Deutsche Afrika-Gesellschaft

Deutsche Afrika-Gesellschaft
Rechtsform Verein
Gründung 1956
Auflösung 1975
Sitz Bonn
Zweck Vermittlungsorganisation im Feld der Kultur- und Wissenschaftspolitik

Die Deutsche Afrika-Gesellschaft war ein Verein, der sich bei seiner Gründung im Jahr 1956 zur Aufgabe nahm, auf Afrika bezogene Interessen der Bundesrepublik Deutschland zu koordinieren. Der Hauptsitz befand sich in Bonn, darüber hinaus bestand zwischenzeitlich ein Afrika-Archiv in München. Sie bestand als eingetragener Verein bis 1975.

Tätigkeitsbereiche

Betätigungsfelder der Vereinigung bestanden im kulturpolitischen Austausch zwischen Afrika und der Bundesrepublik, der Anregung und Herausgabe von Studien über Afrika, der Sammlung von politischen, sozialen und kulturellen Informationen für die Wirtschaft, Presse und die Wissenschaft, der Abhaltung und Koordination von spezifischen Tagungen zu afrikanischen Themen, Schulungs-Seminare für ausländische Studierende, Finanzierung von Forschungsreisen nach Afrika sowie der Ausarbeitung von Gutachten. Das Hauptanliegen bestand in der Verbesserung der bundesdeutschen Beziehungen zu Afrika. Mitglieder waren sowohl Einzelpersonen als auch Korporationen wie Firmen und Institute aller Art, die afrikabezogene Interessen verfolgten.

Als Periodikum verfügte die Gesellschaft über die Zeitschrift „Afrika heute“, die von 1957 bis 1973 erschien.[1] Bis 1965 publizierte die Afrika-Gesellschaft ebenso mehrere Monografien, darunter auch Franz Ansprengers 500-seitige Studie Politik im Schwarzen Afrika. Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung.[2]

Geschichte

Die Gründung der Gesellschaft erfolgte am 8. Mai 1956 im Bundeshaus in Bonn auf einer konstituierenden Versammlung. Die Initiative zur Errichtung der Vereinigung ging auf ihren Eugen Gerstenmaier, dem CDU-Politiker und damaligen Bundestagspräsidenten, zurück, der bis 1970 als langjähriger Präsident der Afrika-Gesellschaft amtierte.[3] Als erster Generalsekretär fungierte Rudolf Holzhausen (zuvor Botschafter in Südafrika);[4] später Oskar Splett. Zu den weiteren frühen Mitarbeitern zählte August Marcus, ein früheres Mitglied des „Kolonialwirtschaftlichen Komitees“ und Mitherausgeber der Zeitschrift „Der Tropenpflanzer“.[5] Weitere Referentinnen und Referenten der Organisation waren u. a. Margarethe Müller (Studierenden-Betreuung).[6] Als Rezept für die Kernfrage Afrikas, das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß, wurde zeitgemäß die Hebung des sozialen Niveaus der „Eingeborenen“ und die Entwicklung ihrer Kultur und Erziehung im europäischen Sinne angesehen.[7]

In den späten 1950er Jahren entwickelte sich die Vereinigung zu einer Einrichtung, in welcher Führungsspitzen der bundesdeutschen Politik Angelegenheiten über Afrika besprachen. Der Einfluss der Gesellschaft in dieser Zeit illustriert sich daran, dass Gerstenmaier und Oskar Splett an der dritten deutsch-französischen Konferenz vom 29. November bis 1. Dezember 1956 in Bad Godesberg partizipierten. Auf der Zusammenkunft wurde die Neuordnung der deutsch-französischen Beziehungen ausgehandelt und speziell innerhalb der Kommission „Deutsch-Französische Kooperation in Afrika“ auch Angelegenheiten eines deutsch-französischen Zusammengehens in Afrika.[8] Kulturpolitische Aktivität entfaltete die Afrika-Gesellschaft bald im Rahmen der ersten Deutschen Afrika-Woche, die sich vom 15. Oktober bis 5. November 1960 – während des sogenannten „Afrikanischen Jahres“[9] – über viele Städte der Bundesrepublik und West-Berlin erstreckte. An ihr partizipierten über 100 afrikanische Parlamentarier, Journalisten und Gewerkschafter.[10] Bei der Eröffnungsveranstaltung sprach Julius Nyerere, damals Ministerpräsident der gerade unabhängig gewordenen Republik von Tanganjika.[11] In den Jahren 1962 und 1966 folgten zwei weitere Afrika-Wochen. In den späten 1960er Jahren geriet die Geschäftsführung der Afrika-Gesellschaft zunehmend in Konflikt mit den Kräften einer sozialwissenschaftlichen Afrikaforschung, die sich in der am 16. März 1969 in Marburg gegründeten „Vereinigung von Afrikanisten in Deutschland“ versammelten.[12] In den Diskussionen, die auf eine grundlegende Neuausrichtung der Afrikanistik hin zu einer umfassenderen Afrikawissenschaft zielten, bemühte sich Splett als Sekretär der Afrika-Gesellschaft um eine vermittelnde Position, indem er die zwar von ihm begrüßte, jedoch noch unscharf formulierte Notwendigkeit neuer Perspektiven deutlicher artikuliert wissen wollte.[13]

Vertreter dieser Richtung einer neuen Afrikawissenschaft waren im Oktober 1970 an der Auswechslung des bisherigen Vorstandes der Afrika-Gesellschaft beteiligt. Zum neuen Präsidenten der Gesellschaft wurde der an der Universität Kiel tätige Professor für Soziologie Lars Clausen gewählt. An seine Seiten traten in den Vorstand auch Franz Ansprenger (Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin), Hans Wilhelm Jürgens (Professor für Anthropologie in Kiel) und Imanuel Geiss (damals Universitätsdozent an der Universität Hamburg).[14]

Organisations- sowie Vorstands- und Mitgliederstruktur

Die Afrika-Gesellschaft fungierte bis 1970 als Honoratiorengesellschaft mit präsidialer Spitze. Finanziert wurde die Vereinigung neben Mitgliedsbeiträgen hauptsächlich über Bundesmittel. Generalsekretär der Vereinigung blieb bis 1970 der Journalist Oskar Splett.

Die Afrika-Gesellschaft beinhaltete seit ihrer Gründung unterschiedliche Kreise von Mitgliedern, die sich auf die Bereiche Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erstreckten. Diese Zusammensetzung spiegelte sich auch im Präsidium wider. Zum Vorstand neben Gerstenmaier gehörten 1959 folgende Politiker und Ministerialbürokraten: Georg Dewald (Bundestagsabgeordneter der SPD) und Erich Kordt (Ministerialrat bei der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen). Carl Troll (Professor der Geographie der Universität Bonn). Aus der Wirtschaft, dem Bankensektor und wirtschaftsnahen Verbände kamen Günther Altenburg (damals Generalsekretär der Deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer in Köln), Ludwig Kastl (Mitglied diverser Aufsichtsräte), Dietrich Wilhelm von Menges (Vorstandsvorsitzender der Ferrostaal AG in Essen), Herbert W. Momm (Bankhaus Delbrück von der Heydt & Co), Wolfgang Pohle (Vorstandsmitglied der Mannesmann AG, bis 1957 auch CSU-Abgeordneter des Bundestags) und Franz Heinrich Ulrich (Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG).[15] Durch das Präsidiumsmitglied Kastl bestand gleichzeitig auch eine Verbindung zu der 1954 in Berlin gegründeten „Gesellschaft für die Freunde Afrikas“.[16]

Zur Organisationsstruktur der Afrika-Gesellschaft zählte zugleich ein Wissenschaftlicher Beirat, der – in Ermangelung einer interdisziplinären Afrikawissenschaft, die sich in der Bundesrepublik erst in den 1960er Jahren in Spannung zur klassischen Afrikanistik herausbildete – verschiedene Tagungen abhielt. So wurde am 18. und 19. Juni 1965 in Köln ein Symposium über „The Present Position and Prospects of British African Studies“ abgehalten. Im Jahr zuvor hatte – ebenfalls in Köln – eine Konferenz über „Stand und Aufgaben der französischen Afrika-Wissenschaften“ stattgefunden.[17] Zum Beirat gehörten im Jahr 1965 die folgenden Wissenschaftler: Ernst Dammann (Professor für Religionsgeschichte in Marburg), Karl Gallwitz (Professor für Landwirtschaft in Göttingen), Walter Manshard (Professor für Geographie in Gießen), Horst Mensching (Professor für Geographie in Hannover) sowie Hans Rhotert (Direktor des Linden-Museums in Stuttgart). Als Sekretär des Beirats fungierte seinerzeit Eno Beuchelt (Mitarbeiter des Seminars für Völkerkunde in Köln).[18]

  • SWR-Interview mit Oskar Splett (Geschäftsführer der Deutschen Afrika-Gesellschaft) über die erste Deutsche Afrika-Woche, 1960 (ardaudiothek.de).

Einzelnachweise

  1. Afrika heute: Jahrbuch der Deutschen Afrika-Gesellschaft, https://zdb-katalog.de/title.xhtml?idn=011221151&view=brief; Afrika heute (Bonn)/Deutsche Afrika-Gesellschaft, https://zdb-katalog.de/title.xhtml?idn=010673253&view=brief.
  2. Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika. Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung. Wiesbaden 1961.
  3. Kum’a Ndumbe III: Was will Bonn in Afrika? Zur Afrikapolitik der Bundesrepublik Deutschland. Pfaffenweiler 1992, S. 47.
  4. Meeting of the Executive Council, Bonn, 24-26 April 1957. In: Africa. Journal of the International African Institute. Band 27, Nr. 3, 1957, S. 275 (275-276 S.).
  5. Dirk van Laak: Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880 bis 1960. Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2004, S. 358 (Fn. 19).
  6. Klaus Korff: Schutzengel für 500 Afrikaner. Margarete Müller betreut Studenten. Vorurteile und falsche Sentimentalität. In: Honnefer Zeitung. Band 77, Nr. 84, 10. April 1958.
  7. Karsten Linne: Die Bruderschaft der »Entwickler«: Zur Etablierung der Entwicklungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1956 bis 1974. Wallstein, Göttingen 2021, ISBN 978-3-8353-3977-4, S. 91.
  8. Kum’a Ndumbe III: Was will Bonn in Afrika? S. 193.
  9. SWR:: „Afrikanisches Jahr“ 1960: Kolonien werden zu unabhängigen Staaten. In: swr.de. Abgerufen am 14. Oktober 2025.
  10. SWR-Interview mit Oskar Splett (Geschäftsführer der Deutschen Afrika-Gesellschaft) über die erste Deutsche Afrika-Woche, 1970. In: https://www.ardaudiothek.de. Abgerufen am 14. Oktober 2025.
  11. Kum’a Ndumbe III: Was will Bonn in Afrika? S. 48.
  12. Karsten Linne: Die Bruderschaft der „Entwickler“. Zur Etablierung der Entwicklungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1956 bis 1974. Göttingen 2021, S. 405.
  13. Oskar Splett.: Afrikawissenschaft heute? In: Afrika Archiv. Beilage der Zeitschrift „Afrika heute“. Band 14, Nr. 4, 1969, S. 1–4.
  14. Kum’a Ndumbe III: Was will Bonn in Afrika? S. 48.
  15. Deutsche Afrika-Gesellschaft e. V.: [Arbeitsprogramm, Gremienlisten, Statuten]. o. O. 1959.
  16. Bandesarchiv Berlin: Bestand zur Gesellschaft der Freunde Afrikas e. V,. In: www.deutsche-digitale-bibliothek.de. Abgerufen am 14. Oktober 2025.
  17. Walter Manshard: Deutsche Afrika-Gesellschaft. In: The Journal of Modern African Studies. Band 3, Nr. 4, 1965, S. 607–608, hier: S. 608.
  18. Walter Manshard: Deutsche Afrika-Gesellschaft. In: The Journal of Modern African Studies. Band 3, Nr. 4, 1965, S. 608.