Domkapitel Lübeck
Das Domkapitel Lübeck (auch Domstift Lübeck bezeichnet) war von 1160 bis 1804 eine Körperschaft im Bistum Lübeck, die mit administrativen und liturgischen Rechten und Aufgaben betraut war.
Geschichte
Die Vorläuferinstitution wurde 968 am Sitz des Bischofs von Oldenburg in Holstein errichtet. 1160 oder 1163 wurde der Bischofssitz durch Herzog Heinrich den Löwen nach Lübeck verlegt, wo zugleich ein Domkapitel begründet wurde. Das Domkapitel war wirtschaftlich stets vom Bischof getrennt. Es umfasste 1160 einen Propst und 12 Präbendare. Im 13. Jahrhundert war es vornehmlich mit Bürgerlichen besetzt.
Bis ins 14. Jahrhundert wuchs das Domkapitel auf 30 Präbendare an, von denen jedoch lediglich 19 Sitz und Stimme im Kapitel hatten. Gemäß den Statuten sollten nach 1400 16 Domherren Priester sein, 1524 waren es von 28 residierenden Domherren 25. Das Domkapitel ergänzte sich im Turnus selbst; lediglich 3 Prälaturen und 5 Präbenden wurden durch den Bischof besetzt.
Auch nach Einführung der lutherischen Reformation in Lübeck blieb das Domkapitel bestehen. Seit den 1570er Jahren änderte sich die Zusammensetzung des Domkapitels; es wurde zunehmend evangelisch und mit Adligen aus dem holsteinischen Umland besetzt. Bei grundsätzlich 30 Domherren waren aber bis zu vier Katholiken zugelassen, die jeweils als Catholicus ausgewiesen wurden. Es unterteilte sich nach Eduard Vehse in zehn Panistae, die Integrati, die Semi-Integrati, die Canonici in herbis sowie vier Distincti, welche die vorgenannte Einteilung mit durchliefen. Dabei erhielten die Panistae die am höchsten dotierten Pfründen, während Neuaufgenommene jeweils im niedrigsten Rang als Canonici in herbis, Anwärter, einstiegen. Um überhaupt die Chance zu haben, weit genug aufzusteigen, wurden die meisten Mitglieder bereits zum frühstmöglichen Termin im siebten Lebensjahr aufgenommen. In späteren Lebensjahren aufgenommene fungierten dabei als Platzhalter, um im geeigneten Zeitpunkt zugunsten jüngerer Familienmitglieder zu resignieren. Aufgenommen wurden fast nur Adlige. Die Distincti wurden vom Fürstbischof bestimmt.
Die Wahl des Dompropsten erfolgte seit einem Vergleich zwischen Stadt und Domkapitel von 1595 im Wechsel durch den Lübecker Rat und das Domkapitel. Die vom Lübecker Rat gewählten Dompröpste gehörten dem Domkapitel nicht an; in diesen Amtszeiten übernahm der Domdechant auch die Vertretung des Kapitels nach außen. Der letzte vom Lübecker Rat 1761 erwählte Dompropst und Syndicus Carl Henrich Dreyer starb 1802.
Die beiden Livonisten-Präbenden am Lübecker Domkapitel[1] waren nach ihrem Stifter, dem Domdekan Johannes Livo († 1292), benannt und berechtigten nur zu Einkünften, aber nicht zu Sitz und Stimme im Kapitel.
1586 verpflichtete sich das Domkapitel, als Fürstbischöfe/Administratoren Mitglieder aus dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf zu wählen. Dies trug dazu bei, dass der Besitz von Domkapitel und Bischof, das weltliche Hochstift Lübeck, als Gebietskörperschaft erhalten blieb.
Dem Kapitel gehörten im Hochstift die sogenannten Kapitelsdörfer, die als Großvogtei von einem der Domherren, dem Großvogt, verwaltet wurden. Daraus entstand das Amt Großvogtei.
Als Folge des Reichsdeputationshauptschlusses wurde das Domkapitel 1804 aufgelöst.[2] Alle zu diesem Zeitpunkt existierenden Präbenden blieben hinsichtlich ihrer Privilegien und Einkünfte auf Lebenszeit bestehen. Das letzte Mitglied des Domkapitels Carl von Stenglin starb erst 1871.
Siehe auch
- Liste der Lübecker Domherren
- Lübecker Domkapitel 1705
- Lübecker Domkapitel 1794
- Lübecker Domkapitel 1803
Literatur
- Adolf Friederici: Das Lübecker Domkapitel im Mittelalter 1160–1400. Verfassungsrechtliche und personenstandliche Untersuchungen. Neumünster: Wachholtz 1988, ISBN 978-3-529-02191-6 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins 91) Zugl.: Kiel, Univ., Diss., 1957
- Wolfgang Prange: Bischof und Domkapitel zu Lübeck: Hochstift, Fürstentum und Landesteil 1160-1937. Lübeck: Schmidt-Römhild 2014, ISBN 978-3-7950-5215-7
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Wolfgang Prange: Verzeichnis der Domherren. In: Ders.: Bischof und Domkapitel zu Lübeck: Hochstift, Fürstentum und Landesteil 1160-1937. Lübeck: Schmidt-Römhild 2014, ISBN 978-3-7950-5215-7, S. 426 Nr. 448
- ↑ "Domstift Lübeck" (GSN: 676), in: Germania Sacra, https://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/676 , abgerufen am 4. Dezember 2012.