Die Pazos von Ulloa
Die Pazos von Ulloa (spanischer Originaltitel: Los Pazos de Ulloa) ist ein Roman von Emilia Pardo Bazán (1851–1921), der erstmals im Jahr 1886 veröffentlicht wurde. Er bildet ein Diptychon mit dem Buch La madre naturaleza.
Es handelt sich innerhalb des spanischen literarischen Realismus um einen Roman, der die naturalistische Strömung durch Beispiele erläutert. Dabei widerspiegelt er die Akzeptanz der positivistischen Theorien, die von dem französischen Schriftsteller und Vater des Naturalismus Émile Zola auf die Literatur angewandt wurden.
1985 wurde er für das spanische Fernsehen unter der Leitung von Gonzalo Suárez adaptiert.
Handlung
Die Geschichte spielt im ländlichen Galicien Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die Hauptfigur ist Julián Álvarez, ein sanftmütiger, zarter und tief religiöser Priester, der als Kaplan auf das Gut des Marquis von Ulloa, des arroganten Pedro Moscoso, berufen wurde. Das Haus des Marquis ist fast eine Ruine, doch Don Pedro kümmert sich nur um die Jagd und überlässt die tägliche Verwaltung des Guts seinem Majordomus, dem gerissenen Primitivo. Julián ist schockiert, dass ein Adliger einen so schurkischen Charakter wie ihn seine Angelegenheiten regeln lässt, und noch mehr beunruhigt ihn die Tatsache, dass Primitivos schöne Tochter Sabel die Mutter von Don Pedros unehelichem Sohn Perucho ist.
Während er auf dem Gut Ulloa lebt und versucht, die lange vernachlässigten Angelegenheiten des Marquis zu ordnen, wird Julián immer desillusionierter von seiner Rolle. Es gelingt ihm nicht, Primitivo und Sabel loszuwerden; das Haus ist ständig von Gaunern und Vagabunden bevölkert; und indem er nicht handelt, hat er das Gefühl, die illegitime Verbindung des Marquis mit Sabel offiziell zu billigen.
Schließlich schlägt Don Pedro Sabel brutal, nachdem sie auf einem Fest mit einem anderen Mann getanzt hat, verbannt sie aber nicht vom Gut. Der Marquis gesteht Julián, dass er Angst vor Primitivo hat, der durch seine Verbindungen zu den Bauern und seine rücksichtslosen Methoden der eigentliche Herr des Guts ist. Auch Don Pedro wird durch Sabel von Primitivo kontrolliert. Julián überredet den Marquis, sein Leben zu ändern und in die Stadt zu reisen, um eine Frau zu finden.
Don Pedro und Julián reisen nach Santiago, wo sie vom Onkel des Marquis, der auch Juliáns Gönner ist, aufgenommen werden. Der Onkel hat vier Töchter, und Don Pedro beschließt, eine von ihnen zu heiraten. Zunächst fühlt er sich zu der üppigen und provokanten Rita hingezogen, die seine Annäherungsversuche erwidert, doch nach einem vertraulichen Gespräch mit Julián macht er Marcelina, genannt Nucha, einen Heiratsantrag – ein viel sanfteres und bescheideneres Mädchen. Nucha nimmt widerwillig an, was zu einem Zerwürfnis mit dem Rest ihrer Familie und ihren Schwestern führt. Sie heiraten und kehren auf das Gut Ulloa auf dem Land zurück.
Nucha wird bald schwanger und bringt, sehr zum Leidwesen von Don Pedro, ein Mädchen zur Welt. Er entfremdet sich von seiner Frau und schläft wieder mit Sabel. Ohne ihre Familie und von ihrem Mann entfremdet, widmet sich Nucha ganz ihrer neugeborenen Tochter; Julián leistet ihr Gesellschaft. Ihr geistiger und körperlicher Zustand verschlechtert sich, als sie den Verdacht schöpft, dass der Junge Perucho Don Pedros unehelicher Sohn ist. Auch Julián wird immer verzweifelter; er bemerkt Anzeichen körperlicher Misshandlung bei Nucha und gibt sich selbst die Schuld, diese Frau, die er für heilig und makellos hält, auf ein abgelegenes Gut gebracht zu haben, umgeben von Menschen, die sie nicht verdienen.
Don Pedro kandidiert bei den Provinzwahlen, doch obwohl Primitivo all seine List und Mittel einsetzt, um seinen Herrn wählen zu lassen, wird der Marquis besiegt. Die lokalen politischen Führer sind insgeheim überzeugt, dass Primitivo sie verraten hat. Don Pedro ist wütend über die Wahlniederlage, und Nucha, die gehofft hatte, dass sie nach Madrid ziehen könnten, falls er gewählt worden wäre, erkennt, dass es für sie auf dem heruntergekommenen Gut keine Zukunft mehr gibt.
Nucha bittet Julián um Hilfe, um zu ihrem Vater zurückzukehren. Während sie ihren Plan schmieden, informiert Primitivo Don Pedro über ihren Aufenthaltsort und befeuert das Gerücht, dass die beiden eine Affäre hätten. Don Pedro konfrontiert die beiden mit Gewalt; doch in diesem Moment wird Primitivo als Vergeltung für die Wahlniederlage erschossen. Als Julián sieht, wie Don Pedro droht, seine Frau zu schlagen, wehrt er sich endlich und verlässt das Gut für immer. Er wird in eine Bergpfarrei versetzt, wo er zehn Jahre lang mit großer Hingabe arbeitet und schließlich die Nachricht erhält, dass Nucha gestorben ist.
Im Epilog kehrt Julián auf das Gut Ulloa zurück, um seiner ehemaligen Herrin die letzte Ehre zu erweisen. Dort trifft er Nuchas Tochter und Perucho, die beide inzwischen erwachsen sind. Die Geschichte wird in dem Buch "La madre naturaleza" fortgesetzt.
Gattung
„Los Pazos de Ulloa“, das wichtigste Werk von Pardo Bazán, spiegelt die Widersprüche der Autorin und der Gesellschaft ihrer Zeit wider. Vorgeblich ist der Roman naturalistisch (und wurde von den Kritikern ihrer Zeit als solcher angesehen), beinhaltet auch Elemente des realistischen und sogar des gotischen Romans[1]. Die Absicht der Autorin war es, einen „katholischen Naturalismus“ zu schaffen, den man in einigen Elementen von Los Pazos de Ulloa deutlich erkennt. Einerseits macht ihn das „lymphatische Temperament“ von Julián zu jeder Art des Heldentums unfähig: das ist Naturalismus in seiner reinsten Form. Die Biologie bestimmt den Charakter. Nichtsdestotrotz und in gewisser Weise widersprüchlich, vollzieht sich die Kausalität in der Beschreibung von Nucha im umgekehrten Sinn. Die Gesundheit von Nucha litt wegen ihrer Hingabe. Als junge Frau erschöpfte sie ihre Kräfte, wenn sie ihren Bruder auf dem Arm trug. Danach erkrankte sie an Heimweh, als sie von ihm getrennt wurde. Die Bedeutung der Seele und der Emotionen in Nucha unterstützt die Überzeugung von Pardo Bazán (ausgedrückt in La cuestión palpitante), dass das menschliche Leben aus dem Verhängnis und dem Willen entsteht, während sich die Natur nur aus dem Verhängnis bildet[1].
Einzelnachweise
- ↑ a b The great Galician novel by Lauren Weiner. Abgerufen am 10. Mai 2023 (englisch).