Die Nelkenfalle

Die Nelkenfalle ist ein Roman der deutschen Autorin Christine Hoba, veröffentlicht im Jahr 2012 beim Mitteldeutschen Verlag in Halle (Saale). Nachdem der Mitteldeutsche Verlag das Buch aus seinem Sortiment nahm wurde das Buch wurde in 2025 durch den Unzeit Verlag erneut veröffentlicht.

Beschreibung

Ausgangslage und Rahmen

Der Roman spielt in der DDR und konzentriert sich auf den 8. März 1988, den letzten Frauentag vor der politischen Wende. An diesem Tag schenken Männer ihren Frauen rote Nelken, was im Buch eine symbolisch aufgeladene Bedeutung erhält. Die Handlung entfaltet sich vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen und politischen Drucks in der Endphase der DDR, wobei ein Mikrokosmos, die Belegschaft einer großen staatlichen Buchhandlung (eine „Volksbuchhandlung“) in Halle an der Saale den zentralen Rahmen bietet. Nachdem der anstrengende Tag in der Buchhandlung zu Ende gegangen ist, treffen sich die Kolleginnen und Kollegen zu einem Umtrunk im Versammlungsraum unter dem Dach. Am nächsten Tag ist nichts mehr wie es war. Die Hauptprotagonistin Diana kündigt, ihre befreundete Kollegin Bruni darf ausreisen, ein Kollege Bernd taucht nie wieder auf.

Inhalt (Handlung und Figuren)

Die Handlung kreist um mehrere Personen, deren Leben und Schicksale sich im Verlauf des Romans überkreuzen. Im Zentrum steht eine junge Buchhandlungsangestellte, Diana Jopek, obwohl die Erzählerin häufig zwischen verschiedenen Perspektiven wechselt und somit nicht ausschließlich ihre Ich-Erzählung darstellt. Weitere wichtige Figuren:

  • Brunhilde Wagenbach („Bruni“), sie ist verheiratet mit Tobias; sie hat einen Ausreiseantrag gestellt und erhält als eine der wenigen die Genehmigung. Ihr Ausstieg aus der DDR steht symbolisch für eine der existentiellen Optionen der Figuren.
  • Bernd Busch, ein Angestellter der Buchhandlung, der in der freien Zeit malt und davon träumt, an die Kunstakademie aufgenommen zu werden. Er arbeitet an einem aufwendigen, spiralartigen Bild, das metaphorisch wie eine „Zeitmaschine“ wirkt. Nach Fertigstellung dieses Bildes verschwindet Bernd spurlos, vermutlich Opfer des repressiven Systems der DDR.
  • Weitere Figuren: u. a. Kollegen und Kolleginnen der Buchhandlung, darunter der Geschäftsführer Albert Graf, sowie Nebenfiguren aus der informellen Kunstszene und einem prekären Umfeld, die stellvertretend für unterschiedliche Lebenswege, Hoffnungen und Ängste in der späten DDR stehen.

Die Charaktere sind durch verschiedenste Bindungen, beruflich, freundschaftlich, künstlerisch oder existenziell, miteinander verbunden. Die Erzählung verdichtet sich im Laufe des Romans zu einem Panorama der gesellschaftlichen und individuellen Verwerfungen kurz vor dem Ende der DDR.

Zeitsprung

Durch die Figur des Bernd Busch und dem was er nächtelang malt wird der Zeitsprung des Reigens eingeleitet. Eigentlich ist er Angestellter der Volksbuchhandlung. Aber nach Feierabend malt er. Es ist sein sehnlichster Wunsch, auf die Burg zu kommen, auf die Kunstakademie. Zu seiner Bewerbungsmappe fehlt ihm noch ein Bild. Dieses Bild ist eine Art Zeitmaschine. In der Nacht nach den Frauentagsfeierlichkeiten beendet Bernd die Arbeit an dem Bild. Er setzt das letzte, winzigste Farbquadrat und die Spirale beginnt sich zu drehen, dreht sich aus der Zweidimensionalität heraus, wird zu einem Trichter. Am nächsten Tag erscheint er nicht auf der Arbeit. Diana macht sich Sorgen und sie sucht in der Mittagspause zusammen mit Dagmar, einer Kollegin Bernds Wohnung auf. Sie finden seinen Mantel, seine Schuhe, aber er selbst ist verschwunden. Aber dann geht sie zu dem Maltisch, auf dem das Bild liegt. sie spürte das Oszillieren der Farben, ein Flimmern, das sie aufsaugen wollte, nach unten ziehen, tiefer und tiefer, kreisend in den Schlund hinein. Dagmar zieht sie an den Ellenbogen greifend aus dem Strudel. Nur scheinbar ist sie gerettet, in Wirklichkeit ist der Zeitsprung vollzogen und rafft die Zeit mit einem Exkurs über die Uhren die schneller gehen. Bruni wurde in den Westen geschickt, Bernd ist verschwunden, und in der Volksbuchhandlung herrscht gedrückte Stimmung. Das alte System ist am Ende. Die Autorin vollzieht hier einen drastischen Schnitt und beschleunigt das Erzähltempo merklich. Sie verfällt in einen hypotaktischen Stil mit paranthetischen Einschüben. Sätze, die kein Ende finden, kennzeichnen die reißende Entwicklung der Romanhandlung.

„Zwei Beamte in Zivil folgten, rissen Schubladen auf, suchten nach Zetteln und Briefen, ließen den bunt bemalten Karton auf der Zeichenmappe liegen, versiegelten die Tür, gaben die Vermisstenmeldung weiter, bis zu den Grenzen des Landes, wo man auf einen langen langsam schlendernden, mit den Armen schlenkerndem jungen Mann mit wirren Haar wartete, bis die Einwohner dieses Landes eines Tages an dieser mit Stacheldraht, Todesstreifen, Minen und Wachtürmen gesicherten Grenze rüttelten, weil sie porös geworden war.“

Christine Hoba: Die Nelkenfalle

Die Mauer fällt, und plötzlich ist der Westen allgegenwärtig. Was zuvor nur eine von mehreren Möglichkeiten im existentialistischen Karussell war, ist nun von einem Tag auf den anderen präsent – rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. In einer raschen Skizze überspringt die Erzählung zwanzig Jahre und erreicht das Jahr 2008.

Von der ursprünglichen Belegschaft ist nur noch wenig übrig. Bruni kehrt nach einem unruhigen Leben in der Medienbranche mit wechselnden Partnern und Wohnorten nach Deutschland zurück, einsam, unglücklich und schwer krank. Albert Graf, der ehemalige Leiter der Volksbuchhandlung, hat sich den Laden nach der Wende gesichert, lebt in einer komfortablen Wohnung und verbringt seine Zeit unzufrieden in diversen Bars. Die Luft ist klarer, die Fassaden frisch gestrichen, das Wasser in der Saale wieder sauber. Doch das Glück der Menschen hat sich kaum verbessert.

Der Bote

Ein phantastisches Element kehrt im Roman immer wieder und ist in die Handlung verwoben: Eine mysteriöse Figur, ein „Engel“ oder Bote außerhalb von Zeit und Raum, begleitet ausgewählte Personen (Diana und Bernd), dient als eine Art metaphysischer Beobachter und Hoffnungsträger. Dieses Element verbindet Realität mit surrealer, symbolischer Dimension und verleiht dem Roman eine zusätzliche Ebene. Beispielsweise rettet der Bote im schwaren Mantel zum Schluss in der Vorstellung Dianas Berni, den Sohn von Bernd Busch der mit einer Mappe auf dem Weg zur Akademie ist vor einem Verkehrsunfall. So ein Blödsinn, denkt sie (…) Sie steckt die Hände in die Manteltaschen und geht los.

Mit diesem Satz endet der Roman. Die Szene fungiert als abschließendes Motiv des Davongehens, das zugleich ein Bild innerer wie äußerer Bewegung erzeugt. Die in die Manteltaschen gesteckten Hände verleihen der Figur eine raumgeschlossene, fast in sich zurückgezogene Körperhaltung.

Themen und Motive

  • Ende der DDR und Systemdruck: Der Roman verhandelt existenzielle Entscheidungen: Ausreise, Anpassung, Anpassungsdruck, Widerstand, Flucht oder Versinken. Der 8. März 1988 dient als Brennpunkt dieser existenziellen Situationen.
  • Alltagsrealität und Betriebsklima im System: Die Buchhandlung als sozialer Mikrokosmos zeigt die Dynamiken von Macht, Missgunst, Solidarität, Angst und Hoffnung unter Menschen im „kleinen Alltag“ der DDR.
  • Kunst, Freiheit, Identität: Durch Figuren wie Bernd, aber auch durch Dianas Nähe zur Kunstszene zeigt Hoba, wie Kunst als innerer Ausweg angelegt ist, als Raum für Träume, Widerstand und Erinnerung.
  • Metaphysik und Hoffnung: Das Engelsmotiv und die spiralförmige Bildstruktur stehen symbolisch für Zeit, Erinnerung, Rettung und Verwandlung.
  • Wende und Nachwirkung: Wie wirkt das Ende der DDR auf die Menschen, auf diejenigen, die gingen, und auf diejenigen, die blieben? Was bedeutete Freiheit, und wie gingen die Figuren mit Freiheit, Enttäuschung und existenzieller Unsicherheit um?

Der Erste Satz

Der erste Satz: Der Bote kam mit dem Wind[1] eröffnet den Roman mit einer atmosphärisch verdichteten Szene, in der der Wind als Symbol für Bewegung und das Einsetzen narrativer Dynamik fungiert. Dieser wird im zweiten Satz als stinkender Brodem der Chemiefabriken aufgelöst und seines Pathos beraubt. Der Bote erscheint nicht nur als Figur, sondern als Träger einer bevorstehenden Veränderung, die durch die Naturkräfte vorangedeutet wird. Damit erfüllt der Satz die von Gérard Genette beschriebenen Funktionen eines Incipits, nämlich zugleich eine Stimmung zu etablieren, eine Erwartungshaltung beim Leser zu erzeugen und die narrative Energie des Textes einzuleiten. Es ist die Schwelle, über die man den Roman betritt.[2]

Bedeutung, Einordnung und Titel

Die Nelkenfalle zählt zu den literarischen Werken, die das Ende der DDR und die Lebenswirklichkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger aus einer subjektiven, mikrohistorischen Perspektive darstellen. Der Roman rückt eine Buchhandlungsbelegschaft in den Mittelpunkt und beleuchtet deren Alltag im Spannungsfeld zwischen Routinen, staatlicher Überwachung und politischer Repression. Thematisch prägend ist zudem das Motiv der Ausreise, das individuelle Konflikte ebenso wie strukturelle Bruchlinien der späten DDR sichtbar macht.

Durch vielfältige künstlerische und metaphorische Elemente entwickelt Christine Hoba einen vielschichtigen Beitrag zur DDR-Nach- und Erinnerungsliteratur. Der Titel verweist auf die Nelke, deren getrocknete Blütenstände an Nägel erinnern und damit Assoziationen des Festnagelns und Gefangenseins hervorrufen. Zugleich bricht der Roman die traditionelle Bedeutung der Nelke als Symbol der Arbeiterbewegung und der Frauenrechte und entlarvt sie als ambivalentes Zeichen innerhalb des repressiv dargestellten gesellschaftlichen Systems. Das Nelkenmotiv gipfelt in der Traumvorstellung, in einer Angst das hinter den modernden verfaulenden Nelken, sich der Leichnam von Bernd Busch verbirgt. Und dann verstand sie (Diana), dass es ihr eigener Totengeruch war. Sie war in eine Nelkenfalle geraten, die sie wie der Schlund einer fleischfressenden Pflanze verdauen wollte.[3]

Rezensionen

  • Detlef Färber schrieb in der Mitteldeutschen Zeitung am 25. Januar 2013 über die Buchpremiere: Der Roman »Die Nelkenfalle« werde als „höchst raffiniert, mit Rückblicken und Ausblicken virtuos angereichert“ geschildert; mit dem 8. März 1988 als symbolisch bedeutendem Tag der Handlung.[4]
  • Die Luzerner Zeitung erwähnte den Roman, er leuchte „sämtliche Schattierungen zwischen den Linientreuen und den Dissidenten“ aus.[5]
  • Anne Hahn schrieb im Weltexpress über Christine Hobas poetischer neuer Roman „Die Nelkenfalle“ es seien Vermummte Gestalten in freudloser Gangart. Ein Kompaktes, knapp geschnittenes Porträt einer Stadt und nahezu einer Generation ihrer Bewohner.[6]
  • Die Lesejury (Leser*innenrezension) betont die Hervorhebung der ungeschönten Darstellung der DDR als „Anti-Ostalgiebuch“ und die sprachlichen Präzision.[7]
  • Im Jahresbericht der Gedenkstätten Sachsen Anhalt 2020, wurde der Roman erwähnt, „Die Nelkenfalle“ beschreibt exemplarisch das Leben von Menschen in einer DDR-Stadt kurz vor dem Mauerfall. Redaktion: Kai Langer. laut wie leise, Halle. Druck: Quedlinburg Druck GmbH ISSN 2194-2315

Textausgabe

  • Christine Hoba: Die Nelkenfalle. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2013. ISBN 978-3-89812-982-4.

Einzelnachweise

  1. Christine Hoba: Die Nelkenfalle. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2013. ISBN 978-3-89812-982-4. Seite 5
  2. Gérard Genette: Seuils. Éditions du Seuil, Paris 1987, S. 7–20.
  3. Christine Hoba: Die Nelkenfalle. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2013. ISBN 978-3-89812-982-4. Seite 188
  4. Detlef Färber: Buchpremiere: Neuer Roman von Christine Hoba erschienen Mitteldeutsche Zeitung, 25. Januar 2023.
  5. Luzerner Zeitung, Dieter Langhart, 14.02.2014
  6. Weltexpress am 20.03.2013[1]
  7. [2] lesejury.de