Der Schatten der Tiere

Der Schatten der Tiere ist der Titel eines 2008 publizierten Romans von Mathias Gatza. Der Erzähler schildert seine im Alkoholismus und Delirium endende Identitäts- und Sinnkrise, seine Freundschaft mit dem ihm seelenverwandten Logiker Braun und seine unglückliche Liebesbeziehung mit dessen Witwe Hélène.

Inhalt

Überblick

In den ersten beiden Teilen berichtet der nicht namentlich genannte Erzähler über seinen Ausstieg aus seinem Berufs- und Familienleben und über seine therapeutischen Zoobesuche. Mit der Nachricht von Brauns Tod und der Ankunft seiner Witwe beginnt die Suchreise mit den Nachforschungen über sein Leben und die Ursachen seines Todes.

  • Teil 1: Besuch Hélène Brauns in Berlin. Reise mit dem Erzähler nach Stettin zur Beerdigung ihre Mannes.
  • Teil 2: Rückblicke auf das Leben des Erzählers und Brauns. Brauns unter Alkoholeinfluss verfasstes bolivianisches Tagebuch.

Der Erzähler hat sich während der Reise zu Brauns Beerdigung in Stettin in Hélène verliebt und besucht sie in Amsterdam. Dabei wird er von Dr. Franken, der die Forschung Brauns vermarkten will, unter Verhördruck gesetzt, sein Wissen preiszugeben. Bereits bei seinem Aufenthalt in Königslutter suchen Kriminelle beim Pater nach Unterlagen des Wissenschaftlers und verfolgen ihn.

  • Teil 3: Irrfahrt mit Verfolgungen zu Hélène nach Amsterdam. Gespräch mit Brauns Taufpater in Königslutter.
  • Teil 4: Besichtigung Amsterdams.
  • Teil 5: Besuch bei Hélène. Verhör. Brauns Tagebuch, 2. Teil.

Hélène fürchtet weitere Verfolgungen und flieht mit dem Erzähler aus der Stadt. Beide machen sich auf die Reise zu Brauns Hütte in Norwegen, um etwas über seinen Tod herauszufinden. Während der letzten Etappe füllen sich die Erinnerungslücken des Erzählers mit schemenhaften Bildern und Dialogen, die auf seine Seelenverwandtschaft mit Braun und ihren Konflikt zwischen Innen- und Außenwelt, Traum und Lebenspraxis hinweisen. Während der Reise entwickelt sich eine Liebesbeziehung, doch Hélène fürchtet wegen der Ähnlichkeiten zwischen Braun und dem Erzähler, die sie anfangs offenbar reizt, eine Wiederholung der Beziehungsprobleme, und als der Erzähler wieder zu trinken beginnt, reist sie ab und lässt ihn allein in der Hütte zurück.

  • Teil 6: Reise mit Hélène zu Brauns Hütte in Norwegen.
  • Teil 7: Schemenhafte Erinnerungen des Erzählers an seinen Besuch bei Braun.

Im Mittelpunkt des Romans steht das Doppelporträt des Erzählers und Brauns, ihre Beziehung zueinander und ihre Liebe zu Hélène.

Der Erzähler

Zwei Jahre vor der Haupthandlung gerät das Leben des Erzählers in eine Krise (I, 1): Der erfolgreiche Berliner Verleger und Lektor wird alkoholabhängig und spielsüchtig, entfremdet sich von seiner Frau Eleni und seiner Tochter Noomi, hat eine Affäre mit einer Übersetzerin und macht ohne die Familie Urlaub in Mexiko. Anfang Januar fährt er, nachdem er die 13-jährige Noomi zum Flughafen gebracht hat (I, 2), betrunken an der Rudolf-Wissell-Brücke in eine Gartenkolonie (I, 3, 4) und überwintert, durch Alkohol ins Unbewusste und permanente Delirium untergetaucht, bis Anfang März bei der Tunnelklausen-Wirtin Roswitha (I, 5).

Nach seinem Zusammenbruch liefert man ihn in die Intensivstation Dr. Hilberts ein. Er wird dort entgiftet und macht eine fast ein Jahr dauernde Entzugskur. Fünf Monate nach seinem Verschwinden entdeckt Eleni ihn in der Suchtklinik (I, 7). Er trinkt nicht mehr, zieht sich von den Menschen seiner Berufszeit (Verlag, Schriftsteller usw.) zurück und verkauft nach dem Konkurs seiner Firma seine Anteile. Schreib- und Lesetherapien lehnt er ab und spaziert täglich durch den Zoologischen Garten, beobachtet die Tiere und denkt über das Leben und die Evolution und die Begrenztheit der Sprache zur Verständigung nach: „Beim Anblick von Tieren kann man […] wahrscheinlich ganze Jahrtausende zurückspringen […] vielleicht sogar bis zum sechsten Schöpfungstag.“[1]

Im Herbst trifft der Erzähler im Berliner Zoo einen anderen Aussteiger, den ehemaligen Wissenschaftler Braun, und befreundet sich mit ihm (III, 6). Mitte März, nach dem letzten Treffen, bevor sich Braun nach Norwegen zurückzieht, verlässt der Erzähler die Klinik (III, 1). Er bezieht eine Zweizimmerwohnung im 12. Stock eines Hochhauses gegenüber dem Zoo, arbeitet als Tierpfleger und schreibt für Dr. Weyls Zeitung Artikel über Tiere (I, 11). Er arbeitet an einem Buch „Der Schatten der Tiere“, gibt dieses Projekt jedoch wieder auf. Seinen 40. Geburtstag feiert er mit der Tierpflegerin Rosie de la Paz nachts im Zoo. Eleni hat sich inzwischen mit „Demmarcus“ befreundet, gibt aber die Hoffnung auf eine Resozialisierung ihres Mannes nicht auf und lädt ihn zu Partys mit seinen alten Kollegen und Freunden in ihr Haus ein (II, 11): „Du kannst nicht einfach weglaufen“. Aber er will nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren.

Im November lädt ihn Braun zu einem Besuch nach Norwegen ein. Mit Artikeln für Dr. Weyl finanziert er seine Reise nach Kautokeino, lebt eine Woche in Brauns von seinem Großvater geerbten Holzhaus, kehrt mit den bolivianischem Tagebüchern des Mathematikers nach Berlin zurück und versucht, sich wieder in seinen Alltag einzufügen.

Hier beginnt die Haupthandlung: Die Spurensuche. Nach der Reise mit Hélène zu Brauns Beerdigung beschäftigen ihn die ungeklärten Umständen seines Todes, zumal er an seine Norwegenreise keine Erinnerungen hat. Er fährt zu Hélène nach Amsterdam, gerät in eine Kriminalgeschichte und reist gemeinsam mit Hélène zu Brauns Hütte in Norwegen.

Braun

Hélène hat seit ihrer Bolivienreise ihren Mann nicht mehr gesehen und nur brieflich mit ihm kommuniziert. Aus ihren Schilderungen, den Tagebüchern und dem Bericht eines Paters in Königslutter kann der Erzähler einige Lebensetappen und -probleme rekonstruieren:

Brauns Kindheit ist durch gesundheitliche Probleme, Folgen einer vielleicht eingebildeten Herzschwäche und daraus resultierender Krankheitsangst, eingeschränkt. Auffällig sind seine Schneeaffinität und seine Zurückgezogenheit und Egozentrik. Den Verdacht auf eine leichte Form des Autismus, wie ihn seine Mutter andeutet, weist Hélène zurück: Die „Merkwürdigkeiten waren eher ein Symptom der Rekonstruktion seiner Persönlichkeit als eins der Deformation.“[2] In Königslutter (III, 4) erinnert sich ein alter Pfarrer an das für Rechenoperationen hochbegabte Kind, das von seinem Vater Norbert, einem Schriftsteller, atheistisch erzogen, jedoch auf Wunsch der katholischen Mutter Kareen, die Hélène und der Erzähler am Wannsee besuchen, getauft wurde. Für Brauns Entwicklungsschwierigkeiten sei die Familiensituation, v. a. der Vater, verantwortlich und für seine Probleme als Forscher das den menschlichen Geist überfordernde Projekt.

1987 nimmt Braun an einem grenzübergreifenden Gauß-Kongress in Buckow teil und lernt die Pianistin Hélène, eine Berühmtheit des Rostocker Konservatoriums, bei einem Konzert im Rahmen des Abendprogramms kennen. Im November 1989 bleibt sie nach der Maueröffnung im Westteil der Stadt und wohnt bei ihm in seiner kleinen Wohnung. Er arbeitet am Institut für Grundlagenforschung der Physik in Potsdam. 1992 heiraten sie, wie Braun betont, „ohne uns für etwas zu entscheiden“.[3] Später wird er Professor für mathematische Logik, u. a. in Nizza, flieht wegen seines Ticks immer wieder aus den Unis in Schneegebiete und verliert schließlich seine Arbeitsstelle.

Hélène besucht ihn während seines Stipendiums an der Sternwarte bei La Paz in Bolivien, wo er Versuche zu Gödels Kosmostheorie macht. Sein Tagebuch aus dieser Zeit mit den Angaben über den Staudammbau ist wegen seines Alkoholismus für Hélène nicht glaubwürdig.

Einzelheiten über Brauns Forschung erfährt der Erzähler in Potsdam am „Geophysikalischen Institut“ (II, 9, 10). Dort findet man Karteikarten mit algebraischen Sonderzeichen, Bruchstücke von Beweisen für topologische Supersymmetrien, aber ohne Verknüpfung mit einem größeren Zusammenhang und ein Experte verspricht, weiter zu recherchieren. Später, auf seiner Norwegenreise mit Hélène, erhält der Erzähler die Nachricht, dass Braun seit 1999, und dann in Bolivien, am Problem der dunklen Materie „Stichwort WIMPS“ geforscht und den Bau eines Neutrinotanks für Szintillatorflüssigkeit geplant hat.[4]

Danach steigt Braun aus der Wissenschaft aus, taucht immer wieder im Berliner Zoo auf und zieht sich anschließend nach Norwegen in die Einsamkeit zurück.

Der Königslutterer Pater spekuliert nach Brauns Tod über sein Scheitern: Logiker wie Braun seien leicht davon überzeugt, „dass selbst Gott berechenbar ist“ und würden sich einbilden, „dass sie, da sie Grenzen definieren, Grenzen auch bis ins Unendliche verschieben können. Brauns Welt konnte jede beliebige Größe annehmen, was nichts anderes besagt, als dass sie gar keine Welt gewesen ist.“ Er erinnert sich an die Vorliebe des Jungen für logische Schlussfolgerungen, deren Schwächen ihm „als Achillesferse der Weltordnung“ galten.[5] Russell und Whitehead hätten für ihren Beweis, „dass zwei plus zwei vier ist, zweihundertneunundfünfzig […] Seiten ihrer Principia mathematica benötigt und Braun benötigte ein ganzes Leben, um herauszufinden, dass man mit einer Zahl 1 oder eins oder I nicht wirklich rechnen kann“. Der Pater vermutet, das habe ihn „so bockig werden lassen … denn als Lebensaufgabe [sei] das einfach zu viel … oder zu wenig“.[6]

Suchreise

Die Haupthandlung beginnt am Neujahrstag mit dem Besuch von Brauns Witwe, der Pianistin Hélène Grimaud. Wenige Tage zuvor hat er im Radio die Nachricht von Brauns Tod gehört. Seine Leiche sei mit zerfleischtem Gesicht in der Nähe seiner Hütte gefunden worden. Da der Erzähler der letzte bekannte Besucher des Toten war, ist seine seit 10 Jahren in Amsterdam lebende Frau an seinen Informationen über ihren Mann und dessen Tod interessiert, und da Braun in Briefen den Erzähler als einzigen Freund bezeichnete, bittet sie ihn, sie zur Beerdigung nach Stettin zu begleiten. Er erfüllt ihren Wunsch. In Stettin ermittelt die Polizei über Brauns Tod, auch ein Mord wird offenbar nicht ausgeschlossen, denn sein Gesicht sei erst nach dem schnell eingetretenen Tod zerbissen worden.

Hélène reist nach Amsterdam zurück. Fünf Monate später folgt ihr der Erzähler. Unterwegs besucht er Brauns Geburtsort Königslutter und gerät in eine gefährliche Situation, denn auch Kriminelle sind an dem Mathematiker und an Kontaktpersonen interessiert (III, 4). Brauns Taufpater ist für sie ein Geheimnisträger und wird, bevor er dem Erzähler eine Botschaft Brauns an ihn übergeben kann, im Dom, wie der Erzähler vermutet, ermordet oder durch einen Schuss verletzt. Der Erzähler flieht, fühlt sich observiert und wechselt unterwegs den Zug. In Amsterdam wird er von einem Detektiv beschattet und in Hélènes Wohnung von ihrem undurchsichtigen mafiösen „Paten“ Dr. Franken abgefangen. Dieser lässt ihn von seinen Dienstmännern unter Drogen setzen und über Braun verhören (V, 5). Franken war früher am CERN tätig, wirbt jetzt als Brainscout Talente von Instituten ab und verkauft sie zu Höchstpreisen. Er hat Braun Geld für seine Grundlagenforschung gegeben und sucht jetzt nach den Aufzeichnungen bei der von ihm finanziell abhängigen Hélène und ihren Bekannten (III, 4, 5).

Nach dem Verhör fliehen Hélène und der Erzähler vor Franken aus der Stadt und reisen nach Norwegen. Sie beginnen während der Reise in Zandvoort eine Liebesbeziehung, die durch Brauns Schatten belastet ist. V. a. der Erzähler wirkt zunehmend belastet und hat einen Rückfall in alte Gewohnheiten: er trinkt wieder Alkohol und spielt an Automaten um Geld. Auf der letzten Reiseetappe, während der Wanderung zur Hütte, erinnert er sich, vermischt mit durch Alkohol verursachten Halluzinationen, an seine Reise zu Braun im letzten November: Sie sprachen und stritten über die mathematische Logik, Gödels Zeithypothese und das Erkenntnisproblem: Braun warf ihm vor: „Sie wollen irgendeine Sicherheit? Sie haben ein paar schlampige Semester Philosophie abgesessen und beginnen nun dilettantisch an den Begriffen Wahrheit und Realität, Sprache und Wissen herumzudoktern, doch dabei weichen Sie nur dem Wissen aus, dass die stupidesten und unhintergehbarsten Sachverhalte die sind, die sich einer Formalisierung niemals vollständig beugen werden“. Er verwies auf die arithmetische Formalisierung des mathematischen Logikers Peanos. Der Erzähler antwortete: „In ihrem Reich der strengen Abstraktion finde ich mich sicherlich nicht leicht zurecht, aber die Schwierigkeiten entschädigen mich durch eine neue Bewegungsfreiheit. Eine Freiheit, die ich in der Literatur nicht finde. Früher war ich überzeugt, dass die Literatur irgendeine Bedeutung besäße […] Gesprochenes kann man nur durch Sprache erklären, darum kann die Sprache sich nicht selbst erklären. Die Zahlen hingegen sind Ideen, Zahlen müssen unabhängig von ihrer Entdeckung in irgendeinem Sinne existieren.“ Aber „jede Wiederholung [s]einer Gedanken führ[ten] zurück zum Anfang“.[7]

Später erinnert sich der Erzähler schemenhaft an seine Wanderung mit Braun durch den Schnee mit rätselhaften Dialogen, wie in einem Selbstgespräch: „Braun, wohin gehen wir?“ - „Ich kann sie nicht verstehen“. […] „Sie bluten!“ […] „Wir sind beinahe am Ziel“ […] „Braun, es kommt mir alles so unwirklich vor!“ – „Das kommt Ihnen nicht nur so vor!“ – „Nur einer von uns beiden kann das hier überleben.“ – „Ach, haben Sie immer noch nicht verstanden?“ – „Was lässt mich ausschließen, dass sie mit mir identisch sind?“ - […] „Wollen Sie die gleichen Fehler in der Zukunft etwa wiederholen?“ „Ich wusste, ich würde diesen Weg zu Ende gehen, er wehrte sich kaum.“ Braun spricht nicht mehr und der Erzähler legt den Toten in sein Auto, von Wölfen umgeben, geht ins Haus und denkt: „Vielleicht, vielleicht, vielleicht […] liegen wir ja beide draußen, erfroren, und dann kommt der Frühling, und wir erblühen, der Sommer, dann das Verwelken, und wir werden uns immer ähnlicher in diesem langsamen Prozess der Veränderung“.[8]

Der Erzähler und Hélène finden Brauns vermüllte Hütte (VII, 6). Sie sieht in ihrer Beziehung und in ihren Gesprächen über Brauns Tod keinen Sinn mehr. Sie warnt ihn vor dem „selbstgebrannten Schnaps“, der ihn „endgültig zerstören“ werde, und reist ab. Auf dem Tisch liegt ihr Abschiedsbrief: Braun sei für sie tot und sie frage sich, warum er für ihn nicht sterben könne. Vielleicht sei es das einzige Problem, dass sie Braun „niemals zusammen erleben können, sondern jeder nur für sich“: „Es gibt nur eine Welt, und in der möchte ich leben. […] Du hast Dich entschieden, obwohl […] Du kannst Dich gar nicht mehr entscheiden. […] Lass uns endgültig sein, denn in dem Moment, in dem wir zu sprechen beginnen, geht etwas anderes in uns zugrunde.“[9]

Der Erzähler bleibt in Brauns Holzhaus zurück. Im Schlussbild des Romans sitzt er am Schreibtisch und betrachtet Bilder von seiner Tochter, „wie ein Toter, der darin erkennen möchte, ob er je am Leben war.“[10]

Der Schatten der Tiere

Während seiner Entzugskur geht der Erzähler, als Therapieersatz, täglich in den Zoo und denkt über das Leben und die Evolution und die Begrenztheit der Sprache zur Verständigung nach: „Die Sehnsucht nach dem Leben anderer entsteht meist, wenn die eigene von tiefer Langeweile beherrscht wird. Einer Langeweile, die durch Sprache nicht überbrückt werden kann und von der Leopardi sagt, sie sei die im Reinzustand gebliebene Sehnsucht nach Glück“. Er erinnert sich an die Zoobesuche in seiner Kindheit und dass die Tiere Jahrzehnte später einen anschauen, „als wäre kaum eine Sekunde seit der Kindheit vergangen. […] Beim Anblick von Tieren kann man auf diese Weise wahrscheinlich ganze Jahrtausende zurückspringen […] vielleicht sogar bis zum sechsten Schöpfungstag.“[11]

Diese Zusammenschau konfrontiert ihn mit der Sterblichkeit und erinnert ihn an seinen „Kontakt mit den Schatten, die wir in uns haben“, in seiner Kindheit.[12]: „Plötzlich gruselte mich der Gedanke, dass in diesem artenreichen Zoo alles zu finden ist, was mehrere Millionen Jahre Erdgeschichte und Evolution hervorgebracht haben. Seither versuche ich, etwas herauszubekommen, was mir bisher verborgen geblieben ist, doch die Erinnerung reicht nur [bis zu den Zoobesuchen in seiner Kindheit] und die Jahre davor und danach sind mir verschlossen.“[13] Bereits in der Zeit seines Deliriums in Roswithas Klause, vor seiner Begegnung mit Braun im Zoo, war er in seinen Denkpausen in einem eigenen „Kosmos […], in dem sich die Unwahrheit auf gar nichts mehr bezieht“: „Doch immer kommt der Moment, wo eine Geschichte anfängt, du hast begonnen, dich zu erinnern, und bist beim ersten Menschen gelandet, schon als Kind hattest du die Angewohnheit, dich an Tiere zu halten, die schon deine frühesten Träume beherrscht haben, ein Ur-Gedächtnis, wie mir jetzt irrtümlich scheint, und du hast dich in Zeiten versenkt, die angebrochen waren, noch bevor die Schatten der Tiere von Menschenhand auf die Höhlenwände an der Ardèche gemalt wurden, hast das getan, um die inneren Schatten loszuwerden, und der Atem der Geschichte wehte dich aus den Mäulern eines Rudels Wölfe und Kojoten an, oder ein Bär richtete sich auf, wenn du dich auf dem Sofa umgedreht hast, und erst da begann es erträglich zu werden, denn nun warst du nicht mehr auf das Gemurmel und Zurufen angewiesen, auf das Blödsinnigkeitsgewäsch der Tippsen.“[14]

Im Herbst trifft der Erzähler im Berliner Zoo Braun (III, 6) und befreundet sich mit ihm. Sie haben sich beide von ihren Ideen über die Erkenntnismöglichkeiten der Sprache und der mathematischen Logik gelöst und betrachten die Menschen, wie die verschiedenen Tiere, im Zusammenhang mit der Vielfalt der Evolutionsgeschichte und Braun glaubt, seine Lebensgeschichte bis zum aufrechten Gang in der Evolution verbinden zu können.

Im Rembrandthaus in Amsterdam ergänzt der Erzähler in der paläontologischen und zoologischen Sammlung des Malers seine Überlegung über Leben und Tod (IV, 6): „In den Schluchten der konservierten Hautfalten der Reptilien, in den Kapillarsystemen der Koralle wird [der Maler] den Blick verloren haben, darauf wartend, dass eine Welle aus dem archaischen Totenreich das eigene Leben für wenigstens die Dauer eines einzigen Augenaufschlags ins Weite spült“. In einigen Bildern spürt er „jene andere Seite, eine gestische Gewalt, die jede Aussage zerstört. Wie unheimlich […] dass wir, damit wir uns am Leben halten, uns mit Toten und Getöteten umgeben […] Schrumpfköpfe und splissige Haare, Kotreste von Dinosauriern - destillieren wir daraus etwa unser Leben?“ Die Erfindung der Geometrie sei der einzige Versuch gewesen, „Menschen von Opfern zu befreien“. Der Ableitungszwang erinnere noch an die „Selbstüberwindung, die das gekostet haben muss. Schneeflocken und Nautilusschnecken sind für den Mathematiker unter bestimmten Gesichtspunkten identisch, algorithmisch.“[15]

Rezeption und Interpretation

Gatzas 2009 mit dem Literaturförderpreis der Stadt Bremen ausgezeichneter[16] Erstling Der Schatten der Tiere wurde von den Rezensenten als fesselnder (BZ) philosophischen Psychothriller (SZ) und traurig-schöne Liebesgeschichte (NDR, FAS) bezeichnet und insgesamt positiv beurteilt:

Der Roman sei ein den Leser fesselnder,[17] faszinierender, höchst souveräner Mix aus „prosaischem Delirium tremens, logisch-scharfer Aphoristik und süffigem Psychothriller“ und werde, angereichert mit bösen Seitenhieben auf den Literaturbetrieb und zahllosen literarischen, kulturgeschichtlichen und naturwissenschaftlichen Anspielungen,[18] in einem selbstironischen und erfrischend boshaften Ton mit einer hohen Dosis Galgenhumor erzählt.[19]

Gewürdigt wird auch ein anderer Aspekt: Gatza debütiere mit einem klugen Roman über das Paradox des sprachlosen Bewusstseins, über unstillbare Sehnsüchte und Süchte".[20]

Eingeschränkt wird das Lob der großen erzählerische Kunst bei der meisterhaften Konstruktion des Zwillingsmotivs[21] durch die als verwickelt empfundene Geschichte um einen misanthropischen freien Schreiber und Ex-Trinker mit Dauerkarte für den Zoo, der unversehens in eine Liebes- und Kriminalgeschichte stolpert: Bei all den Vor- und Rückblenden wisse man manchmal gar nicht mehr, „wer wann wo gewesen ist“, zumal die Identitäten des Ich-Erzählers und des ermordeten Mathematikers Braun doch bisweilen zu verschwimmen scheinen.[22]

Anmerkungen

  1. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 168.
  2. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 26 ff.
  3. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 149.
  4. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 350 ff.
  5. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 176 ff.
  6. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 179.
  7. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 377 ff.
  8. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 383͘͘, 384, 385͘.
  9. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 391.
  10. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 394.
  11. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 168.
  12. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 169.
  13. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 170.
  14. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 75.
  15. Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 229.
  16. Begründung: Roman erzählt in einer kunstvollen wie diagnostisch kühlen Sprache von einer Dreiecksbeziehung unter dem Stern von Tod und Wahn, kühn konstruiert, zieht den Leser in den Sog des Selbstverlustes der Figuren und stellt ihn vor ein literarisches wie kriminalistisches Rätsel. In: BuchMarkt, 16. November 2008.
  17. Jörg Aufenanger, Berliner Zeitung.
  18. Richard Kämmerlings, Frankfurter Allgemeine Zeitung von 31. Januar 2009.
  19. Jutta Person, Süddeutsche Zeitung vom 8. Dezember 2008.
  20. Jutta Person, Süddeutsche Zeitung vom 8. Dezember 2008.
  21. Richard Kämmerlings, Frankfurter Allgemeine Zeitung von 31. Januar 2009.
  22. Jutta Person, Süddeutsche Zeitung vom 8. Dezember 2008.