahl Werke zu Frauenthemen und brachte ihre Bewunderung für Frauen zum Ausdruck, die sich aus den tradierten Rollen herausgearbeitet hatten, wie die Mitglieder des Wiener Frauenorchesters bis zu den Diven des klassischen Theaters, von Anna Maria van Schurman und Elise van Calcar bis zu Mina Kruseman. Mit Kruseman führte sie von 1872 bis 1875 eine Korrespondenz. 1876 war Haighton eine der Initiatorinnen des Lesemuseums für Frauen in Amsterdam und von 1877 bis 1880 dort Vorstandsmitglied.[1]
Freidenkerin und Feministin
Für Elise Haighton waren die christlichen Kirchen, egal in welcher Form der Ausprägung, ein Hindernis für Frauen, die nach Selbstbestimmung strebten. Deswegen schloss sie sich der Freidenkervereinigung De Dageraad an, wo sie von 1882 bis 1885 als erste Frau ein Vorstandsamt innehatte und ab 1883 als Redaktionssekretärin des Vereinsorgans De Dageraad tätig war. Für die Position der Redaktionssekretärin wurde sie auch bezahlt. Sie nutzte auch öffentliche Versammlungen von De Dageraad, um ihre Gedanken zu Frauenthemen publik zu machen. In ihrem Vortrag „Die Frau in den Niederlanden“ (1882) argumentierte sie beispielsweise, die Situation der Frauen unterscheide sich im Wesentlichen nicht von der von Sklaven. Sie kritisierte Frauen des gehobenen Bürgertums und der Mittelschicht, die sich mit ihrer untergeordneten Stellung abgefunden hätten und rief dazu auf, aktiv für einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt sowie für gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu kämpfen. Zudem dazu gleiche Wahlrechte einzufordern. Sie wies zudem in ihrem Vortrag „Ein Zeichen der Zeit“ (1884) auf die strukturellen Faktoren hin, wie niedrige Löhne und ungesunde Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterinnen, die sie in die Prostitution trieben; das Verbot von Vaterschaftstests, das Doppelstandards legitimiere; die gesetzlich verordnete Unmündigkeit und Unfähigkeit verheirateter Frauen, die sie ihren Ehemännern auslieferte; und die Verweigerung des Frauenwahlrechts, die ihnen jegliche politische Macht raubte.[1]
Für sie war es unerlässlich, dass sich Frauen zusammenschlossen und gemeinsam ihre Interessen vertraten. So fand sie Unterstützung auf einer Versammlung des Amsterdamer liberalen Wahlvereins „Bürgerpflicht“ zur Wahlrechtsreform (1884) für ihr Eintreten für das volle Frauenwahlrecht. Gegen einen Vorschlag aus liberalen Kreisen, bei dem nur unverheiratete und verwitwete Frauen das Wahlrecht erhalten sollten und sie es bei einer Eheschließung verlieren sollten. Nachdem sie in ihrem Text „Enkele reacties op: Vooruitgang“, der in der Wochenzeitung De Amsterdammer am 18. Februar 1883 veröffentlicht wurde und in dem sie die Engstirnigkeit und den mangelnden Ehrgeiz der Arbeiter ansprach und ihnen eine Strategie der Eigeninitiative und des kollektiven Engagements empfahl, erntete sie große Kritik, vor allem in der sozialistischen Presse, die sich gegen sie persönlich richtete. Nachdem sie weitere Unterstützung für ihre Thesen bekam, eskalierte der Konflikt im Vorstand von De Dageraad und führte zur Spaltung der Organisation. Der Vorstand beschloss Anfang 1884, dass Sozialismus und freies Denken getrennte Prinzipien seien. De Dageraad würde sowohl Befürworter als auch Gegner des Sozialismus aufnehmen, sofern diese den Sozialismus nicht unter Berufung auf das freie Denken verteidigten oder ablehnten. Domela Nieuwenhuis und mehrere andere prominente sozialistische Freidenker traten daraufhin aus, was zwar ein bedeutender Verlust war, jedoch die Anziehungskraft der De Dageraads auf Feministinnen nicht schmälerte.[1]
Aufenthalt in Surinam
Haighton fühlte sich von Aletta Jacobs verraten, als diese 1884 eine Beziehung mit dem ehemaligen Vorstandsmitglied Carel Victor Gerritsen einging. Sie reiste verzweifelt im Sommer 1885 nach Suriname und arbeitete als Gouvernante in der Familie des neu ernannten Gouverneurs Hendrik Jan Smidt. Als Smidt in Paramaribo eine öffentliche Grundschule und eine Einrichtung für erweiterte Grundschulbildung gründete, die für Jungen und Mädchen bestimmt war, unterrichtete Elise Haighton mit der Eröffnung 1887 an dieser Schule. Später wurde sie Hendrik-Schule genannt. Möglich war dies, da sie ein englisches Zertifikat erworben hatte. Sie blieb auch in Suriname, als Smidt 1888 in die Niederlande zurückkehrte. Erst 1892 kehrte sie ebenfalls in die Niederlande zurück. Später hielt sie Vorträge mit Dias über Suriname und sie gehörte 1899 zu den Gründerinnen und ersten Vorstandsmitgliedern der Vereinigung „Oost en West“, die das Interesse an den Kolonien in den Niederlanden steigern, den Handel mit Industrieprodukten aus den Kolonien fördern und den Passagierverkehr in beide Richtungen erleichtern wollte. Dabei waren ihr vor allem die Kinder wichtig, die zum Studium in die Niederlande kamen.[1]
Frauenbewegung
Damit Frauen auch wirtschaftlich unabhängig sein können, veröffentlichte Elise Haighton zurück in den Niederlanden Ratgeber und wurde regelmäßige Mitarbeiterin der Wochenzeitschrift „De Amsterdammer“. Sie engagierte sich in der Frauenbewegung und trug zu deren Gestaltung bei. 1893 war sie Gründungsmitglied von Thugatêr, dem Lehrerinnenverband, und gehörte diesem bis 1897 an. Sie trat 1894 dem Vorstand des Vereins für Frauenrecht bei und fungierte bis 1896 als Sekretärin des Vereins. Sie war auch im Auftrag des Vereins Mitglied der Redaktion der radikal-feministischen Wochenzeitschrift Evolutie, die kurzzeitig als Organ des Vereins und der Vrije Vrouwen Vereeniging (Verband Freier Frauen) diente. An der Organisation der Nationale Tentoonstelling van Vrouwenarbeid war sie beteiligt, unter anderem als Mitorganisatorin der Abteilung für Westindien. Sie rügte die niederländische Öffentlichkeit für ihren Umgang mit der schwarzen Frau Louise Yda, die aus Paramaribo angereist war, um durch ihre ständige Präsenz auf der Ausstellung auf die Situation schwarzer Frauen in Westindien aufmerksam zu machen.[1]
Auch hatte sie großes Interesse an der internationalen Zusammenarbeit. Ab 1896 war Elise Haighton bei allen internationalen Frauenkongressen in Europa anwesend, mal als Rednerin, jedoch immer als Berichterstatterin. Sie berichtete von den Internationalen Feministinnenkongressen in Paris (1896), Berlin (1896) und Brüssel (1897); den Kongressen des Internationalen Frauenrats in London (1899) und Berlin (1904); und den Kongressen der Internationalen Allianz für das Frauenwahlrecht in Kopenhagen (1906), Amsterdam (1908) und London (1909). Dabei zeigen ihre Berichte auch auf, dass sie auch im Alter nichts von ihrem radikalen Engagement abgelegt hatte. Sie solidarisierte sich 1908 mit den britischen Suffragetten, dies taten nur wenige Feministinnen der Niederlande und stand 1909 vor den Toren des Holloway-Gefängnisses in London, als neunzehn Suffragetten freigelassen wurden.[1]
Elise Haighton starb am 11. August 1911 in Den Haag. Als Freidenkerin wurde sie eingeäschert. Da dies in den Niederlanden verboten war, fand die Einäscherung in Deutschland statt.[1]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g Myriam Everard: Haighton, Elise Adelaïde. In: Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland. 7. Dezember 2017, abgerufen am 28. Dezember 2025 (niederländisch).