Die Riesenzwerge
Die Riesenzwerge. Ein Beitrag ist der Titel des 1964 publizierten Debütromans von Gisela Elsner, durch den die Autorin in der Literaturszene bekannt wurde. In einer satirischen, ins Surreale oszillierenden Szenenfolge wird das kleinbürgerliche Alltagsleben mit seinen schematischen Abläufen, Regeln und Sprachschablonen im Nachkriegsdeutschlands persifliert.
Inhalt
In zehn Kapiteln erzählt Lothar in Realität-Phantasie-Überblendungen von seiner Familie und den Menschen in der Stadt: Sein Vater wurde, in der traumatischen Erinnerung des Kindes, von den mit der Bewirtung eines überfüllten Restaurants unzufriedenen hungrigen Gästen kannibalisch aufgegessen. Der sich dafür verantwortlich fühlende Oberlehrer Leinlein heiratet darauf Luise, die Witwe seines ihm untergeordneten Kollegen, und adoptiert deren Sohn Lothar. Von seinem Stiefvater und seiner Großmutter (Kap. Der Achte) in gegenseitigem Unverständnis hin- und hergeschoben („Wer bist du denn?“),[1] sieht Lothar seine Umwelt als kafkaeske Szenerie, die er mit endlosen Gedankenspiralen zu enträtseln sucht.
Die Mahlzeit
Einmal jährlich, am Todestag, besucht die Familie das Grab von Lothars Vater. Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem der Oberlehrer hungernd beobachten muss, wie sich Frau und Sohn einmal satt essen können, wogegen er täglich zum Mittagessen drei Portionen – Lothar erhält weniger als eine und Luise eine halbe – und die Reste der anderen verschlingt: „Mein Vater ist ein guter Esser. […] Meine Mutter ist eine gute Köchin“.[2]
Der Wirt
Die über ihren abgemagerten Sohn beunruhigte Mutter bringt Lothar zu Doktor Trautbert, der zwischen den Untersuchungen seine vier bissigen, die Patienten, die dem Arzt Knochen und Fleischstücke mitbringen, verbellenden Hunde füttert. Nach langem Aufenthalt im Wartezimmer und kurzer oberflächlicher Untersuchung erkennt Trautbert offenbar nicht die psychische Erkrankung und hält einen detaillierten Vortrag über Bandwürmer, deren Wirt der Junge sei. Nach Praxisschluss führt der Tierfreund seine Hunde aus, verliert die Gewalt über sie und kann nicht verhindern, dass die Hündin Susi einen Passanten beißt: „Susi ist besonders wählerisch. Meinen Sie nur nicht, sie bisse den Erstbesten, der ihr über den Weg läuft. Blutet es sehr? […] Sie haben Glück, ich bin nämlich Arzt.“[3] Im Kapitel „Der Achte“ beobachtet Lothar vom Fenster seiner Großmutter aus Doktor Trautberts vergebliche Dressurbemühungen und weitere Hundebegegnungen und widersprüchliche Hundehalter-Ratschläge: „Bleiben Sie stehen, dann tut sie nichts! […] Rennen Sie weiter, sonst werden Sie in Stücke gerissen!“[4]
Der Knopf
Beim Anziehen reißt Leinleins Kragenknopf ab und seine Frau versucht ihn anzunähen. Da ihr Mann das Hemd anbehält und während der Reparatur frühstückt, gelingt ihr dies nicht und die Nachbarin muss helfen. Anschließend übt der Oberlehrer mit seinen Schülern in einem langwierigen Frage-Antwort-Unterricht, bei dem labyrinthisch alle möglichen und unmöglichen Schwierigkeiten beim Nadel-Faden-Finden, Einfädeln usw. thematisieret werden, das selbständige Anhängen eines Knopfes ohne Hilfe der Mutter. Inzwischen übt die über ihr Ungeschick verzweifelte Luise das Annähen von Knöpfen am Tischtuch.
Die Prozession
Herr Kecker hat im Krieg ein Bein verloren und humpelt auf zwei Krücken gestützt durch die Stadt zu seinem Arbeitsplatz. Im Laufe der Zeit verändert sich sein Verhalten. Er wirkt launisch, ist mit nichts zufrieden und die Menschen sind unsicher, wie sie ihn behandeln sollen. Im Büro will man es ihm so bequem wie möglich machen und ihn unterstützen und er gibt immer mehr Aufgaben ab, lässt sich schließlich stöhnend auf einer Bahre durch das Haus und die Stadt tragen und gibt den Trägern immer neue Anweisungen. Die Bewohner reagieren unterschiedlich, die einen sind mitleidig hilfsbereit und gehorchen seinen Launen, die anderen fühlen sich ausgenutzt: „Was der aus seinem Invalidentum herausholt […] Der versteht es, Vorteile aus seinem Nachteil zu zieht!“[5] Am Tag der Prozession lässt er sich genau vor dem Stadtpfarrer unter dem Baldachin über die Straße tragen, stoppt mit entblößtem Beinstumpf und dem Ruf „Ich habe den Krieg nicht gewollt!“[6] den zweiten Teil des Zuges, bringt die Ordnung und die Andacht durcheinander und schreit: „Frömmlinge die! Inquisitorengesocks […] Mich ausquetschen wollen! Mich! Kein Sterbenswörtchen werden sie erfahren! […] Auch nicht mit solchen Methoden!“[7]
Die Schafe
An einem Sonntag fährt Familie Leinlein mit der Straßenbahn bis zur Endstation und wandert dann durch die Landschaft. Ein Heer von Ausflügler lagert und picknickt halbnackt in den Wäldern, liebt sich in den Büschen und streitet sich um die Plätze für ihre Hängematten zwischen den Bäumen.
Die Szenerie wandelt sich, vielleicht im Schwindelanfall Lothars, ins Surreale, als ein bärtiger Mann mit Tropenhelm auf einen Baum steigt und eine apokalyptische Rede vom Ende hält: „Wir haben jede Orientierung verloren! Keiner hat sie gezählt die Tage […] da wir uns durch dieses Dickicht schleppten und schlugen, da wir suchten nach einem Ausweg […] Was soll der Irrwitz, sich einzureden, dass es hieraus eine Rettung gäbe? […] Ich sehe meine Gefährten auf ihre entblößten Leiber einschlagen! Darüber hinweg, ihren verzerrten Gesichtern zu […] kriechen sie, rote riesige Ameisenkolonnen! […] Sie machen ihre Opfer blind, ehe sie ihre Kiefer in die Haut hauen, ehe sie sich festhaken, hineinfressen, Gänge graben und verschwinden […] Sie schaffen aus den Gängen Fleischstücke ins Freie […] stückweise, meine Gefährten, und entfernen sich, so lautlos sie sich genähert haben.“[8]
Während ihrer weiteren Wanderung fühlt sich Lothar vom langen Laufen schwindlig und muss sich hinlegen. Er sieht Doktor Trautbert auf eine in der Nähe weidende Schafherde zugehen, um sie während der Abwesenheit des Schäfers zu beschützen, aber einige Tiere laufen auf ihn zu, stoßen ihn um, legen sich auf ihn und drohen ihn zu erdrücken. Der hinzukommende Schäfer rettet ihn. Während der Arzt im Weggehen „Sie sollten sich ihrer Tiere schämen“ ruft, bedeckt der Schäfer mit beiden Händen sein Gesicht und kichert.[9]
Die Ruderer
In einer traumartigen Szene suchen Leinlein und Lothar in der Stadt nach seiner Mutter. Sie kommen an einer Metzgerei vorbei, wo die Kunden an diesem Tag kostenlos verköstigt werden und sich mit Würsten vollstopfen. Lothar meint in der Menge seine Mutter entdeckt zu haben und folgt der Frau zum Fluss. Dort sieht er Ruderer, die für eine Regatta trainieren, und die sie ebenfalls beobachtenden Passanten am Ufer. Er spekuliert über deren Beziehungen und reflektiert in langen kafkaesken „vielleicht-möglicherweise-Gedankenspiralen“ über sich und die anderen: „‚Was werfen sie ins Wasser?‘ rufe ich einem Ruderer zu […] und weise, damit dem Ruderer meine Frage verständlicher wird, den Arm hebend und senkend auf die Brücke, auf das Wasser, ich sehe den am gegenüberliegenden Ufer den Arm heben und senken und auf die Brücke und auf das Wasser weisen, als wolle er wie ich wissen, was sie ins Wasser werfen, als wolle er wie ich, indem er den Arm hebt und senkt, dem Ruderer seine Frage verständlicher machen […] ‚Was? Was?‘ ruft der Ruderer. Er dreht dem gegenüber, mir den Kopf zu […] ohne eine Antwort auf meine Frage, auf die Frage dessen gegenüber, ohne eine zweite Frage nach meiner Frage, nach der Frage dessen gegenüber, falls der gegenüber überhaupt etwas gefragt hat, denn ich habe nichts gehört und der Ruderer hat nichts verstanden, lässt sich weiter nach links treiben, der Ruderer, vielleicht, weil er glaubt, dass der gegenüber und ich nicht ihm, sondern dass wir einander eine Frage gestellt hätten. […] Ich wende mich im Gehen nach dem gegenüber um, um zu sehen, ob er sich im Gehen nach mir umwendet, sehe ihn im Gehen sich nach mir umwenden, um zu sehen vielleicht, ob ich mich im Gehen nach ihm umwende. Und wir sehen uns im Gehen nacheinander umwenden. Und wir drehen hastig die Köpfe den Bänken zu, das heißt ich wende mich nicht mehr um und kann nicht wissen, ob er sich umwendet, so wie er, falls er sich nicht mehr umwendet, nicht wissen kann, ob ich mich umwende, so wie er, falls er sich umwendet, weiß, dass ich mich nicht mehr umgewendet habe. Ich setzte mich auf die Bank. Ich sehe den gegenüber auf der Bank sitzen, wie er mich sich gegenüber auf der Bank sitzen sehen müsste…“[10]
Sein Vater taucht auf, macht ihm Vorwürfe, dass er weggelaufen ist, und nimmt ihn mit nach Hause, wo „eine Frau“ auf ihn wartet und verfremdet das gewohnte Mittagessenritual abläuft: „‘Iss jetzt‘, sagt[-] die Frau in ihr Essen hinein, ‚und sieh dem Vater nicht beim Essen zu, das verdirbt ihm den Appetit‘“. Dann schaut sie ihn verwundert an und fragt: „Wer bist du denn?“[11]
Der Herr
Während seines Aufenthaltes bei der Großmutter hat Lothar traumartige Erlebnisse. Zuerst beschreibt er mit Goldrahmen verzierte Buchstabenbilder, deren Schrift „vielleicht nicht nur für [ihn], sondern auch für einen, der lesen kann, schwierig“ zu erkennen ist. Seine Versuche scheitern, einen Satz zu finden, „der etwas besagt, etwas vielleicht, das zu wissen [ihm] nützlich wäre“.[12]
Am Nachmittag kommen, wie an jedem Sonntag, die drei Schwestern der Großmutter, Martha, Maria und Minna, um mit „dem Herrn“ Kaffee zu trinken. „Der Herr“ ist eine mit dem Festanzug von Lothars Großvater bekleidete Christusfigur, welche die Frauen an einer Landstraße, wo sie von den Passanten nicht beachtet wurde, von seinem Kreuz befreit und in die Wohnung der Großmutter gebracht haben. Sie wurden wegen Diebstahls angeklagt, aber als geistig verwirrt freigesprochen, und da niemand das Kruzifix haben wollte, blieb es bei ihnen. Jetzt erwarten die Damen wegen ihrer von der Bevölkerung erlittenen Verspottung und Ausgrenzung eine Würdigung und stellen dem Gast die Frage: „Wer seid Ihr denn, Herr?“ Da er jedoch weiterhin schweigt, nageln sie ihn wieder ans Kreuz. „‚Was sein muss‘, singen die vier Schwestern, ‚das muss sein!‘ Sie fallen auf die Knie. Sie falten die Hände.“[13]
Die Insassen
Lothar begleitet seine Großmutter zu einer Alkoholiker-Entwöhnungsanstalt, um ihren Sohn, seinen Onkel, abzuholen. Sie laufen durch ein als Mülldeponie genutztes ehemaliges Flughafengelände mit Ruinengebäuden. Scharen von alten, humpelnden Leuten durchsuchen die Schutthalde nach zum Verkauf oder Tauschhandel brauchbaren Materialen.
In der durch eine hohe Mauer von der Deponie getrennten Anstalt, die gerade von Malern weiß angestrichen und mit einem Kuhbild verschönt wird, spielen die „Trunksüchtigen“ pantomimisch ein Gelage und torkeln als Betrunkene herum. Andere sitzen auf der Terrasse, wo für sie „hübsche Volksweisen“ gespielt werden, und bekommen Milchtüten gereicht. Sie wehren sich dagegen, fordern Alkohol und es kommt zu einer Randale mit chaotischen Zuständen: nicht nur die Patienten, sondern auch einige Maler und Musikanten werden von den Pflegern stillgespritzt und in die Schlafsäle zur „Mittagsruhe“ gelotst. Jetzt kann die Großmutter ihren auf seinem Bett gefesselten und geknebelten Sohn sehen. Er wird von seiner Pflegerin, seiner Verlobten, losgebunden und darf mit seiner Mutter die Anstalt verlassen. Ihr Weg führt sie an links und rechts einer schnurgeraden Straße gereihten kleinen graugrünen Siedlungshäuser am Stadtrand vorbei. „Du kannst nun wieder von vorn anfangen“, sagt meine Großmutter zum Bräutigam. „Und der Bräutigam antwortet[-], dass er nun wieder von vorn anfangen könne. ‚Du musst alles wieder gutmachen‘, sagt[-] meine Großmutter“.[14]
Der Achte
Nachdem Lothar vom Fenster aus die Passanten und ihre Hunde beobachtet hat und in Halluzination seinen Bandwurm auf dem Küchenboden herumkriechen sieht, ruft seine Großmutter ein Taxi, das ihn zu seinen Eltern zurückbringen soll. Obwohl sie dem Fahrer versichert, ihr Enkel habe „etwas Übles angerichtet“, weigert er sich, den Auftrag auszuführen, da er nicht weiß, ob „dieser Herr Leinlein sein Vater ist und nicht ein Feind seines Vaters, der [ihm] zuruft: ‚Sein Anblick ist mir unerträglich wie der seines Vaters! Schaffen Sie ihn fort, ehe ich in Wut gerate!‘“[15] Die Großmutter könne sich glücklich preisen, dass sie so einen dünnen, schwachen Enkel habe, mit dem man leicht fertig werden könne. Als Gegenbeispiel erzählt der Taxifahrer die Tragödie seines Bruders, der für seine sieben wohlgenährten Kinder hungere, Tag und Nacht arbeite und nicht verhindern könne, dass sie sich in immer wieder neuen Konstellationen gegenseitig brutal bekämpfen. Bei einem Versuch, die Streitereien zu beenden, seien die Eltern zwischen die Fronten geraten, von den Sieben gefesselt und zur Zeugung eines achten Kindes gezwungen worden. Nachdem die Kinder von den Eltern sieben Tage lang, auch am Sonntag, verprügelt und nur, weil sei keine Kraft mehr hatten, nicht erschlagen wurden, hätten sie damit gedroht, mit derselben Methode ein neuntes Kind zu erzwingen.
Die Hochzeit
Die Hochzeit von Lothars Onkel wird in einem großen Saal gefeiert, der von den Nachbarn einsehbar ist, wodurch sie die Zeremonien verfolgen und kommentieren können: „In den Spiegeln ist die Hälfte der Anwesenden und des im Saal Vorhandenen sichtbar. Die andere Hälfte der Anwesenden und des im Saal Vorhandenen ist durch die Fenster für die in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses liegenden Zuschauer sichtbar“:[16]
Die Gäste suchen ihre Plätze, das Brautpaar genau unter dem auf einem großen Gemälde einer Hochzeitstafel abgebildeten Brautpaar, sie posieren für das Hochzeitsgesellschaftsbild, verspeisen die drei Gänge des Hochzeitsessens, beglückwünschen die weinende Braut, die von sich behauptet, kein Vielfraß zu sein. Dann spielt eine Viermann-Kapelle mit einem singenden Kapellmeister zum Tanz auf. Ein Gast prognostiziert den Alltag des Bräutigams: „Anstrengend wird seine Arbeit tagsüber sein. […] Die Arbeit wird soviel einbringen, dass er mit seinem Einkommen auskommen kann. Zu Fuß wird er den weiten Weg vom Betrieb zu seiner Wohnung eilig zurückgehen […] Eines Tages wird er wohl zusammenbrechen. Wenn er eines Tages Urlaub haben wird, wird er sich erholen. Hauptsache ist, er hat etwas zu tun. So wie er war, konnte es nicht weitergehen. […] Aber zu etwas wenigstens wird er es wohl bringen müssen.“[17]
Allmählich löst sich die Gesellschaft auf. Als Lothar die Frage eines Gastes hört, ob er nicht der kleine Leinlein sei, erscheint es ihm „[r]atsam […], diesen Saal zu verlassen“ und er geht mit den Worten: „Ich verlasse den Saal“.[18] Zum Schluss erfährt Lothar von einem Kellner, welche Zahl nach zehn kommt, was ihm sein Stiefvater nicht verriet, weil Kinder bei Tisch nicht sprechen dürfen.[19]
Rezeption und Interpretation
Elsener 1964 erschienener Erstlingsroman wurde kontrovers rezipiert: teils abgelehnt, in Österreich zeitweilig als jugendgefährdend eingestuft, teils hoch gelobt[20] und im Erscheinungsjahr mit dem „Prix Formentor“ und dem Julius-Campe-Preis ausgezeichnet. In der Schilderung von Hans Platschek, Elsners damaligem Lebensgefährten, „war die Hölle los, nach Giselas Preis. Von Salzburg nach München […], dann Zürich, dann Rom, wo Tag für Tag mindestens zehn Journalisten auftraten, fragten und photografierten, sodass wir die Flucht ergriffen […].“ Die italienische Presse veröffentlichte die ersten umfassenden Interviews mit der Autorin und prägte auch den Vergleich mit Cleopatra à la Liz Taylor, der Elsner ein Leben lang begleiten sollte als „schreibende Kleopatra“.[21]
Die Ablehnung bezog sich nicht nur auf den Inhalt, sondern auch die schonungslos sprachartistisch-satirische Gestaltung: Zu herb und ungeschönt sei der Ton des Buches.[22] Mit den Riesenzwergen begann der Ruf der Autorin als einer „Humoristin des Monströsen“ (Enzensberger): „In Momentaufnahmen von lapidarer Eindringlichkeit“ schildere die Autorin „Symptome der Unmenschlichkeit, Tarnformen sozialer Vergewaltigung“. Sie habe eine „grausames Buch“ geschrieben, „doch nicht grausamer als die Welt, von der es Zeugnis ablegt.“ Vor allem sei es „kein böses oder gar frivoles Buch“. Wenn es böse sei, „dann allein aus einem tiefen Erschrecken.“[23] Elsner beschreibe das morbide Innenleben des bundesdeutschen Kleinbürgertums, hinter dessen Fassade aus Pflichtbewusstsein, Akkuratesse und Anstand sich ein Abgrund menschlichen Verfalls auftue.[24]
Die weiteren Romane und Erzählungen der Autorin waren weniger erfolgreich und 1991 warf sie dem Rowohlt Verlag die „Verramschung“ ihres Werkes vor. Nach dem Film Die Unberührbare (2000) stieg das Interesse der Öffentlichkeit wieder an ihrem Werk: 2001 legte der Aufbau-Verlag die Riesenzwerge neu auf und der Berliner Verbrecher Verlag begann 2002 mit einer Werkausgabe. So kam es ca. 35 Jahre nach der Erstpublikation zu einer Neubewertung des Romans: Einerseits kann Moritz die heftigen Reaktionen, die das Buch seinerzeit ausgelöst hat, heute kaum nachvollziehen. Der Roman habe für heutige Leser seine „aufreizende Schärfe verloren“, sei nur noch von literarhistorischer Bedeutung und auch „künstlerisch“ wenig befriedigend.[25] Andererseits sieht Ruschky in Gisela Elsner mit ihrer „ungebändigten Lust an der Groteske“ eine ältere Schwester Elfriede Jelineks und ist darüber erstaunt, dass die Feministinnen, obwohl die Autorin das Label „Frauenliteratur“ als diskriminierend ablehnte,[26] sie noch nicht schon längst für sich entdeckt haben.[27]
Dresler untersucht den von Ruschky in der Rezeption vermissten feministischen Aspekt bei ihrer Fokussierung auf die Fressorgien-Metaphorik im Roman:[28] „Der Verzehrvorgang ist gleichsam ein gewaltsamer Akt des Einverleibens.“ Und dabei demonstriere der Vater seine Macht: „Der „Ernährer der Familie“ hat auch am meisten Anspruch auf das Essen – ist auch in seiner Vormachtstellung ein Kannibale, der das Recht der anderen Familienmitglieder vertilgt. Der Akt des Essens, der in Tischmanieren äußerlich kultiviert wird, wirkt zugleich roh und archaisch. Die Mutter ist demgegenüber eine schlechte Esserin und hat Angst vor dem Urteil ihres Mannes, dass das Mahl recht war.“ Elsner zeichne hier „ein bitterböses Bild der heilen, patriarchischen Familie, der fürsorglichen Mutter und verantwortungsvollen Hausfrau und des zuverlässigen Ernährers und ordnungswahrenden Familienoberhauptes.“
Ein anderer Aspekt der Interpretation ist der Einfluss des Malers Hans Platschek, mit dem Elsner zusammenlebte, als sie neun der zehn Episoden.[29] schrieb, und der 1964 mindestens fünf in Anlehnung an Romankapitel benannte Gouachen zu den Riesenzwergen mit dem Titel „Lothar Leinlein schreibt an Gisela“ anfertigte. „Vor diesem Hintergrund lassen sich Die Riesenzwerge auch als Auseinandersetzung mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Literatur und bildender Kunst lesen.“[30]
Literatur
- Dorothe Cremer: Ihre Gebärden sind riesig, ihre Äußerungen winzig. Zu Gisela Elsners Die Riesenzwerge. Schreibweise und soziale Realität de Adenauerzeit (Frauen in der Literaturgeschichte, 13). Centaurus-Verlag Herbolzheim, 2003.
- Christine Künzel: Ich bin eine schmutzige Satirikerin. Zum Werk Gisela Elsners (1937-1992). Ulrike Helmer Verlag Sulzbach/Taunus, 2012.
- Michael Peter Hehl und Christine Künzel (Hrsg.): Ikonisierung, Kritik, Wiederentdeckung. Gisela Elsner und die Literatur der Bundesrepublik. edition text & kritik München, 2014.
Anmerkungen
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 181.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 7, 33.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 62.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 245.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 99.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 119.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 121.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag: Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 141 ff., 143 ff.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 156.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 170 ff.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 181.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 185, 192.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 185, 213.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 185, 213.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 259.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 268.
- ↑ Gisela Elsner: . Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 299, 300.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 300.
- ↑ Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. S. 8.
- ↑ Rainer Moritz, Neue Zürcher Zeitung, 5. Januar 2005.
- ↑ Christine Künzel: Gisela Elsner und Hans Platschek – eine Autorin und ein Maler abseits des Mainstreams. https://www.giselaelsner.de/wp-content/uploads/2024/02/Gisela-Elsner-und-Hans-Platschek-–-eine-Autorin-und-ein-Maler-abseits-des-Mainstreams.pdf
- ↑ Evelyne Polt-Heinzl: Zu früh geboren, zu früh gestorben. Gisela Elsners literarisches Schaffen im Kontext ihrer Zeit. In: Neue Zürcher Zeitung, 29. März 2003, Online-Version. https://www.nzz.ch/article8PF61-ld.251295
- ↑ Günter Blöcker, Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zitiert in: Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Rowohlt Reinbek bei Hamburg, 1968. Rückseite.
- ↑ In: Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Beitrag. Nachwort von Hermann Kinder. Aufbau Verlag Berlin, 2001, Klappentext.
- ↑ Rainer Moritz, Neue Zürcher Zeitung, 5. Januar 2002.
- ↑ Gisela Elsner: Autorinnen im literarischen Ghetto. In: Kürbiskern. 1983, H. 2, S. 136–144.
- ↑ Katharina Rutschky, Frankfurter Rundschau, 2. Mai 2002.
- ↑ Literaturportal Bayern. Nastasja S. Dresler (Monacensia im Hildebrandhaus München, wo der schriftliche Nachlass von Gisela Elsner liegt): Virtuosin des Ekelhaften. Demontage des Bürgertums: Gisela Elsner. https://www.literaturportal-bayern.de/themen?task=lpbtheme.default&id=1244
- ↑ Der in der Endfassung als letzter Teil publizierte Text „Die Hochzeit“ wurde bereits im März 1959 fertiggestellt.
- ↑ Christine Künzel: Gisela Elsner und Hans Platschek – eine Autorin und ein Maler abseits des Mainstreams. https://www.giselaelsner.de/wp-content/uploads/2024/02/Gisela-Elsner-und-Hans-Platschek-–-eine-Autorin-und-ein-Maler-abseits-des-Mainstreams.pdf