Dichterliebesreigentraum

Dichterliebesreigentraum ist eine Komposition von Henri Pousseur (1929–2009) für Sopran, Bariton, zwei Klaviere, vier Chorgruppen und kleines Orchester. Das Werk ist eine schöpferische Auseinandersetzung mit Robert Schumanns Liederzyklus Dichterliebe auf Texte von Heinrich Heine. Es wurde 1993 uraufgeführt.

Entstehung

Pousseur beschäftigte sich lange und intensiv mit Robert Schumanns Dichterliebe. Das Studium dieses Werks mündete 1982 zunächst in die Veröffentlichung einer der wichtigsten und detailliertesten analytischen Arbeiten zu Schumanns Liederzyklus: Schumann ist der Dichter. Fünfundzwanzig Momente einer Lektüre der „Dichterliebe“. Im Anschluss an die Analyse plante Pousseur über längere Zeit auch eine kompositorische Auseinandersetzung mit dem Werk. Ein Kompositionsauftrag des holländischen Rundfunks gab ihm Ende der 1980er Jahre den Anstoß, das Projekt zu verwirklichen. Der Dichterliebesreigentraum wurde 1993 beim Holland-Festival in Amsterdam uraufgeführt.[1.1]

Form und Stilistik

Schumanns Dichterliebe und Pousseurs Dichterliebesreigentraum

Pousseur orientiert sich an der Form der Dichterliebe und benutzt deren Texte und Musik als Material, das in kleine Einzelmotive gebrochen und neu kombiniert wird. „Der Schumannsche Heine-Zyklus ist ständig präsent, aber wie in einem Zerrspiegel. Seine Wahrnehmung erinnert an traumhafte, sich reigenartig wiederholende, aber doch variierende Reflexe von realen Erlebnissen.“[1.2] Das Werk wurde als „große Glosse der Dichterliebe[2] und, in Analogie zu Hans Zenders Werk Schuberts „Winterreise“, als „komponierte Interpretation“[3] der Dichterliebe bezeichnet.

Der Ausgangspunkt von Pousseurs Komposition sind die Ergebnisse seiner Analyse der Dichterliebe. Ein zentraler Aspekt dieser Analyse ist die Ordnung der Tonarten: alle Lieder Schumanns haben unterschiedliche Tonarten, die Tonarten aufeinanderfolgender Lieder sind immer quint- oder terzverwandt, und bei einer Fortsetzung müsste ein fiktives 17. Lied wieder die Tonart des 1. Liedes bekommen.[4] Im Zusammenhang mit den emotionalen Facetten des Textes beschreibt Pousseur diese Folge nicht einfach als kreis-, sondern als spiralförmig. Weitere wichtige Aspekte sind der offene, fragmentarische Charakter der einzelnen Lieder Schumanns und im Gegensatz dazu ihre vielfältigen gegenseitigen Bezüge und Verbindungen, sowohl in den Texten als auch in musikalischen Motiven und Gesten.[1.3]

Pousseur übernahm die Überschriften der Kapitel, in denen er in Schumann ist der Dichter jedes einzelne Lied der Dichterliebe analysiert, als Titel der Abschnitte seiner Komposition.

Übersicht

Der Dichterliebesreigentraum besteht aus 17 großen Abschnitten. Die ersten 16 sind jeweils einem der Lieder Schumanns zugeordnet. Dazu kommt ein Nachspiel, dessen Bezeichnung als postlude pianistique auf das ungewöhnlich ausgedehnte Klaviernachspiel der Nr. 16 bei Schumann anspielt, während Pousseur an diesem Teil aber nicht nur die Klaviere, sondern phasenweise das ganze Orchester und für wenige Schlusstöne auch die Sänger beteiligt. Die Abschnitte gehen ohne Pause ineinander über, die Aufführungsdauer beträgt ca. 65 Minuten.

Titel des Abschnitts bei Pousseur Gedicht bei Heine/Schumann
Désir d'amour (Liebesverlangen)[5] Im wunderschönen Monat Mai
Des oiseaux et des fleurs (Blumen und Vögel) Aus meinen Tränen sprießen
L'unique (Die Eine) Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne
Miroir taché d'amertume (Trüber Spiegel der Bitterkeit) Wenn ich in deine Augen seh'
Fièvre (Fieber) Ich will meine Seele tauchen
Madone rhénane (Rheinische Madonna) Im Rhein, im heiligen Strome
Vipère au sein (Die Natter im Herzen) Ich grolle nicht
Les coeurs brisés (Die gebrochenen Herzen) Und wüsstens die Blumen, die kleinen
La noce des autres (Die Hochzeit der anderen) Das ist ein Flöten und Geigen
Cloches à travers les larmes (Glocken durchdringen die Tränen) Hör ich das Liedchen klingen
La cinquième roue (Das fünfte Rad) Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Au balcon des pâles délices (Auf dem Balkon der schalen Freuden) Am leuchtenden Sommermorgen
La nuit profonde (Tiefe Nacht) Ich hab' im Traum geweinet
Réveil, oubli... (Erwachen, Vergessen ...) Allnächtlich im Traume
Les enchantements évanouis (Die entschwundenen Wonnen) Aus alten Märchen
Deuil du deuil (Trauer um die Trauer) Die alten, bösen Lieder
L'or enfin léger: postlude pianistique (Das endlich schwerelose Gold) ---

Musik

Pousseur beschäftigte sich seit ca. 1960 mit der Frage, wie Zitate aus historischen Werken in seine Kompositionen einzubeziehen und auf möglichst natürliche und organische Weise mit den modernen und seriellen Techniken zu verbinden seien, auf die er sich in früheren Werken beschränkt hatte.[1.4] Im Dichterliebesreigentraum geschieht dies durchgängig: die Motive aus Schumanns Zyklus sowie einige andere Schumann-Zitate werden als Material verwendet und neu gruppiert. Sie erklingen nacheinander oder auch gleichzeitig, wobei für ihre Anordnung serielle Verfahren herangezogen werden. Dabei wird zwar jedes der 16 Lieder nacheinander in einem entsprechenden Abschnitt „abgehandelt“, dabei aber überall auch Motive aus den anderen Liedern einbezogen. Jeder Abschnitt ist wiederum in 16 kleine Teile gegliedert, für deren Ablauf Permutationstechnik eine Rolle spielt.[1.5]

Text

Für jeden Abschnitt bildet der Text des entsprechenden Schumannschen Liedes die Materialgrundlage, aber er wird nicht in originaler Gestalt gesungen, sondern ähnlich behandelt wie die Musik Schumanns: er wird vielfältig vers- und wortweise aufgespalten und neu kombiniert, auch mit Zitaten aus den anderen Liedern und frei assoziierten Ausdrücken. Dazu treten Zitate aus weiteren Textquellen, z. B. aus dem Briefwechsel zwischen Clara Wieck und Robert Schumann sowie aus Friedrich Hölderlins Gedicht Mnemosyne. Gesungen wird der Text überwiegend in kurzen Ausschnitten von oft nur einem oder wenigen Wörtern, die auf die Sänger und Chorgruppen verteilt sind.[1.6]

CD-Produktion

Literatur

  • Henri Pousseur: Schumann ist der Dichter. Fünfundzwanzig Momente einer Lektüre der „Dichterliebe“. Zuerst in deutscher Übersetzung von H. R. Zeller in: Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn (Hrsg.): Musik-Konzepte, Sonderband Robert Schumann II, München 1982, S. 3–128. Das französische Original erschien als Schumann, le poète. Vingt-cinq moments d'une lecture de „Dichterliebe“, Paris 1993.
  • Peter Jost: Komponieren mit Schumann. Henri Pousseurs Dichterliebesreigentraum. In: Musiktheorie, 15. Jahrgang 2000, Heft 2, S. 121–136.

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Peter Jost: Komponieren mit Schumann. Henri Pousseurs Dichterliebesreigentraum. In: Musiktheorie, 15. Jahrgang 2000, Heft 2
    1. S. 127
    2. S. 136
    3. S. 123 ff.
    4. S. 122
    5. Detaillierte Beschreibung der seriellen Elemente: S. 127 ff.
    6. S. 133 ff.
  2. Marie-Isabelle Collart, Werkeinführung im Booklet zur CD Henri Pousseur: Dichterliebesreigentraum, Cypres 7602, S. 7
  3. Jörn Peter Hiekel: The compositional reception of Schumann’s music since 1950. In: Beate Perrey (Hrsg.): The Cambridge Companion to Schumann. Cambridge University Press, 2007, S. 265
  4. Die Tonart des ersten Liedes „Im wunderschönen Monat Mai“ ist nicht eindeutig und in der Literatur viel diskutiert. Die These, die Tonart sei fis-Moll, ist Voraussetzung für Pousseurs Verständnis der Tonartenanordnung des Zyklus.
  5. Deutsche Übersetzung der Titel nach H. R. Zellers Übersetzung der Kapitelüberschriften in Schumann ist der Dichter.