Die Geschichte von den vier Freunden

Die Geschichte von den vier Freunden ist eine Geschichte aus Hundertundeine Nacht (→ Hundertundeine Nacht – Liste der Geschichten, HEN 13), dem kleinen Schwesterwerk von Tausendundeine Nacht (→ Tausendundeine Nacht – Liste der Geschichten).

Handlung

Zur Zeit des Kalifen Harun al-Raschid lebten vier Freunde. Der eine war ein Dieb, der zweite ein Fährtenleser, der dritte Tischler und der vierte ein Schütze. Sie kamen nach Bagdad und stiegen in ein Haus ein. Dort begegneten sie einem Mädchen, das so schön wie der Vollmond war. Sie fragten sie nach ihrem Namen, doch das Mädchen antwortete nicht. Da wollte ein jeder von ihnen, dass das Mädchen ihm gehöre. Um es unter sich auszumachen, entschieden, sie das Mädchen einzusperren und ein mächtiges Schloss vor die Tür zu hängen. Wer am nächsten Tag sich am listigsten und geschicktesten erwies, das Schloss zu öffnen, dem sollte das Mädchen dann gehören.

Am nächsten Morgen fanden sie jedoch keine Spur mehr von dem Mädchen. Der Fährtenleser war sich sicher, dass sie von einem Ifrit entführt worden war. Er folgte der Fährte, bis sie zum Ufer des Meeres kamen. Da baute der Tischler ein Schiff und sie fuhren auf dem Meer, bis sie zu einer Berginsel kamen, die aus dem Wasser ragte. Dort fanden sie tatsächlich das Mädchen wieder und auf ihrem Schoß lag der Kopf des schlafenden Ifrit. Da sorgte der Dieb dafür, dass sie das Mädchen entführten, ohne dass der Ifrit es merkte. Als sie jedoch wieder mit dem Mädchen auf dem Schiff waren, hörten sie einen mächtigen Schrei. Der Ifrit erhob sich in die Lüfte und stürzte sich dann hinab auf das Schiff. Doch der Schütze zielte genau und ein Pfeil ließ den Ifrit tot ins Meer stürzen.

Nun begannen die vier wieder um das Mädchen zu streiten und schlugen vor, den Kalifen Harun al-Raschid zum Richter über ihren Streit zu machen. So schmuggelten sie sich mit dem Mädchen in den Palast des Kalifen in Bagdad. Im Thronsaal waren der Kalif Harun und Sahl Ibn Harun, der Geschichtenerzähler und Poet eingeschlafen. Da trug der Dieb Sahl hinfort und nahm seinen Platz ein. Harun erwachte und bat um eine Geschichte, woraufhin der Dieb in Verkleidung von Sahl dem Kalifen ihre Geschichte erzählte und Harun entschied, der Dieb habe das meiste Anrecht auf das Mädchen. Doch die anderen waren damit nicht einverstanden und verlangten, dass ein weiteres Mal geurteilt wurde. Wieder entschied sich Harun für den Dieb. Nun stahlen sie sich davon. Erst jetzt bemerkten der Kalif und Sahl, was wirklich geschehen war und Harun ließ in ganz Bagdad nach dem Dieb suchen, der schließlich zum Kalifen ging und erzählte, was sich zugetragen hatte. Harun war verblüfft, verzieh dem Dieb, machte ihm zu seinem Meister des Geschichtenerzählens und teilte ihm das Mädchen zu.

Hintergrund

Die Geschichte spielt in der 53.–56. Nacht von Hundertundeine Nacht.[1]

Für ihre Übersetzung griff die deutsche Arabistin Claudia Ott auf das Aga-Khan-Manuskript aus dem Jahr 1234 zurück, es ist die älteste erhaltene Handschrift der Geschichten aus Hundertundeine Nacht.[2]

Die Figuren Harun al-Raschid (766–809, 5. Kalif der Abbasiden, reg. 786–809) und Sahl Ibn Harun sind reale historische Figuren.

Literatur

  • Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 134–140.

Einzelnachweise

  1. Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 134–140.
  2. Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 241.