Der Hagestolz (Spitzweg)

Der Hagestolz
Carl Spitzweg, um 1880
Öl auf Holz
38,2 × 46 cm
Museum der bildenden Künste, Leipzig
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Der Hagestolz ist ein Spätwerk des deutschen Malers Carl Spitzweg (1808–1885). Das Gemälde entstand um 1880 in Öl auf Holz und zeigt einen älteren Junggesellen, die früher auch als Hagestolz bezeichnet wurden.

Beschreibung

Das Gemälde zeigt einen hochgewachsenen, schlanken Mann in Rückenansicht, der im Sonntagsstaat einen Spaziergang macht. Der elegant gekleidete Herr hebt sich mit seiner steifen Haltung sowie seinem schwarzen Gehrock und Zylinder deutlich von den bunt gekleideten Menschen in der Umgebung und der sommerlichen Landschaft ab. Das Gesicht des Mannes ist nicht zu erkennen, aber er trägt offenbar einen schwarzen Bart. In seinen Händen hinter dem Rücken und unter dem rechten Arm hält er Lektüre.

Im Gegensatz zu den scharfen Konturen des von der Bildmitte nach links versetzten Mannes sind die anderen Menschen und die Landschaft weicher dargestellt. Die anderen Menschen sind in vier Gruppen aufgeteilt – eine kleine Familie mit Vater, Mutter und Kind sowie drei Paare. Im linken Bildteil windet sich ein sandfarbener Weg durch grüne Wiesen. Rechts sind Bäume und ein Ort mit einer Kirche zu sehen. Über allem erhebt sich ein blauer Himmel, an dem von rechts dunkle Wolken aufziehen.

Deutung

Der dem Gemälde seinen Titel gebende Hagestolz hebt sich durch seine steife Haltung, seine schwarze Kleidung und seine scharfen Konturen gleich mehrfach von den anderen Menschen auf dem Bild ab. Sein übertrieben förmlicher Habitus wirkt dabei mehr abweisend-distanziert als aufgeschlossen-zugewandt.

Links des Mannes ist in einem dunklen Hohlweg eine Familie zu sehen, wobei der Vater voranschreitet, die vermutlich bei ihm untergehakte Mutter aber sein Fortkommen hindert, indem sie sich einem kleinen Kind halb zugewendet hat, das vermutlich nicht Schritt halten kann. Rechts des Hagestolzes besetzt ein Paar eine von Wolken verschattete Bank. Es liegt offenbar im Streit miteinander, denn die Frau trocknet ihre Tränen mit einem weißen Taschentuch, während ihr Begleiter ihr rüde dem Rücken zuwendet. Auf dem Weg kommt dem Hagestolz ein Paar entgegen, das in unterschiedliche Richtungen blickt. Die Frau lupft im Gehen kokett ihr Kleid und präsentiert so ihren rechten Unterschenkel (womit sie möglicherweise, von ihrem Partner unbemerkt, ein erotisches Signal in Richtung des Hagestolzes aussendet). In der Bildmitte ist, von dem Hagestolz am weitesten entfernt, ein drittes Paar zu erblicken. Vermutlich ein Offizier mit Säbel und eine junge Frau wandeln einträchtig nebeneinander her und sind vom Betrachter bereits halb abgewandt; das Duo schreitet der sonnenbeschienenen Bildmitte und damit dem Sinnbild einer glücklichen Zukunft entgegen.

Der isolierte Hagestolz dürfte sich angesichts des Haders bei dem Familientrio und dem Paar auf der Bank möglicherweise in seiner Ungebundenheit bestätigt sehen; andererseits mag er die sexuelle Verheißungen einer Ehe missen (und zugleich die Untreue der Partnerin argwöhnen) sowie die emotionale Geborgenheit einer auf Dauer angelegten Liebesbeziehung, für die vermutlich der Offizier und seine Begleiterin stehen. Seine Einsamkeit kompensiert der Hagestolz wohl mit übertriebener Gelehrsamkeit (oder einem sonstigen Steckenpferd), worauf die beiden Lektürestücke hinweisen, die er unter dem Arm und in der Hand trägt. Indes verheißen die von rechts aufziehenden dunklen Wolken, zumindest für die nähere Zukunft, nichts Gutes.

Carl Spitzweg selbst hätte gern geheiratet, doch die verheiratete Frau starb vor der angestrebten Scheidung,[1] was ihn laut einem Brief an einen Freund sehr getroffen hat.[2] Er blieb sein Leben lang unverheiratet und blickte bei der Entstehung dieses Spätwerkes auf rund siebzig Lebensjahre zurück.

Einordnung ins Gesamtwerk

Carl Spitzweg hat von seinen Gemälden häufig mehrere Fassungen angefertigt (so gibt es von seinem bekannten Werk Der arme Poet drei Versionen) und auch verschiedene Motive immer wieder aufgegriffen. Ein häufig wiederkehrendes Bildmotiv ist der sonntägliche Spaziergang – das bekannteste hiervon dürfte Der Sonntagsspaziergang von 1841 sein.

Auch der einzelne Mann im Sonntagsstaat auf einem Spaziergang, der sich von den Menschen seiner Umgebung abhebt, ist im Werk Spitzwegs ein über Jahrzehnte wiederkehrendes Motiv.

Ein Beispiel hierfür ist das Gemälde Der verbotene Weg, das um 1840 rund 40 Jahre vor Der Hagestolz entstand. Auch dieses Bild zeigt einen hochgewachsenen, schlanken Mann in dunkler Kleidung und in Rückenansicht, der in seinen Händen hinter dem Rücken eine Lektüre trägt. In seiner Nähe sieht man ein Paar, einen Offizier und eine junge Frau, das sich auf einem „verbotenen Weg“ vom Betrachter entfernt.

Ein weiteres Beispiel ist das Gemälde Der Gutsherr, das um 1850 entstand und häufig auch als Der Hagestolz betitelt wird. (Von diesem Bild gibt es mindestens drei Fassungen.) Es zeigt ebenfalls einen hochgewachsenen, schlanken Mann in dunkler, eleganter Kleidung (hinter seinem Rücken trägt er einen Schirm). Allerdings wird der Gutsherr in Vorderansicht gezeigt, und er wird auf seinem Spaziergang von einem kleinen Hund begleitet. Die bunt gekleideten Paare in der Umgebung sind nicht zerstritten, sondern einander zugewandt – darunter ein Offizier mit Säbel und eine junge Frau.

Zum Begriff Hagestolz

Der Begriff Hagestolz (selten auch in der weiblichen Form Hagestolzin oder Hagestolze) geht auf altgermanisches Rechtsverständnis zurück. Ein Hagestolz war demnach der bei der Erbschaft nach dem Erstgeburtsrecht leer ausgegangene jüngere Bruder eines Hoferben.

Das Bestimmungswort „Hag“ bezeichnet einen kleinen, durch eine Hecke umfriedeten und abgetrennten Bereich auf einem Grundstück. Das Grundwort „Stolz“ hat nichts mit Hochmut zu tun, sondern ist eine mittelhochdeutsche Vergangenheitsform des Verbs „stellen“.

Eine Hagestalt bezeichnete somit ein kleines, mit einer Hecke umfriedetes Anwesen, das der jüngere Bruder vom Hoferben zur Verfügung gestellt bekam. Dieses Anwesen war meist so bescheiden, dass der Inhaber keine eigene Familie gründen konnte. Später übertrug sich der Begriff auf den Besitzer eines solchen Anwesens. Seit dem Hochmittelalter wurde das Wort für einen unverheirateten Mann allgemein, noch später für ältere Junggesellen benutzt.

Siehe auch

Literatur

  • Max von Boehn: Carl Spitzweg. Bielefeld / Leipzig 1920.
  • Birgit Poppe: Spitzweg und seine Zeit. Seemann Henschel, Leipzig 2015, ISBN 978-3-86502-346-9.
  • Guenther Roennefahrt: Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle. Bruckmann, München 1960 (Digitalisat: urn:nbn:de:bsz:16-diglit-289698).
  • Siegfried Wichmann: Carl Spitzweg – Verzeichnis der Werke. Gemälde und Aquarelle. Belser, Stuttgart 2002, ISBN 3-7630-2395-X.

Einzelnachweise

  1. Carl Spitzweg war kein Spießer bei morgenpost.de
  2. Carl Spitzweg – humoristischer und kritisch-reflektierender Chronist seiner Zeit bei altertuemliches.at