Der elektromagnetische Feldstärketensor (auch Faraday-Tensor oder einfach Feldstärketensor) ist eine physikalische Größe, die in der Elektrodynamik das elektromagnetische Feld als Feld in der Raumzeit beschreibt. Er wurde 1908 von Hermann Minkowski im Rahmen der Relativitätstheorie eingeführt.
Die aus Physik und Technik bekannten vektoriellen Feldgrößen wie elektrische und magnetische Feldstärke lassen sich aus dem Feldstärketensor ableiten.
Die Bezeichnung Tensor für die Art dieser Größe ist eine Abkürzung, tatsächlich ist es ein Tensorfeld, also ein von Punkt zu Punkt variierender Tensor.
Definition
Der elektromagnetische Feldstärketensor ist gewöhnlich definiert durch das Vektorpotential:[1]

z. B. mit dem klassischen Vektorpotential[2]

Diese Definition ist auch für die Quantenelektrodynamik gültig. Dort ist einfach nur das Vektorpotential operatorwertig. Es ist ein Spezialfall der Feldstärketensor-Definition einer allgemeinen Eichtheorie.
Der Feldstärketensor besitzt folgende Eigenschaften:
ist antisymmetrisch: 
- Daher verschwinden seine Diagonalelemente
und auch seine Spur: 
- Aufgrund der Antisymmetrie sind nur 6 der 16 Komponenten unabhängig
Hier einige häufig auftretenden Kontraktionen:
In der Lagrangedichte tritt dieser Lorentz-invariante Term auf:[3]

Von Interesse ist auch die mit dem Levi-Civita-Symbol gebildete, pseudoskalare Invariante:[3]

Mit der Konvention
bzw.
.
Keine neue Information ergibt:[3]

In einigen Rechnungen kommt auch diese Größe vor:

Der Energie-Impuls-Tensor
der allgemeinen Relativitätstheorie für das elektromagnetische Feld wird aus
gebildet:[4]

Darstellung als Matrix
Die Matrixdarstellung des Feldstärketensors ist koordinatenabhängig. In einer flachen Raumzeit (also mit Minkowski-Metrik) und kartesischen Koordinaten kann der kontravariante Feldstärketensor geschrieben werden als:[1][5][6]

(Diese Matrix wird gelegentlich ebenfalls kurz als Tensor bezeichnet, ist aber nicht der Tensor selbst). Die kovariante Form der Matrixdarstellung des Tensors lautet bei Verwendung der Signatur (+,−,−,−) entsprechend[5][6]

Es ist gebräuchlich, auch den dualen elektromagnetischen Feldstärketensor zu definieren:[1][7][8]

wobei
der kovariante Feldstärketensor und

der vollständig antisymmetrische Levi-Civita-Tensor ist.[7]
Damit lassen sich die homogenen[1][7] Maxwell-Gleichungen kompakt aufschreiben, denn die Divergenz des dualen elektromagnetischen Feldstärketensors

führt auf

Verschwindet die Divergenz des dualen elektromagnetischen Feldstärketensors

so ergeben sich die homogenen Maxwell-Gleichungen.[9]
Mit der Viererstromdichte
und der Divergenz des kontravarianten Feldstärketensors

ergibt sich:[1]

Das entspricht den inhomogenen Maxwell-Gleichungen:

denn
und zusätzlich gilt

Diese Gleichungen lauten in Viererschreibweise somit:[7][1]

Herleitung des elektromagnetischen Feldstärketensors aus der Lorentzkraft
Im Folgenden wird das SI-System verwendet.
Der Lorentzkraft ist die Relativitätstheorie bereits inne was im Folgenden klarer wird.
Die relativistische Bewegungsgleichung eines Teilchens der Masse
und der Ladung
lautet:[10]

mit
. Nicht der Operator
ist eine Lorentz-Invariante, sondern der Operator
.[11]

In Koordinatenschreibweise ergeben sich daraus drei Gleichungen.

Auf der rechten Seite taucht die Vierergeschwindigkeit
auf. Auf der linken Seite der Viererimpuls
mit
in der Metrik (+,−,−,−):

Da die Koordinate
die Zeit in der Relativitätstheorie repräsentiert und die zur Zeit konjugierte Variable die Energie ist, können wir das Gleichungssystem um eine weitere Gleichung ergänzen, dem Differential der Teilchenenergie
. Dabei gilt zu beachten das nur das elektrische Feld Arbeit am Teilchen leistet.

Mit
lautet die vierte Gleichung:

Nun erkennt man den Charakter der linearen Abbildung. Das Produkt der Feldkomponenten mit den Koordinatenkomponenten lässt sich elegant in der Matrixschreibweise darstellen.
![{\displaystyle \left({\begin{matrix}{\tfrac {\mathrm {d} (m_{0}\gamma c)}{\mathrm {d} \tau }}\\-{\frac {\mathrm {d} (m_{0}\gamma v_{x})}{\mathrm {d} \tau }}\\-{\frac {\mathrm {d} (m_{0}\gamma v_{y})}{\mathrm {d} \tau }}\\-{\frac {\mathrm {d} (m_{0}\gamma v_{y})}{\mathrm {d} \tau }}\end{matrix}}\right)=q{\begin{pmatrix}0&{\tfrac {1}{c}}E_{x}&{\tfrac {1}{c}}E_{y}&{\tfrac {1}{c}}E_{z}\\[6pt]-{\tfrac {1}{c}}E_{x}&0&-B_{z}&B_{y}\\[6pt]-{\tfrac {1}{c}}E_{y}&B_{z}&0&-B_{x}\\[6pt]-{\tfrac {1}{c}}E_{z}&-B_{y}&B_{x}&0\end{pmatrix}}\left({\begin{matrix}\gamma c\\\gamma v^{x}\\\gamma v^{y}\\\gamma v^{z}\end{matrix}}\right)}](./_assets_/eb734a37dd21ce173a46342d1cc64c92/24bc8ae72197eda228a744dafbcf04c8000fa431.svg)
Mit der Vierergeschwindigkeit
folgt aus der Gleichung

der elektromagnetische Feldstärketensor
![{\displaystyle F_{\mu \nu }={\begin{pmatrix}0&{\tfrac {1}{c}}E_{x}&{\tfrac {1}{c}}E_{y}&{\tfrac {1}{c}}E_{z}\\[6pt]-{\tfrac {1}{c}}E_{x}&0&-B_{z}&B_{y}\\[6pt]-{\tfrac {1}{c}}E_{y}&B_{z}&0&-B_{x}\\[6pt]-{\tfrac {1}{c}}E_{z}&-B_{y}&B_{x}&0\end{pmatrix}}}](./_assets_/eb734a37dd21ce173a46342d1cc64c92/e084799ad90087aa8462f05c6b17984d23d8e2f9.svg)
Der Feldstärketensor
ist eine Differentialform zweiter Stufe auf der Raumzeit.
Die Maxwell-Gleichungen lauten in Differentialformschreibweise
und
mit der magnetischen Stromdichte
und der elektrischen Stromdichte
, beide als 1-Formen wiederum auf der Raumzeit.
Da in der Regel von der Abwesenheit magnetischer Ladungen ausgegangen wird, ist
, und der Feldstärketensor kann somit als Ableitung
einer 1-Form
dargestellt werden.
entspricht dem raumzeitlichen Vektorpotential. Bei Anwesenheit magnetischer Ladungen nimmt man ein weiteres Vektorpotential hinzu, dessen Quelle die magnetische Stromdichte ist.
Beispiel: Der Feldstärketensor einer ruhenden Punktladung
ist
mit dem Abstand
. Eine entsprechende Lorentztransformation liefert den Feldstärketensor einer gleichförmig bewegten Ladung.
Die 4-Form
ist die Lagrange-Dichte des elektromagnetischen Feldes.
Ableitung der vektoriellen Feldgrößen
Relativ zur Bewegung eines Beobachters durch Raum und Zeit kann der Feldstärketensor in einen elektrischen und einen magnetischen Anteil zerlegt werden. Der Beobachter nimmt diese Anteile als elektrische beziehungsweise magnetische Feldstärke wahr. Unterschiedliche zueinander bewegte Beobachter können daher unterschiedliche elektrische oder magnetische Feldstärken wahrnehmen.
Beispiel: Wird in einem elektrischen Generator relativ zu einem „magnetischen“ Feld ein Draht bewegt, dann hat der Feldstärketensor bei Zerlegung relativ zur Drahtbewegung und somit aus Sicht der im Draht enthaltenen Elektronen auch einen elektrischen Anteil, der für die Induktion der elektrischen Spannung verantwortlich ist.
In flacher Raumzeit (Minkowski-Raum) lassen sich die Vektorfelder
und
aus der Koordinatendarstellung
des Feldstärketensors ablesen:
man erhält die obige Matrixdarstellung.
Eine allgemeinere Beziehung ergibt sich aus der Zerlegung
, wo
einem zeitartigen und
,
raumartigen Vektorfeldern entsprechen.[12]
Auftreten in der Quantenelektrodynamik
Der Feldstärketensor tritt direkt in der QED-Lagrangedichte (hier ohne Eichfixierungsterme) auf:
![{\displaystyle {\mathcal {L}}_{\mathrm {QED} }={\bar {\psi }}\left[i\gamma _{\mu }D^{\mu }-m\right]\psi -{\frac {1}{4}}F_{\mu \nu }F^{\mu \nu }}](./_assets_/eb734a37dd21ce173a46342d1cc64c92/d1528992e580436e3d8da2e7ad011e183cd23480.svg)
Literatur
- J. D. Jackson: Klassische Elektrodynamik. de Gruyter, 2002, ISBN 3-11-016502-3.
- C. Misner, K. S. Thorne, J. A. Wheeler: Gravitation. W. H. Freeman, San Francisco 1973, ISBN 0-7167-0344-0.
- Torsten Fließbach: Allgemeine Relativitätstheorie. Spektrum Akademischer Verlag, 2003, ISBN 3-8274-1356-7.
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 2. Elektrodynamik. 10. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2018, ISBN 978-3-662-56117-1, S. 243.
- ↑ Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 2. Elektrodynamik. 10. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2018, ISBN 978-3-662-56117-1, S. 242.
- ↑ a b c Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 2. Elektrodynamik. 10. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2018, ISBN 978-3-662-56117-1, S. 246.
- ↑ Tom Lancaster and Stephen J. Blundell: General Relativity for the Gifted Amateur -. 1. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2025, ISBN 978-0-19-286740-7, S. 458.
- ↑ a b John David Jackson: Klassische Elektrodynamik. 5. Auflage. de Gruyter, Berlin 1981, ISBN 3-11-008074-5, S. 642.
- ↑ a b Torsten Fließbach: Elektrodynamik - Lehrbuch zur Theoretischen Physik II. 6. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-8274-3035-9, S. 167.
- ↑ a b c d John David Jackson: Klassische Elektrodynamik. 5. Auflage. de Gruyter, Berlin 1981, ISBN 3-11-008074-5, S. 643.
- ↑ Torsten Fließbach: Elektrodynamik - Lehrbuch zur Theoretischen Physik II. 6. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-8274-3035-9, S. 168.
- ↑ Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 2. Elektrodynamik. 10. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2018, ISBN 978-3-662-56117-1, S. 244.
- ↑ Richard P. Feynman and Robert B. Leighton and Matthew Sands: Feynman Vorlesungen über Physik, Band 2: Elektromagnetismus und Struktur der Materie. 5. Auflage. Oldenbourg Verlag, München Wien 2007, ISBN 978-3-486-58107-2, S. 515.
- ↑ Richard P. Feynman and Robert B. Leighton and Matthew Sands: Feynman Vorlesungen über Physik, Band 2: Elektromagnetismus und Struktur der Materie. 5. Auflage. Oldenbourg Verlag, München Wien 2007, ISBN 978-3-486-58107-2, S. 516.
- ↑ Sylvan A. Jacques: Relativistic Field Theory of Fluids. arxiv:physics/0411237