Dieter Lenoir
Dieter Lenoir (* 24. Juli 1935 in Düsseldorf; † 9. Juli 2025 in München[1]) war ein deutscher Chemiker.[2]
Leben
Dieter Lenoir besuchte in Düsseldorf die Volks- und Realschule. Nach einer Lehre als Chemielaborant bei der Firma Henkel war er dort mehrere Jahre als Laborant (Analytik von Glanzgalvanisierungsmittel) tätig. Nach Abschluss des Abiturs am Abendgymnasium 1963 studierte er bis 1968 Chemie an der Universität Bonn und wurde bei Rudolf Tschesche auf einem Thema der Steroidchemie mit Auszeichnung promoviert. Danach arbeitete er ab 1969 als NIH-Postdoktorand für 15 Monate bei Paul von Ragué Schleyer in Princeton, USA. Von 1972 bis 1978 war er als wissenschaftlicher Assistent bei Ivar Ugi an der Technischen Universität München tätig, wo er sich 1976 im Fach Organische Chemie habilitierte (Dr. habil.) und ab 1978 als Privatdozent lehrte.
Von 1980 bis 1985 verwaltete er eine C3-Stelle für Organische Chemie an der Universität Oldenburg, anschließend war er bis 1990 Leiter einer Forschungsgruppe über Dioxine am Lehrstuhl für Ökologische Chemie an der Universität Bayreuth. 1990 wurde er als Abteilungsleiter für Verbrennungsforschung bei der GSF in München berufen. Nach der Umhabilitation erfolgte 1992 die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Bayreuth. Seine Lehrtätigkeit bestand aus Vorlesungen über Umweltchemie für die Studenten der Geoökologie verbunden mit Exkursionen in die chemische Industrie.
Lenoir war von 1996 bis 2002 Mitherausgeber der Zeitschrift Chemosphere und ab 2002 Mitglied der IUPAC-Kommission Green Chemistry. Er war Ehrenmitglied in der Fachgruppe Nachhaltige Chemie in der GDCh und des Institute of Green Chemistry der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, USA. Im Ruhestand war er ab 2000 Gastwissenschaftler am Helmholtz-Zentrum München und Gastprofessor an verschiedenen ausländischen Universitäten (in Toledo, Dayton, Pittsburgh, USA, Toronto in Kanada sowie in Tartu in Estland). Er war 2004 Stipendiat der Stiftungsinitiative Johann Gottfried Herder Gastprofessor an der Universität von Tartu in Estland, 2012 war er von dort zu einem Forschungsaufenthalt eingeladen.
Forschung
Er beschäftigte sich als organischer Chemiker seit 1971 zunächst mit der Chemie von Carbokationen und sterisch gehinderten Doppelbindungen. Er veröffentlichte etwa 35 Arbeiten über Carbokationen und ging dabei der Frage nach, wie klassische und nicht-klassische Carbokationen sich unterscheiden lassen. Diese Arbeiten fanden 1980 einen Abschluss mit Arbeiten im Band 19c des Houben Weyls „Methoden der Organischen Chemie“. Er stellte ca. 30 neue sterisch gespannte Alkene und Stilbene her unter Anwendung der nach ihm benannten Lenoir-Varianten der McMurry-Reaktion.[3] Dabei ging es um die Frage nach den physikalischen und chemischen Eigenschaften dieser Verbindungsgruppe.[4] Seit 1985 war Lenoir auch In der Umweltchemie tätig, er benutzte reaktionsmechanistische Modelle für die Bildung halogenhaltiger Spurenschadstoffe, vorwiegend der polychlorierten Dibenzodioxine und Dibenzofurane (PCDD/F). Mithilfe dieser Erkenntnisse kann die Dioxinbildung bei technischen Verbrennungsprozessen (Müllverbrennung) durch Primärmaßnahmen und das Inhibierungsverfahren signifikant gemindert werden kann.[5][6] Daneben arbeitete er in Deutschland im Bereich der nachhaltigen Chemie (englisch green chemistry) durch Entwicklung nachhaltiger Oxidationsverfahren von persistenten Schadstoffen.[7] Er verfasste mit deutschen Kollegen ein Internet-Praktikumsbuch (NOP) über nachhaltige Synthesen. Über die Bereich der physikalischen Organischen Chemie verfasste er historische Arbeiten.[8] Er förderte die nachhaltige Chemie durch Tagungen und der Bildung einer neuen Fachgruppe in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Etwa 222 der Arbeiten werden in der Datenbank ISI Web of Science von Clarivate Analytics[9] gelistet, die ca. 6550 mal zitiert werden, sein h-Index beträgt 44 (Stand 20. Juli 2024).
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Houben-Weyl, Methoden der Organischen Chemie, Bd. 19c, Carbokationen, Carbokation-Radikale, M. Hanack, Herausgeber, siehe die gemeinsamen Artikel mit H. U. Siehl, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York, 1980.
- D. Lenoir et al.: Lehrbuch NOP, new organic practical course
- D. Lenoir, K.-W. Schramm, J. Lalah: Green Chemistry, some important forerunners and current issues, Sustainable Chem. and Pharm. 2020, 18, 100313, doi:10.1016/j.scp.2020.100313
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Traueranzeige Dieter Lenoir. In: SZ Gedenken. 11. Oktober 2025, abgerufen am 12. Oktober 2025.
- ↑ Kurzbiografie von Dieter Lenoir in „Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender“, Band 2, De Gruyter, Berlin, 2011.
- ↑ Dieter Lenoir: The Application of Low-Valent Titanium Reagents in Organic Synthesis. In: Synthesis. Band 1989, Nr. 12, 1989, ISSN 0039-7881, S. 883–897, doi:10.1055/s-1989-27424 (thieme-connect.de [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
- ↑ Dieter Lenoir, Paul J. Smith, Joel F. Liebman, Athanassios Nicolaides, Richard P. Johnson, Kaleen M. Konrad: Distorted Alkenes. In: Strained Hydrocarbons. 1. Auflage. Wiley, 2009, ISBN 978-3-527-31767-7, S. 103–146, doi:10.1002/9783527627134.ch3 (wiley.com [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
- ↑ L. C. Dickson, D. Lenoir, O. Hutzinger: Quantitative comparison of de novo and precursor formation of polychlorinated dibenzo-p-dioxins under simulated municipal solid waste incinerator postcombustion conditions. In: Environmental Science & Technology. Band 26, Nr. 9, 1. September 1992, ISSN 0013-936X, S. 1822–1828, doi:10.1021/es00033a017 (acs.org [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
- ↑ Marchela E. Pandelova, Dieter Lenoir, Antonius Kettrup, Karl-Werner Schramm: Primary Measures for Reduction of PCDD/F in Co-Combustion of Lignite Coal and Waste: Effect of Various Inhibitors. In: Environmental Science & Technology. Band 39, Nr. 9, 1. Mai 2005, ISSN 0013-936X, S. 3345–3350, doi:10.1021/es049796i (acs.org [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
- ↑ Sayam Sen Gupta, Matthew Stadler, Christopher A. Noser, Anindya Ghosh, Bradley Steinhoff, Dieter Lenoir, Colin P. Horwitz, Karl-Werner Schramm, Terrence J. Collins: Rapid Total Destruction of Chlorophenols by Activated Hydrogen Peroxide. In: Science. Band 296, Nr. 5566, 12. April 2002, ISSN 0036-8075, S. 326–328, doi:10.1126/science.1069297 (science.org [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
- ↑ Dieter Lenoir, Thomas T. Tidwell: The history and triumph of physical organic chemistry. In: Journal of Physical Organic Chemistry. Band 31, Nr. 9, September 2018, ISSN 0894-3230, S. e3838, doi:10.1002/poc.3838 (wiley.com [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
- ↑ ISI Web of Science, Clarivate Analytics