Ehemaliges Paraxol-Werk Welden

Das ehemalige Paraxol-Werk Welden, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch unter dem Tarnnamen Z-Hiag geführt, war eine von 1937 bis 1945 bestehende chemische Fabrik der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie zur Herstellung des Sprengstoff-Vorprodukts Pentaerythrit. Anders als der Name vermuten lässt, befindet sich die Anlage nicht auf dem Gemeindegebiet von Welden im Landkreis Augsburg, sondern größtenteils auf dem Grund der Gemeinde Zusamaltheim, die zum Landkreis Dillingen an der Donau gehört. Erschlossen ist die Anlage auf dem bewaldeten Lerchenberg über das Gemeindegebiet von Altenmünster bzw. den dazugehörenden Ortsteil Hegnenbach im Westen sowie Emersacker im Osten.

Die erhaltenen Teile der Anlage sind als Baudenkmal in der Bayerischen Denkmalliste eingetragen.[1] Geschützt sind unter anderem das Wachgebäude, zwei Kesselhäuser, der Wasserturm, mehrere Produktionshallen, das Werksleiterhaus, die Gefolgschaftsunterkünfte sowie die Ruinen der 1947 gesprengten Maschinenhäuser, Filtergebäude und Luftschutzbunker.

Bau und Betrieb des Paraxol-Werkes

Mit dem Bau der geheimen Fabrik wurde um das Jahr 1937 begonnen. Die Gebäude auf dem Gelände wurden weit verstreut errichtet und mit Gründächern getarnt. Auf diese Weise sollte das Werk vor der Luftaufklärung geschützt werden und bei Luftangriffen weniger anfällig für großflächige Zerstörungen sein. Die Anlage bei Welden war eine von insgesamt vier gebauten Paraxol-Werken im Deutschen Reich, die alle unter der Leitung von Wilhelm Hensinger standen. Um die kriegswichtige Bedeutung und die Eigentumsverhältnisse zu verschleiern, wurde ein undurchsichtiges Geschäftskonstrukt gewählt. Die Degussa trat als Bauherr auf, während die Hiag-Verein Holzverkohlungs-Industrie GmbH für die Planung und den Bau verantwortlich war. Eigentümerin des Geländes war die staatliche Tarnfirma Montan GmbH, die die Fabrik wiederum an die Paraxol GmbH verpachtete.[2]

Die Produktion am Lerchenberg lief am 1. November 1942 an. In einem komplexen chemischen Verfahren wurde dort Pentaerythrit in Form eines kristallinen Pulvers hergestellt. Als Ausgangsstoffe dienten Methanol und Acetaldehyd, die zunächst zu Formaldehyd umgesetzt wurden. In mit Kohle beheizten Kontaktöfen erfolgte dann die Herstellung des Pentaerythrits.[2]

Die genauen Produktionszahlen sind nicht bekannt; geplant war eine monatliche Kapazität von 180 Tonnen. Die Dimension der Anlage verdeutlicht sich in den monatlichen Anliefermengen: Es wurden etwa 900 Tonnen Kohle, 460 Tonnen Methanol, 200 Tonnen Schwefelsäure und fünf Tonnen Natronlauge verarbeitet. Die Rohstoffe erreichten den Bahnhof Welden per Bahn und wurden von dort mit Lastkraftwagen zum Werk transportiert. Die Belegschaft bestand aus 166 deutschen Männern und Frauen sowie 42 Zwangsarbeitern, von denen 20 aus Italien stammten.[2]

Am 3. Februar 1945 wurde die Produktion aufgrund von Kohlemangel eingestellt. Die US-amerikanische Truppen besetzten die Fabrik schließlich am 26. April 1945. Später schätzten sie den Wert der Anlage auf etwa 12 Millionen Reichsmark. 1946 übergab die Militärregierung das Gelände in die Verwaltung des Landkreises Wertingen. 1947 wurden die Maschinen demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Die US-Armee sprengte zudem beide Methanoltanks sowie einige weitere Gebäude der Anlage.[2]

Nutzung nach der Demontage

Ab 1948 dienten die erhaltenen Backsteingebäude und Holzbaracken als Flüchtlingsunterkünfte für bis zu 350 Personen. Auf dem Gelände siedelten sich zudem Handwerksbetriebe wie eine Gerberei, eine Schreinerei und eine Schlosserei sowie ein Lebensmittelgeschäft an. Die offizielle Auflösung der Unterkunft erfolgte 1950, wenngleich die letzten Bewohner das Gelände erst 1967 verließen.

Ab 1961 übernahm die Bundeswehr das Areal und richtete dort zunächst das „Korpsdepot 260“ für Betriebsstoffe wie Hydraulik- und Motorenöle ein. Da die baulichen Gegebenheiten jedoch nicht den Vorschriften für die Lagerung dieser Stoffe entsprachen, folgte ein Umbau zum Munitions- und Materialdepot. Zwischen 1968 und 1970 wurden 32 erdüberdeckte Bunker errichtet, in denen rund 400 Tonnen Munition sowie ABC-Schutzausrüstung für das II. Korps in Ulm gelagert wurden. In dieser Zeit war das Gelände eine Hochsicherheitszone, die von bis zu 30 Sicherheitsmitarbeitern bewacht wurde. Nach der Auflösung des Depots im Jahr 1994 ging das Gelände 1997 in Privatbesitz über.[2]

Geplante Altmunitionsbeseitigungsanlage

Stand Dezember 2025 plant das Rüstungsunternehmen Rheinmetall eine Umnutzung des Areals zur Errichtung einer Altmunitionsbeseitigungsanlage. In dieser sollen bis zu 900 Tonnen Netto-Explosivmasse, bestehend aus Kampfmittelfunden aus Land- und Wasserräumungen sowie Altbeständen der Bundeswehr und NATO-Partner, gesammelt und thermisch vernichtet werden. Als erster Schritt ist die Erneuerung der Umzäunung und die Einrichtung einer Zugangskontrolle vorgesehen, während die Genehmigungsverfahren für den eigentlichen Betrieb noch ausstehen.[3]

Trivia

Im Jahr 1979 war das Gelände Schauplatz eines schweren Verbrechens. Ein 36-jähriger Mann entführte eine 18-jährige Schülerin und verschleppte sie zu einem der gesprengten Methanoltanks. Dort ließ er das gefesselte Opfer in der Dunkelheit zurück. Die Schülerin konnte sich jedoch aus eigener Kraft befreien und Hilfe holen. Der Täter wurde am darauffolgenden Tag gefasst und später zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.[2]

Das Gelände diente 2017 als Drehort für den Film Trautmann. Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller nutzte die Ruinen und die Waldumgebung als Kulisse für Kriegsszenen im Film.[2]

Einzelnachweise

  1. Denkmalliste für Zusamaltheim (PDF) beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalnummer D-7-73-188-17.
  2. a b c d e f g Stunden der Todesangst auf dem Lerchenberg. In: Augsburger Allgemeine, 27. November 2025, S. 36.
  3. Jetzt liegen erste Unterlagen vor. In: Augsburger Allgemeine, 9. Dezember 2025, S. 33.

Koordinaten: 48° 29′ 31,28″ N, 10° 38′ 40,53″ O