Elaha Soroor

Maryam Elaha Soroor (persisch مریم الهه سرور; geb. 1989) ist eine afghanische Hazara-Sängerin, Komponistin und Bürgerrechtlerin.[1][2][3] Sie wurde durch ihre Auftritte in der afghanischen TV-Castingshow Afghan Star bekannt, in der sie als eine der ersten Frauen allein auf der Bühne stand und als Hazara-Sängerin landesweit Aufmerksamkeit erregte.[1][4][5] Ihre Arbeit verbindet afghanische Volksmusik mit Jazz, Elektronik und Rock und ist eng mit ihrem Einsatz für Frauenrechte, die Hazara-Gemeinschaft und andere marginalisierte Gruppen verknüpft, wodurch sie Anerkennung durch das mit der Band Kefaya eingespielte Album Songs Of Our Mothers (‚Lieder unserer Mütter‘, 2019) und ihre Protestlieder wie Naan, Kar, Azadi! (‚Brot, Arbeit, Freiheit‘) erhielt.[6][2][7][8][9]

Leben

Elaha Soroor wurde 1989 in eine aus Afghanistan stammende Hazara-Familie geboren, die als Geflüchtete zwischen Afghanistan und dem Iran lebte.[1][4] Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie im Iran, wo sie religiöse Gesänge in einem Tajwīd-Chor einübte, heimlich populäre Musik hörte und bei Familienfeiern und Hochzeiten mit der Musikkultur ihrer Volksgruppe in Berührung kam.[4] Zeitgleich hielt sie über Kassettenaufnahmen von Verwandten in Afghanistan den Kontakt zu ihrer Familie, was ihr Bewusstsein für die Gewalt und Zerrissenheit ihres Herkunftslandes schärfte und ihren Wunsch verstärkte, mit der Stimme Geschichten zu erzählen.[4] Sie studierte später iranische und afghanische traditionelle Musik, indische klassische Musik und Operngesang in Iran, Afghanistan und Indien.[1][7] Nach dem Sturz des ersten Taliban-Regimes gehörte sie zu den ersten Musikerinnen, die wieder öffentlich in Afghanistan auftraten, was sie früh zu einer sichtbaren Figur in einer von patriarchalen Normen geprägten Öffentlichkeit machte.[1][5] 2008 trat Soroor als Kandidatin in der Fernsehsendung Afghan Star auf; als junge Frau und Angehörige der diskriminierten Hazara-Minderheit sorgte sie damit für große Aufmerksamkeit, aber auch für Anfeindungen.[1][4][5] Sie sang dort unter anderem das Lied Sangsar, in dem sie die Praxis der Steinigung kritisierte, was heftige Drohungen und körperliche Angriffe durch Unbekannte sowie mediale und gesellschaftliche Kampagnen gegen sie auslöste.[4] In dieser Zeit kursierte zudem ein pornografisches Video, das ihr fälschlicherweise zugeschrieben wurde und ihre Sicherheit in dem konservativen Umfeld weiter gefährdete.[8] Um sich zu schützen, lebte sie zeitweise im Versteck, rasierte sich die Haare ab, kleidete sich als Mann und bewegte sich so in der Öffentlichkeit, bevor sie schließlich die Ausreise aus Afghanistan beschloss.[4] 2010 floh sie zunächst nach Indien, wo sie ihre Opernausbildung vertiefte, und übersiedelte danach in das Vereinigte Königreich, wo sie als Geflüchtete Schutz suchte.[8][7][4] In London studierte sie Animation an der University of the Arts London und baute sich zugleich eine Karriere als Sängerin und Komponistin auf.[7][4] Sie lebt seit den 2010er-Jahren in London und arbeitet seither überwiegend dort, bleibt aber durch Auftritte, Zusammenarbeiten und Themenwahl ihrer Musik eng mit der afghanischen Diaspora verbunden.[7][4][2]

Wirken

Soroor verbindet in ihrer Musik afghanische Volkslieder, insbesondere von Frauen überlieferte Lieder, mit Einflüssen aus Jazz, Elektronik und psychedelischem Rock sowie westlicher Pop- und Kunstmusik.[2][6][1][3] Als wesentlichen Schwerpunkt sieht sie dabei die Stimmen von Frauen, Hazara und anderen marginalisierten Gemeinschaften, deren Geschichten von Vertreibung, Gewalt und Widerstand sie mit ihrer eigenen Biografie verknüpft.[4][8][9][10] 2019 veröffentlichte sie gemeinsam mit der Band Kefaya bei Bella Union das Album Songs Of Our Mothers (‚Lieder unserer Mütter‘, 2019), eine Sammlung traditioneller Lieder, die afghanische Frauen über Generationen weitergegeben haben und die Soroor und Kefaya neu arrangierten.[6][4][1] Das Album versteht sie ausdrücklich als Protest gegen Geschlechterungleichheit, Sexismus und Misogynie sowie als Hommage an die widerständige Kreativität afghanischer Frauen.[4][1] Songs Of Our Mothers wurde positiv besprochen und von der britischen Zeitschrift Songlines 2020 sowohl mit dem Nachwuchs-Preis für Soroor als auch mit dem Fusion Award für Soroor und Kefaya ausgezeichnet, was ihr weitere Auftritte auf europäischen Festivals und Tourneen eröffnete.[7][2][3] Parallel zu den Studioarbeiten tritt Soroor mit Kefaya weltweit auf, etwa bei Festivals wie WOMAD und beim London Jazz Festival, und versteht ihre Konzerte als Räume, in denen afghanische Geschichten jenseits von Kriegs- und Terrornarrativen erzählt werden können.[2][3][4] Neben ihrer Arbeit mit Kefaya komponiert sie für Theater, Tanz und Film; so schrieb sie Musik und wirkte als Sängerin in der Produktion The Boy With Two Hearts des Wales Millennium Centre mit, einem Theaterstück über die Flucht einer afghanischen Familie auf der Suche nach einem sicheren Ort.[1] Für das 2022 uraufgeführte Orchesterwerk Baran (‚Regen‘) setzte sie ein Gedicht von Mohammad Sharif Saiidi über die Erfahrung von Diaspora und erzwungener Migration für Stimme, afghanische und westliche Instrumente und Orchester, wobei sie musikalische Elemente aus Indien, Iran, Kurdistan, der Türkei und Afghanistan verflocht.[1] Viele ihrer Lieder sind auf Dari/Persisch, greifen aber auch Paschtu und Hazaragi auf und verbinden traditionelle afghanische Instrumente mit westlichen Klangwelten, um – wie sie selbst sagt – Geschichte, Sprachen und Akzente Afghanistans für kommende Generationen zu bewahren.[8] Als politische Künstlerin setzt sie ihre Stimme in Protestliedern wie Sangsar und Naan, Kar, Azadi! ein, die Gewaltpraktiken wie Steinigung anprangern, die Forderungen afghanischer Demonstrantinnen nach Brot, Arbeit und Freiheit aufgreifen und zugleich deutlich machen, dass Musik für sie eine Form des gewaltlosen Widerstands gegen das Musikverbot und die Frauenunterdrückung durch die Taliban ist.[4][8][5][9][10] International wurde sie auch als eine der BBC 100 Women des Jahres 2024 hervorgehoben.[8][9][10]

Commons: Elaha Soroor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k Elaha Soroor. In: Orchestral Music of Afghanistan. 2025, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  2. a b c d e f About – Kefaya & Elaha Soroor. In: Kefaya Music. 2025, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  3. a b c d Kefaya and Elaha Soroor – EFG London Jazz Festival 2025. In: Grand Junction. 15. November 2025, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  4. a b c d e f g h i j k l m n o Elaha Soroor: Former „Afghan Star“ Singer Finds Freedom In Eclectic Folk. In: Bandcamp Daily. 7. Oktober 2019, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  5. a b c d ‚The Taliban scare me, but not as much as I scare them‘. In: The Big Issue. 19. August 2022, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  6. a b c Kefaya + Elaha Soroor: Songs Of Our Mothers. In: Bella Union. Abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  7. a b c d e f Afghan Singer Elaha Soroor Wins UK's Songlines 'Newcomer' Award. In: TOLOnews. 17. Dezember 2020, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  8. a b c d e f g Meet The Afghan Women Defying The Taliban Through Music. In: Service95. 2025, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  9. a b c d Three women from Afghanistan on BBC’s 100 Women list for 2024. In: Amu TV. 3. Dezember 2024, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).
  10. a b c Elaha Soroor. In: Basir Seerat. 2024, abgerufen am 20. November 2025 (englisch).