Die Tänzerin von Gor

Die Tänzerin von Gor bzw. Die Chroniken von Gor – Die Tänzerin (engl. Originaltitel Dancer of Gor) ist ein 1985 erschienener Science-Fiction-Fantasy-Erotik-Roman des US-amerikanischen Autors John Norman und ist der 22. Band von dessen Gor-Romanreihe. Es handelt sich um den vierten sogenannten Sklavinnen-Roman der Reihe.

Das Buch zählt innerhalb der ohnehin kontroversen Gor-Romanserie zu den besonders stark kritisierten Kajira- / Sklavinnen-Romanen. Im Gegensatz zu den meisten Büchern der Reihe handelt es sich bei deren Ich-Erzählern nicht um Tarl Cabot – die männliche, zentrale Figur der Reihe, sondern um weibliche Ich-Erzählerinnen in Form von irdischen Frauen, die nach Gor entführt und in ein Dasein als Sklavin gezwungen werden. Als Kajirae erfahren sie ihre Weiblichkeit in ihrem Sklaventum und werden zum Objekt männlicher Dominanz und sexueller Gewalt. Die Kajira-Thematik setzte die Bücher international immer stärkerer Kritik aus.

In Deutschland, wo seit 1973 der Heyne-Verlag die Bücher in stark gekürzter Form veröffentlichte, führte die Kritik dazu, dass zwischen 1985 und 1987 eine Reihe von Anträgen bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften eingingen, um das Buch als jugendgefährdende Literatur zu indizieren. Von den bis dahin 19 auf Deutsch erschienen Romanen wurden elf indiziert. Der Heyne-Verlag sah daraufhin für ein Jahrzehnt von einer Veröffentlichung weiterer Gor-Romane ab und begann erst ab 1995 die letzten der insgesamt 25 bis dahin erschienenen Bände bis zum Jahr 1999 zu veröffentlichen. Auch Die Tänzerin von Gor als 22. Roman der Reihe war in konkreter Vorbereitung, doch entschied sich der Heyne-Verlag schließlich, das Buch nicht zu veröffentlichen. In den 2000er-Jahren erwarb der Basilisk Verlag die Rechte für eine deutsche Veröffentlichung und brachte im Jahr 2009 das Buch ungekürzt heraus.

Handlung

Die Handlung erfolgt aus der Sicht der jungen, hübschen Doreen Williamson. Hinter der Fassade der schüchternen Bibliothekarin träumt Doreen von submissiven Erotikphantasien und erlebt ihre Feminität durch Bauchtanz. Als sie eines Nachts heimlich halb nackt in ihrem Bauchtanzkostüm in der Bibliothek tanzt, wird sie von Männern überfallen, die sie betäuben und auf den Planeten Gor entführen, wo Doreen sich in einem Ausbildungslager für Sklavinnen wiederfindet. Eine Odyssee der Demütigung beginnt und schon bald findet sich Doreen auf dem Sklavenmarkt wieder und gerät in den Besitz des Tavernenbesitzer Hendow. Doch dieser hat Doreen nicht nur gekauft, damit sie mit ihrem Bauchtanz seine Gäste unterhält, sondern auch damit sie als Lustsklavin deren sexuelle Bedürfnisse erfüllt – und die Sklavin Doreen findet zunehmend Gefallen daran.

Hintergrund

Hintergrund der feministischen Debatte der 1970er- und 1980er-Jahre

Die Veröffentlichung der meisten Gor-Romane (Bände 1–25) von 1966 bis 1985 fällt zeitlich in die gleiche Epoche wie die Hochzeit des Feminismus und die Zeit der verstärkten gesetzlichen Gleichberechtigung und Emanzipation der Frauen in Europa und Amerika. Sie fällt ebenso zusammen mit der Epoche des aufkommenden Bodice-Ripper-Romans, in denen vor allem weibliche Autoren begannen, Abenteuer- und Liebesromane mit weiblichen Hauptprotagonisten zu schreiben, die etwa Entführung und sexuelle Gewalt durch Männer erleben, zu denen sie aber letztlich eine romantische Beziehung entwickeln. Von Seiten der feministischen Bewegung wurden die Bodice-Ripper-Romane teils massiv kritisiert, da Feministinnen befürchtete, dass Frauen durch solche Lektüre daran gewöhnt werden könnten, Vergewaltigung und häusliche Gewalt als selbstverständlichen Teil ihres eigenen Lebens zu akzeptieren. Der Bodice Ripper zeigte unschuldige Jungfrauen, die durch Vergewaltigung zu Nymphomaninnen und romantisch Liebenden wurden: ein Szenario, das nach feministischer Auffassung mit den Fantasien realer Vergewaltiger erschreckend genau übereinstimmte.[1]

John Normans Gor-Bücher – noch dazu von einem Mann geschrieben – verkörperten dieses Szenario in noch drastischerer Weise. Nach Normans philosophischen Kajira-Konzept liegt es in der Natur und Biologie veranlagt, dass der Mann über die Frau herrscht, die ihm als Sklavin dienen müsse und wolle, jedoch werde sie in der irdischen Gesellschaft mit dem politischen Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter daran gehindert, sich ihrer natürlichen Veranlagung hinzugeben. In den Gor-Romanen erfahren Frauen ihre wahre Weiblichkeit daher erst in der Sklaverei und Unterdrückung durch den Mann.

Die Kajira- / Sklavinnen-Romane

Das narrative Konzept der Kajira findet sich in John Normans Gor-Romanen seit dem ersten Band, doch baute er es im Laufe der Reihe zunehmend aus. Mit dem 1977 erschienen siebten Band Sklavin auf Gor (Captive of Gor) rückte er die Kajira-Sklaverei wesentlich in den Fokus und brachte erstmals eine weibliche Hauptfigur als Ich-Erzählerin, die in die Sklaverei gezwungen wird – ihr Erleben der Welt von Gor als Kajira stellt die wesentliche Handlung dar.[2] In einigen späteren Romanen der Gor-Reihe setzte Norman das Konzept fort, auch hier sind die Ich-Erzählerinnen und Hauptprotagonisten Frauen, die in eine Existenz als Sklavinnen/Kajirae gezwungen werden.[2] Die entsprechenden Bände werden daher oft auch als Kajira- oder Sklavinnen-Romane bezeichnet.[3] Bei den Kajira-Romanen handelt es sich um die elf Bände Nr. 7 – Sklavin auf Gor / Die Sklavin, Nr. 11 – In Sklavenketten auf Gor / Das Sklavenmädchen, Nr. 19 Kajira von Gor, Nr. 22 – Die Tänzerin von Gor, Nr. 26 – Die Zeugin, Nr. 27 – Prize of Gor, Nr. 31 – Conspirators of Gor, Nr. 32 – Smugglers of Gor, Nr. 34 – Plunder of Gor, Nr. 35 – Quarry of Gor und Nr. 38 – Treasure of Gor.[4]

Bewertung und Folgen in den USA in den 1980er-Jahren

Die Entwicklung der Gor-Reihe durch die zunehmende Kajira-Thematik führte zu einer stark zunehmenden, teils heftigen Kritik an den Romanen. 1983 bewertete Peter Mauzy den ersten Kajira-Roman Sklavin auf Gor sowie den nachfolgenden Band Die Jäger von Gor als wichtigste Bände der Gor-Reihe, in der der zuvor untergeordnete Aspekt der weiblichen Sklaverei zum zentralen Thema der Gor-Reihe werde. Mauzy attestierte, dass die Handlung, Action, Storyline und Charakterentwicklung in den Hintergrund trete, während Norman fortan in langen expositorischen Passagen seine Philosophie der weiblichen Unterwerfung und männlichen Dominanz vermittle.[5] Zu demselben Schluss kam ebenfalls 1983 Robert Reginald.[6] David Langford beschrieb 1988 im SFX Magazine die Wandlung der späteren Romanreihe als „zu einer extrem sexistischen, sadomasochistischen Pornographie, in der Frauen rituell gedemütigt werden, und haben deshalb weithin Anstoß erregt“.[7]

In den späten 1980er-Jahren wurden das Erscheinen der Gor-Romane beim DAW Books Verlag eingestellt;[8] der Verlag argumentierte mit sinkenden Verkaufszahlen,[8] was David Langford als „dürftigen Vorwand“ beschrieb.[8]

Veröffentlichung

Veröffentlichung des Originals

Das englischsprachige Originalwerk Dancer of Gor erschien im November 1985 als 22. Roman der Gor-Reihe.[9]

Veröffentlichung in Deutschland

Verzögerung der Veröffentlichung in den 1980er-Jahren durch Indizierungsanträge gegen die Gor-Reihe

In Deutschland veröffentlichte der Heyne Verlag ab 1973 die Romane der Gor-Reihe von John Norman auf Deutsch, allerdings in stark gekürzten Fassungen, bis Ende 1985 waren davon insgesamt neunzehn Bände – zuletzt Die Kajira von Gor erschienen.[10] Zwischen 1985 und 1987 sah sich jedoch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien mit einer Reihe von Anträgen konfrontiert, die für eine Indizierung der Gor-Romane als jugendgefährdende Schriften plädierten, wobei sich die Kritik auf die Kajira-Thematik in Form der Darstellung und philosophische Beschreibung sexueller Gewalt und weiblicher Sklaverei konzentrierte. Die Bundesprüfstelle gab in elf Antragsfällen recht und indizierte die entsprechenden Bücher (Band 7, 8, 10, 12–19),[11] wobei sie vor allem mit Verstößen gegen die Menschenwürde nach Artikel 1 und dem Geschlechtergleichstellungsgebot nach Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes sowie der sittlichen Gefährdung von Kindern und Jugendlichen argumentierte. So bewertete die Bundesprüfstelle etwa im Fall der Kajira-Romane Sklavin auf Gor (Band 7):

  • „(Das Buch Sklavin auf Gor) verletzt in eklatanter Weise diese allgemeine Einschätzung des Grundgesetzes von der Gleichheit von Mann und Frau, es diskriminiert die Frauen als zum Sklavinnensein geboren bzw. als in ihrem Sklavinnendasein glückliche Wesen. [...] Die besonders frauendiskriminierende und die Würde der Frau herabsetzende Wertung [...] liegt zusätzlich noch darin, dass die Frauen nicht nur Opfer des Sklavensystems, in das sie eingefügt werden, sind, sondern dass sie dies auch noch freudig erregt ertragen, beziehungsweise nicht nur ertragen, sondern ihre frauliche Bestimmung in der Sklavenposition angeblich finden.“[12]
  • „Dem Leser wird (in Sklavin auf Gor) die Meinung vermittelt, eine Frau sei erst dann eine Frau, nachdem sie zur Sklavin geworden und ihr Willen gebrochen sei. Gerade beeinflussbare männliche Kinder und insbesondere Jugendliche könnten den Eindruck haben, auch in der realen Welt sei es so, dass Frauen bzw. Mädchen ihr Frausein erst dann erlangten, wenn sie von einem Mann erniedrigt, benutzt o. ä. worden seien. Das widerspricht eklatant dem Bild der Frau nach dem Grundgesetz, das das Leitbild einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Mann und Frau vermittelt, nicht das Bild von Herr und Sklavin.“[13]

und Kajira auf Gor (Band 19):

„Ebenso eklatant wie der Inhalt des Buches (Kajira von Gor) gegen die Menschenwürde verstößt, missachtet er auch das grundgesetzlich in Art. 3, Abs. 2 garantierte Gleichheitsgebot, insbesondere den Gleichberechtigungsgrundsatz zwischen Mann und Frau.“[14]

Nichtveröffentlichung in den 1990ern-Jahren durch den Heyne-Verlag

Infolge der Indizierungen in den Jahren 1985–1987 sah der Heyne Verlag von der Veröffentlichung von weiteren Gor-Romanen für ein Jahrzehnt lang ab. Erst ab 1995 wurden bis 1999 schließlich auch die letzten der bis dahin 25 erschienenen Bände veröffentlicht. Auch Die Tänzerin von Gor als 22. Band war in Vorbereitung,[15][16] doch entschied sich der Heyne Verlag letztlich gegen die Publikation des vierten bis dahin erschienenen Sklavinnen-Romans.[16]

Veröffentlichung durch den Basilisk-Verlag im Jahr 2009

Nachdem die Rechte für die deutschsprachigen Übersetzungen vom Heyne-Verlag auf den Basilisk-Verlag übergegangen waren, brachte dieser ab 2007 die Gor-Romane neu und ungekürzt heraus, 2009 erschien schließlich Die Tänzerin von Gor unter dem Titel Die Chroniken von Gor – Die Tänzerin.[17] Die Übersetzung erfolgte durch Wolfgang Gluch, der kurz nach Abschluss der Übersetzungsarbeit im Jahr 2008 verstarb.[18]

Ausgaben

Deutschsprachige Ausgaben

  • John Norman: Die Chroniken von Gor – Die Tänzerin, Basilisk Verlag, Reichelsheim 2009, 558 Seiten, ISBN 3-935706-40-5.

Nichtdeutsche Ausgaben

  • Dancer of Gor, DAW, 1985, ISBN 978-0886771003. (englisch)
  • Dancer of Gor, Open Road Media, ISBN 978-1497600225 (englisch)

Literatur

Einzelnachweise

  1. Hsu-Ming Teo: Desert Passions: Orientalism and Romance Novels. University of Texas Press, Austin, TX 2012, ISBN 978-0-292-73938-3, S. 156 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. a b Christophe Duret: Transfictionality, Thetic Space, and Doctrinal Transtexts: The Procedural Expansion of Gor in Second Life’s Gorean Role-playing Games, 2018, S. 10.
  3. Gorean Posts (Luther) - Barbarians of Gor.com - “slave” novels, abgerufen am 19. November 2024.
  4. Christophe Duret: Transfictionality, Thetic Space, and Doctrinal Transtexts: The Procedural Expansion of Gor in Second Life’s Gorean Role-playing Games, 2018, S. 10. (Stand 2018; wohl auch Band 34, 35 und 38).
  5. Peter Mauzy: The Gor Novels, Survey of Modern Fantasy Literature, 2/1/1983, Bd./Jhrg. 2
  6. Robert Reginald: Xenograffiti: Essays on Fantastic Literature, Studies in the Philosophy and Cristicism of Literature, S. 73–75.
  7. David Langford: SFX Magazine, Ausgabe 39, Juni 1998.
  8. a b c David Langford: SFX Magazine, Ausgabe 39, Juni 1998.
  9. Dancer of Gor - Details, Abebooks.com, abgerufen am 14. Juni 2025.
  10. Zuletzt Nr. 19 – John Norman: Kajira von Gor, Heyne Verlag, München 1985.
  11. Florian F. Marzin: Science Fiction and Censorship in West Germany: A Literary Genre on the Index, Science Fiction Studies, Vol. 14, Nr. 1 (März 1987), S. 60–67.
  12. Bundesprüfstelle für jugendgefährende Medien, Entscheidung Nr. 2298, vom 26.07.1985, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 139 vom 31. Juli 1985. Dokument Pr. 270/85, S. 6.
  13. Bundesprüfstelle für jugendgefährende Medien, Entscheidung Nr. 2298, vom 26.07.1985, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 139 vom 31. Juli 1985. Dokument Pr. 270/85, S. 7.
  14. Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, Pr 593/85, Entscheidung Nr. 3585 vom 20. Februar 1986, S. 5.
  15. John Norman: Die Söldner von Gor, Heyne Verlag, München 1995, S. 2 (Ankündigung der Vorbereitung der Herausgabe).
  16. a b Datenschlag - Der Papiertiger: Gor, abgerufen am 14. Juni 2025.
  17. John Norman: Die Chroniken von Gor – Die Tänzerin, Basilisk Verlag, Reichelsheim 2009, 558 Seiten, ISBN 3-935706-40-5.
  18. John Norman: Die Chroniken von Gor – Die Tänzerin, Basilisk Verlag, Reichelsheim 2009, S. 5.