Ein stiller Musikant
Ein stiller Musikant ist der Titel einer Novelle Theodor Storms, die in den Wintermonaten 1874/75 entstand und im August 1875 in Westermanns Monatsheften veröffentlicht wurde. Die erste Buchausgabe erfolgte ein Jahr später zusammen mit den Novellen Psyche und Im Nachbarhause links.
Wie die meisten Erzählungen Storms ist der Text in eine Rahmen- und Binnenhandlung untergliedert. Ein Ich-Erzähler erinnert sich an den Musiker Christian Valentin, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt. Das Werk geht auf einen „Verzweiflungsbrief“ des Sohnes Karl zurück, auf den Storm ausführlich reagierte. Mit dem Sujet des scheiternden Künstlers, der sich fortan um einen Zögling kümmert und so sein Lebensglück findet, ist es mit der 1867 geschriebenen Novelle Eine Malerarbeit verbunden.
Die Novelle belegt, dass Storm sich sehr für Musik interessierte und das zeitgenössische Konzertleben beobachtete. So ging er auf etliche Werke Wolfgang Amadeus Mozarts ein, erwähnte aber auch andere Komponisten wie Franz Schubert, Joseph Haydn und Felix Mendelssohn Bartholdy.
Inhalt
Ein namenloser Ich-Erzähler erinnert sich an Christian Valentin, den er vor langer Zeit in einem Antiquariat einer norddeutschen Stadt kennenlernte. In der mehrfach unterbrochenen Binnenhandlung erzählt ihm der „Musikmeister“ aus seinem Leben.
Die beiden Büchersammler treffen sich häufig, sprechen über Literatur und Musik, wodurch im Laufe der Zeit eine Freundschaft entsteht. Valentin ist Musiklehrer, der sich mit seinem geringen Einkommen nur eine bescheidene Wohnung leisten kann. Er schätzt vor allem Haydn und Mozart, möchte dem Erzähler aber nichts von ihnen vorspielen, da er lange nicht geübt habe.
Nach einigen Monaten erzählt er ihm bei einem Spaziergang vom frühen Tod seiner Mutter und kommt auf ein Erlebnis mit seinem musikbegeisterten Vater zu sprechen, das ihn deutlich prägte. Der Vater, ein vielbeschäftigter Advokat, war sehr ungeduldig, wenn sein Sohn wegen einer „Kopfschwäche“ nicht mitkam. Er konnte sich nicht in ihn hineinversetzen, indem er darin „nur eine angeborene Trägheit“ sah, die überwunden werden musste.[1] Als die beiden eine vierhändige Klaviersonate von Muzio Clementi spielten, das Kind sich nicht konzentrieren konnte und bei einer schwierigen Stelle mehrfach patzte, reagierte er mit einem heftigen Wutanfall.
Christian Valentin verbrachte glückliche Stunden auf einem schön gelegenen Platz außerhalb der Stadt, der von Hecken gesäumt war. Niemand schien sich um das Fleckchen Erde zu kümmern, so dass von den einst gepflegten Blumen nur noch die Veilchen blühten. Dort schrieb er „kindliche, einfältige Verse“, die der Erzähler später in einer ihm geschenkten Ausgabe der Gedichte Gottfried August Bürgers entdeckt:
Du liebe schöne Gotteswelt,
Wie hast du mir das Herz erhellt!
So schaurig war’s noch kaum zuvor,
Da tauscht ein blauer Schein empor;
Der Rasen hauchet süßen Duft,
Ein Vogel singt aus hoher Luft:
›Wer treuen Herzens fromm und rein,
Der stimm’ in meine Lieder ein!‹
Da sang auch ich in frohem Mut:
Ich wußte ja, mein Herz war gut![2]
Die Konzentrationsprobleme hinderten den Künstler daran, seine musikalische Begabung erfolgreich umzusetzen. Schließlich sah er seine Lebensaufgabe in der Musikerziehung und begnügte sich damit, als Klavierlehrer zu arbeiten und einen Gesangverein zu leiten. Er lernte die alte „Signora Katerina“ kennen, die in Anwesenheit Mozarts gesungen, nun aber nur noch eine knarrige Stimme habe. Valentin erinnert sich an einige gemeinsame Duette, bei denen er schrittweise ihre Gesangsmethode kennenlernte. Immer wieder habe sie mit großer Sicherheit eine Koloratur aus einer Arie des Maestros vorgetragen. Es wäre schön, wenn er ihre Kunst weitergeben könnte.
Auf Drängen seiner Freundin Anna, deren Tochter er ausnahmsweise Gesangsunterricht gab, ließ er sich bei einem Konzert darauf ein, die Fantasie Nr. 4 in c-Moll von Mozart zu spielen. Nachdem er das Stück gut begonnen hatte, wurde er unsicher und scheiterte schließlich, da ihn nicht nur das Publikum ablenkte, sondern der Respekt vor einem anwesenden, sehr berühmten Organisten lähmte. Während des Spiels schien es ihm, als würde er von seinem Vater beobachtet. Eilig verließ er den Saal und dachte auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt an Suizid. Aus der Tiefe hörte er ein reißendes Wasser, das eintönig und verlockend wie ein Wiegenlied erklang. Wenn er nur schlafen dürfte. Die Zeile „Ach, unten, da unten / Die kühle Ruh’“ aus Schuberts Die schöne Müllerin kam ihm in den Sinn.[3] Er bemerkte, dass sich Anna näherte und gab seine Pläne auf.
Etwa zehn Jahre später besucht der Erzähler ein Konzert, bei dem Annas Tochter Marie die kindlichen Verse des inzwischen gestorbenen Freundes in einem Lied vorträgt und tosenden Beifall erhält. In ihrem Gesang erkennt er die Vortragskunst der alten Signora Katerina.
Entstehung und Veröffentlichung
Wie Storm am 13. Oktober 1875 dem Schriftstellerkollegen Paul Heyse schrieb, hatte ihn ein Brief seines dritten Sohnes Karl zu der „kleine(n) Dichtung“ veranlasst. Der „trostlose Brief“ Karls ist nicht erhalten; aus Storms Antwort vom 3. Dezember 1874 sowie seinem Schreiben an Hartmuth Brinkmann, in dem er einem „Verzweiflungsbrief“ erwähnte, lässt sich schließen, dass der Musikstudent Probleme hatte. Er sei mutlos und voll „trauriger Zweifel“ über seine Zukunft. Trotz aller Anstrengungen habe er die Klaviertechnik nur schwer erlernt und erkannt, dass ihm das Talent fehle, ein bedeutender „Klavierspieler“ zu werden.[4] Im Antwortbrief Storms zeigt sich Mitgefühl sowie die Sorge um die Zukunft seines Kindes. Er verstehe das Problem und fühle es tief mit ihm. Die fehlende Konzentrationsfähigkeit sei ein „echtes Erbteil“ des Vaters, das zu vielen Problemen geführt habe. Mit den „Lücken seiner Persönlichkeit“ müsse man „irgendwie fertig zu werden suchen“. Karl solle sich treu bleiben und daran danken, dass er nach seinen „Kräften das Äußerte getan“ habe.[5]
Die „Kopfschwäche“ übertrug Storm offenbar von seinem Sohn auf den Protagonisten, bei dem sie mit einer besonderen Sensibilität verbunden ist. Wie Ferdinand Tönnies beschrieb, konnte Karl „auch subtilere und schwierigere Dinge“ begreifen, brauchte dafür eine gewisse Zeit. Es schien Tönnies, „als ob die geistige Arbeit in ihm sich nie ohne eine leise Schmerzempfindung“ vollziehen würde.[6] Nach Tönnies Angaben konnte er sich nicht in die Schule einfügen und erreichte deswegen auch die die oberen Klassen nicht. Schließlich meldete Storm ihn im Sommer 1886 vom Gymnasium ab, hoffte aber, dass er trotz der fehlenden Konzentrationsfähigkeit Musiklehrer werden könnte. Ab April 1871 studierte Karl am Leipziger Konservatorium. Trotz der Ermahnungen seines Vaters machte er dort hohe Schulden.[7]
Vor der ersten Veröffentlichung in Westermanns Monatsheften änderte Storm einige Formulierungen, die offensichtlich autobiografische Bezüge hatten. Den zunächst gewählten Namen „Loscher“ für den Musiker strich er ebenfalls, da er dem Kosenamen seines Sohnes („Losche“) ähnelte. Trotz der vielen Veränderungen konnte Storm die Novelle vergleichsweise schnell fertigstellen. Nachdem er den aufrüttelnden Brief Anfang Dezember 1874 erhalten hatte, meldete er bereits am 12. Februar des folgenden Jahres in einem Brief an Hermione von Preuschen, dass er den Text „dieser Tage an Westermanns Monatshefte“ verschickt habe. Die Novelle drehe sich um „den Conflict des Wissens (Verstehens) und Nichtkönnens“, werde der jungen Freundin aber nicht gefallen, da sie „dem, wonach Ihr Herz sich sehnt, der Leidenschaft, keine Rechnung“ trage.[8]
Ein Jahr nach dem Erstdruck erschien Ein stiller Musikant in einem Sammelband, in dem auch die Novellen Psyche sowie Im Nachbarhause links veröffentlicht wurden. 1877 wurde das Werk in die Gesammelten Schriften aufgenommen.[9]
Hintergrund und Rezeption
In vielen Novellen Storms werden Kenntnisse des zeitgenössischen Konzertlebens deutlich. Storm hatte ein enges Verhältnis zur Musik, die für ihn zur Allgemeinbildung gehörte. Von seinen Kindern Karl und Ernst erwartete er, dass sie Aufführungen von Dramen und Opern besuchen. Zahlreiche Szenen beleuchten die bürgerliche Musikpraxis und arbeiten mit narrativen Mitteln, die Storms Prosa kennzeichnen, etwa die Verbindung von Rahmen- und Binnenerzählung.[10]
Mit dem Thema des scheiternden Künstlers, der sich fortan um einen Schüler kümmert und so sein Lebensglück findet, erinnert der stille Musikant an den Protagonisten der Novelle Eine Malerarbeit. Der „Veilchenplatz“, auf dem sich der Musiker wohlfühlt und ein Gedicht schreibt, erscheint als Locus amoenus. Die Verse gehen auf eine reale Vorlage zurück, die Storms dritter Sohn Karl in Kindertagen verfasste.[11] Storms Hoffnung, dem eigenen Sohn zu einem einfachen Lebensglück verhelfen zu können, erklärt die heiter-resignative Grundstimmung der Novelle. So schrieb er an Paul Heyse, dass der „stille Musikant“ sein „heißgeliebter Junge“ sei, den er „mit Traumesaugen in seiner Zukunft angeschaut“ habe.[12]
Während Storm die Künstlernovelle als eine seiner „beste(n) Prosadichtungen“ einschätzte, reagierten die Zeitgenossen verhalten. Heyse verglich sie mit einem Wein, den man gern „gläschenweise schlürft“, und Erich Schmidt fand sie „rührend wie Grillparzer’s ›Armer Spielmann‹“.[13] Karl Ernst Laage führt Storms Urteil darauf zurück, dass Ein stiller Musikant ebenso wie Viola Tricolor mit „allereigenstem Herzblut“ geschrieben worden sei, wie es in einem Brief an Theodor Fontane heißt. Gegenüber Heyse sprach Storm von den „heiligsten Tiefen“ seiner eigenen Seele. Diese Anteilnahme hielt ihn laut Laage davon ab, die Konturen der Erzählung besser herauszuarbeiten. Die Erzählweise sei von „gesegnetem Andenken“ und mitleidiger Erinnerung geprägt, worunter die Problemgestaltung leide. Storm wehrte sich gegen die Beurteilung „rührend“ und rechtfertigte die Novelle mit seiner Auffassung des Tragischen. Wie er gegenüber Schmidt betonte, bestand die Tragik für ihn im unlösbaren Konflikt „zwischen der höheren Erkenntniß u. Empfindung“ des Musikers und „seiner eng begrenzten practischen Fähigkeit“. Der aussichtslose „Kampf [...] gegen die Unzulänglichkeit des eigenen Wesens“ war für Storm bereits tragisch.[14]
Die Forschung hat die Erzählung bislang nur ansatzweise wahrgenommen. Dabei verglichen die Interpreten sie vor allem mit Franz Grillparzers Novelle Der arme Spielmann. Erich Schmidt hatte schon 1880 in der Deutschen Rundschau Verbindungen zwischen den Texten festgestellt. Josef De Cort versuchte 1964 erstmals „einen thematischen und strukturellen Vergleich“, räumte allerdings ein, dass es nicht möglich sei, Storm eine Kenntnis des möglichen „literarischen Vorgängers“ nachzuweisen.[15] Rüdiger Frommholz und Boyd Mullan sehen ebenfalls motivische Verknüpfungen zwischen den Erzählungen. Malte Stein deutet die Novelle psychopathologisch und führt das Verhalten des erwachsenen Protagonisten auf ein Trauma in dessen Kindheit zurück. Damit vergleichbar geht Mullan von einem ödipalen Beziehungskonflikt mit dem dominanten Vater aus.[16]
Literatur
- Rüdiger Frommholz: „Mit Traumesaugen in seiner Zukunft angeschaut“. Theodor Storms fast vergessene Novelle „Ein stiller Musikant“ (1875). In: Walter Zimorski (Hrsg.): Theodor Storm: Studien zur Kunst- und Künstlerproblematik. Bonn 1988, S. 77–100.
- Karl Ernst Laage: Kommentar. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 874–886.
- Mareike Timm: Ein stiller Musikant. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-02623-1, S. 193–195.
Einzelnachweise
- ↑ Theodor Storm: Ein stiller Musikant. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, S. 1998, S. 285–286.
- ↑ Theodor Storm: Ein stiller Musikant. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, S. 1998, S. 304.
- ↑ Theodor Storm: Ein stiller Musikant. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, S. 1998, S. 299.
- ↑ Zit. nach: Karl Ernst Laage: Kommentar. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 874.
- ↑ Karl Ernst Laage: Kommentar. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 874–875.
- ↑ Karl Ernst Laage: Kommentar. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 878.
- ↑ David A. Jackson: Theodor Storm. Dichter und demokratischer Humanist. Eine Biographie. Erich Schmidt, Berlin 2001, S. 208.
- ↑ Zit. nach: Gerhard Ranft: Theodor Storms Briefe an Hermione von Preuschen. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft. Band 22 (1973), S. 74.
- ↑ Mareike Timm: Ein stiller Musikant. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, S. 193.
- ↑ Boris Previšić: Storm und die Musik. In: Christian Demandt und Philipp Theisohn (Hrsg.): Storm-Handbuch. Metzler, Stuttgart 2017, S. 39.
- ↑ Mareike Timm: Ein stiller Musikant. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, S. 193.
- ↑ Karl Ernst Laage: Kommentar. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 875.
- ↑ Zit. nach: Karl Ernst Laage: Kommentar. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 880.
- ↑ Zit. nach: Karl Ernst Laage: Kommentar. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 880.
- ↑ Zit. nach: Mareike Timm: Ein stiller Musikant. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, S. 194.
- ↑ Mareike Timm: Ein stiller Musikant. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, S. 194.