Die Dame mit dem Hündchen
Die Dame mit dem Hündchen (russisch Дама с собачкой Dama s sobatschkoi) ist eine Erzählung des russischen Schriftstellers Anton Tschechow, die – im Herbst 1899 niedergeschrieben – im Dezemberheft 1899 der Zeitschrift Russkaja Mysl erschien. Die erste Übertragung ins Deutsche brachte Eugen Diederichs 1902 heraus.[1]
Handlung
Der Moskauer Bankangestellte Dmitri Dmitritsch Gurow wurde früh mit einer älteren Frau verheiratet, mit der er drei halbwüchsige Kinder hat und mit der er sich langweilt. Er nutzt jede Gelegenheit, alleine zu reisen. In der Gesellschaft von Männern fühlt er sich nicht wohl, aber er hat eine Liebesaffäre nach der anderen, die alle nicht lange dauern. Auf der Jaltaer Strandpromenade beobachtet er eine junge Frau mit einem Spitz, die ihn fasziniert. Es ist Anna Sergejewna von Diederitz, die Dame mit dem Hündchen. Die Petersburgerin Anna hat als Zwanzigjährige in die Provinzstadt S. geheiratet. Ihr Ehemann kann sie nicht zur Kur begleiten, weil er dienstlich verhindert ist. Anna verachtet ihren Ehemann, sie nennt ihn einen Lakai. Nach einer Woche gemeinsamer Spaziergänge werden sie ein Liebespaar.
Als Annas Ehemann erkrankt, muss sie nach Hause zurückkehren, und auch Gurow fährt zurück nach Moskau zu seiner Familie. Zum Jahreswechsel täuscht er seiner Frau eine Dienstreise nach Petersburg vor, fahrt aber in die Stadt S. Der Hotelportier weiß die Adresse des Hauses von Diederitz. Während eines Theaterbesuchs trifft er durch Zufall die überraschte Anna. Sie verspricht ihm, ihn in Moskau zu besuchen.
Anna belügt den Gatten, schiebt ihr Frauenleiden vor, fährt nach Moskau und steigt im Hotel Slawischer Basar ab. Dort trifft sie sich mit ihrem Liebhaber. Tschechow schreibt: „Und erst jetzt, da sein Kopf grau war,... liebte er tatsächlich – zum erstenmal in seinem Leben... und sie fanden es unbegreiflich, daß er mit einer anderen Frau und sie mit einem anderen Mann verheiratet war.“[2]
Historischer Hintergrund
Tschechow hat die Erzählung in Jalta geschrieben, als er sich dort auf Anordnung seines Arztes wegen seiner Tuberkulose-Erkrankung zur Kur aufhielt. Er hatte sich in die Schauspielerin Olga Knipper verliebt, die ebenso wie die Protagonistin des Romans wesentlich jünger als ihr Liebhaber war. Tschechow heiratete Olga Knipper während seines Aufenthalts in Jalta im Winter 1898/99.
Die Erzählung erschien erstmals im Dezember 1899 in dem Magazin Russkaja Mysl (Russischer Gedanke) mit dem Untertitel „Eine Geschichte“ (Rasskaz).[3] Seitdem ist die Erzählung in vielen Sammlungen abgedruckt und in mehrere Sprachen übersetzt worden. Sie gilt als eine der bekanntesten Geschichten des Autors.
Filmadaptionen
- 1960: Die Dame mit dem Hündchen. Sowjetischer Schwarzweiß-Spielfilm von Iossif Cheifiz mit Ija Sawwina als Anna Sergejewna und Alexei Batalow als Dmitri Dmitritsch Gurow. Alexei Batalow erhielt für seine schauspielerische Leistung den finnischen Jussi.
- 1987: Schwarze Augen. Italienisch-sowjetische Verfilmung von Nikita Michalkow mit Marcello Mastroianni und Jelena Safonowa nach Vorlage mehrerer Erzählungen von Anton Tschechow, darunter vor allem Die Dame mit dem Hündchen.
Rezeption
- Gorki verallgemeinert im Januar 1900 in einem Brief an den Autor über den Text: „Ihre Erzählungen sind feingeschliffene Flakons mit allen Aromen des Lebens darin.“[4] Er beobachtet weiter, Tschechow habe den Realismus in dem Sinne überwunden: Keiner könne so einfach schreiben wie Tschechow.[5]
- 16. Januar 1900. Nach Tolstoi stehe Nietzsche hinter dem Text.[6]
- Nabokov nennt sieben Merkmale.[7] Erstens verzichtet der Erzähler auf weit hergeholte Rahmung und trägt „möglichst natürlich“ vor. Zweitens bevorzugt der Erzähler bei der Charakterisierung der Figuren das Setzen von Schlaglichtern. Drittens möchte der Erzähler weder belehren noch irgendeine Botschaft transportieren. Viertens erscheint der Text weniger statisch als vielmehr dynamisch-schwingend. Fünftens werden die Niederungen und Höhen der wirklichen Welt gleichbehandelt. Sechstens wurde der Schluss offengehalten, weil die beiden Protagonisten weiterleben und -lieben wollen. Siebentens sollte der Leser aufmerken, sobald sich der Erzähler auf einen Abweg begibt. Denn dann wird mitunter etwas Bedeutsames indirekt mitgeteilt.
- Die Dame mit dem Hündchen ist das erste Buch, das Michael in dem Romans Der Vorleser für Hanna auf Kassette aufnimmt. Mit Hilfe dieses Buchs lernt die Analphabetin Hanna lesen.
- Im 21. Commissario-Brunetti-Krimi „Tierische Profite“ von Donna Leon wird mit der Wendung „Die Dame mit dem Hund“ auf Tschechow Bezug genommen.
Deutschsprachige Ausgaben
- Die Dame mit dem Hündchen. Zeichnungen von Richard Scheibe. Limes-Verlag, Wiesbaden 1946.
- Die Dame mit dem Hündchen. Späte Erzählungen 1893–1903. Aus dem Russischen übertragen von Gerhard Dick und anderen. Winkler, München 1977, ISBN 3-538-05226-3
- Die Dame mit dem Hündchen und andere Erzählungen. Mit Zeichnungen von András Karakas. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Werner Berthel. Aus dem Russischen von Reinhold Trautmann. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1976. ISBN 3-458-01874-3
- Die Dame mit dem Hündchen. Übersetzt von Kay Borowsky. Anmerkungen und Nachwort von Hans Walter Poll. Reclam, Stuttgart 1979, ISBN 978-3-15-005290-7
- Die Dame mit dem Hündchen. Aus dem Russischen neu übersetzt von Barbara Conrad. Mit einem Essay von Bernhard Schlink und Bildern von Hans Traxler. Insel-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-458-20005-5
- Die Dame mit dem Hündchen. Deutsch von Hertha von Schulz. S. 462–482 in Wolf Düwel (Hrsg.): Anton Tschechow: Die Dame mit dem Hündchen. Meistererzählungen. Rütten & Loening, Berlin 1967.
Literatur
- Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens: Meisterwerke der russischen Literatur. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-10-051503-X.
- Peter Urban (Hrsg.): Über Čechov. Diogenes, Zürich 1988 (Diogenes-Taschenbuch. 21244). ISBN 3-257-21244-5
Weblinks
- online im Projekt Gutenberg-DE. Übersetzt von Alexander Eliasberg
- online bei litmir.info (russisch)
- online bei Lib.ru/Klassiker (russisch)
- Einträge im WorldCat
Einzelnachweise
- ↑ Düwel in der Nachbemerkung zur Ausgabe „Die Dame mit dem Hündchen“. Berlin 1967, S. 599–600
- ↑ Die Dame mit dem Hündchen. Berlin 1967. S. 481.
- ↑ Surprised by love: Chekhov and "The Lady with the Dog" freelibrary.com, abgerufen am 26. Juni 2023
- ↑ Düwel zitiert Gorki in der Nachbemerkung der Ausgabe „Die Dame mit dem Hündchen“. Berlin 1967, S. 600.
- ↑ Urban zitiert Gorki, S. 205.
- ↑ Urban zitiert Tolstoi, S. 206
- ↑ Nabokov, S. 349–350