Der Fischer beim König
Der Fischer beim König ist eine Geschichte aus Hundertundeine Nacht (→ Hundertundeine Nacht – Liste der Geschichten, HEN 31), dem Schwesterwerk von Tausendundeine Nacht. Sie ist eine Variation der Tausendundeine-Nacht-Geschichte Chosrau, Schirin und der Fischer (→ Tausendundeine Nacht – Liste der Geschichten, ANE 123). Die Anekdote ist eine Binnengeschichte von Die List und Tücke der Frauen (HEN 14).
Als ein Fischer vom König großzügig entlohnt wird, versucht die Königin gegen ihn zu intrigieren.
Handlung
Einst brachte ein Fischer dem König einen Fisch, der dem König so sehr gefiel, dass er dem Fischer viertausend Dirham gab. Die Königin war darüber jedoch entsetzt und kritisierte ihren Mann. Sie überredete ihren Gatten dazu, den Fischer nach dem Geschlecht des Fisches zu fragen und forderte ihn auf, die Partnerin oder den Partner zu fangen. Der Fischer war jedoch klug und erklärte, dass der Fisch noch Jungfrau sei. Da ließ der König ihm achttausend Dinar geben.
Als der Fischer mit dem Geld hinausging, fiel ihm eine Münze herunter, woraufhin er sie aufhob. Nun ereiferte sich die Königin über den Geiz des Mannes. Er habe soviel Geld bekommen, aber nicht mal einen einzelnen Dirham liegen lassen. Sie wollte den König dazu bringen, den Fischer aufzufordern, das ganze Geld zurückzugeben. Der König rief den Fischer zurück und konfrontierte ihn damit. Doch dieser erklärte ihm, er habe de Dirham nur deshalb aufgehoben, weil er nicht auf das darauf geprägte Bildnis des Königs treten wollte.
Daraufhin ließ der König über dem Stadttor die Inschrift „Hört auf damit, euren Frauen zu gehorchen!“ anbringen.
Rezeption
In der klassisch-arabischen Literatur findet sich die Geschichte erstmals im Kitâb al-Mahâsin wa-'l-addâd, das fälschlicherweise Al-Dschāhiz (gest. 869) zugeschrieben wird.
Hintergrund
Hundertundeine Nacht-Version
Die Geschichte spielt in der 71. Nacht von Hundertundeine Nacht.[1] Für ihre Übersetzung griff die deutsche Arabistin Claudia Ott auf das Aga-Khan-Manuskript aus dem Jahr 1234 zurück, es ist die älteste erhaltene Handschrift der Geschichten aus Hundertundeine Nacht.[2]
Unterschiede zur Tausendundeine Nacht-Version
Die Geschichte ist eine Variation der Tausendundeine Nacht-Geschichte Chosrau, Schirin und der Fischer (ANE 123). Hier handelt es sich bei dem Königspaar um den persisch-sassanidischen König Chosrau II. und seiner Gattin Schirin. Der Fisch ist keine Jungfrau, sondern ein Zwitter.[3]
In der klassisch-arabischen Literatur findet sich die Geschichte Chosrau, Schirin und der Fischer erstmals im Kitâb al-Mahâsin wa-'l-addâd, das fälschlicherweise al-Dschahiz (gest. 869) zugeschrieben wird.
Wissenswertes
Chosrau und Schirin sind eines der bekanntesten Liebespaare der nahöstlich-orientalischen Literatur, deren Geschichte durch den persischen Schriftsteller Nezami (1141–1209) in dem Epos Chosrau und Schirin verewigt wurde.
Die Erzählung, dass ein Mann nie wieder auf eine Frau hörte bzw. das Befolgen der Anweisungen einer Frau ins Unglück führe, fand auch Einzug in die religiöse Literatur des Islam. In den Hadithsammlungen, die Überlieferungen enthalten, die angeblich auf den Propheten Mohammed zurückgehen, findet sich die Erzählung, dass Mohammad die Thronbesteigung einer Tochter Chosraus mit den Worten kommentierte: „Kein Volk, das von einer Frau geführt wird, wird erfolgreich sein.“ Diese Erzählung findet sich etwa im Sahīh al-Buchārī (Nr. 4425)[4] und wird in konservativen islamischen Kreisen wörtlich genommen. Taqī ad-Dīn an-Nabhānī (gest. 1977), der Gründer der islamistischen Bewegung Hizb ut-Tahrir, nutzte den Hadith zur Begründung seiner Ansicht, dass eine Frau kein Kalif werden und kein führendes Amt besetzen darf.[5]
Literatur
- Claudia Ott: 101 Nacht. Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 172 f.
Einzelnachweise
- ↑ Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 172 f.
- ↑ Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 241.
- ↑ Enno Littmann: Die Erzählungen aus den tausendundein Nächten, Insel Verlag, Frankfurt 1968, Band 3, S. 494–496.
- ↑ Al-Bukhari: The Translation of the Meanings of Sahih al-Bukhari, Darussalam, Riad 2015, Band 5, S. 436.
- ↑ Taqi al-Din al-Nabhani: Das Regierungssystem im Islam, Hizb ut-Tahrir, 2002 (1953) S. 43.