Der junge Ägypter und das Mädchen Gharibat al-Husn
Der junge Ägypter und das Mädchen Gharibat al-Husn ist eine Geschichte aus Hundertundeine Nacht (→ Hundertundeine Nacht – Liste der Geschichten, HEN 9), dem kleinen Schwesterwerk von Tausendundeine Nacht (→ Tausendundeine Nacht – Liste der Geschichten).
Der ägyptische Kaufmannssohn Muhammad ibn Abdallah verliebt sich in die bildschöne, aus armem Haus stammende Gharibat al-Husn. Kurz vor ihrer Hochzeit wird Gharibat al-Husn jedoch durch eine Verwechslung als Sklavin verschleppt und an den Hof des Abbasiden-Kalifen al-Muʿtasim in Bagdad gebracht. Muhammad macht sich auf, um sie zu befreien. Als er sich in den Palast des Kalifen schleicht, macht er die folgenreiche Bekanntschaft der Schwester des Kalifen, Rim al-Qasr, deren Mutter Marida und dem Kalifen selbst.
Handlung
Einst lebte in Kairo der Sohn eines Kaufmanns. Sein Name war Muhammad ibn Abdallah. Er war ein attraktiver junger Mann und liebte das Lesen. Eines Tages saß er vor seinem Haus und las ein Buch, als ein Mädchen zu ihm kam. Sie hob den Schleier von ihrem Gesicht und ihr Anblick war so schön wie der aufgehende Mond. Sie fragte den Jungen, ob er der sei, der sich den Umgang mit den Frauen selbst verboten hatte. Da sank der Junge ohnmächtig zu Boden und das Mädchen ging davon. Da wurde der Junge wieder wach und eilte dem Mädchen hinterher, in unsterblicher Liebe zu ihr entflammt. Er folgte dem Mädchen bis zu ihrem Wohnhaus, wo das Mädchen drin verschwand.
Als der Junge wieder nach Hause kam, schien er verrückt geworden zu sein, lag nur da, aß und trank nicht. Schließlich rief sein Vater einen Arzt, der bei dem Jungen die Liebeskrankheit diagnostizierte. Der Vater kümmerte sich um seinen Sohn und dieser erzählte ihm schließlich von seiner Begegnung mit dem unbekannten Mädchen, von der er zumindest ihren Wohnort wusste. Da ging der Vater zum Haus des Mädchens, wandte sich an ihren Vater und bat darum, seinen Sohn mit dessen Tochter verheiraten zu dürfen. Der Vater des Mädchens war arm und mittellos, sodass alle Kosten für eine Hochzeit bei der Familie des Bräutigams liegen sollten. Der Vater war bereit, seine Tochter – ihr Name war Gharibat al-Husn – noch am selben Tag zu verheiraten. Muhammads Vater schickte ein Reittier und eine Dienerin zum Haus von Gharibats Familie, um das Mädchen abzuholen. Als Gharibat schon auf der Straße stand, ging die Dienerin noch einmal ins Haus, da sie etwas vergessen hat.
Nun wollte es das Schicksal, das in eben diesem Moment der Herrscher von Kairo und Alexandria eine Karawane mit einhundert Sklavinnen auf Reittieren zum Kalifen al-Mutasim nach Bagdad in den Irak schickte. Gharibat al-Husn geriet in die Karawane und wurde von ihr mitgeschleppt. Dort wurden die Sklavinnen dem Kalifen präsentiert, der verwundert feststellte, dass es mehr als die einhundert angekündigten Sklavinnen waren. Gharibat al-Husn erzählte dem Kalifen was geschehen war und dieser hatte Mitleid mit ihr und ließ sie in den Palast seiner Schwester bringen. Dort sollte sie festgehalten werden, bis jemand nach ihr fragte und sie dann freigelassen werden.
Der junge Muhammad erholte sich erst nach Tagen von seiner Krankheit und erfuhr entsetzt, was seiner Geliebten zugestoßen war. Er reiste nach Bagdad und kam zunächst in einer Herberge unter. Dann eröffnete er einen Laden im Markt der Parfümhändler, schaffte Waren heran, kaufte und verkaufte und machte sich bei den Menschen beliebt. Unter seinen Kunden waren auch Pagen aus dem Palast und auch deren Vorsteher. Diesem erzählte er schließlich, was ihm und Gharibat al-Husn zugestoßen war. Der Pagenvorsteher hatte Mitleid und versprach ihm zu helfen, in den Palast zu gelangen. Auf Anweisung des Pagen legte Muhammad Frauenkleider und Schmuck an und ließ sich von ihm als vermeintliche Dienerin in den Palast einschleusen. Der Page erklärte ihm, wo das Gemach von Gharibat al-Husn war.
Doch Muhammad nahm die falsche Tür und befand sich nun in einem Gemach voller schöner Mädchen, darunter eine, die von allen anderen umgeben war – es war die Schwester des Kalifen al-Muʿtasim, deren Name Rim al-Qasr war. Als sie den hübschen jungen Mann sah, war ihr Herz sogleich von Liebe zu ihm entbrannt und sie wies die Mädchen an, ihn zu ihr zu bringen. Als sie fragte, wer er sei, erzählte er ihr alles, was sich zugetragen hatte. Da gab Rim al-Qasr Befehl, Gharibat al-Husn zu holen und das Paar war wieder glücklich vereint. Dann ließ die Rim al-Qasr Speise und Trank darbringen und schon bald begann guter Wein die Runde zu machen. Als die Nacht schon anbrach und der Rausch sie überwältigte, stiegen Muhammad, Gharibat al-Husn und Rim al-Qasr aufs Bett und schliefen bald darauf ein.
Nun wollte es das Schicksal, dass der Kalif al-Muʿtasim an eben jedem Abend seine Schwester besuchen wollte. In ihrem Gemach fand er, den Vorhang beiseite schiebend, seine Schwester und Gharibat al-Husn schlafend vor und zwischen ihnen lag ebenfalls schlafend ein ihm unbekannter junger Mann. Der Kalif wurde zornig und war kurz davor, alle drei mit seinem Schwert zu erschlagen. Stattdessen ging er zu seiner Mutter und erzählte ihr alles. Nun ging sie zum Gemach von Rim al-Qasr, weckte die drei und stellte Muhammad zur Rede. Da erzählte Muhammad ihr die ganze Geschichte und die Kalifen-Mutter bekam Mitleid und riet ihrem Sohn, dem Kalifen, Muhammad und Gharibat al-Husn zu beschenken und gehen zu lassen.
Muhammad und Gharibat al-Husn kehrten nach Kairo zurück. Später heiratete Muhammad auch Rim al-Qasr, die Schwester des Kalifen und lebte fortan glücklich mit beiden Frauen zusammen.
Hintergrund
Die Geschichte spielt in der 40. bis 44. Nacht von Hundertundeine Nacht.[1]
Für ihre Übersetzung griff die deutsche Arabistin Claudia Ott auf das Aga-Khan-Manuskript aus dem Jahr 1234 zurück, es ist die älteste erhaltene Handschrift der Geschichten aus Hundertundeine Nacht.[2]
Reale Figuren in der Geschichte
Als reale Figuren treten in der Geschichte der achte Abbasiden-Kalif al-Muʿtasim sowie nicht namentlich genannt dessen Mutter Marida in Erscheinung.[3] Al-Muʿtasim war ein Sohn von Harun al-Raschid, Marida seine Sklavenkonkubine. Ebenso erwähnt wird in der Geschichte eine Schwester mit dem Namen Rim al-Qasr.[3] Diese ist – im Fall, dass sie eine Vollschwester ist – wohl identisch mit al-Muʿtasims Schwester Umm Habib bint Harun al-Raschid.[4]
Literatur
- ↑ Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 103–112.
- ↑ Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 241.
- ↑ a b Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 103–112.
- ↑ Nabia Abbott: Two Queens of Baghdad: Mother and Wife of Hārūn Al Rashīd, University of Chicago Press, Chicago, 1946, S. 141f.