Heiligtum der Diana Nemorensis

Das Heiligtum der Diana Nemorensis ist eine archäologische Ausgrabungsstätte unterhalb des Ortes Nemi am Nemisee, 27 km südöstlich von Rom. Nemi war in der Antike eine bedeutende Kultstätte der Göttin Diana.

Schriftliche Überlieferung zum Kult

Der Name des Ortes leitet sich von dem lateinischen Namen des heiligen Hains, nemus Aricinum, ab; der zweite Namensbestandteil wurde namensgebend für den Nachbarort Ariccia.

Zentrum des Heiligtums war eine der Göttin Diana (gleichgesetzt der griechischen Göttin Artemis) geweihte Eiche, die von einem Priesterkönig, dem rex Nemorensis, bewacht wurde.[1] Dieser war ein entlaufener Sklave, der Tag und Nacht den Baum bewachte. Er hatte sein Amt so lange inne, bis es einem anderen Entlaufenen gelang, einen Ast von der Eiche zu brechen, damit den Kampf gegen ihn zu eröffnen, ihn zu töten und daraufhin seine Nachfolge anzutreten. Dieser Umstand war für die Antike so unüblich, dass Frazer vermutete, der Kult könne aus vorgeschichtlicher Zeit stammen.

Mythologie

In römischer Zeit galt der Hain von Nemi als die Heimstatt der Nymphe Egeria. Hippolytos, ein schöner Jüngling, hatte die Begehrlichkeit der Liebesgöttin Venus geweckt. Hippolytos sah sich allerdings als Jünger der Diana der Jagd wie der Keuschheit verpflichtet und blieb gegenüber dem Liebeswerben der Venus standhaft. Diese sann auf Rache und ließ seine Stiefmutter Phaidra in Liebe zu Hippolytos entflammen. Hippolytos wies sie aber ebenfalls ab. Phaidra behauptete gegenüber seinem Vater (und ihrem Gatten) Theseus, Hippolytos habe versucht, sie zu vergewaltigen, und beging sodann Selbstmord. Theseus verstieß seinen Sohn und bat Poseidon, Hippolytos zu töten. Der Meeresgott ließ ein Seeungeheuer los, das Hippolytos' Streitwagen zu Fall brachte, was Hippolytos tötete.

Diana veranlasste Asklepios, den Jüngling wieder zum Leben zu erwecken. Der Göttervater Jupiter verbannte Asklepios darauf in den Hades. Damit Hippolytos nicht gleiches widerfahre, versteckte Diana ihn bei ihrer Nymphe Egeria in Nemi, gab ihm ein paar Falten und umnebelte ihn mit einer Wolke. Der auferstandene Hippolytos nahm den Namen Virbius an und zeugte mit Egeria einen Sohn, der ebenso Virbius genannt wurde. Virbius war neben Diana eine der in Nemi verehrten Gottheiten.

Für die Römer war der Hain bedeutsam, da der Zweig, den ihr sagenhafter Stammvater Aeneas auf Anweisung der Sibylle vor seinem Abstieg in den Hades pflückte, von der Eiche in Nemi gestammt haben soll.

Archäologie

Aus dem Heiligtum sind zahlreiche Votivgaben bekannt, deren älteste in das 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. datieren. Im späten 4. Jahrhundert wurde ein erster monumentaler Tempelbau errichtet, der in den folgenden Epochen weiter ausgebaut wurde.[2]

Das Gelände der Ausgrabungen ist öffentlich nicht zugänglich.

Die archäologischen Ausgrabungen an dem Heiligtum begannen 1885 unter Beteiligung des damaligen Besitzers des Grundstücks, Fürst Filippo Orsini. Dieser schloss sich dafür zunächst mit John Savile Lumley zusammen, dem damaligen britischen Botschafter in Rom, mit dem er eine Fundteilung vereinbarte. Später setzte Orsini die Ausgrabungen mit anderen Partnern im Rahmen ähnlicher Kollaborationen fort.[3]

Deutung

Die Legenden, die sich um den Kult ranken, bildeten den Ausgangspunkt für James George Frazers Der goldene Zweig (englisch „The Golden Bough“, 1890–1915), ein monumentales Werk zur Religions- und Mythentheorie.[4]

Bei Ausgrabungen des Tempels der Diana durch Filippo Orsini in Zusammenarbeit mit John Savile Lumley wurden laut Frazer 1885 Votivgaben gefunden, die auf einen Fruchtbarkeitskult hindeuten – Frauen erbaten sich von der Göttin gesunden Nachwuchs.[5] Offenbar gab es regelmäßig einen Fackelzug junger Frauen zum Tempel; Frazer vermutete, dass zudem Vestalinnen eine ewige Flamme hüteten.

Literatur

  • Sculpture from the Sanctuary of Diana Nemorensis at Lake Nemi. In: Irene Bald Romano (Hrsg.): Classical sculpture: Catalogue of the Cypriot, Greek, and Roman stone sculpture in the University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology. University of Pennsylvania, 2006, S. 73–159.
  • Filippo Coarelli, Francesca Diosono, Giuseppina Ghini und Paolo Braconi: Il Santuario di Diana a Nemi. Le terrazze e il ninfeo. Scavi 1989–2009 (= Studia Archaeologica. Band 194). L'Erma di Bretschneider, Rom 2014, ISBN 978-88-913-0491-9.
  • Giulia D’Angelo, Alberto Martín Esquivel: P. Accoleius – Lariscolus (RRC 486/1). In: Annali dell'Istituto Italiano di Numismatica. Band 58, 2012, S. 139–160.
  • Pia Guldager Bilde: ‘Those Nemi Sculptures…’: Marbles from a Roman Sanctuary in the University of Pennsylvania Museum. In: Expedition Magazine. Band 40, Nr. 3, 1998, S. 36–47 (penn.museum).
  • J. Rasmus Brandt, Anne-Marie Leander Touati, Jan Zahle (Hrsg.): Nemi – Status Quo. Recent Research at Nemi and the Sanctuary of Diana (= Occasional papers of the Nordic Institutes in Rome. Band 1). „L’Erma“ di Bretschneider, Rom 2000, ISBN 8882651029.
Commons: Heiligtum der Diana Nemorensis – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Rex Nemorensis: The King of the Wood. Abgerufen am 25. Oktober 2025.
  2. Szilvia Lakatos: Bronze Statue of a Sacrificing Youth from Central Italy (= ΜΟΥΣΕΙΟΝ. Nummer 5). Museum of Fine Arts, Budapest 2022, ISBN 978-615-5987-66-3, S. 9–10.
  3. Szilvia Lakatos: Bronze Statue of a Sacrificing Youth from Central Italy (= ΜΟΥΣΕΙΟΝ. Nummer 5). Museum of Fine Arts, Budapest 2022, ISBN 978-615-5987-66-3, S. 11.
  4. Discentes: The Rex Nemorensis and the Cult of Diana at Nemi. In: Discentes. 16. April 2023, abgerufen am 25. Oktober 2025 (en-ZA).
  5. Pia Guldager Bilde: ‘Those Nemi Sculptures…’: Marbles from a Roman Sanctuary in the University of Pennsylvania Museum. In: Expedition Magazine. Band 40, Nr. 3, 1998, S. 36–47.