Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll

Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll
Max Liebermann, 1879
Öl auf Leinwand
40 × 60 cm
Privatbesitz
Vorlage:Infobox Gemälde/Wartung/Museum

Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll ist ein Gemälde von Max Liebermann aus dem Jahr 1879, das sich in Privatbesitz befindet. Das Bild entstand in dem Dorf Etzenhausen bei Dachau in Bayern, wohin sich Liebermann nach dem Skandal um sein Bild Der zwölfjährige Jesus im Tempel bei der Internationalen Kunstausstellung 1879 im Münchener Glaspalast zurückzog, um sich zu beruhigen.

Bildbeschreibung

Das Bild zeigt eine „idyllische“ Szene aus dem Dorfleben Etzenhausen. Im Vordergrund des Bildes befindet sich der Dorfteich als Mittelpunkt der im Sommer 1879 gemalten Szene. An dem Teich fungiert als zentrales Kompositions- und Handlungselement, hier versammeln sich mehrere Figurengruppen. Dabei handelt es sich zum einen um eine Gruppe von drei badenden Kindern und zum anderen um zwei Hausfrauen, die im Wasser ihr Geschirr spülen. Bei den Kindern im linken Teil des Teichs handelt es sich um zwei Jungen und ein kleines Mädchen. Die Jungen waten mit nacktem Oberkörper im knie- bis oberschenkeltiefen Wasser, während das Mädchen mit nackten Beinen am Ufer nur mit den Füßen im Wasser steht. Von den beiden Frauen an der rechten Seite beugt sich eine zum Wasser und reinigt ihr Geschirr, die andere steht daneben am Ufer und bildet eine Parallele zum rechten Bildrand. Der Teich selbst liegt breit in der unteren Bildhälfte und bindet die beiden Figurengruppen an dessen oberem Ufer sichtbar zusammen. In der Wasseroberfläche spiegeln sich zudem die Personen und an den Stellen, wo sie sich im Wasser befinden, erzeugen sie sichtbare Wellen in der Wasseroberfläche.

Im Hintergrund befinden sich die niedrigen Häuser des Dorfes, von denen das Gelände und ein Weg zu dem Teich im Vordergrund führen. Auf dem Weg läuft ein Junge mit einem Hund in Richtung des Teichs und scheucht eine Schar von Enten auf, die am Teichrand sitzen. Er wird dabei von zwei Mädchen am Wegesrand, eine mit einem Kleinkind auf dem Arm, beobachtet. Vor den Häusern treibt ein Mann eine Schweineherde auf den Weg und daneben spielen zwei kleine Kinder auf dem Boden und werden von einem größeren Jungen beaufsichtigt, der zudem einen Kinderwagen vor sich stehen hat. Direkt an der Tür des vorderen Hauses sitzt eine Frau, die von einem Balken fast vollständig verdeckt wird, und ganz links steht eine weitere Person in der offenen Tür des zweiten Hauses. Die Häuser sind einstöckig mit einem hohen braunen Ziegeldach, das durch den oberen Bildrand abgeschnitten wird. Durch das obere Ufer des Teichs, die untere Begrenzung der Häuser und den dazwischenliegenden Bereich wird das Bild in drei horizontale Bereiche aufgeteilt, wobei der Weg den mittleren Bereich diagonal aufteilt. Der Maler und auch der Betrachter stehen als Beobachter leicht erhöht auf der gegenüberliegenden Seite des Teichs.

Die Farbpalette ist von erdigen, naturnahen Braun- und Grüntönen bestimmt. Dabei ist die Vegetation und vor allem die Wiese grün, die Wege mit dem Lehmboden ockerfarben, die Wände cremefarben, Ziegeldächer braun und das Wasser ebenfalls bräunlich mit hellen Reflexen dargestellt. Licht und Schatten sind wenig betont und wirken natürlich. Nur der vordere Wasserbereich erscheint besonders hell, wodurch die Spiegelung des ersten Jungen besonders auffällig wird. Durch einzelne Farbakzente wie etwa die hellen Kinderkörper, weiße Schürzen oder die hellen Enten existieren dezente Blickpunkte, die in die Komposition eingebettet sind.

Hintergrund und Entstehung

Das Bild Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll entstand 1879 bei einem Aufenthalt Liebermanns in dem bayrischen Dorf Etzenhausen bei Dachau, wo er einige Zeit in der Künstlerkolonie Dachau verbrachte. Er besuchte diese auf Empfehlung des Kollegen Franz von Lenbach zur Beruhigung, nachdem sein Bild Der zwölfjährige Jesus im Tempel auf der Internationalen Kunstausstellung 1879 im Münchener Glaspalast für hitzige Debatten gesorgt hatte.[1] Der aus Berlin stammende Künstler hatte bereits einige Reisen in die Niederlande und nach Belgien und Frankreich hinter sich, als er sich 1878 in München niederließ. Er malte dort sein bis dahin aufwändigstes Werk Der zwölfjährige Jesus im Tempel, das nach der Fertigstellung in die Kunstausstellung im Glaspalast aufgenommen wurde. Der darauf folgende Skandal über die nicht den Konventionen entsprechende Darstellung des Jesuskindes führte zwar dazu, dass Liebermann in der Kunstwelt zum ersten Mal wirklich bekannt wurde, jedoch auch zu zahlreichen persönlichen Angriffen mit antisemitischen Anklängen gegen ihn als Juden und Maler. Am Ende sah er sich gezwungen, die von ihm naturalistisch gestaltete Jesusfigur zu übermalen.

In Dachau und Etzenhausen entstanden einige Landschafts- und Genrebilder, die in ihrem „anspruchslosen Thema“ vollkommen „im Gegensatz zu seinem skandalumwitterten biblischen Historienbild“ standen.[1] Für sein Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll malte er vorab mehrere Ölskizzen, auf denen er die Szenerie und vor allem die Figuren vorab darstellte.[2.1] Dabei sind im Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien von Matthias Eberle insgesamt fünf Studien dargestellt,[2.2] eine weitere wurde 2024 identifiziert und soll als „1879/5a“ in das überarbeitete Verzeichnis aufgenommen werden.[3] Die Studien wurden von Liebermann mit hoher Wahrscheinlichkeit direkt vor Ort gemalt, die endgültige Komposition konstruierte Liebermann allerdings im Herbst bis Winter desselben Jahres in seinem Atelier in München.[3]

Bei dem dargestellten Dorfteich handelt es sich allerdings nicht um einen Teich im eigentlichen Sinne, sondern um eine von Pferden weit ausgetretene Furt im Webelsbach.[3]

Im gleichen Jahr malte er auch mehrere Bilder vom Biergarten des Dorfes.[2.3] und Porträts einzelner Bewohnerinnen wie der Halbakt einer Bäuerin[2.4] und die Frau in der Küche – Durchblick.[2.5] Zudem entstand sein in der Komposition der Figurengruppen das der Dorfidylle ähnliches Bild Holländische Dorfstrasse - Straße in Zandvoort,[1][2.6] das er wie das Dorfidyll ebenfalls im Herbst in seinem Münchner Atelier malte. In beiden Bildern vereine er „eine große Zahl von Figurenstudien, die er während der zurückliegenden Jahre hier und dort gemalt hatte.“[2.7] Einzelne Kompositionen wie die beiden am Boden spielenden Kinder und den Jungen mit dem Kinderwagen nutzte er etwa auch in Bildern wie Kinderspielplatz im Münchner Hofgarten[2.8] und der Studienserie Kind mit Kinderwagen[2.9], die ebenfalls 1879 entstanden. Die sich zum Wasser beugende Frau im Vordergrund finde man in sehr ähnlicher Weise in Liebermanns Schweinekoben von 1872[2.10] oder der Arbeiterin im Rübenfeld von 1873,[2.11] das Mädchen mit dem Kind auf dem Arm entspricht Geschwister – die ältere Schwester von 1876[2.12] und das neben ihr stehende Mädchen dem Italienischen Mädchen von 1878.[2.13]

Deutung und Rezeption

Laut Eberle wechselte Liebermann nach den Reaktionen auf sein Tempelbild für das Bild „entschieden das Genre“ und malte in seinen größeren Bildern des Jahres durchweg „Szenen und Räume dörflichen Lebens“.[2.7]

Die erdigen Grün- und Brauntöne unterstreichen die schlichte Alltagsszene auf dem Land und sind typisch für Liebermanns naturalistisches Frühwerk am Anfang seiner langen Karriere.[3] Nach Hancke sei das Bild „mit kälterem Blut gemalt“ als die Vorstudien: „Im Terrain geben Lehmgelb und Saftgrün einen harten Klang. Die glatte weiße Hauswand erinnert an späte Leibls.“ „Besonders merkwürdig“ aber sei „die Unmenge Staffage“, es wimmele „von Weibern, Kindern und Tieren“ und „Episoden treten hervor.“[2.14] Gerade im Vergleich „zu den frischen holländischen Studien“ falle auf, „wie konstruiert und kompiliert das Bild“ sei und es gleiche damit erneut der Straße in Zandvoort.[2.7]

Provenienz und Ausstellungen

Das Bild Dorfteich in Etzenhausen - Dorfidyll befand sich bis 1902 im Besitz des Kunsthändlers und Galeristen Fritz Gurlitt in Berlin und ging dann kurz in den Besitz seines Kollegen Rudolph Lepke über. Dieser verkaufte es im gleichen Jahr in einer Auktion an den Kapitänsleutnant Kuthe, ebenfalls in Berlin, der es bis 1911 besaß. 1909 wurde das Bild in der Ersten großen Kunstausstellung in Wiesbaden gezeigt und über die Galerie Keller und Reiner wurde es an Theodor Schall in Wiesbaden verkauft. Hier ist es bis 1914 nachgewiesen. Als nächster Besitzer ist dann Hugo Schmeil in Dresden bekannt, der es bis 1916 behielt. In dem Jahr gelangte es in die Kunsthandlung Cassirer-Helbing und wurde bei der Auktion der Sammlung Schmeil an den Kaufmann Max Emden in Hamburg verkauft.[2.7][4]

Emden behielt das Bild bis 1931 und verkaufte es über die Galerie Ball & Graupe an einen unbekannten Sammler. 1936 wurde es in einer Ausstellung Max Liebermann der Jüdischen Gemeinde Berlin gezeigt, 1937 zudem in einer weiteren in der Neuen Galerie Wien von Otto Kallir.[2.7] Über die Kriegszeit gelangte das Bild nach New York City, wo es 1948 bei einer Ausstellung der Galerie French & Co. als Leihgabe eines privaten Sammlers aus New York gezeigt wurde.[2.7] 1991 gelangte das Bild zurück nach Berlin und wurde über die Villa Grisebach erneut an einen privaten Sammler verkauft.[2.7] Auch 2010, als es in der Ausstellung Liebermann – Corinth – Slevogt. Die Landschaften im vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln und im Museum of Fine Arts, Houston gezeigt wurde, befand es sich in Privatbesitz.[1]

Die verschiedenen Ölstudien zu dem Bild werden im Werkzeichnis von Eberle durchweg als verschollen bzw. Verbleib unbekannt benannt.[2.1] Am 1. Juni 2024 wurde eine nicht im Werkverzeichnis aufgeführte Ölstudie im Auktionshaus Bassenge versteigert, die mit der Bezeichnung „1879/5a“ in das überarbeitete Werkverzeichnis aufgenommen werden soll. Sie befand sich bis mindestens 1913 im Besitz von Heinrich Tramm in Hannover und ging danach in Privatbesitz nach Tübingen und Stuttgart.[3] Eine der beiden Studien mit Jungenakten (Eberle 1879/8) wurde am 23. Juni 2023 im Auktionshaus Koller in Zürich versteigert. Sie befand sich, nachdem sie von Max Liebermann direkt an Bruno Cassirer verkauft wurde und dort bis 1914 nachgewiesen ist,[2.15] zuerst in Privatbesitz in Deutschland und später in der Schweiz.[5]

Literatur

  • Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll. In: Matthias Eberle: Max Liebermann. Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien. Hirmer, München 1995, ISBN 3-7774-6760-X; S. 164
  • Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll. In: Götz Czymmek, Helga Kessler Aurisch (Hrsg.): Liebermann – Corinth – Slevogt. Die Landschaften. Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2010, Ausstellungskatalog vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln und vom Museum of Fine Arts, Houston, ISBN 978-3-89790-322-7; S. 64–65.

Belege

  1. a b c d Dorfteich in Etzenhausen – Dorfidyll. In: Götz Czymmek, Helga Kessler Aurisch (Hrsg.): Liebermann – Corinth – Slevogt. Die Landschaften. Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-89790-322-7, Ausstellungskatalog vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln und vom Museum of Fine Arts, Houston; S. 64–65.
  2. Matthias Eberle: Max Liebermann. Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien. Hirmer, München 1995, ISBN 3-7774-6760-X.
    1. a b 1879/4 bis 1879/6, 1879/8, 1879/9, S. 162−166.
    2. 1879/4 bis 1879/9, S. 162−166.
    3. 1879/10 bis 1879/13, S. 166−168.
    4. 1879/14, Halbakt einer Bäuerin. S. 169.
    5. 1879/15, Frau in der Küche – Durchblick. S. 169−170.
    6. 1879/24, Holländische Dorfstrasse - Straße in Zandvoort. S. 174−175.
    7. a b c d e f g 1879/7, Dorfteich in Etzenhausen - Dorfidyll. S. 164.
    8. 1879/18 und 1879/19, S. 171–172
    9. 1879/20 bis 1879/22, S. 172
    10. 1872/3, Schweinekoben. S. 46
    11. 1873/12, Arbeiterin im Rübenfeld. S. 62–63
    12. 1876/3, Geschwister – die ältere Schwester. S. 110–112
    13. 1878/13, Italienisches Mädchen. S. 150–151
    14. 1879/7, Dorfteich in Etzenhausen - Dorfidyll. S. 164. (Zitat nach Erich Hancke 1914)
    15. 1879/8, Jungenakte – Studie zum „Dorfteich in Etzenhausen“. S. 164–165.
  3. a b c d e Liebermann, Max: Dorfteich in Etzenhausen - Studie, Bassenge Auktionen, 1. Juni 2024, Lot 8009, dargestellt auf invaluable.com; abgerufen am 19. November 2025.
  4. Ulrich Brömmling: Max Emden: Hamburger Kaufmann, Kaufhauserfinder, Ästhet und Mäzen. Wallstein Verlag, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8353-8008-0, doi:10.46500/83533751, (PDF); S. 17, 73.
  5. Max Liebermann: Jungenakte - Studie zum "Dorfteich in Etzenhausen", Auktionshaus Koller, Lot 3232 - A205 Impressionismus & Moderne, 23. Juni 2023; abgerufen am 19. November 2025.