Dresdner Requiem
Das Dresdner Requiem (RMWV 10) ist ein Chorwerk des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger. In dem dreichörigen, größtenteils a cappella angelegten Requiem verarbeitet der Komponist sein persönliches Erleben der Bombardierung und Zerstörung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 und stellt dem Geschehen tröstende Worte gegenüber.
Das Werk ist strukturell stark auf die Dresdner Kreuzkirche zugeschnitten und wird nur selten an anderen Orten aufgeführt.
Entstehungsgeschichte
Das Dresdner Requiem entstand 1947/1948, es wurde bis zum Jahr 1961 mehrfach geändert und ergänzt. Uraufgeführt wurde es am 26. Juni 1948 in der Martinskirche in Dresden durch den Dresdner Kreuzchor unter Leitung des Komponisten (mit Wiederholungen in der Christuskirche Freitag und den Domen zu Meißen und Freiberg/Sa.). Mauersberger widmete es „den Toten des grausigen Geschehens der letzten Jahre“.[1] Das Requiem ist in seinem liturgischen Aufbau „eine evangelische Totenmesse, wie sie die protestantische Kirche noch nicht besitzt“.[2] Mauersberger nannte sein Werk eine „evangelische Totenmesse […] nach Worten der Bibel und des Gesangbuches“.[1] Der ursprüngliche Titel des Werkes war Liturgisches Requiem.
Die Knabensoli wurden in der Uraufführung von Peter Schreier gesungen.
Gattung und Textauswahl
Das Dresdner Requiem gehört zu Mauersbergers Werken mit biblischen Texten, mit denen er das Schicksal Dresdens thematisierte.
Bis auf den Introitus Requiem aeternam nutzt Mauersberger für das Werk nur deutschsprachige Texte. Diese stammen aus dem Alten und Neuen Testament in der Luther-Übersetzung sowie aus dem evangelischen Gesangbuch. Für die liturgischen Texte nutzte Mauersberger freie Übersetzungen aus einem böhmischen Gebetbuch, diese erweiterte er um Choralstrophen. Laut Mauersberger stellt das Requiem „einen Versuch dar, den Gehalt des bekannten lateinischen Requiems in deutscher Sprache zu bringen, zum Teil erweitert oder in sinngemäßer biblischer Umschreibung. Zusätzlich eingefügt sind die im katholischen Seelenamt enthaltenen liturgischen Stücke wie Introitus, Psalm, Graduale, Epistel und Schlussgebet ‚De profundis‘“.[1] Mauersberger greift mit dem Requiem bewusst eine Gottesdienstordnung auf, die es im Protestantismus nicht gibt.
Bis auf den traditionellen liturgischen Abschnitt Agnus Dei hat Mauersberger keinen Text ausgewählt, der das Thema der Sünde behandelt.
Musikalische Umsetzung und Aufbau
Chöre
Das Requiem ist für drei Chöre konzipiert, die in der Dresdner Kreuzkirche folgermaßen aufgestellt werden:
- Der großbesetzte Hauptchor befindet sich gemeinsam mit dem Orchester auf der Chor- beziehungsweise Orgelempore.
- Der kleinere Altarchor in Kurrendetracht steht dem Hauptchor gegenüber am Altar. Ihm sind beispielsweise die tröstenden Psalm- und Christusworte im Dies irae zugeordnet.
- Der Fernchor repräsentiert die Welt der Verstorbenen. Er steht im Treppenhaus hinter dem teilweise geöffneten ovalen Fenster oberhalb des Altars.
Die drei Chöre sind jeweils vierstimmig in SATB notiert, wobei sich jede der Stimmen häufig in zwei Teilstimmen teilt, so dass faktisch ein achtstimmiger Chorsatz vorliegt.
Neben den Chören treten ein Knabenalt und ein Knabensopran auf.
Orchester
Das Orchester tritt nur im Eingangschor „Requiem aeternam“, in den Dies-Irae-Teilen sowie in den beiden mit der Gemeinde gesungenen Chorälen hinzu. Es besteht aus
- Blechbläsern (Trompete 1–3, Posaune 1–3, Tuba)
- Schlagwerk (2 Pauken, kleine/große Trommel, Becken, Xylophon, Tamtam, Glockenspiel, Röhrenglocken)
- 2 Kontrabässen
- Celesta
- Orgel
Aufbau
Das Requiem gliedert sich in Introitus, Kyrie, Vergänglichkeit/Tod/Dies irae und Trost durch das Evangelium, Sanctus, Agnus Dei sowie den Beschluss.
Im Zentrum des Werks steht das biblische Nachdenken über den Tod. So ist beispielsweise im Kyrie eine Epistel (Satz 6) eingefügt, ein traditionelles Lesestück angesichts des Todes. Mauersberger ersetzt Sequenz und Offertorium durch fünf Teilstücke (Sätze 8–10, 11–13, 14–16, 17–19 und 20–22), die die Vergänglichkeit und den Tod schildern, sowie Evangelienspruch und Kirchenliedstrophe. Dabei handelt es sich um alttestamentliche Texte aus den prophetischen Büchern, dem Buch der Weisheit sowie den Apokryphen. Diese werden in allen Teilstücken durch den Hauptchor getragen; sie beziehen sich auf die Jetztzeit und das zerstörte Dresden. Die Christusworte aus dem Johannes-Evangelium und aus der Offenbarung des Johannes (Trost durch das Evangelium) singt der Altarchor. Der Fernchor singt die Liedstrophen des 1., 2. und 5. Teilabschnitts, wohingegen der Hauptchor in den Teilabschnitten 3 und 4 die Strophen des deutschen Dies irae singt. Durch diese Struktur ist einem Lebensschicksal ein tröstendes Christuswort gegenübergestellt.
Im Sanctus wechseln sich die drei Chöre in teils dichter Folge ab. Die Schlussteile werden a cappella gesungen, abgesehen von zwei Choralstrophen, die von der Gemeinde mitgesungen und von Orgel und Orchester begleitet werden.
Die Einbindung des Posaunenchors ist aus Mauersbergers erzgebirgischer Heimat entlehnt, wo er fester Bestandteil einer Beerdigung ist.
Motette
Seit der Wiedereinweihung der Kreuzkirche am 13. Februar 1955 wird der Aufführung des Requiems die ebenfalls von Mauersberger komponierte Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ vorangestellt, deren Text aus den Klageliedern Jeremias zusammengestellt wurde. Die Motette entstammt dem 1945 entstandenen Zyklus Dresden (RMWV 4). Beide Werke werden durch tiefes Glockengeläut verbunden.
Struktur
| Satz | Bezeichnung | Chor | Texte |
|---|---|---|---|
| Introitus | |||
| 1 | Vorspiel, Requiem aeternam | Altarchor Orchester |
Liturgie |
| 2 | Antiphon | Hauptchor, Fernchor | „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe“ Liturgie |
| 3 | Psalm | Hauptchor | „Gott, man lobet dich in der Stille“ Psalm 65,2–3 |
| 4 | Antiphon | Hauptchor, Fernchor | „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe“ Liturgie |
| Kyrie | |||
| 5 | Kyrie | Hauptchor, Altarchor | „Neige dein Ohr“ Liturgie |
| 6 | Epistel | Hauptchor, Fernchor | „Ich hörte eine Stimme“ Offenb. Joh. 14,13 |
| 7 | Gebet (Graduale) | Hauptchor, Fernchor | „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe“ Liturgie |
| Vergänglichkeit, Tod, Dies irae und Trost durch das Evangelium (Christusworte am Altar) | |||
| 8 | Vergänglichkeit | Hauptchor | „Es ist ein kurz und mühselig Ding“ Weish. Salom. 2,1.4 ; Hiob 7,9–11 ; 9,21 |
| 9 | Evangelium | Altarchor | „In der Welt habt ihr Angst“ Joh. 16,33 |
| 10 | Choral | Fernchor | „Ich hab nun überwunden“ EG 516,3; Text und Melodie: bei Melchior Vulpius (1609) |
| 11 | Tod | Hauptchor | „Wer will Gott lehren“ Hiob 21,22–23.25–26 |
| 12 | Evangelium | Altarchor | „Ich bin die Auferstehung“ Joh. 11,25 |
| 13 | Choral | Fernchor | „Gern will ich folgen, lieber Herr“ EG 525,2; Text: Johann Hermann Schein (1628), Melodie: Gesus (1605), Schein (1628) |
| 14 | Dies irae I | Hauptchor Orchester |
„Er tut große Dinge“ Hiob 9,10.12.23 ; Joel 2,6.18 ; Hiob 9,6 |
| 15 | Choral | Hauptchor Orchester |
„Und ein Buch wird sich entfalten“ aus: Tag des Zorns, o Tag voll Grauen (5. und 17. Strophe) Text: Christian Karl Josias von Bunsen nach Thomas von Celano, Melodie: unbekannt |
| 16 | Evangelium | Altarchor | „Den Frieden lasse ich euch“ Joh. 24,27 |
| 17 | Dies irae II | Hauptchor Orchester |
„Und des Herrn Hand kam über mich“ Hes. 37,1–3 |
| 18 | Evangelium | Altarchor | „Fürchte dich nicht“ Offenb. Joh. 1,17–18 |
| 19 | Choral – Deutsches „Dies irae“ | Hauptchor Orchester |
„Es ist gewisslich an der Zeit“ Text nach dem lateinischen „Dies irae“ des Thomas von Celano und einem deutschen Lied, bearbeitet von Bartholomäus Ringwaldt, Melodie: 15. Jahrhundert/Wittenberg 1529 |
| 20 | Dies irae III | Hauptchor Orchester |
„Der Herr hat seine Hand gewendet“ Klagel. Jerem. 3,3 ; Hiob 30,15 ; Klagel. Jerem. ; Psalm 66,12 ; 18,8–9 ; Offenb. Joh. 11,8 ; 6,8 ; 8,7.13 ; Klagel. Jerem. 2,21.13.8–9 ; 1.11 ; 1. Macc. 2,7 ; Jesus Sirach 51,10–11 |
| 21 | Evangelium | Altarchor | „Gott wird abwischen alle Tränen“ Offenb. Joh. 21,4–5 |
| 22 | Choral | Fernchor | „Du Herberg in der Wanderzeit“ aus: Wohlauf, wohlan, zum letzten Gang, Strophe 2, Text: C. F. H. Sachse; Melodie: 16. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1589 |
| Sanctus | |||
| 23 | Praefatio | Hauptchor | „In der Gewissheit der göttlichen Verheißung“ Liturgie |
| 24 | Sanctus | Hauptchor, Altarchor, Fernchor | „Heilig“ Liturgie |
| 25 | Osanna | Hauptchor, Altarchor, Fernchor | „Hosianna in der Höhe“ Liturgie |
| 26 | Benedictus | Hauptchor | „Gelobet sei, der da kommt“ Liturgie |
| 27 | Osanna | Hauptchor, Fernchor | „Hosianna in der Höhe“ Liturgie |
| 28 | Choral | Hauptchor | „Was für ein Volk“ EG 150,4; Text: Johann Matthäus Meyfart (1626), Melodie: Melchior Franck (1663) |
| 29 | Osanna | Hauptchor, Altarchor, Fernchor | „Hosianna in der Höhe“ Liturgie |
| 30 | Choral | Altarchor | „Wenn dann zuletzt“ EG 150,6; Text: J. M. Meyfart (1626), Melodie: Melchior Franck (1663) |
| 31 | Vorspiel und Choral | Hauptchor Orchester Gemeinde |
„Mit Jubelklang“ EG 150,7; Text: J. M. Meyfart (1626), Melodie: Melchior Franck (1663) |
| 32 | Gebet | Hauptchor | „Jesu, milder Herrscher“ Liturgie |
| Agnus Dei | |||
| 33 | Choral | Hauptchor, Altarchor | „O du Lamm Gottes“ Text: Liturgie, Melodie: aus Spangenbergs Kirchengesänge 1545 |
| 34 | Schlussgebet (De profundis) | Hauptchor | „Aus der Tiefe rufe ich zu dir“ Liturgie |
| 35 | „Gib ihnen die ewige Ruhe“ | Hauptchor, Fernchor | Liturgie |
| 36 | Vorspiel und Choral | Hauptchor Orchester Gemeinde |
„Seid getrost und hocherfreut“ EG 526,7; Text: Otto von Schwerin (1644), Melodie: Berlin (1653) |
| 37 | Schlusschor | Hauptchor, Altarchor, Fernchor | „Lass sie ruhen in Frieden“ Liturgie |
Literatur
- Matthias Herrmann: Rudolf Mauersberger (1889–1971), Werkverzeichnis (RMWV) 2., gänzl. neu bearb. Aufl. Dresden, Sächs. Landesbibliothek,1991. – XI, 155 S. – Studien und Materialien zur Musikgeschichte Dresdens Bd. 3
- Martin Petzold in Rudolf Mauersberger zum 40. Todestag Dresdner Requiem. Blätter des Gewandhauses Spielzeit 2010/2011. Leipzig.
- Matthias Herrmann in Booklet zur CD Rudolf Mauersberger Dresdner Requiem Trauermotette Wie liegt die Stadt so wüst. Carus-Verlag, Stuttgart 1995.
- Mauersberger, Rudolf: Dresdner Requiem – Mus.11302-D-505,1 (Handschrift) als Digitalisat der SLUB, 1947–48
Einzelnachweise
- ↑ a b c Matthias Herrmann: Vorwort, in: Rudolf Mauersberger, Dresdner Requiem, Partitur, hrsg. v. M. Herrmann, Carus Verlag Stuttgart 1995, S. IV-V. Vgl. auch die Texteinführung des Komponisten im Programmzettel der Uraufführung 1948.
- ↑ Matthias Herrmann. Es bleibt das Werk in Begegnungen mit Rudolf Mauersberger. Berlin, 1977.