Elbvenezianischer Carneval

Der Elbvenezianische Carneval ist die historische und in jüngster Zeit wiederbelebt gefeierte Fastnachts- und Karnevalstradition in Dresden, die seit der frühen Neuzeit mit Elementen des venezianischen Karnevals verbunden ist. Historisch war die Dresdner Fastnacht ein dauerhaftes und das am längsten regelmäßig wiederkehrende Element höfischer Festkultur. Die besondere Bezeichnung „Elbvenezianisch“ betont die stilbildende Wirkung venezianischer Masken-, Opern- und Commedia-Elemente auf die Dresdner Festpraxis. In der Gegenwart verbindet die Initiative Elbvenezianischer Carneval historische Rekonstruktion, künstlerische Aufführung und touristische Events zu einer öffentlichen Veranstaltungsreihe.

Begriffserklärung und heutige Elemente

Als Begriff bezeichnet Elbvenezianischer Carneval sowohl die historische Festtradition der Dresdner Hof-Fastnacht mit starkem italienisch/venezianischem Einschlag (Maskerade, Commedia-dell’arte-Figuren, Opernaufführungen, Ringrennen u. a.) als auch die moderne Veranstaltungsfolge, die seit 2022 versucht, diese Tradition öffentlich wieder sichtbar zu machen. Charakteristische Elemente sind heute:

  • Flanier- und Maskenparade in barocken bzw. venezianischen Kostümen,
  • Aufführungen historischer Tänze und Barockmusik,
  • Opern- und Konzertbezüge (in einigen Programmpunkten),
  • Vorträge und Führungen zur Geschichte der höfischen Carnevalstradition Dresdens.

Die heutige Initiative ist eine zivilgesellschaftliche Plattform (Initiative Elbvenezianischer Carneval), die Vereine, Künstler, Museen und touristische Akteure vernetzt, und auf welcher regelmäßig am Wochenende vor Rosenmontag Programme, Parade- und Ballevents organisiert werden. Im Impressum der Initiative ist Bernd Hoffmann als verantwortlicher Koordinator ausgewiesen.

Geschichte

Frühe belegte Fastnacht (16. bis 17. Jahrhundert)

Die älteste belegte Fastnachtsfeier am Dresdner Hof datiert auf das Jahr 1553; überliefert ist eine „Fastnachtsfreude“ unter Herzog Moritz von Sachsen, dem ersten albertinischen sächsischen Kurfürsten, der zuvor Künstler und Musiker aus Italien nach Dresden geholt hatte. Sein Bruder und Nachfolger August I. setzte die Praxis fort. Die Fastnacht wurde bald mit höfischen Hochzeiten, Ritterspielen (z. B. Ringrennen) und öffentlichen Jagden verknüpft. Visuelle Quellen (Kupferstiche, Zeichnungen) belegen frühe Aufzüge und Festinszenierungen.[1]

Unter den Kurfürsten Christian I. und Christian II. entwickelten sich allegorische Umzüge und Figurenensembles weiter; ein prächtiger Fastnachtsaufzug wird für 1609 dokumentiert. Mit dem am Hof gepflegten Italienbezug nahm ab dem 17. Jahrhundert die Venezianisierung der sächsischen Fastnacht zu.

Venezianische Prägung (spätes 17. bis 18. Jahrhundert)

Maßgeblich für die „venezianische“ Prägung war Johann Georg II. (1613–1680), der venezianische Opern und Commedia-Elemente in Dresden förderte. Die Tänze und Ballette zum Carneval hingegen waren überwiegend französisch geprägt. So wird das Ballett am 3. Februar 1665 im Riesensaal mit dem Titel „Von der Hochlöblichen Jägerey“ von der Tanzforscherin Uta Dorothea Sauer als besonderes Ballet de cour dargestellt. Diese Aufführung, die als Wiederaufführung stattfand,[2] war spezifisch für den Karneval inszeniert und hob sich durch die Jagd-Thematik von den allegorischen und politisch-symbolischen Inhalten der meisten anderen Fastnachtsballette ab.

1667 wurde im von Wolf Caspar von Klengel erbauten Comoedienhaus (dem frühen Dresdner Opernhaus am Taschenberg) venezianische Oper gespielt. 1677 ist erstmals eine ausdrücklich „italienische Carnval“-Feier belegt.[3]

Besonders prominent ist die „Durchlauchtigste Zusammenkunft[4] zur Fastnacht 1678 mit einer italienischen Maskerade, bei der der Kurfürst selbst als Pantalone auftrat. Der Dresdner Bürgermeister Gabriel Tzschimmer (1629–1694) dokumentierte dieses mehrtägige Fest in einem Bilderwerk mit dem vollständigen Titel Die Durchlauchtigste Zusammenkunfft, Oder: Historische Erzehlung, Was Der Durchlauchtigste Fürst und Herr, Herr Johann George der Ander, Herzog zu Sachsen, Jülich, Cleve, und Bergk … Bey Anwesenheit Seiner Churfürstlichen Durchlauchtigkeit Hochgeehrtesten Herren Gebrüdere, dero Gemahlinnen, Prinzen, und Princessinnen, zu sonderbahren Ehren, und Belustigung, in Dero Residenz und Haubt-Vestung Dresden im Monat Februario, des M.DC.LXXVIIIsten Jahres An allerhand Aufzügen, Ritterlichen Exercitien, Schau-Spielen, Schiessen, Jagten, Operen, Comoedien, Balleten, Masqueraden, Königreiche, Feuerwercke, und andern, Denkwürdiges aufführen und vorstellen lassen.[5]

Ende des 17. Jahrhunderts wirkten unter Johann Georg III. (1647–1691) zahlreiche italienische Musiker (u. a. Pietro Andrea Ziani und Carlo Pallavicino) am Dresdner Hof; Opernaufführungen zum Carneval wurden zur festen Tradition.

Friedrich August I. (der spätere August der Starke) und sein Bruder Johann Georg IV. vertieften nach eigenen Italienreisen die venezianische Vorliebe. August der Starke machte den Carneval zu einem der prunkvollsten jährlichen Hofereignisse mit Reiterspielen, Maskeraden und gelegentlichen Opern-Uraufführungen. Zu den prägnanten Ereignissen zählt das „Caroussel Comique“ (Pferderennen und -ballett) zum Abschluss des Carnevals 1722. Auch Feiern der Dresdner Bürgergesellschaft sind unter seiner Herrschaft belegt.

August III. verschob den Akzent des Carnevals zur Musik. Das Ergebnis sind mehr als ein Dutzend Opern von Johann Adolf Hasse, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts anlässlich des Carnevals in Dresden ihre Ur- oder Erstaufführung erlebten.

19. und frühes 20. Jahrhundert (bis 1914)

Nach den Krisenjahren des Siebenjährigen Krieges und der sächsischen Niederlage bei der Völkerschlacht bei Leipzig verlor die exzessive Hofpracht an Kontinuität; dennoch blieb die Fastnacht kulturell präsent. Im 19. Jahrhundert wandelte sich das Festgeschehen stärker in bürgerliche Formen (Maskenbälle, Theater- bzw. Vereinsfastnacht). Bis zum Ersten Weltkrieg 1914 gab es in Dresden neben den weiter stattfindenden Bällen am königlichen Hof ein Gemisch aus bürgerlicher Fastnachtstradition und gelegentlichen historisierenden Inszenierungen, die aber die vormals höfische Kontinuität nicht mehr wiederherstellten.

Unterbrechung durch das Ende der Monarchie und Einfluss des rheinischen Karnevals; 13. Februar 1945

Mit dem Ende der Monarchie 1918 brach die institutionalisierten Repräsentationsbasis der höfischen Carnevals-Praxis weg. In der Folgezeit übernahmen bürgerliche Karnevalsvereine und neue Formen – unter starkem Einfluss des rheinischen Karnevals (Prunksitzungen, Büttenreden, Umzüge) – das Fastnachtsspektrum in vielen deutschen Städten. In Dresden führte das zu einer Entkopplung von der historischen venezianischen Identität. In den 1920er/1930er Jahren bestanden lokale Karnevalsgesellschaften, die jedoch nicht unmittelbar an den barocken Hofcarneval anknüpften.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Fastnachtsformen staatlich gesteuert oder unterdrückt; der Luftkrieg und die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945, dem Fastnachtsdienstag, beendeten faktisch jede organisierte Karnevalstradition in der Stadt und zerstörten die räumlichen Voraussetzungen für große öffentliche Festinszenierungen. Dieses Datum markiert eine historische Zäsur im kulturellen Gedächtnis Dresdens und stellt einen Bruch in der Festkontinuität dar.

Fastnacht in Dresden zur DDR-Zeit

Nach 1949 entstanden in der DDR vereinzelt Fastnachts- und Karnevalsfeiern in Kulturhäusern, Betrieben und studentischen Kreisen; diese waren jedoch entkoppelt von der historischen, höfisch-venezianischen Tradition und orientierten sich an volkstümlicher Unterhaltung. In den 1980er-Jahren lenkte die neue populäre Rezeption barocker Geschichte (z. B. TV-Produktionen wie Sachsens Glanz und Preußens Gloria) die Aufmerksamkeit wieder auf die höfische Vergangenheit Dresdens, was eine kulturelle Grundlage für spätere historische Nachstellungen schuf.

Wiederbelebung seit 2022

Seit 2022 hat die Initiative Elbvenezianischer Carneval[6] unter Leitung des Touristikers Bernd Hoffmann systematisch begonnen, die venezianisch geprägte Fastnachtstradition Dresdens öffentlich neu zu interpretieren und als regelmäßige Veranstaltungsreihe zu etablieren. Als Vorbild gilt die Wiederbelebung des Karnevals von Venedig, was auch in der venezianischen Presse so wahrgenommen wird.[7] Der erste größere moderne Flanier- und Masken-Tag fand am 27. Februar 2022 statt; seitdem werden jährlich mehrtägige Programme mit Flanierumzug, Tanz- und Musikdarbietungen sowie Vorträgen, Führungen oder Konzerten in historischen Räumen angeboten. Die Initiative dokumentiert ihre Aktivitäten und Programme regelmäßig auf ihrer Website.

Die Neuaufstellung verbindet historische Forschung (Rekonstruktion barocker Kostüme, Figuren der Commedia dell’arte u. a.) mit touristischer und künstlerischer Praxis; dabei sind lokale Vereine, historische Tanzgruppen, Kostümschneiderinnen und Museen beteiligt. Kritiker und Befürworter diskutieren die Grenze zwischen Rekonstruktion und künstlerischer Neuinterpretation, die Rolle des Tourismus und die Frage der historischen Authentizität.

Rezeption und Bedeutung

Der Elbvenezianische Carneval gilt als ein Beispiel städtischer Gedächtnispolitik: Er macht Aspekte höfischer Inszenierungskultur öffentlich sichtbar und stellt zugleich eine Verbindungslinie zwischen frühneuzeitlicher Hofkultur und moderner Veranstaltungslandschaft her. In kulturhistorischer Perspektive lässt sich die Tradition als eines der langlebigsten, wenn auch in Unterbrechungen verlaufenden Festelementen der sächsischen Festkultur beschreiben. Wissenschaftliche Untersuchungen und Archivquellen in sächsischen Beständen (z. B. Oberhofmarschallamt-Akten im Hauptstaatsarchiv Dresden), sowie historische Garderoben und Objekte der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden liefern die Grundlage für historische Rekonstruktionen und öffentliche Vermittlung.

Commons: Carnival in Dresden – Sammlung von Bildern
Commons: Durchlauchtigste Zusammenkunft – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Christoph Münch: Kleiner Einblick in die Geschichte des Elbvenezianischen Carnevals. In: Dresdner Hefte Nr. 163. Dresdner Geschichtsverein, Dresden 2025, ISBN 978-3-944019-54-3, S. 36–42.
  2. Uta Dorothea Sauer: Tanz und Repräsentation. Machtdarstellung im Ballet de cour der Wettiner und ihrer Verbündeten im protestantischen Raum (1600-1725). Dissertation an der Philosophischen Fakultät der TU Dresden, S. 262, Dresden 2017.
  3. Sächsisches Staatsarchiv 10006 Oberhofmarschallamt Archivaliensignatur G, Nr. 06, Bl. 26r [1]
  4. Die Durchlauchstigste Zusammenkunft auf Stadtwiki [2]
  5. Gabriel Tzschimmer: Die Durchlauchtigste Zusammenkunft - Digitalisat in der SLB Dresden [3]
  6. Website zur Veranstaltung und zur Geschichte des Elbvenezianischen Carnevals
  7. Corriere del Veneto, 17. April 2025: Il Carnevale di Venezia si celebra anche a Dresda.