Deutscher Freiheitssender 29,8

Deutscher Freiheitssender 29,8 war ein Hörfunksender, der vom 10. Januar 1937[1] bis 28. März 1939 von Madrid in Spanien aus sendete und sich in deutscher Sprache an die Bevölkerung des Deutschen Reiches richtete. Der Name 29,8 resultiert aus der Wellenlänge von 29,8 Meter entsprechend der Kurzwellen-Sendefrequenz 10.067 kHz. Der Sender erweckte den Anschein, von Deutschland aus zu senden, was durch die Aktualität und das Insiderwissen infolge von Mitteilungen deutscher Kommunisten aus deutschen Betrieben, die über die damalige grüne Grenze via Frankreich nach Spanien gelangten, dokumentiert wurde.[2]

Gründung

Zwei deutsche Antifaschisten, der frühere kommunistische Abgeordnete des preußischen Landtags Franz Dahlem und der Journalist Gerhart Eisler, bekamen Anfang 1937 während des spanischen Bürgerkrieges von dem Informationsminister der Volksfrontregierung, Jesus Hernandez, die Erlaubnis, eine Rundfunkstation für antifaschistische Sendungen nach Deutschland aufzubauen. Der „Deutsche Freiheitssender 29,8“ konnte am 10. Januar 1937[1] mit den Worten: „Hier spricht der Sender der Deutschen Freiheitspartei!“ seine Arbeit aufnehmen.

Ziel des Senders

„Achtung! Achtung! Hier spricht der Deutsche Freiheitssender 29,8. Trotz GeStaPo! Sollten Sie uns an einem Abend nicht hören können, aus begreiflichen Gründen, so suchen Sie uns am nächsten Abend! Wir kommen immer wieder!“

Über eine Station in der Nähe von Madrid meldete sich zwischen Januar 1937 und März 1939 der Deutsche Freiheitssender 29,8. Er war täglich von 22 Uhr bis 23 Uhr auf Kurzwelle 29,8 Meter zu hören. Die Redaktion befand sich in Valencia, später in Barcelona. Sie wurde zunächst von Gerhart Eisler, dann von Hans Teubner geleitet. Als Sprecher fungierte Hanns Maaßen.[3]

Zunächst begründete sich der Freiheitssender 29,8 als Stimme der im Deutschen Reich verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD),[4] nach der Volksfrontkonferenz am 11. April 1937 in Paris meldete sich der Sender gar als „Großdeutscher Freiheitssender“[4] und stellte sich dem Pariser „Volksfrontkomitee“, auch als „Lutetia-Kreis“ bekannt, zur Verfügung. Durch diese Öffnung nach allen politischen Seiten wurde es möglich, dass viele berühmte deutsche und ausländische Persönlichkeiten mit literarischen Beiträgen über den Sender zu Wort kamen, so zum Beispiel Bertolt Brecht mit seinem politischen Gedicht An die Nachgeborenen, Willi Bredel, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Ernest Hemingway, der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch, Heinrich Mann und Thomas Mann, Erich Weinert und viele mehr.[5]

Der Deutsche Freiheitssender 29,8 verstand seine Aufgabe darin, die deutsche Bevölkerung über die wahre Natur des Nationalsozialismus aufzuklären. So berichtete er über den Einsatz der „Legion Condor“ in Spanien (am 26. April 1937 bombardierte die Legion Condor Guernica) und warnte eindringlich vor den Gefahren eines nahenden Krieges in Europa. Der Sender trat, entsprechend den Absichten des Pariser Volksfrontkomitees, für eine Volksfrontregierung in Deutschland ein.

Empfang mit Kurzwellenempfänger

Die antinationalsozialistische Exilzeitschrift Deutsche Informationen behauptete am 12. Oktober 1937, bereits seit Frühjahr habe es für Kurzwellenempfänger „in den deutschen Großstädten eine auffallende Kauflust“ gegeben, um „vor allem den deutschen Freiheitssender auf Welle 29,8“ zu hören. Bevorzugt würden Geräte mit „einem besonderen Kurzwellenstörungsschutz“. Die Naziseite war bemüht, den Empfang dieses Senders durch den Einsatz von Störgeräuschen zu beeinträchtigen; dem entging der Sender, indem er flexibel auf Nachbarfrequenzen auswich.[6]

Ende der Information

Im Zuge der Niederlage der republikanischen spanischen Regierung – Madrid fiel am 28. März 1939 – musste der Deutsche Freiheitssender 29,8 in der Nacht vom 10. auf den 11. März 1939[7] wegen der anrückenden Truppen General Francos endgültig seine Sendungen einstellen.[8] Den Rundfunkmitarbeitern blieb nur kurze Zeit zur Flucht. Sie gehörten zu den letzten, die die Stadt und Spanien verlassen konnten.

Neustart in Paris als Freier Deutschlandsender

Nach dem Ende des von Spanien aus betriebenen Freiheitssenders 29,8 wurde dessen Markenbezeichnung unter der Submarke Freier Deutschlandsender von französischen Stellen als Instrument der psychologischen Kriegsführung neu belebt. Der Sendebeginn erfolgte unmittelbar nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Redaktion, die in Paris saß, behauptete, das Sprachrohr einer von Deutschland aus operierenden Deutschen Freiheitspartei im Widerstand gegen Hitler zu sein. Zugleich wurde gegen den Stalinismus agitiert. Federführend für den Sendebetrieb waren in Frankreich lebende deutsche Exilanten undogmatisch-linker Prägung, die sich den Bekanntheitsgrad des Namens zunutze machten. Nur noch im Vorspann und in der Schlusssequenz wurde der ursprüngliche Sendername verbalisiert. Die Station verbreitete ihr deutschsprachiges Tarn-Programm auf der Kurzwelle 29,8 Meter sowie zusätzlich auf Welle 40,9 Meter. Es wurde von Werner Thormann und wahrscheinlich auch von Willi Münzenberg betrieben. Thormann leitete die Redaktion in Paris und trat auch als Sprecher auf. Der KPD-Funktionär Wilhelm Florin bezeichnete den Pariser Sender in einer deutschsprachigen Stockholmer Emigrantenzeitung als „Sprachrohr der Reaktion“.[9] Gesendet wurde über Kurzwellensender des französischen Rundfunks. Von Mitte September 1939 bis Mitte Juni 1940, dem Zeitpunkt der Kapitulation Frankreichs vor den deutschen Invasionstruppen, gab es allabendlich zwei 30-minütige Sendungen.[10] Er erreichte nicht die Popularität des ursprünglichen Senders.

Der Deutsche Volkssender in Moskau verstand sich als Nachfolgesender des Deutschen Freiheitssenders 29,8.[5]

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b Michael Hensle: Die Rundfunkverordnung: Historische Voraussetzungen und Entstehungsgeschichte – Der Einsatz von Störsendern. In: Michael Hensle: “Rundfunkverbrechen” vor nationalsozialistischen Sondergerichten. Eine vergleichende Untersuchung der Urteilspraxis in der Reichshauptstadt Berlin und der südbadischen Provinz. Dissertation, Technische Universität (TU) Berlin, Berlin 2001, S. 18–21, hier S. 18. Auf DepositOnce.TU-Berlin.de (PDF; 2,32 MB), abgerufen am 15. März 2022.
  2. Hans Sarkowicz: Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler. Hörbuch, Track 11, Der Hörverlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-8445-2326-3.
  3. John Heartfield: Die Stimme der Freiheit in deutscher Nacht – auf Welle 29,8. In: Die Volks-Illustrierte. Nr. 16, 21. April 1937. Archivdatenbank der Akademie der Künste (ADK). Auf Archiv.ADK.de, abgerufen am 15. März 2022.
  4. a b Michael Hensle: Die Rundfunkverordnung: Historische Voraussetzungen und Entstehungsgeschichte – Der Einsatz von Störsendern. In: Michael Hensle: “Rundfunkverbrechen” vor nationalsozialistischen Sondergerichten. Eine vergleichende Untersuchung der Urteilspraxis in der Reichshauptstadt Berlin und der südbadischen Provinz. Dissertation, Technische Universität (TU) Berlin, Berlin 2001, S. 18–21, hier S. 19. Auf DepositOnce.TU-Berlin.de (PDF; 2,32 MB), abgerufen am 15. März 2022.
  5. a b André Scheer: Die Stimme der Freiheit in deutscher Nacht. Der Deutsche Freiheitssender 29,8. In: Schriftenreihe Politische Untergrundsender. Broschüre. Kurzwellen-Pressedienst, Göttingen 1. Juli 1991. Auf Andre-Scheer.de, abgerufen am 15. März 2022.
  6. Deutsche Informationen Nr. 250, S. 2.
  7. Hans Sarkowicz, Hörbuch, Track13.
  8. Christian Senne: Einflussnahme durch Massenmedien. In: Christian Senne: Der Deutsche Freiheitssender 904. Die „Stimme der KPD“ von 1956–1971. Magister-Arbeit, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 2003, S. 6–8, hier S. 8. Dokumentationsarchiv Funk. Auf DokuFunk.org (PDF; 695,6 kB), abgerufen am 15. März 2022.
  9. Hans Sarkowicz: Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler. Hörbuch. Der Hörverlag, München 2016, ISBN 978-3-8445-2444-4, Track 16.
  10. Deutscher Freiheitssender. In: Die “Feindsender” im 2. Weltkrieg. Auf RIAS1.de, abgerufen am 15. März 2022.