Die Kiebitzensteiner

Die Kiebitzensteiner, vollständig mit dem Zusatz Satirisches Theater der Stadt Halle, ist ein in Halle (Saale) ansässiges Kabarett, das 1967 in der DDR gegründet wurde.

Geschichte

In Halle (Saale) gab es in den 1960er Jahren bereits Anläufe, ein Kabarett zu etablieren, aber weder der „Klingel“ noch den „Tiefsehbohrern“ gelang dies.[1] 1967 gründeten Henry Braun, Irmgard Braun-Trautmann, Karlheinz Loehmke und Rolf Thieme schließlich das seinerzeit fünfte Berufskabarett in der DDR. Alle waren gestandene Theaterleute; sie mussten sich auf die neue Präsentationsform umstellen. Braun übernahm die geschäftliche und künstlerische Leitung. Der Name „Kiebitzensteiner“ ist abgeleitet vom bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, der Burg Giebichenstein.[2]

Eröffnet wurde die Einrichtung am 20. Oktober 1967.[3] Das erste Programm hieß Der gute Mensch von nebenan, musikalisch begleitet von Hans Joachim Wenzel. Anfangs gab es zweimal in der Woche Vorstellungen. 1968 kristallisierte sich eine Stamm-Mannschaft, bestehend aus Braun und Braun-Trautmann sowie Siegfried Köhler und Horst Sonntag, heraus.[2] Letzterer brachte Erfahrungen aus den gescheiterten Kabarett-Anläufen mit.[1] In der Folge kamen zeitweise Sigmar Schramm und Karin Kellermann hinzu, ab 1975 Joachim Wenke.

Das siebente Programm mit dem Titel Girren ist menschlich markierte 1970 mit 109 Aufführungen vor 21.000 Besuchern den Durchbruch für das Kabarett. Die Neuproduktionen waren nun nicht mehr vom Zeitpunkt des Nachlassens des Publikumszuspruchs bestimmt, somit wurden längere Vorbereitungszeiten möglich,[2] was die Übernahme von Fremdtexten verringerte.[3] Nachdem das Hallesche Puppentheater, das das Kabarett als „Untermieter“ beherbergt hatte, durch einen Brand zerstört worden war, erhielten die „Kiebitzsteiner“ als Spielstätte den Rundsaal der Moritzburg. Der Saal in einem spätmittelalterlichen Turm bot 175 Besuchern Platz. Das Foyer war im Untergeschoss angesiedelt. 1973 wurde das Kollektiv der „Kiebitzsteiner“ mit dem Kunstpreis der Stadt Halle ausgezeichnet. Henry Braun wurde diese Ehrung 1977 noch einmal als Einzelperson zuteil. Besonders erfolgreiche Programme dieser Zeit, in der das Ensemble ausgesprochen stabil blieb, waren 1972 Spottakiade und 1973 Die Jugend haben wir hinter uns.[2]

1974 trat an die Stelle des bisherigen musikalischen Leiters Joachim Seidel, der 1969 eingestiegen war, der Händel-Preisträger des Jahres 1964, Wolfgang Hudy.[2][3] 1975 erhielt das Kabarett eine Dramaturgen-Planstelle, die mit Wolfgang Schrader besetzt wurde. Heinz Helm, der schon länger für die Gruppe schrieb, avancierte 1977 zum Hausautor. Zu den externen Beiträgern gehörten des Weiteren Hans-Joachim Lotze, Peter Seidel, Gunter Antrak und Dietrich Knak.[2] Unsere Ze(h)ntralschaffe trägt die „Zehn“ in sich, weil dieses Programm zum zehnjährigen Jubiläum zusammengestellt wurde.[2]

1979 verstarb erst Siegfried Köhler und kurz darauf Henry Braun. Die Leitung ging so auf „Irm“ Braun-Trautmann über, und das Sonderprogramm Dreißtigkeiten wurde durchgeführt.[2] Zum Ensemble stießen Gabriele und Helmut Reichhardt, Klaus Reichenbach und Arndt-Michael Schade. Im Herbst 1981 ging es mit neuer Leitung in die Spielzeit 1981/82: Hannelore Renner übernahm die Direktion und Horst Günther die künstlerische Leitung.[2] Als Neuzugang begrüßte man Ralf Novak.[4]

Noch vor der Wende übernahm Rolf-Jürgen Voigt die Leitung. Seiner Hartnäckigkeit gegenüber der SED-Parteiführung verdankten die „Kiebitzensteiner“ die Aufführung verbotsgefährdeter Programme. Er schaffte es ebenfalls in Verhandlung mit Vicco von Bülow „Loriot“-Sketche zu inszenieren.[5]

Es wurden zahlreiche Nachtprogramme angeboten, unter anderem Die Welt ist rund, denn dazu ist sie da (Erich Kästner, 1989), Ich sitze immer im falschen Zug (Friedrich Hollaender, 1996), Riesenblödsinn. Lachen mit Karl Valentin (2016). 1995 wurde außerdem unter dem Titel Wir leisten uns was das erste „Humor- und Satirefestival“ durchgeführt.[3]

Während der 1990er Jahre etablierte sich das Kabarett als führendes Theater der satirischen Kritik der Nachwendezeit. Neben den lokalen Aufführungen von Programmen wie Wir sind süß aber doof von Rudolf Nelson, Am besten fickt man erst und badet dann (in den alten Bundesländern als Über die Verführung von Engeln benannt) von Bertolt Brecht und Verdummt nochmal unter der Regie von Lothar Bölck wurden zahlreiche hauseigene Inszenierungen aufgeführt.

In dieser Zeit traten unter anderem SchauspielerInnen wie Astrid Bless, Ines Paulke, Carmen Hatscher, Gisbert Peter Terhorst, Detlev Nier, Bastienne Voss, Nuri Feldmann, Armin Mechsner (letztere beide bekannt von Aufführungen im Teutschen Theater Teuschtschenthal) und weitere auf. Die musikalische Leitung unterlag während dieser Zeitspanne über 20 Jahren der Pianistin Beate Bachmann, begleitet von dem Bassisten Albrecht Wiegner und dem Schlagzeuger Hansjürgen Pessel, später Henry Schlinke. Das Kabarett reiste durch ganz Deutschland, besonders das Programm von Bertolt Brecht wurde in annähernd 20 Städten in den alten und neuen Bundesländern aufgeführt.

Während der anhaltenden Kürzungen des Etats für kulturelle Einrichtungen des Landes Sachsen-Anhalts, konnte das Kabarett in seiner ursprünglichen Form in der Moritzburg nicht weiter gefördert werden. Indes gründeten sich zwei konkurrierende Organisationen, zum einen die weiterhin im Rundsaal der Moritzburg spielenden Künstler des Kabarett „Kiebitze“ sowie die „Kiebitzensteiner“, eine Gruppe aus weiteren DarstellerInnen und Verantwortlichen des Kabaretts. Nach Entscheidung des Stadtrates erhielt die Gruppe der Kiebitzensteiner, welche seitdem ihre Spielstätte in der halleschen Händelgalerie aufbauten, den finanziellen Zuschlag der Stadt.

Beide Kabaretts boten noch ein stabiles Programm, die „Kiebitze“ unter anderem mit Rente sich wer kann an. Im weiteren Verlauf musste der Verein der „Kiebitze“ erkennen, dass die finanzielle Situation es nicht mehr erlaubte, weitere Inszenierungen zu planen und umzusetzen. Der Verein „Kabarett, die Kiebitze“ wurde aufgelöst. Die andere „Riege“ des Kabaretts „Die Kiebietzensteiner in der Händelgalerie“ wurde weiter unterstützt.

Unter der Ägide von Voigt bezog das Kabarett dann im wiedervereinten Deutschland neue Räume in der Ankerstraße, einer Einkaufspassage.[5]

Nachdem das Palais S in der Ankerstraße durch einen massiven Wasserschaden zur Baustelle geworden war, verlegten die „Kiebitzensteiner“ 2021 ihre Spielstätte in den Volkspark Halle. Zu dieser Zeit begann die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Lars Johansen (* 1963).[6]

Ensemble

Das aktuelle Ensemble (Stand: 2025) setzt sich zusammen aus Stephanie Hottinger, Micha Kost, Reiner Schock, Malte Georgi, Lars Johansen und Oliver Vogt. Zeitweise gehörten Klaus-Dieter Bange, Annett Buchinski, Nuri Feldmann, Axel Gärtner, Horst Günther, Christian Gutowski, Anna Kureck, Gabi Müller, Silke Nawrodi, Andreas Neugeboren, Ines Paulke, Antje Poser, Klaus Reichenbach, Constanze Röder, Lydia Roscher, Susanne Schwab, Hartmut Tietz[3], Albrecht Wiegner und Barbara Zinn dem Ensemble an.

Programme (soweit ermittelt)

  • 1967: Der gute Mensch von nebenan
  • 1968: Auch Halle ist seine Preise wert
  • 1969: Diskretion – nicht unsere Sache
  • 1969: Mir nach, Medaillen
  • 1970: Schach unterwegs
  • 1970: Girren ist menschlich
  • 1971: Das klassische (H)Erbe
  • 1971: Des Pudels Kern
  • 1972: Spottakiade
  • 1973: Ein Frühlinksmärchen
  • 1973: Die Jugend haben wir hinter uns
  • 1974: Blick zurück nach vorn
  • 1975: Denk-Mal-Pflege
  • 1975: Ehrlich fährt am längsten
  • 1976: Da biste bedient
  • 1977: Unsere Ze(h)ntralschaffe
  • 1978: Eine Lachhilfestunde
  • 1979: Dreißtigkeiten
  • 1980: Mit Pauken und Moneten
  • 1981: Mit 80 Sachen
  • 1981: Kleines bißchen Stück
  • 1982: Wir infestieren
  • 1982: Spurensicherung
  • 1983: Achtung Zeitzünder
  • 1984: Es leben die kleinen Unterschiede
  • 1985: Wann wir streiten Seit an Seit
  • 1986: Lebensmarximen
  • 1987: Wo streben wir denn
  • 1987: 2000 und Deine Macht
  • 1988: Keine Zeit Genossen
  • 1989: Keine Müdigkeit vorschützen
  • 1990: Überlebenszeit
  • 1990: Wir werden die Maus schon fleddern
  • 1991: Im wilden Osten
  • 1991: Wer sind wir denn?
  • 2018: Politkicker und Satirezipfel
  • 2019: Kabarett-Mix 2019
  • 2021: Gel(i)ebte Dämokratie
  • 2022: Die Kabaretter
  • 2023: Deutschland ein Schauermärchen
  • 2024: Die Komiklinik
  • 2024: Gleich geschaltet
  • 2025: Sitzenbleiben!

Veröffentlichungen

  • Unbezahlbar, aber käuflich. 25 Jahre Die Kiebitzensteiner. Metrix, Halle (Saale) 1992 (1 Kompaktkassette).

Einzelnachweise

  1. a b Horst Jahns: Alltag bei Sonntag. Ein Kabarettisten-Porträt. In: Ernst Günther, Heinz P. Hofmann, Walter Rösler (Hrsg.): Kassette. Ein Almanach für Bühne, Podium und Manege (= Kassette). Nr. 6. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1982, S. 238–241.
  2. a b c d e f g h i Wolfgang Schrader: Eine „Fuffzehn“ bei den „Kiebitzensteinern“. Gespräch mit Irmgard Braun-Trautmann, einem der Gründungsmitglieder der „Kiebitzensteiner“ / Chronik der „Kiebitzensteiner“. In: Ernst Günther, Heinz P. Hofmann, Walter Rösler (Hrsg.): Kassette. Ein Almanach für Bühne, Podium und Manege (= Kassette). Nr. 6. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1982, S. 233–237.
  3. a b c d e Klaus Budzinski, Reinhard Hippen: Metzler-Kabarett-Lexikon. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 1996, ISBN 3-476-01448-7, Die Kiebitzensteiner, S. 187 f.
  4. Ralf Novak. Informationen. In: castupload.com. Abgerufen am 30. Mai 2020.
  5. a b Micha Kost: Nachruf Rolf Voigt. Am 18.10.2019 verstarb Rolf Voigt im Alter von 81 Jahren. In: kiebitzensteiner.de. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 18. September 2020; abgerufen am 30. Mai 2020.
  6. Kiebitzensteiner starten in neuer Spielstätte in Halle neu durch. In: Mitteldeutsche Zeitung. 31. August 2021. Abgerufen am 3. Oktober 2025.