ERTMS in Belgien
ERTMS in Belgien beschreibt die Einführung und Anwendung des European Rail Traffic Management Systems (ERTMS), insbesondere des Zugbeeinflussungssystems European Train Control System (ETCS), in Belgien. Mit dem ETCS–Masterplan wurde im Jahr 2011 die netzweite Einführung von ETCS beschlossen. Bis Dezember 2025 wurde das gesamte Netz mit ETCS ausgerüstet. Seither ist Belgien nach Luxemburg das zweite Land in der Europäischen Union, das sein Netz vollständig umgestellt hat. Mit Stand Ende 2025 betreibt es damit das längste mit ETCS ausgestattete Streckennetz.[1]
Ziele
Das primäre Ziel bei der Ausrüstung des belgischen Streckennetzes mit ETCS war es, die Sicherheit im Schienenverkehr zu erhöhen. Zusätzlich erhofft sich Belgien, durch die Einführung von ETCS die Interoperabilität im Schienenverkehr zu verbessern und somit den internationalen Verkehr zu fördern.[1]
Geschichte
Vorgeschichte
In Belgien verfolgte die staatliche Bahngesellschaft NGBE (niederländisch NMBS; französisch SNCB) seit Beginn die Aktivitäten zur Standardisierung der Zugbeeinflussungs- und Signalsysteme und vertrat die Interessen des Landes. Das Interesse ergab sich aus der Inbetriebnahme neuer Hochgeschwindigkeitsstrecken für den Personenverkehr, der wirtschaftlichen Förderung der Häfen an der Nordsee durch moderne Güterverbindungen in europäische Binnenbereiche sowie des allgemeinen technischen Alters der bestehenden Systeme.
1999 entschied der NGBE-Verwaltungsrat, die 2002 zur Eröffnung anstehende HSL 2 mit dem weiterentwickelten nationalen Zugbeeinflussungssystem TBL 2 auszurüsten, die weiteren Strecken HSL 3 und HSL 4 mit ETCS. Um das Sicherheitsniveau im konventionellen Netz zu erhöhen und um Interoperabilität anzustreben, sollte das konventionelle Netz mit ETCS Level 1 ausgerüstet werden. Zur Vermeidung sehr hoher ETCS-Umrüstungskosten der Fahrzeuge sollten zu Beginn weite Teile der Fahrzeugflotte mit einfacheren Bordgeräten ausgerüstet werden, mit denen die nationalen Datenpakete (Paket 44) aus Eurobalisen ausgelesen werden konnten. Dieses System wird als TBL 1+ bezeichnet. Aufgrund der technischen Kompatibilität kann dieses System streckenseitig parallel um Datenpakete für standardisierte ETCS-Zugbeeinflussung ergänzt werden.[2] Das Vorgehen der Migration zu ETCS ausgehend von nationaler Infrastruktur ist gleich der von Italien (SCMT) oder von der Schweiz (Euro-Signum bzw. Euro-ZUB) gewählten.
Einführung und Inbetriebnahme
2003 schrieben die NGBE die Ausrüstung ihrer Hochgeschwindigkeitsstrecken mit ETCS aus. Der Vertrag, der ETCS L2 mit zusätzlichem ETCS L1 als Rückfallebene umfasst, wurde Ende 2003 an ein Konsortium vergeben.[3]
Da für das ETCS L2 die sicherheitsrelevante Datenverbindung zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur über GSM-R hergestellt wird, wurde gleichzeitig das GSM-R-Ausrüstungsprojekt begonnen.[4] Im Jahre 2007 wurde die betriebliche Nutzung aufgenommen und 2010 die netzweite Bereitstellung erreicht.[5]
Geplant war zunächst, das gesamte Netz mit ETCS Level 1 Limited Supervision (LS) auszurüsten, eine Aufrüstung zu Level 1 Full Supervision (FS) war dann einfach möglich. Ein Auftrag über die Ausrüstung von 4000 Signalen sowohl mit TBL 1+ als auch ETCS L1 (mittels LEU) sowie deren Wartung für 20 Jahre, wurde im März 2001 ausgeschrieben und nach einem dreistufigen Verfahren im Juni 2006 an Siemens vergeben.[2][6]
Nach der Privatisierung der NGBE im Jahr 2005 war die neu gegründete Infrabel für die Infrastruktur des Bahnnetzes zuständig und führte die Aktivitäten fort. Bei der NGBE verblieben die Aktivitäten bezüglich des Rollmaterials.
2009 wurde mit Fertigstellung der HSL 3 und HSL 4 dort der Betrieb mit ETCS aufgenommen.[7]
ETCS-Masterplan
Nach einer Reihe von schweren Unfällen (u. a. dem Eisenbahnunfall von Halle am 15. Februar 2010) hatte man das gemeinsame Ziel, die Sicherheit des Eisenbahnbetriebs zu verbessern.[8] Dazu verabschiedete man im Oktober 2011 einen nationalen ETCS–Masterplan, der seit 2016 in Kraft ist.[1][9] Gemäß dem ETCS–Masterplan sollte bis Ende 2022 das gesamte belgische Netz mit ETCS ausgerüstet werden.[9] Die ETCS-Ausrüstung der Fahrzeuge der NMBS sollte bis 2023 abgeschlossen werden.[10]
Als erste Bestandsstrecke wurde die Bahnstrecke Brüssel–Lüttich mit ETCS ausgerüstet und am 1. März 2012 in Betrieb genommen. Erstmals kam damit auch ETCS L1 in Belgien zum Einsatz.[10] Im Dezember 2014 ging der Liefkenshoek rail link mit ETCS L2 in Betrieb.[11]
Im Jahr 2015 war die Installation von TBL 1+ abgeschlossen.[1]
Im Infrabel-Budget 2015 waren 332 Millionen Euro für Sicherungstechnik einschließlich ETCS vorgesehen.[12] Das Unternehmen vergab im Sommer 2015 einen langfristigen Auftrag in Höhe von 510 Millionen Euro an ein Konsortium von Siemens Mobility und Cofely-Fabricom für den Einbau von ETCS L2 auf mehr als 2200 Gleiskilometern. Der Auftrag, der auch die Ausrüstung des gesamten Netzes mit Elektronischen Stellwerken einschließt, lief bis 2025.[13] Nach anderen Angaben sollte die ETCS-Ausrüstung des gesamten Netzes 3,7 Milliarden Euro kosten.[14]
Nachdem bis Mitte 2015 etwa 940 km des von Infrabel betriebenen Netzes mit ETCS ausgerüstet war, ist seit Dezember des Jahres der gesamte 429 km lange belgische Abschnitt des Nord-Süd-Korridors (Hafen Antwerpen–Mittelmeer) durchgehend mit ETCS L1 befahrbar. Laut Angaben von Infrabel sei dies die längste mit ETCS ausgerüstete Bestandsstrecke in Europa.[15]
Insgesamt waren Ende 2015 1225 km Hauptstrecken, rund ein Fünftel des Netzes, mit ETCS (Level 1 oder 2) befahrbar.[16]
Im Jahr 2016 wurde eine Bestellung über 1362 M7-Doppelstockwagen mit Liefertermin zwischen 2018 und 2021 ausgelöst, die durchgehend ETCS erhalten werden. Die Fahrzeuge sind Ersatz für Typen, die nicht mit ETCS nachgerüstet werden können.[17]
Ende 2017 wurde die HSL 2 von TBL 2 zu ETCS Level 1 migriert.[7] 2020 wurde die erste Pilotstrecke mit ETCS Level 1 LS in Betrieb genommen.[7]
Im März 2023 waren 52 Prozent des Netzes mit ETCS ausgerüstet, insgesamt 3333 Gleiskilometer.[18] Im Juli 2024 waren 4414 Kilometer ausgerüstet. Das entspricht 69 Prozent.[19] Bis 2025 sollten auch alle Züge in Belgien mit ETCS fahren.[20] Die belgische Regierung verschob diese Zielmarke im Mai 2025 auf Dezember 2027, da die Fahrzeugausrüstung einiger privater Eisenbahnverkehrsunternehmen nicht rechtzeitig fertig werde, gleichwohl die Infrastruktur rechtzeitig fertig sei.[21] Gegenüber dem Stand von 2010 soll das Restrisiko durch überfahrene Haltsignale um das 16-Fache reduziert sein.[1]
Im Dezember 2025 waren schließlich 6399 Streckenkilometer vollständig mit ETCS ausgestattet und damit das Ziel des ETCS–Masterplans erfüllt. Es wurden u. a. 48.398 Eurobalisen eingebaut und werden 658 GSM-R-Antennen genutzt. Die Gesamtinvestitionen betrugen etwa 2,8 Milliarden Euro (zu Preisen von 2025[22]). An dem Projekt waren bis zu 1500 Mitarbeiter beteiligt.[1]
Ausblick
Im ETCS–Masterplan ist als vierte Phase die Migration zu einer einheitlichen ETCS-Version vorgesehen. Im ETCS–Masterplan von 2016 war diese Phase von 2030 bis 2035 geplant.[9]
Technische Merkmale
Das belgische Streckennetz weist Strecken mit ETCS Level 1 LS, ETCS Level 1 FS und ETCS Level 2 FS auf. Die 6399 Streckenkilometer teilen sich wie folgt auf (Stand Dezember 2025):[23][22]
- ETCS Level 1 LS: 1113 km (auf Nebenbahnen)
- ETCS Level 1 FS: 2783 km
- ETCS Level 2 FS: 2361 km
- ETCS Level 1+2 FS: 142 km (auf Schnellfahrstrecken Richtung Deutschland und den Niederlanden)
Große Teile des Streckennetzes können auch mit TBL 1+ befahren werden.
Die streckenseitige Ausrüstung entspricht verschiedenen Ständen der ETCS-Spezifikation. So sind die HSL 3 und HSL 4 mit ETCS Level 2 FS nach SRS 2.2.2+, die HSL 2 hingegen mit 2.3.0d ausgerüstet. Die Bahnstrecke Diksmuide–De Panne wurde auch mit ETCS Level 2 FS nach SRS 3.4.0 mit Funktionen nach SRS 2.3.0d ausgestattet. Die mit ETCS Level 1 LS ausgestatteten Strecken sind ebenfalls nach SRS 3.4.0 ausgestattet.[7]
Ein Konsortium von Siemens Mobility und Equans hat, gemeinsam mit Infrabel, ETCS Level 2 auf 2274 km Gleiskilometern eingeführt. Die geografische Abdeckung des Ausrüstungsbereich umfasst größere belgische Städte und verbindet Brügge, Gent, Hasselt, Arlon, Verviers und Mons. Dazu wurden 46 Stellwerke (vom Typ SIMIS W), 37 Radio Block Centre, über 19.000 Balisen sowie etwa 4536 Signale aufgebaut.[24]
Weblinks
- Infrabel ETCS
- Karte der mit ETCS ausgerüsteten Strecken und weiteren Details auf der OpenRailwayMap (unvollständig)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f Das gesamte Hauptstreckennetz ist mit ETCS ausgestattet - Europäischer Vorreiter im Bereich der Eisenbahnsicherheit. In: lok-report. WKZ, Quelle Infrabel, 15. Dezember 2025, abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ a b An Van den Abeele, Johan Verschaeve: Zugbeeinflussung und Zugsicherung in Belgien – heute und morgen. In: Signal + Draht. Band 99, Nr. 11, 2007, S. 14–18.
- ↑ Jean-Jacques Gehrenbeck: Cross-border operation at 300 km/h. In: Signal + Draht. Band 99, Nr. 3, 2007, S. 32–35.
- ↑ Amar Aouati: ERTMS/ETCS/GSM-R on the Belgian high speed lines L3 and L4. In: Signal + Draht. Band 99, Nr. 6, 2007, ISSN 0037-4997, S. 31–34.
- ↑ CE+T Power: Assuring GSM-R communication for the Belgian railway. In: CE+T Power. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (deutsch).
- ↑ Siemens gewinnt Großauftrag über ETCS-Kompoenten. In: Signal + Draht. Band 98, Nr. 7+8, 2006, S. 50.
- ↑ a b c d INFRABEL, Belgium. ERTMS Users group, 21. März 2023, abgerufen am 16. Dezember 2025 (britisches Englisch).
- ↑ Frank Walenberg, Rob te Pas, Lieuwe Zigterman: Making progresses towards standardised train control. In: Railway Gazette International. Band 168, Nr. 3, 2012, S. 35–38.
- ↑ a b c Benoît Gilson: ETCS Master Plan for rail safety in Belgium. (PDF; 1,6 MB) In: spoorpro.nl. Infrabel, 2016, abgerufen am 20. Dezember 2017 (englisch).
- ↑ a b First Belgian conventional line equipped with ETCS. In: Rail Journal. 5. März 2012, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 31. März 2012; abgerufen am 20. Juli 2013.
- ↑ Antwerpen tunnel opened. In: Railway Gazette International. Band 171, Nr. 1, 2015, S. 9 (unter anderem Titel railwaygazette.com).
- ↑ Infrabel cuts. In: Railway Gazette International. Band 171, Nr. 1, 2015, S. 10.
- ↑ ETCS Level 2 contract signed. In: Railway Gazette International. Band 171, Nr. 9, 2015, S. 10 (ähnliche Version railwaygazette.com).
- ↑ ETCS on hold. In: Railway Gazette International. Band 171, Nr. 2, 2015, S. 23.
- ↑ ETCS in service from Athus to Antwerpen. In: Railway Gazette International. Band 172, Nr. 2, 2016, S. 43.
- ↑ Längste ETCS-Strecke in Belgien. In: Eisenbahn-Revue International. Nr. 4, 2016, S. 192.
- ↑ Double-deck framework. In: Railway Gazette International. Band 172, Nr. 2, 2016, S. 7 (ähnliche Fassung unter anderem Titel railwaygazette.com).
- ↑ Nick Augusteijn: Belgium cements ETCS frontrunner status with completion of new project. In: railtech.com. 14. März 2023, abgerufen am 2. Mai 2023 (englisch).
- ↑ Projects & realizations // ETCS. infrabel, 21. Juli 2024, abgerufen am 27. August 2024.
- ↑ ETCS rollout in Belgium continues unabated. Abgerufen am 18. Januar 2023 (britisches Englisch).
- ↑ Tracks ready, but not the trains: Belgium delays ETCS-only operations to 2027. In: railtech.com. 22. Mai 2025, abgerufen am 22. Mai 2025 (englisch).
- ↑ a b Robert Preston: Belgium completes ETCS rollout. In: railjournal.com. 15. Dezember 2025, abgerufen am 25. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ ETCS. Infrabel, 7. Dezember 2025, abgerufen am 16. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Siemens, Equans und Infrabel schließen Belgiens ETCS Level 2 Rollout ab: Ziel der landesweiten Bahndigitalisierung erreicht. In: siemens.com. 15. Dezember 2025, abgerufen am 18. Dezember 2025.