Elisabeth Nau (Medizinerin)
| Fotografie Elisabeth Nau |
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| 1940 |
| Porträtsammlung Berliner Hochschullehrer, Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek |
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Elisabeth Nau (geboren am 25. Januar 1900 in Köln; gestorben am 2. November 1975 in Berlin) war eine deutsche Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Professorin für forensische Psychologie an der Freien Universität Berlin und die erste Direktorin der forensisch-psychiatrischen Abteilung des Instituts für Gerichtliche Medizin in Berlin.
Leben und Berufsweg
Elisabeth Nau war Tochter von Klara Nau und ihrem Ehemann Hermann, einem Eisenbahnoberinspektor.[1] Sie studierte ab 1920 Medizin und ab 1921 Philosophie in Bonn, zwischenzeitlich an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, und legte 1925 in Bonn ihr medizinisches Staatsexamen ab. Von 1925 bis 1929 arbeitete sie als Assistenzärztin am Institut für Gerichtliche und Soziale Medizin der Universität Bonn, promovierte im Jahr 1926. 1930 folgte sie ihrem Lehrer Victor Müller-Hess an die Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) nach Berlin, wo sie 1935 die Leitung der forensisch-psychiatrischen Abteilung des Instituts für Gerichtliche Medizin übernahm. 1940 habilitierte sie, arbeitete anschließend als Dozentin.[2]
Ab Januar 1946 war Elisabeth Nau als Professorin mit Lehrauftrag an der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin beschäftigt. 1949 wurde sie als Professorin an die Freie Universität Berlin berufen. 1968, nach Vollendung ihres 68. Lebensjahrs, wurde sie emeritiert, verwaltete dennoch den 2. Lehrstuhl für Gerichtliche und Soziale Medizin weiter bis zu seiner Neubesetzung. 1969 wurde der Lehrstuhl in den Lehrstuhl für forensische Psychiatrie umgewandelt, und Elisabeth Nau übernahm 1970 die kommissarische Leitung des nun eigenständigen Instituts für Forensische Psychiatrie. Insgesamt 22 Jahre wirkte sie als Wissenschaftlerin und Hochschullehrerin für Gerichtsmedizin an der Freien Universität, leitete selbst mit 71 Jahren noch Lehrveranstaltungen und Seminare.[2]
1974 erkrankte Nau schwer und erlitt eine halbseitige Lähmung. Aus diesem Grund verlebte sie das letzte Jahr ihres Leben in der Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg, wo sie am 2. November 1975 verstarb.[2]
Nazizeit und Kriegsjahre
Nach 1933 geriet Elisabeth Naus wissenschaftliche Karriere ins Stocken, da man ihr eine „politisch abstinente Haltung“ bescheinigte. Nachdem 1940 die „politische“ Habilitationsordnung gelockert worden war, habilitierte sie sich mit einer Arbeit zum Thema Selbstmord. Dass der Lehrbetrieb an der Humboldt-Universität während der Jahre des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten und organisiert werden konnte, war zu einem bedeutenden Teil ihrem Einsatz zu verdanken. Allerdings musste sie als „weiblicher Hochschullehrer im Kriegseinsatz“ auch Begutachtungen im Auftrag der Wehrmacht und des Reichsarbeitsdienstes für die weibliche Jugend vornehmen.[3]
Forschungsschwerpunkte
In ihren wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte sich Elisabeth Nau vor allem mit jugendpsychiatrischen Fragestellungen, ihr Forschungsschwerpunkt lag dabei auf der Krankheitsprävention und der Rehabilitation. Bahnbrechend waren ihre wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Kindesmisshandlung, ein Forschungsgebiet, auf dem sie als Wegbereiterin bezeichnet werden kann.
Ehrenämter und Mitgliedschaften (Auswahl)
- Ehrenmitgliedschaft in der Italienischen Gesellschaft für gerichtliche und soziale Medizin
- Ehrenmitgliedschaft in der Französischen Gesellschaft für gerichtliche Medizin und Kriminologie (ab 1968)[3]
Publikationen (Auswahl)
- Über zwei Fälle von Cruralislähmung nach Bruchoperation. Dissertation, Trier 1925.
- mit Victor Müller-Heß: Die Bewertung von Aussagen Jugendlicher in Sittlichkeitsprozessen. In: Jahresk. ärztliche Fortbildung 21 (1930), S. 48–72.
- Die besonderen Aufgaben des Hilfsschularztes im Rahmen der öffentlichen Fürsorge für seelisch abnorme Kinder. Berlin 1933.
- Zeugenaussagen von Kindern und Jugendlichen. In: Alexander Elster, Heinrich Lingemann (Hg.): Handwörterbuch der Kriminologie. Bd. II. Berlin, Leipzig 1936, S. 1140–1150.
- Zur Geschichte, Psychologie und Psycho-Pathologie des Selbstmordes und des erweiterten Selbstmordes. Habilitationsschrift, Berlin 1940.
- Kritische Bemerkungen über Ursachen, Verlauf und Bekämpfung der Pervitin- und Dolantinsucht. In: Jahresk. ärztliche Fortbildung 33 (1942), S. 33–44.
- Die jugendgerichtsärztliche Tätigkeit in ihren vorbeugenden und fürsorgerischen Auswirkungen. In: Die Ärztin 19 (1943), S. 138–146.
- Zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Victor Müller-Heß. In: Arzneimittel-Forschung 3(1953), S. 147.
- Jugendkriminalität. Hamburg 1957.
- Zum Gedenken an Müller-Heß. In: Berliner Medizin 12 (1961), S. 96.
Literatur (Auswahl)
- Miriam Bräu: Es geht voran – es könnte schneller gehen. Entwicklung von Frauenanteilen an der Freien Universität Berlin. In: Mechthild Koreuber, Zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin (Hg.): 70 Jahren Frauen an der Freien Universität Berlin. Freie Universität Berlin 2018, S. 10–11, 17.
- V. Kolbe, F. Zack, S. Hartwig, J. Preuß-Wössner: Frauen in der deutschsprachigen Gerichts‑/Rechtsmedizin: Von Elisabeth Nau (1900–1975) bis heute. In: Rechtsmedizin. Band 31, Nr. 4, 1. August 2021, ISSN 1434-5196, S. 291–298, doi:10.1007/s00194-021-00518-0.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ UA HUB Med. Fak. PA N 18, Bl. 2.
- ↑ a b c Eva Brinkschulte: Wegbereiterin der forensischen Psychiatrie. In: FU Nachrichten 10/95. Freie Universität Berlin, abgerufen am 1. Dezember 2025.
- ↑ a b Ärztinnen im Kaiserreich. In: geschichte.charite.de. Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité, abgerufen am 3. Dezember 2025.