Die Sirene (Erzählung)
Die Sirene (Originaltitel La sirena) ist eine Erzählung des italienischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die während des Winters 1956/1957 entstand und erst posthum im Jahr 1961 erschien. Das Werk ist mitunter auch unter dem Namen Lighea bekannt, weil dies der favorisierte Titel von Tomasi di Lampedusas Witwe war.[1] Die Sirene ist im Deutschen als Titelgeschichte eines Erzählbandes mit Werken von Tomasi di Lampedusa erschienen (1961 Erstausgabe, 2017 Neuübersetzung).
Handlung
Die Handlung ist in Turin im Winter 1938 angesiedelt und wird aus der Ich-Perspektive des jungen Zeitungsredakteurs Paolo Corbera di Salina geschildert. Dieser entstammt einem alten sizilianischen Adelsgeschlecht, lebt nun aber schon einige Zeit in Turin und hat sich ins dortige Nachtleben gestürzt. Nachdem auffliegt, dass er gleichzeitig zwei Beziehungen führt, trennen sich beide Freundinnen von ihm. In seiner folgenden Phase der Melancholie verbringt Paolo viel Zeit in einer Bar an der Via Po, die überwiegend von betagten Beamten, Offizieren und Professoren besucht wird. Als Paolo einmal eine sizilianische Zeitung in die Bar mitbringt, leiht sich diese ein auffallend schroff auftretender älterer Herr aus. Er sei ebenfalls Sizilianer, jedoch seit rund 30 Jahren nicht mehr dort gewesen.
Paolo stellt im Archiv seiner Zeitung Nachforschungen zu dem alten Mann an, der sich als bekannter Mann herausstellt: Rosario La Ciura, ein emeritierter Professor für Altgriechisch, der weltweit als Koryphäe seines Gebietes viele Ehrungen erhielt und überdies in präfaschistischer Zeit Mitglied des italienischen Senats gewesen war. Seine Herkunft aus armer sizilianischer Familie ließ La Ciura, inzwischen 75 Jahre alt, weit hinter sich. Zwischen den beiden ungleichen Männern kommt es in der Folgezeit zu Gesprächen, aus denen sich trotz Unterschieden in Alter und Lebenswelt eine Bekanntschaft und schließlich eine Freundschaft entwickelt. Immer wieder spottet der Professor über Paolos geringe Kenntnisse im Griechischen und im Besonderen über dessen Frauengeschichten. Professor La Ciura selbst ist alleinstehend und kinderlos geblieben, Frauen scheinen ihn zur Verwunderung Paolos nicht wirklich zu interessieren. Der Professor lädt Paolo in seine Wohnung ein und Paolo ihn zu einem Gegenbesuch, wobei er ihm Seeigel nach altem sizilianischen Rezept vorsetzt, was den Professor tief berührt.
Schließlich berichtet der Professor Paolo von einem Erlebnis als junger Mann, welches sein weiteres Leben geprägt habe und über 50 Jahre zurückliegt. Er habe sich im Jahr 1887 auf die Ausschreibung für den Lehrstuhl in Griechisch an der Universität Pavia beworben und hierfür gelernt. Als er nach monatelangen intensivsten Studien kurz vor dem Wahnsinn stand, bot ihm ein Freund die Möglichkeit, in eine verlassene Hütte an der Küste Siziliens bei Augusta zu ziehen. Dort, so der Professor, fuhr er manche Tage aufs Meer hinaus und übte seine Aussprache des Altgriechischen. Eines Augusttages sei die wunderschöne Sirene Lighea, eine Tochter Kalliopes, aus dem Meer aufgetaucht und habe sich ihm offenbart. Zwischen den beiden sei es zu einer kurzen, ungewöhnlichen, geistigen wie körperlichen Liebesbeziehung gekommen, durch die er das Interesse an weltlicher Liebe verloren habe. Lighea habe ihm damals angeboten, zu ihr ins Meer zu kommen, jetzt oder später. Mit dem Ende des Sommers sei Lighea ins Meer zurückgerufen worden und musste ihn verlassen.
Am nächsten Tag begibt sich der Professor auf eine Schiffsreise zu einem wissenschaftlichen Kongress in Spanien. Er stürzt sich jedoch während der Fahrt ins Wasser, und obwohl sofort nach ihm gesucht wird, kann sein Leichnam nicht mehr gefunden werden. Paolo erbt zwei wertvolle Gegenstände von Professor La Ciura, die jedoch im Zweiten Weltkrieg verloren gehen.
Entstehungs- und Publikationshintergrund
Die Erzählung Die Sirene, etwa 40 bis 50 Druckseiten umfassend, gilt hinter seinem Klassiker Der Leopard als wichtiges literarisches Werk von Tomasi di Lampedusa, welches neben Der Leopard und Die Sirene nur wenige kurze und/oder unvollendete Erzählungen umfasst. Geschrieben wurde sie im Winter 1956/1957, als Tomasi di Lampedusa seinen Roman Der Leopard vollendet hatte. Die Sirene war zugleich sein letztes vollendetes Werk, bevor er im Juli 1957 an einer Krebserkrankung starb.[2] Nach dem posthumen Welterfolg von Der Leopard (1958 erschienen) veröffentlichte der Verlag Feltrinelli im Jahr 1961 auch Die Sirene, als Titelgeschichte eines Erzählbandes mit weiteren Werken von Tomasi di Lampedusa. Diese erste Ausgabe übersah Giorgio Bassani, der auch ein Vorwort verfasste.
Die Figur des Professors soll von dem Archäologen Giulio Emanuele Rizzo beeinflusst sein, mit dem Tomasi di Lampedusa persönliche Bekanntschaft hatte. Die relativ detailliert geschilderte Bucht, in der sich die Liebe zwischen dem Professor und der Sirene abspielt, soll als Vorbild eine Bucht in Sizilien haben, in der sich Tomasi di Lampedusa als Soldat im Ersten Weltkrieg aufgehalten hatte.[3]
Die ursprüngliche deutsche Übersetzung stammt von Charlotte Birnbaum anlässlich der deutschen Erstausgabe des Erzählbandes, welche ebenfalls noch 1961 bei Piper erschien. 2017 veröffentlichte Piper eine Neuausgabe des Erzählbandes und damit auch von Die Sirene, die zwischenzeitliche neue Erkenntnisse zu den Werken einbezieht und durch eine später aufgefundene Erzählung ergänzt ist. Anlässlich dieser Neuausgabe fertigte Moshe Kahn eine Neuübersetzung von Die Sirene an, die seither von Piper verwendet wird.[4] Die weiteren Inhalte des Erzählbandes sind die Kurzerzählungen Aufstieg eines Pächters, Freude und moralisches Gesetz sowie die autobiografischen Aufzeichnungen Die Stätten meiner frühen Kindheit.
Rezeption
Peter von Becker beschreibt 2018 im Tagesspiegel, Tomasi di Lampedusas Erzählung enthalte eine „romantische Pointe“, die Lampedusa jedoch mit luzidem Realismus beschreibe: „Wobei Realismus im Italienischen den „verismo“ meint, eine eigene, Sozial- und Kulturgeschichte, Natur und Fantastisches einbegreifende Wahrheit. Moshe Kahns Übersetzung trifft deren besonderen Ton, mal karg, mal ausschweifend schön“.[5]
Die Autorin Lena Frings schreibt 2019 auf literaturkritik.de, Die Sirene lebe von einprägsamen Bildern und spiele „mit der Sehnsucht, einer Sehnsucht, die unerreichbar sein muss und die man darum besser im Unerreichbaren sucht, in der Zeit der verstorbenen Sprachen und Götter, sodass man ihr Fortbestehen immerhin im Aufscheinen traumhafter Bilder bewahren kann.“[6]
Ausgaben
- Racconti. Feltrinelli, Mailand 1961. [Erstausgabe]
- I racconti. Nuova edizione rivista e accresciuta. Nicoletta Polo, editore. Feltrinelli, Mailand 2008.
- deutsche Übersetzungen
- Die Sirene. Aus dem Italienischen übers. von Charlotte Birnbaum. Piper, München 1961.
- Die Sirene. Aus dem Italienischen übers. von Charlotte Birnbaum. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1997. (Bibliothek Suhrkamp. 1246.)
- Die Sirene. Eine Erzählung Aus dem Italien. übertr. von Charlotte Birnbaum. Mit 16 Holzstichen von Andreas Brylka. Dassel/Kr. Einbeck, 1967. [Pressendruck]
- Die Sirene. Radierungen von Walter Ehrismann. Handpresse Zürich 1983. [Pressendruck]
- Die Sirene. Erzählungen. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Piper, München 2018.
Einzelnachweise
- ↑ Giuseppe C. Di Scipio: Introduction. In: Merveilles & contes. Band 7, Nr. 1, 1993, ISSN 0898-154X, S. 5–12, JSTOR:41390350.
- ↑ L'ultima beffa al "Gattopardo", sulla lapide c'è una data di morte sbagliata. 23. Juli 2017, abgerufen am 4. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Die Sirene, Piper 2017, S. 132–133.
- ↑ Kolumne Fundstücke: Sizilianische Sirene. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 4. Januar 2026]).
- ↑ Kolumne Fundstücke: Sizilianische Sirene. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 4. Januar 2026]).
- ↑ Lena Frings: Neue Mythen alter Götter - Nicht mehr drei, sondern vier Erzählungen von Giuseppe Tomasi di Lampedusa sind in Neuübersetzung unter dem Titel „Die Sirene“ erschienen : literaturkritik.de. Abgerufen am 4. Januar 2026 (deutsch).