Dora Gerson (Schauspielerin)
Dora Gerson
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Dorothea Gerson (* 23. März 1899 in Berlin;[1] † 14. Februar 1943 im KZ Auschwitz) war eine deutsche Schauspielerin, Kabarettistin und Chansonsängerin.
Leben
Dorothea Gerson stammt aus einer jüdischen Familie, ihre Eltern waren der Kaufmann Max Gerson (* 1866 in Strelno, Provinz Posen; † 1937 in Berlin[2]) und Johanna Gerson, geb. Wohl (* 1867 in Glatz, Provinz Schlesien).[3] Sie wurde im heutigen Berliner Bezirk Mitte geboren, in der Alten Schönhauser Straße, wo ihr Vater ein Geschäft für „Wirtschaftsartikel“ (Haushaltswaren) betrieb. Dorothea Gerson besuchte die von Max Reinhardt gegründete Schauspielschule des Deutschen Theaters, wirkte als Dora Gerson 1920 in zwei Karl-May-Filmen mit (Auf den Trümmern des Paradieses und Die Todeskarawane) und hatte ab Herbst 1921 ihr erstes Schauspiel-Engagement an der Berliner Volksbühne.[4]
1921 spielte Gerson am Thalia-Theater und anderen Berliner Schauspielhäusern, kehrte aber immer wieder an die Volksbühne zurück, an der sie u. a. neben Helene Weigel und Heinrich George als Galy Gays Frau in Bertolt Brechts Mann ist Mann zu sehen war.
Im Jahr 1923 heiratete Gerson den Schauspieler Veit Harlan, doch ging das Paar bald auseinander und die Ehe wurde 1926 geschieden.[5]
In der Saison 1923/24 wurden Gerson und Harlan als Mitglieder der freien Theaterkompanie „Masken-Wagen der Holtorf-Truppe“ genannt, einer Gruppierung, aus der einige später berühmte Schauspieler hervorgingen wie Mathias Wieman oder Ernst Ginsberg.
Nach der Trennung von ihrem Mann spielte Dora Gerson an verschiedenen Theatern in Berlin, darunter die Piscator-Bühne. Daneben trat sie in zahlreichen Berliner Kabaretts als Chansonsängerin und Kabarettistin auf, unter anderem im Tingel-Tangel-Theater, im Kabarett Die Rakete, bei der Brücke und bei den Wespen, sie gastierte in den Niederlanden im Scheveninger Kurhaus-Cabaret, sang Chansons nach Texten von Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Erich Kästner. Zurück in Berlin, gehörte sie vom Winter 1931 bis zum März 1933 zum Ensemble von Werner Fincks politisch-literarischem Kabarett Die Katakombe.
Bereits im August 1932 war Gerson wegen ihrer jüdischen Herkunft von der nationalsozialistischen Presse angepöbelt worden. Ab 1933 wurde Dora Gerson nicht mehr im Ton-Film-Führer gelistet. Ihr blieb nur die Möglichkeit, bei Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbunds aufzutreten. So schloss sie sich dem deutschen Exilkabarett Ping-Pong in den Niederlanden an, wurde zum Ensemblemitglied der Rudolf-Nelson-Truppe und ging 1934 mit dem Ping-Pong auf Gastspielreisen durch die Schweiz. In Zürich trat sie im Kabarett Cornichon auf, trug zeitkritische Texte vor, die auf die politische Entwicklung in Deutschland anspielten, sang Chansons und stimmte ein in das „Große Oratorium für Zufriedene“ und in den Chor „Wir sind gegen jeden, der Kriegskarten mischt. Giftgas ist Giftgas“.
Als die Schweizer Behörden ihre Aufenthaltserlaubnis nicht verlängerten, kehrte Dora Gerson in die Niederlande zurück. Infolge der Nürnberger Rassegesetze hatte sie ab 1935 in Deutschland Berufsverbot. In Berlin machte sie allerdings noch im April 1935 für das in jüdischem Besitz befindliche Musiklabel „Lukraphon“ im Keller einer Synagoge Schallplattenaufnahmen, im Februar und November 1936 trat sie dort bei zwei Veranstaltungen des Kulturbunds Deutscher Juden auf.[6]
1936 floh Dora Gerson in die Niederlande und lebte dort nach dem Einmarsch der Wehrmacht möglichst unauffällig, schloss sich kleinen Kabarett-Ensembles an und brachte ihre Lieder in Lichtspielhäusern zu Gehör, um dem Kinopublikum zwischen zwei Filmen die Pause zu verkürzen. In Amsterdam heiratete sie im November 1936 den holländischen Textilfabrikanten Max Sluizer (* 1906 in Amsterdam).[7] Aus der Ehe, durch die sie die niederländische Staatsangehörigkeit erhielt, gingen zwei Kinder hervor: Miriam (* 1937) und Abel Juda (* 1940). 1938 synchronisierte sie in Amsterdam für die deutschsprachige Kinoauswertung die „böse Königin“ in Schneewittchen und die sieben Zwerge, dem ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm von Walt Disney. Der Film wurde allerdings erst ab 1951 öffentlich in Deutschland gezeigt. Mehr und mehr zog sich Dora Gerson von der Bühne zurück, im Februar 1939 hatte sie ihren letzten Auftritt.
Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande begann für Dora Gerson eine Zeit des Leidens. Auch in Amsterdam lebte man nun als Jüdin gefährlich. Ihr Ex-Ehemann Veit Harlan hatte sich in der Zwischenzeit mit den Nationalsozialisten arrangiert und Karriere als Regisseur gemacht. Als sein antisemitischer Hetzfilm Jud Süß in den niederländischen Kinos gezeigt wurde, trug das entscheidend dazu bei, auch in den Niederlanden den nazistischen Mob zu mobilisieren und eine Pogromstimmung aufkommen zu lassen. Ein hilfesuchender Bittbrief Dora Gersons an Harlan blieb unbeantwortet.[8]
Im Jahr 1942 versuchte Gerson mit ihrer Familie in die Schweiz zu entkommen. Die Familie wurde auf der französischen Seite der Grenze von der Gendarmerie Vichy-Frankreichs entdeckt, in das Sammellager Drancy bei Paris verschleppt und von da aus in das Durchgangslager Westerbork eingeliefert, wo sie auch für ihre Mithäftlinge und die Wachmannschaften auftrat.
Im Februar 1943 wurde Gerson deportiert und am 14. Februar 1943 in Auschwitz, zusammen mit ihrem zweiten Ehemann und den beiden Kindern, ermordet.[9]
Filmografie
- 1920: Auf den Trümmern des Paradieses (nach Karl May, mit Bela Lugosi in einer Nebenrolle)
- 1920: Die Todeskarawane (nach Karl May)
- 1938: Schneewittchen und die sieben Zwerge von Walt Disney, deutsche Synchronisation der Königin oder der Königin als Hexe
Theater
- 1922: Gerhart Hauptmann: Die Ratten (Selma) – Regie: Jürgen Fehling (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1923: Lew Tolstoi: Und das Licht scheinet in der Finsternis – Regie: Heinrich Römer (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1924: Lion Feuchtwanger: Vasantasena – Regie: Paul Henckels (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1924: Emil Alfred Hermann nach Brüder Grimm: Der gestiefelte Kater (Kater) – Regie: Robert Müller (Central-Theater Berlin)
- 1925: Fritz Schwiefert: Attaf – Regie: Ernst Raden (Renaissance-Theater Berlin)
- 1927: Bertolt Brecht: Mann ist Mann – Regie: Erich Engel (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1927: Friedrich Schiller: Kabale und Liebe – Regie: Fritz Holl (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1927: Friedrich Kayssler: Jan der Wunderbare – Regie: Günther Stark (Theater am Schiffbauerdamm Berlin)
- 1928: Hermann Essig: Kuhhandel (Pfarrmagd) – Regie: Viktor Schwanneke (Theater am Schiffbauerdamm Berlin)
- 1928: Erich Mühsam. Judas – Regie: Leopold Lindtberg (Studio der Piscator-Bühne Berlin)
- 1928: Eugène Brieux: Die rote Robe – Regie: Leo Reuss (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1929: Erich Mühsam: Sacco und Vanzetti (Luigia) – Regie: Leopold Lindtberg (Theater in der Stadt Berlin)
- 1929: Eleonore Kalkowska: Josef (Marie) – Regie: Alfred Trostler (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1929: Hans Minnich: Schlafstelle – Regie: Leopold Lindtberg (Theater am Schiffbauerdamm Berlin)
- 1929: O. F. Berg, David Kalisch: Berlin, wie es weint und lacht (Dienstmädchen) – Regie: Fritz Holl (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1930: Stefan Großmann, Franz Hessel: Apollo, Brunnenstraße – Regie: Jürgen Fehling (Volksbühne Theater am Bülowplatz Berlin)
- 1930: Alfred Herzog: Krach um Leutnant Blumenthal (Kantinenwirtstochter) – Regie: Fritz Staudte (Berliner Theater)
- 1931: Alfred Herzog: … und wen verurteilen Sie? – Regie: Fritz Staudte (Berliner Theater)
- 1932: Walter Lesch: Die tödliche Ordnung – Regie: Fritz Staudte (Kleines Theater Berlin)
Tondokumnte
LUKRAPHON (Label des Spezial-Radiohauses „Lukra“, Berlin SW 68, Friedrichstraße 208, Inhaber Moritz Lewin)
(Auftragsproduktion realisiert durch die Brillant AG Otto Stahmann)[10][11]
Berlin, 25. April 1935. Begleitung: Sid Kay’s Fellows, Leitung: Sigmund Petruschka.
- Backbord und Steuerbord, auch: Backbord ist links (Wir segeln Nordwest). Chanson. Text: Fred Endrikat, Musik: Curt Bry. Lukraphon 1123 (Matrizennummer 613)
- Die Welt ist klein geworden (Wir fliegen über den Ozean). Chanson. Text und Musik: Curt Bry. Lukraphon 1123 (614). Anzuhören auf Youtube [4]
- Der Rebbe hot gehaisen frailach sain. Nigun. Text: Abraham Goldfaden. Lukraphon 1127 (616). Anzuhören auf Youtube [5]
- Vorbei (Vorbei, vorbei, ein letzter Blick, ein letzter Kuss). Walzerlied. Text und Musik: Rolf Marbot und Bert Reisfeld. Lukraphon 1127 (617). Anzuhören auf Youtube [6]
Wiederveröffentlicht auf CD: Vorbei ... / Beyond recall : Dokumentation jüdischen Musiklebens in Berlin 1933–1938. Bear Familiy Records, Hambergen 2001, ISBN 3-89795-825-2.
Literatur
- Kay Weniger: Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945. Mit einem Geleitwort von Paul Spiegel. Metropol, Berlin 2008, ISBN 978-3-938690-10-9, S. 132.
- Katinka Dittrich, Hans Würzner: Die Niederlande und das deutsche Exil 1933–1940, Königstein 1982, ISBN 3-7610-8173-1 Kapitel: Jacques Klöters: Momente so, Momente so. Dora Gerson und das erste Emigranten Kabarett "Ping-Pong", S. 174–185
- Kay Weniger: ‘Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben …’. Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. ACABUS-Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86282-049-8, S. 188
Weblinks
- Dorothea Sluizer-Gerson in Digitaal Joods Monument
- Volker Kühn: Dora Gerson (Schauspielerin) im Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM)
- Dora Gerson (Kurzbiografie) In: Exil-Archiv, 21. März 2009
- Die Welt ist klein geworden – Erinnerung an Dora Gerson Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2021 bei Wir waren Nachbarn
- Schneewittchen und die sieben Zwegen. Deutsche Synchronfassung von 1938 bei Internet Archive
- Dora Gerson bei IMDb
- Dora Gerson bei filmportal.de
Einzelnachweise
- ↑ Standesamt Berlin IX, Geburtsurkunde Nr. 646 vom 12. April 1899 (Landesarchiv Berlin)
- ↑ Traueranzeige in: Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 25. April 1937, S. 8 [1]
- ↑ Max und Johanna Gerson: Standesamt Berlin VII A, Heiratsurkunde Nr. 31 von 12. Januar 1895 (Landesarchiv Berlin)
- ↑ Meldung in der Berliner Börsen-Zeitung vom 29. Juni 1921, S. 4
- ↑ Standesamt Berlin VII A, Heiratsurkunde Nr. 1014 vom 27. Dezember 1923 (Landesarchiv Berlin)
- ↑ Geschlossene Veranstaltung: der Jüdische Kulturbund in Deutschland 1933–1941. Edition Hentrich, Berlin 1992, ISBN 3-89468-024-5, S. 103, 398, 404
- ↑ BS Huwelijk met Max Sluizer. In: Noord-Hollands Archief. Abgerufen am 2. Januar 2026 (niederländisch).
- ↑ TIN GersonD, Theater Instituut Nederland, Amsterdam, http://www.theaterinstituut.nl: enthält im Personenarchiv ein Konvolut zu Dora Gerson.
- ↑ Horst J.-P. Bergmeier: Chronologie der deutschen Kleinkunst in den Niederlanden 1933–1943 (= Schriftenreihe des P.-Walter-Jacob-Archivs; Nr. 6). Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur, Hamburg 1998, ISBN 3-9802151-4-8, S. 35.
- ↑ Lukraphon Labeldiskografie [2]
- ↑ Verzeichnis ihrer erhalten gebliebenen Schallplattenaufnahmen [3]