Die nervöse Großmacht
Die nervöse Großmacht ist deutscher dokumentar-historischer Fernsehspielfilm von Bernd Fischerauer aus dem Jahr 2012..
Der Film bildet zusammen mit Die Reichsgründung einen Zweiteiler über die Geschichte Deutschlands zwischen 1862 und 1890. Die Handlung des Films schließt zeitlich nahtlos an die Ereignisses des Endes des ersten Teils im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 an und endet kurz nach Otto von Bismarcks Entlassung als Reichskanzler im Jahr 1890. An die politische Lage, die später zum Ersten Weltkrieg führte, schließt Bernd Fischauers Film Europas letzter Sommer an.
Der Film beleuchtet die historischen Ereignisse sowohl aus den Perspektiven unterschiedlicher politischer Figuren als auch Angehörigen der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, von der Arbeiterklasse bis zum preußischen Herrschergeschlecht der Hohenzollern.
Handlung
Aufgrund der komplexen und vielfältigen Handlungsstränge erfolgt die Darstellung im Artikel nicht chronologisch, sondern auf die einzelnen Handlungsstränge verteilt. Den Schwerpunkt bildet dabei der Strang des politischen Handelns von Bismarck und der deutschen Reichsführung (Hohenzollern-Dynastie und Regierung).
Politik Deutschlands und Entwicklungen der Hohenzollern-Dynastie
Januar 1871 - Nach der Ausrufung der deutschen Reichsgründung im Schloss von Versailles, entscheidet sich der neue deutsche Kaiser Wilhelm I. Frankreichs belagerte Hauptstadt Paris durch Artilleriebeschuss zur Aufgabe zu zwingen. Wenig später kapituliert Frankreich; Deutschland unterstützt Frankreich bei der Zerschlagung der revolutionären Pariser Kommune. Im Vorfrieden von Versailles und im Frankfurter Frieden muss Frankreich hohe Reparationszahlungen zahlen und Elsaß-Lothringen abtreten. Viele in der Umgebung des Kaisers fürchten die langfristige Entzweiung und Feindschaft zu Frankreich und einen neuen heraufziehenden Krieg. Otto von Bismarck, nun zum Reichskanzler des Deutschen Reiches ernannt, sieht das Reich als saturiert an; statt weiterer Kriege und Expansionen gilt es den Frieden nach außen zu sichern.
Außenpolitisch sucht Deutschland mit Otto von Bismarcks Bündnispolitik nach dem Deutschen Krieg von 1866 erfolgreich die Aussöhnung mit Österreich unter Kaiser Franz Joseph I.; beide Länder rücken wieder zusammen. Zudem suchen beide die Annäherung an Russland unter Zar Alexander II., die mit dem Konsultativpakt des Dreikaiserabkommens besiegelt wird. Nach dem Russisch-Osmanischer Krieg (1877–1878) und dem Berliner Kongress, durch den sich die pan-slawistischen Kräfte in Russland um ihren Sieg betrogen fühlen, beschließen Deutschland und Österreich den Zweibund-Defensivpakt, um gegenseitig vor einem russischen Angriff zu schützen. 1882 erreicht Bismarck den Dreibund mit Italien und damit eine Kräftebündelung gegenüber Russland und Frankreich. Zudem erneuert er den Dreikaiserbund.
Innenpolitisch geht bei der Reichstagswahl 1871 die Nationalliberale Volkspartei als klarer Wahlsieger hervor, doch auch die oppositionelle katholische Zentrumspartei und Führung kann mit mehr als 18 % der Stimmen einen großen Erfolg verbuchen. Bismarck beginnt einen Kampf gegen die innere „Reichsfeinde“, vor allem gegen die Katholiken und Sozialdemokraten. Es beginnt der Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich, um den Einfluss des Katholizismus zurückzudrängen; darunter mit dem Jesuitengesetz. Der Wiener Börsenkrach von 1873 führt zu einer Wirtschaftskrise. Im Juni 1878 wird auf Kaiser Wilhelm I. ein Anschlag durch Karl Eduard Nobiling verübt, bei dem dieser ernstlich verletzt wird. Bismarck macht die Sozialdemokratie verantwortlich; der Reichstag verabschiedet 1878 das Sozialistengesetz, wodurch die sozialistische Bewegung starker Repression ausgesetzt ist. Trotz der Repression gewinnen die Sozialdemokraten weiter an Zulauf, woraufhin Bismarck mit seiner Sozialgesetzgebung versucht, ihr das Wasser abzugraben – erfolglos. 1890 wird die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschland (SAP) bei der Reichstagswahl 1890 stärkste politische Kraft und nennt sich kurz darauf in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) um.
1888 stirbt Kaiser Wilhelm I., auf den zunächst dessen an Kehlkopfkrebs schwer erkrankter Sohn Friedrich III. folgt – er stirbt nur Monate später. Es folgt Wilhelm II. als dritter Kaiser des Deutschen Reiches. Bismarcks politischer Rückhalt schwindet im Reichstag, wie in der Gunst des neuen Kaisers, der ihn schließlich 1890 entlässt. Nach Bismarcks Entlassung gerät das von ihm erreichte außenpolitische Gleichgewicht aus den Fugen; es bildet sich neben dem Dreibund eine Allianz aus Russland, Frankreich und Großbritannien. 1914 eskalieren die Spannungen in der Julikrise zum Ersten Weltkrieg.
Bismarck, seine Familie und Umfeld
Für seine Leistungen wird Bismarck in den Fürstenstand erhoben; zudem erhält er den Sachsenwald im Herzogtum Sachsen-Lauenburg und das Schloss Friedrichsruh. Sein ungesunder Lebensstil, insbesondere seine Fresssucht und Fettleibigkeit, hat zunehmend Auswirkungen auf seine Gesundheit. Bismarcks Tochter Marie von Bismarck heiratet den Diplomaten Kuno zu Rantzau. Bismarcks Sohn Herbert von Bismarck geht eine uneheliche Beziehung mit der verheirateten, attraktiven Fürstin Elisabeth zu Carolath-Beuthen ein. Als die Affäre 1879 öffentlich publik wird, drängt Bismarck seinen Sohn dazu, sie zu beenden – schließlich kommt dieser dem nach.
Sozialdemokratie, Familien Bebel und Liebknecht
Bei den Reichstagswahlen 1871 wird August Bebel, neben Wilhelm Liebknecht einer zentralen Wortführer der sozialdemokratischen SDAP in den Reichstag gewählt. Wilhelm Liebknecht wird erneut Vater, seine Frau Natalie Reh bringt den gemeinsamen Sohn Karl Liebknecht zur Welt. Gegen gegen Bebel und Liebknecht ein Hochverratsprozess, nach einem Schauprozess werden beide 1872 zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. August Bebel überschreibt seiner Frau Julie Bebel seinen Drechslerbetrieb. Bei der Reichstagswahl 1874 werden Bebel und Liebknecht trotz Festungshaft in den Reichstag gewählt, die SDAP verdoppelt ihr Ergebnis und liegt 6,8 %. 1874 empfängt Liebknecht Karl Marx, der die Annäherung der SDAP an den von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein kritisch sieht ~ beide wollen sich zu einer gemeinsamen Partei vereinen. Marx kritisiert, dass die Bewegung nicht einmal hauttief die sozialistischen Ideen verkörpere wie er und sein Weggefährte Friedrich Engels sie vertreten. 1875 gründet sich die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, die 1890 zur stärksten Partei bei Reichstabswahl 1890 wird und sich in Sozialdemokratische Partei Deutschlands umbenennt.
Die Familie Wölke
Der junge Wehrpflichtsoldat Franz Wölke, ein Anhänger der Sozialdemokraten, kehrt 1871 aus dem Deutsch-Französischen-Krieg zu seiner Familie nach Berlin zurück. In der Lokomotivenfabrik von Borsig bekommt er seine alte Stelle wieder und beginnt einen Arbeiterbildungsverein zu besuchen, um sich dort elementare Schulbildung und politisches Wissen anzueignen. Dort lernt er die junge Hanne kennen, mit der er eine uneheliche Beziehung beginnt. Während Bismarcks Kampf gegen die Sozialdemokraten verliert er zwischenzeitlich seinen Arbeit bei Borsig. Als Hanne schwanger wird, entscheiden sich die beiden zu heiraten. Im Arbeiterbildungsverein wird Franz nach einigen Jahren zum Dozenten, 1878 aber infolge der Repression gegen die Sozialdemokraten zu acht Monaten Haft verurteilt. In dieser Zeit stirbt seine Mutter. 1886 verletzt sich Franz bei Borsig bei einem Arbeitsunfall, woraufhin ihm ein Bein amputiert werden muss. Er und seine Familie profitieren von Bismarcks Sozialreformen, mit denen Bismarck vergeblich versucht den Sozialdemokraten die Anhängerschaft zu nehmen.
Auftretende historische Figuren
Deutsche Kaiserfamilie und andere Herrscher
- Wilhelm I., deutscher Kaiser und König von Preußen, gest. 1888
- Friedrich III., Sohn von Wilhelm I. und kurzzeitiger Nachfolger als Kaiser, starb noch 1888.
- Wilhelm II., Sohn von Friedrich III. und dessen Nachfolger als deutscher Kaiser
- Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, deutsche Kaiserin, Ehefrau von Wilhelm I.
- Victoria von Großbritannien und Irland, deutsche Kaiserin, Ehefrau von Friedrich III. und Mutter von Wilhelm II.
- Franz Joseph I., Kaiser von Österreich-Ungarn
- Alexander II., Zar von Russland
Bismarck-Familie und Umfeld
- Otto von Bismarck, deutscher Reichskanzler
- Johanna von Puttkamer, Otto von Bismarcks Ehefrau
- Marie von Bismarck, ältestes Kind, Ehefrau von Kuno zu Rantzau.
- Herbert von Bismarck, zweites Kind, hat um 1881 eine Affäre mit Elisabeth zu Carolath-Beuthen
- Lothar Bucher, enger Vertrauter und politischer Berater von Otto von Bismarck
- Kuno zu Rantzau, Ehemann von Marie von Bismarck
- Elisabeth zu Carolath-Beuthen, Fürstin, hat eine öffentlich publike Affäre mit Herbert von Bismarck
Familie Bebel und Liebknecht
- August Bebel, sozialistischer Politiker, erster Parteivorsitzender der SPD
- Julie Bebel, Ehefrau von August Bebel
- Wilhelm Liebknecht, sozialistischer Politiker und enger Freund und Mitstreiter von August Bebel
- Natalie Liebknecht, geborene Reh, zweite Ehefrau von Wilhelm Liebknecht
- Karl Liebknecht, Sohn von Wilhelm und Natalie Liebknecht, späterer Reichstagsabgeordnerter und Führer des Spartakusbundes
Politiker, politische Denker und Aktivisten
- Johann Jacoby, Politiker der Fortschrittspartei, später der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
- Eduard Lasker, Politiker der Fortschrittspartei und später der Nationalliberalen Partei
- Ludwig Windthorst, Politiker der katholischen Zentrumspartei
- Rudolf Virchow, Politiker der Fortschrittspartei
- Adolf Hepner, Sozialdemokrat
- Karl Marx, sozialistischer Philosoph
- Eleanor Marx, Ehefrau von Karl Marx
- Eduard Kullmann, Bismarck-Attentäter, Anhänger der Zentrumspartei
- Karl Eduard Nobiling, Sozialist, Attentäter auf Wilhelm I.
Staatsbeamte und Militärs
- Alexander von Schleinitz, preußischer Staatsminister des königlichen Hauses
- Helmut von Moltke, Generalfeldmarschall
- Wilhelm Stieber, Geheimdienstler, von Bismarck zur Spionage insbesondere gegen die Sozialdemokraten engagiert
- Adalbert Falk, preußischer Kultusminister
- Philipp zu Eulenburg, Diplomat, Freund von Herbert von Bismarck
- Generalstaatsanwalt Hoffmann, führte die Anklage beim Leipziger Hochverratsprozess gegen August Bebel und Wilhelm Liebknecht
Schleinitz-Salon
- Marie von Schleinitz, Salonnière, Ehefrau von Alexander von Schleinitz Gönnerin von Richard Wagner
- Richard Wagner, deutscher Komponist
- Theodor Fontane, Schriftsteller