Elektronische Zunge
| Elektronische Zunge | |
|---|---|
| Englischer Begriff | electronic tongue (e-tongue) |
| Fachgebiet | Sensorik, Analytische Chemie, Chemometrie |
| Prinzip | Sensorarray (querempfindlich) + rechnergestützte Mustererkennung |
| Typische Sensorik | elektrochemisch (potentiometrisch, voltammetrisch, impedimetrisch), optisch; teils Biosensor-Arrays |
| Anwendungen | Lebensmittel- und Prozesskontrolle; Pharma (z. B. Bitterkeitsbewertung); Wasser- und Umweltmonitoring |
| Verwandte Systeme | Elektronische Nase |
Eine elektronische Zunge (englisch electronic tongue, kurz e-tongue) ist ein technisches Messsystem zur Untersuchung von Flüssigkeiten. Sie dient dazu, komplex zusammengesetzte Proben – etwa Getränke, Lebensmittel oder Wasser – anhand ihres Gesamteindrucks zu unterscheiden, ähnlich wie der menschliche Geschmackssinn nicht einzelne Moleküle isoliert wahrnimmt, sondern ein Gesamtbild erzeugt.
Im Gegensatz zur klassischen chemischen Analytik, die gezielt einzelne Inhaltsstoffe bestimmt, basiert die elektronische Zunge auf der gleichzeitigen Auswertung mehrerer Sensorsignale. Dabei entstehen charakteristische Antwortmuster, die mithilfe statistischer und mathematischer Verfahren analysiert werden. Ziel ist es, Proben zu vergleichen, zu klassifizieren oder bestimmte Eigenschaften modellbasiert abzuschätzen.[1][2]
Geschichte
Das Konzept der elektronischen Zunge wurde Anfang der 2000er Jahre systematisch beschrieben und in einer Darstellung der International Union of Pure and Applied Chemistry (IUPAC) zusammengefasst. Dort wird sie als Kombination aus querempfindlicher Sensorik und rechnergestützter Mustererkennung definiert.[1]
Parallel entwickelte sich insbesondere in Japan ein Ansatz, der als „Taste Sensor“ bekannt wurde. Dieser nutzt spezielle lipid- und polymerbasierte Membranen und ist stärker auf geschmacksähnliche Skalen (z. B. Bitterkeit oder Umami) ausgerichtet als auf die Identifikation einzelner chemischer Substanzen.[3]
Als technologische Vorläufer gelten ionensensitive Festkörpersensoren. Ein häufig zitierter Meilenstein ist die Entwicklung des ionensensitiven Feldeffekttransistors (ISFET), der erstmals eine direkte Kopplung zwischen chemischer Umgebung und elektrischem Signal ermöglichte.[4]
Funktionsprinzip
Das Funktionsprinzip elektronischer Zungen unterscheidet sich grundlegend von klassischen Einzelsensoren. Statt hochselektiver Messungen werden mehrere unterschiedlich reagierende Sensoren gleichzeitig eingesetzt, um ein umfassendes Signalbild der Probe zu erfassen.
Die einzelnen Sensoren sind bewusst nur gering selektiv, reagieren also auf mehrere gelöste Stoffe zugleich. Diese sogenannte Querempfindlichkeit ist erwünscht, da erst die Kombination aller Sensorsignale ein charakteristisches Muster ergibt. Die analytische Information entsteht durch rechnergestützte Auswertung, häufig unter Einsatz chemometrischer Verfahren.[1][2]
Typische Systemkomponenten sind:
- ein Sensorarray (eine Gruppe mehrerer unterschiedlich reagierender Sensoren),
- eine Einheit zur Signalaufnahme und Digitalisierung,
- eine Datenvorverarbeitung (z. B. Normalisierung oder Driftkorrektur),
- eine multivariate Datenanalyse (statistische Auswertung mehrerer Messgrößen gleichzeitig).[1][5]
Sensorarten
Elektronische Zungen lassen sich nach dem physikalisch-chemischen Messprinzip der verwendeten Sensoren einteilen. In Übersichtsarbeiten werden insbesondere elektrochemische Systeme beschrieben, daneben existieren optische Ansätze sowie Kombinationen mit biologischen Erkennungselementen.[2][5]
Elektrochemische Sensoren
- Potentiometrische Systeme messen elektrische Potentialdifferenzen, etwa mit ionenselektiven Elektroden oder Feldeffekt-Sensoren wie ISFET oder ChemFET.[1][2]
- Voltammetrische Systeme erfassen Strom-Spannungs-Kurven und nutzen unterschiedliche Elektrodenmaterialien, um charakteristische elektrochemische Fingerabdrücke zu erzeugen.[1][5]
- Weitere Varianten basieren auf Impedanz- oder Leitfähigkeitsmessungen.[2]
Taste Sensor (global selektiver Ansatz)
Der sogenannte Taste Sensor nach Toko verwendet lipid- und polymerbasierte Membranen und ist darauf ausgelegt, reproduzierbare Skalen für geschmacksähnliche Eigenschaften zu liefern. Diese Systeme werden insbesondere zur Bewertung von Bitterkeit, Umami oder Nachgeschmack eingesetzt.[3]
Datenanalyse
Da elektronische Zungen viele Messsignale gleichzeitig erzeugen, spielt die Datenanalyse eine zentrale Rolle. Häufig kommen Verfahren zur Dimensionsreduktion wie die Hauptkomponentenanalyse (PCA) zum Einsatz, um Daten zu visualisieren und Muster sichtbar zu machen.
Für gezielte Fragestellungen werden überwachte Methoden genutzt, etwa Regressions- oder Klassifikationsverfahren wie PLS-Regression, Support-Vector-Machines oder neuronale Netze. Übersichtsarbeiten betonen die Bedeutung robuster Validierung, Driftkontrolle und Standardisierung, da Sensoralterung und Matrixeffekte die Übertragbarkeit von Modellen begrenzen können.[5][6]
Anwendungen
Elektronische Zungen werden vor allem dort eingesetzt, wo komplexe Flüssigkeiten ganzheitlich bewertet werden sollen und eine schnelle oder vergleichende Analyse im Vordergrund steht.[5][6]
Lebensmittel- und Prozessanalytik
In der Lebensmittelindustrie werden elektronische Zungen unter anderem zur Qualitätskontrolle, Produktdifferenzierung und Bewertung von Frische oder Lagerstabilität eingesetzt.[5][6] Populärwissenschaftliche Darstellungen beschrieben frühe Demonstrationen, etwa zur Unterscheidung von Getränken; solche Berichte ersetzen jedoch keine wissenschaftliche Validierung.[7]
Wasser- und Umweltanalytik
Ein weiteres Anwendungsfeld ist die Klassifikation und Überwachung von Wasser- und Abwassermatrizen, beispielsweise zur Trend- oder Ereigniserkennung. In spezialisierten Studien wurden auch elektronische Zungen zur Differenzierung von Belastungsszenarien, etwa durch Pestizide, untersucht.[8][9]
Grenzen und Herausforderungen
Zu den häufig genannten Herausforderungen zählen die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Messsysteme, Sensoralterung und Drift, Matrixeffekte sowie die Abhängigkeit der Ergebnisse von Probenvorbereitung und Validierungsstrategie.[5][2][6]
Siehe auch
Weblinks
- Künstliche Zunge aus Japan unterliegt auch Illusionen ( vom 10. Februar 2013 im Webarchiv archive.today) In: nano. 25. Februar 2002.
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f Vlasov, Yu.; Legin, A.; Rudnitskaya, A.; Di Natale, C.; D’Amico, A.: Nonspecific sensor arrays (“electronic tongue”) for chemical analysis of liquids (IUPAC Technical Report). In: Pure and Applied Chemistry. Band 77, Nr. 11, 2005, S. 1965–1983, doi:10.1351/pac200577111965.
- ↑ a b c d e f Tibaduiza, Diego; Anaya, Maribel; Gómez, Johan; Sarmiento, Juan; Perez, Maria; Lara, Cristhian; Ruiz, Johan; Osorio, Nicolas; Rodriguez, Katerin; Hernandez, Isaac; Sanchez, Carlos: Electronic Tongues and Noses: A General Overview. In: Biosensors. Band 14, Nr. 4, 2024, S. 190, doi:10.3390/bios14040190.
- ↑ a b Tahara, Yusuke; Toko, Kiyoshi: Electronic Tongues—A Review. In: IEEE Sensors Journal. Band 13, Nr. 8, 2013, S. 3001–3011, doi:10.1109/JSEN.2013.2263125.
- ↑ Bergveld, Piet: Development of an ion-sensitive solid-state device for neurophysiological measurements. In: IEEE Transactions on Biomedical Engineering. BME-17, 1970, S. 70–71.
- ↑ a b c d e f g Tan, Juzhong; Xu, Jie: Applications of electronic nose (e-nose) and electronic tongue (e-tongue) in food quality-related properties determination: A review. In: Artificial Intelligence in Agriculture. Band 4, 2020, S. 104–115, doi:10.1016/j.aiia.2020.06.003.
- ↑ a b c d Grassi, Silvia; Benedetti, Simona; Casiraghi, Ernestina; Buratti, Susanna: E-sensing systems for shelf life evaluation: A review on applications to fresh food of animal origin. In: Food Packaging and Shelf Life. Band 40, 2023, S. 101221, doi:10.1016/j.fpsl.2023.101221.
- ↑ Forscher konstruieren elektronische Zunge. In: Der Spiegel. Abgerufen am 12. Januar 2026.
- ↑ Cetó, Xavier; del Valle, Manel: Electronic tongue applications for wastewater and soil analysis. In: iScience. Band 25, 2022, S. 104304, doi:10.1016/j.isci.2022.104304.
- ↑ Carrillo Gómez, Jeniffer Katerine; Nieto Puentes, Yuliana Alexandra; Cárdenas Niño, Dayan Diomedes; Durán Acevedo, Cristhian Manuel: Detection of Pesticides in Water through an Electronic Tongue and Data Processing Methods. In: Water. Band 15, Nr. 4, 2023, S. 624, doi:10.3390/w15040624.