Diosgenin

Strukturformel
Allgemeines
Name Diosgenin
Andere Namen

(20R,25R)-Spirost-5-en-3β-ol (IUPAC)

Summenformel C27H42O3
Kurzbeschreibung

weiß Feststoff[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 512-04-9
EG-Nummer 208-134-3
ECHA-InfoCard 100.007.396
PubChem 99474
ChemSpider 89870
Wikidata Q1107734
Eigenschaften
Molare Masse 414,6 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Dichte

1,18 g·cm−3 (bei 120 K)[2]

Schmelzpunkt

200–205 °C[1]

Löslichkeit

Essigsäureethylester > Propylacetat > (Aceton, i-Propanol und Ethanol)[3]

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung[4]
keine GHS-Piktogramme

H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze[4]
Toxikologische Daten
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).

Diosgenin ist ein steroides Sapogenin, welches hauptsächlich der industriellen Produktion von Steroidverbindungen, oralen Kontrazeptiva und Sexualhormonen dient.[6] Diosgenin kommt natürlich vorwiegend in den Wurzelknollen der Yams-Pflanze (Dioscorea) und den Samen des Bockshornklees (Trigonella foenum graecum) und weiteren Pflanzen vor.[7] Strukturell handelt es sich dabei um das Aglykon von Dioscin.

Vorkommen

Diosgenin kommt natürlich in den Knollen vieler Dioscorea-Arten (Yams) vor, außerdem in Bockshornklee (Trigonella foenum graecum), Jericho-Tomate (Solanum incanum), Thai-Aubergine (Solanum xanthocarpum), Gemüsespargel (Asparagus officinalis) und weiße Zwiebel (Allium cepa).[7]

Dioscorea-Arten:

Geschichte

Nachdem 1951 Tadeusz Reichstein und zwei weitere Wissenschaftler für die Isolierung und strukturelle Aufklärung von Cortison den Nobelpreis für Physiologie/Medizin erhielten, investierten weltweit mehrere Firmen in die Cortison-Forschung. Während Lewis H. Sarret von Merck & Company in Rahway, New Jersey, Cortison mittels 36 Syntheseschritten aus Rindergalle synthetisierte, nahm die 1944 gegründete Firma Syntex Forschungen zur Synthese von Cortison aus Diosgenin auf. Die deutlich billigere Synthese aus der diosgeninhaltigen Yamswurzel anstelle von tierischen Abfallprodukten ließ die Cortison-Preise auf dem Weltmarkt sinken und machte Syntex zum weltweit größten Hersteller von Diosgenin. Dem Mitarbeiter Russel E. Marker gelang es in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren, aus Diosgenin Progesteron zu synthetisieren. George Rosenkranz baute den Erfolg seines Kollegen kurze Zeit später aus, indem ihm neben Progesteron auch die Synthese von Testosteron aus Diosgenin gelang. Wenige Jahre darauf gewann George Rosenkranz zusammen mit Luis E. Miramontes und Carl Djerassi das Gestagen Norethisteron, das auch nach oraler Verabreichung wirksam war und so als Empfängnisverhütungsmittel in Frage kam. Die Geburtsstunde der Antibaby-Pille war somit gegeben.[6][12]

Synthese

Diosgenin kann aus dem Sterin Cholesterin (1) synthetisiert werden. Ein Zwischenprodukt ist dabei das Furostanol I (Furost-5-en-3β,22,26-triol-3β-chacotriosid-26β-D-glucopyranosid) (2). Dieses Sapogenin kann in Pflanzen vollständig zum Diosgeninglycosid Dioscin (3) umgesetzt werden, aus dem schließlich das Aglykon Diosgenin (4) gewonnen werden kann.[11]


Synthese von Diosgenin aus Cholesterin (alle Strukturen ohne Stereochemie)
Glc=Glucose, Rha=Rhamnose

Verwendung

Synthese von Steroidhormonen

Cortison

Der Chemiker Russell Marker entwickelte eine Synthese von Cortison (2) aus Diosgenin (1). Ausgehend von Diosgenin wird dabei zunächst das ∆7,9(11)-Dien (3) gebildet und dieses anschließend in das 3β-Hydroxy-5α-pregnan-11,20-dion (4) überführt. Aus diesem geht es über mehrere Stufen zum Cortison. Ein anderer Syntheseweg von Cortison aus Diosgenin erfolgt über Progesteron (5). Dieses wird über mehrere Stufen über das 11α-Hydroxyprogesteron (6) zum Cortison umgesetzt.[6][12]


Synthese von Cortison aus Diosgenin (alle Strukturen ohne Stereochemie)

Synthese von Diosgenin-Derivaten

Durch Modifikation des Spiroketalring können Diosgenin-Analoga synthetisiert werden. Synthesebeispiele sind Acetate, Alkohole, Aldehyde und Ketone des Diosgenins. Bedeutung gewonnen haben die Diosgenin-Analoga, besonders in der Medizinforschung. Ein Schwerpunkt ist dabei die Gewinnung von Diosgenin-Analoga, die ähnliche oder bessere, positive Eigenschaften als Diosgenin aufweisen. So hemmt das (E)-26-(3′,4′,5′-Trimethoxybenzyliden)-furost-5-en-3β-acetat Entzündungen hervorrufende Zytokine.[13]

Pharmakologische Wirkung

Diosgenin weist ein breites Spektrum an pharmakologischen Wirkungen auf.

Wirkung gegen Mikroorganismen und Viren

Die antimikrobielle Wirkung von Diosgenin konnte im Versuch mit humanpathogenen Hefen bestätigt werden. Auf Basis der minimalen Hemm-Konzentrationen (MHK) konnte gegen Candida albicans und Candida glabrata eine leichte antimikrobielle Wirkung festgestellt werden, wohingegen sich keine Wirkung gegen Candida tropicalis ergab.[14]

Eine effektive Hemmung der Replikation des subgenomischen HCV-Replikon-Systems auf mRNA- und Proteinlevel konnte bewiesen werden. Hierbei wurde die Signalübertragung blockiert.[15]

Wirkung gegen Krebs

Im Tierversuch konnte bei Ratten eine Hemmung des Zellwachstum von Dickdarmkrebszellen sowie eine Apoptose nach oraler Diosgeningabe beobachtet werden. Die Ratten wurden innerhalb der Studie vor Diosgeningabe mit Azoxymethan behandelt.[16]

Andere Wirkungen

Im Tierversuch ergab sich bei Ratten eine verminderte Thrombosebildung durch Diosgenin. Bei den Ratten wurde eine in vitro und in vivo durch Hohlvenenunterbindung verursachte Thrombose untersucht. Eine dosisabhängige Verlängerung der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit (aPTT), der Thromboplastinzeit (PT) und der Thrombinzeit (TT) wurde beobachtet. Bei Mäusen wurde durch Diosgenin zudem eine verminderte Thrombozytenaggregation und Inhibierung von Thrombose bei einer Lungenembolie festgestellt. Eine protrahierte Blutungs- und Gerinnungszeit konnte mit einer erhöhten Schutzrate in Verbindung gebracht werden.

Diosgenin zeigte in einer Studie deutliche Hemmwirkung auf die Acetylcholinesterase. Diese wirkt an neuromuskulären Synapsen, z. B. im vegetativen Nervensystem und an der motorischen Endplatte.[7][17]

Im Tierversuch mit weiblichen Ratten konnte durch Verabreichung von Diosgenin Knochenschwund nach Entfernung der Eierstöcke vermindert werden. Andere Organe wurden dabei nicht gefährdet.[7]

Diosgenin führte bei stimuliertem Wachstum des Brustgewebsepithels über 15 Tage zu einer deutlichen Erhöhung des DNA-Gehaltes und der Anzahl an Milchgängen. Eine ergänzende Therapie von Östrogen mit Diosgenin erhöhte die Wirkung von Östrogen, speziell bei höheren Dosen von Diosgenin.[7]

Der Einfluss von Diosgenin auf das Entzündungssystem wurde unter Verwendung einer Ko-Kultur von 3T3-L1 Fettzellen und RAW 264 Makrophagen untersucht. Diese Ko-Kulturen wiesen erhöhte Gehalte an entzündungsauslösenden Substanzen auf, die durch Diosgenin inhibiert wurden.[7]

Bei Ratten, die über sechs Wochen mit cholesterol- und fettreicher Nahrung gefüttert wurden, führte die Verabreichung von Diosgenin zu einer erhöhten Aktivität der Lipoproteinlipase (LPL), der hepatischen Triglycerid-Lipase (HTGL), der Superoxiddismutase (SOD), der Glutathionperoxidase (GPX) sowie der Stickstoffmonoxidsynthase (NOS). Der Gehalt an freien Sauerstoffradikalen wurde demnach verringert und der Malondialdehyd- (MDA), Gesamtcholesterol-, Triacylglycerid- und LDL-Cholesterin-Spiegel gesenkt.[7]

Analytik

Anreicherung aus Pflanzen

Nach Entfettung wird das Glykosid Dioscin mit polaren Lösungsmitteln (z. B. Ethanol) kochend oder unter Rückfluss extrahiert. Die Hydrolyse der glykosidischen Bindung erfolgt durch Säuren, spontane Gärung oder enzymatisch. Das dabei freigesetzte Diosgenin kann mit einem unpolaren Lösungsmittel extrahiert und durch analytische Verfahren qualitativ und quantitativ bestimmt werden.[18] Neben der Isolierung von Diosgenin aus natürlichen Dioscorea-Arten und Hydrolyse des Glykosids mit anorganischen Säuren wurde auch eine effiziente und schonende Isolierung unter Verwendung von ionischen Flüssigkeiten (ionic liquids, IL) beschrieben. Mit ionischen Flüssigkeiten wie 1-Methyl-3-(3-sulfopropyl)-imidazolium Hydrogensulfat ([PSMIM]HSO4) konnte nicht nur Dioscin aus der zu untersuchenden Probe isoliert werden, sondern die ionische Flüssigkeit diente gleichzeitig als Katalysator zur Freisetzung von Diosgenin aus Dioscin.[19]

Analytische Methoden

Zur Identifizierung und quantitativen Bestimmung von Diosgenin in Dioscorea-Arten wurden verschiedene Methoden entwickelt:

Einzelnachweise

  1. a b Datenblatt Diosgenin bei Alfa Aesar, abgerufen am 18. Juni 2023 (Seite nicht mehr abrufbar).
  2. Oscar E. Piro, Eduardo E. Castellano, Gloria E. Tobón Zapata, Silvia Blair Trujillo, Enrique J. Baran: Low Temperature Crystal Structure of Natural Diosgenone. In: Zeitschrift für Naturforschung C. 57, 2002, S. 947–950 (PDF, freier Volltext).
  3. F.-X. Chen, M.-T. Zhao, B.-Z. Ren, C.-R. Zhou und F.-F. Peng: Solubility of diosgenin in different solvents. In: The Journal of Chemical Thermodynamics. Band 47, 2012, S. 341–346.
  4. a b Datenblatt Diosgenin, ≥93% bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 5. April 2015 (PDF).
  5. a b MPbio: Sicherheitsdatenblatt Diosgenin (Memento vom 8. Dezember 2015 im Internet Archive). Abgerufen am 4. April 2015.
  6. a b c Carl Djerassi: Steroid research at Syntex: “the Pill” and cortisone. In: Steroids. Band 57, Nr. 12, Dezember 1992, S. 631–641, doi:10.1016/0039-128X(92)90016-3.
  7. a b c d e f g Kanika Patel, Manoj Gadewar, Vijay Tahilyani, Dinesh Kumar Patel: A review on pharmacological and analytical aspects of diosgenin: a concise report. In: Natural Products and Bioprospecting. Band 2, Nr. 2, April 2012, S. 46–52, doi:10.1007/s13659-012-0014-3, PMC 4131590 (freier Volltext).
  8. Bharathi Avula, Yan‐Hong Wang, Zulfiqar Ali, Troy J. Smillie, Ikhlas A. Khan: Chemical fingerprint analysis and quantitative determination of steroidal compounds from Dioscorea villosa , Dioscorea species and dietary supplements using UHPLC‐ELSD. In: Biomedical Chromatography. Band 28, Nr. 2, Februar 2014, S. 281–294, doi:10.1002/bmc.3019, PMID 24019066, PMC 4009721 (freier Volltext).
  9. P. Li, Y. Mou, S. Lu, W. Sun, J. Lou, C. Yin und L. Zhou: Quantitative determination of diosgenin in Dioscorea zingiberensis cell cultures by microplate-spectrophotometry and high-performance liquid chromatography In: African Journal of Pharmacy and Pharmacology. Bd. 6 (15), 2012, S. 1186–1193.
  10. a b c Tao Yi, Lan-Lan Fan, Hong-Li Chen, Guo-Yuan Zhu, Hau-Man Suen, Yi-Na Tang, Lin Zhu, Chu Chu, Zhong-Zhen Zhao, Hu-Biao Chen: Comparative analysis of diosgenin in Dioscorea species and related medicinal plants by UPLC-DAD-MS. In: BMC Biochemistry. Band 15, Nr. 1, 2014, S. 19, doi:10.1186/1471-2091-15-19, PMID 25107333, PMC 4131487 (freier Volltext).
  11. a b B Tal, I Tamir, J S Rokem, I Goldberg: Isolation and characterization of an intermediate steroid metabolite in diosgenin biosynthesis in suspension cultures of Dioscorea deltoidea cells. In: Biochemical Journal. Band 219, Nr. 2, 15. April 1984, S. 619–624, doi:10.1042/bj2190619, PMID 6547599, PMC 1153520 (freier Volltext).
  12. a b P. Präve, U. Faust, W. Sittig und D. Sukatsch: Handbuch der Biotechnologie. Oldenbourg, 4. Auflage, München 1994, ISBN 3-486-26223-8.
  13. Monika Singh, A.A. Hamid, Anil K. Maurya, Om Prakash, Feroz Khan, Anant Kumar, O.O. Aiyelaagbe, Arvind S. Negi, Dnyaneshwar U. Bawankule: Synthesis of diosgenin analogues as potential anti-inflammatory agents. In: The Journal of Steroid Biochemistry and Molecular Biology. Band 143, September 2014, S. 323–333, doi:10.1016/j.jsbmb.2014.04.006.
  14. Antifungal Steroid Saponins from Dioscorea cayenensis. In: Planta Medica. Band 70, Nr. 1, Januar 2004, S. 90–92, doi:10.1055/s-2004-815467.
  15. Usman A Ashfaq: Medicinal plants against hepatitis C virus. In: World Journal of Gastroenterology. Band 20, Nr. 11, 2014, S. 2941, doi:10.3748/wjg.v20.i11.2941, PMID 24659884, PMC 3961971 (freier Volltext).
  16. Jayadev Raju, Jagan M.R. Patlolla, Malisetty V. Swamy, Chinthalapally V. Rao: Diosgenin, a Steroid Saponin of Trigonella foenum graecum (Fenugreek), Inhibits Azoxymethane-Induced Aberrant Crypt Foci Formation in F344 Rats and Induces Apoptosis in HT-29 Human Colon Cancer Cells. In: Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention. Band 13, Nr. 8, 1. August 2004, S. 1392–1398, doi:10.1158/1055-9965.1392.13.8.
  17. Eintrag zu Acetylcholinesterase im Flexikon, einem Wiki der Firma DocCheck, abgerufen am 2. Dezember 2014.
  18. María de Lourdes Contreras‐Pacheco, Fernando Santacruz‐Ruvalcaba, Jorge A. García‐Fajardo, José de Jesús Sánchez G., Mario A. Ruíz L., Mirna Estarrón‐Espinosa, Arturo Castro‐Castro: Diosgenin quantification, characterisation and chemical composition in a tuber collection of D ioscorea spp. in the state of J alisco, M exico. In: International Journal of Food Science & Technology. Band 48, Nr. 10, Oktober 2013, S. 2111–2118, doi:10.1111/ijfs.12193.
  19. Yao Shun, Wang Yan, Luo Ji, Song Hang: New ionic liquid-based preparative method for diosgenin from Rhizoma dioscoreae nipponicae. In: Pharmacognosy Magazine. Band 9, Nr. 35, 2013, S. 250, doi:10.4103/0973-1296.113282, PMID 23930010, PMC 3732429 (freier Volltext).
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