Dennis Scheller-Boltz

Dennis Scheller-Boltz (geb. als Dennis Scheller 1977 in Kiel) ist ein deutscher Slawist, Sprach- und Übersetzungswissenschaftler.

Werdegang

Von 1998 bis 2003 studierte Scheller-Boltz am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft (heute: FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaften mit dem Schwerpunkt Russisch und Polnisch / Slawisch und schloss dieses als Diplom-Übersetzer ab. Er promovierte im Jahre 2009 ebendort als erster im Fach Polnisch/Slawisch. Seine Doktorarbeit widmet sich dem Thema Präponeme und Präponemkonstrukte im Russischen, Polnischen und Deutschen: Zur Terminologie, Morphologie und Semantik einer Wortbildungseinheit und eines produktiven Kompositionstypus[1], die im selben Jahr publiziert wurde.[2]

Dennis Scheller-Boltz war anfangs am Goethe-Institut in Almaty und an den Sprachlernzentren in Pawlodar und Bischkek tätig. Er hatte Dozenturen an den Universitäten Innsbruck und Opole sowie an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Er war Gastdozent in Bochum, Edinburgh, Glasgow, Ljubljana, Lviv, Mailand, Moskau und Warschau. Er war Gastprofessor an der University of Alberta in Edmonton und an der Karl-Franzens-Universität Graz.[3]

Forschung

Dennis Scheller-Boltz widmet sich translatorischen und sprachenpaar-vergleichenden Themen sowie Fragestellungen zur Lexikografie und Wortbildung. Sein Schwerpunkt liegt auf den slawischen Sprachen, primär auf dem Russischen und Polnischen. Er forscht jedoch auch zu allgemein sprachwissenschaftlichen Fragen und zur deutschen Wortbildung.

Internationale Bekanntheit erlangte er aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit gender- und queer-linguistischen Fragen in den slawischen Sprachen.[4] Insbesondere seine diskurslinguistischen Arbeiten zur Rezeption von Conchita Wurst nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 und zur Wahrnehmung von Queerness in Russland fanden große Reichweite. Seine Publikationen beleuchten nicht nur mit wissenschaftlichem Blick Sprache unter Gender- und Queer-Aspekten, sondern sie regen auch ein aktives Umdenken in Bezug auf den Sprachgebrauch an und zeigen Möglichkeiten einer gendergerechten bzw. genderneutralen Sprache in den slawischen Sprachen, aber auch in anderen Sprachen auf.[5][6]

In seinen jüngsten Schriften hinterfragt Dennis Scheller-Boltz allerdings kritisch die tatsächlichen, darunter versteht er die gesellschaftstauglichen Möglichkeiten für die Umsetzung und langfristige Etablierung sowohl geschlechtsneutraler als auch genderinklusiver Benennungsweisen im Deutschen. Dabei übt er nicht nur Kritik an den seiner Meinung nach sowohl sprachlich unökonomischen und ungeeigneten als auch gesellschaftlich wenig akzeptierten und rezipierfähigen LGBT-Abbreviaturen.[7] Er verweist auch grundsätzlich auf Grenzen innerhalb des deutschen Sprachsystems. In Anlehnung daran zeigt er sich kritisch in Bezug auf den Einsatz von Sonderzeichen in deutschen Benennungseinheiten. Diverse Pronomina charakterisiert Scheller-Boltz primär als pro-aktivistische Sprachprodukte, die ausschließlich als Okksionalismen, im besten Falle als "Sozioneologismen"[8] kategorisiert werden könnten. Zudem verweist er immer wieder auf eine starke Ablehnung genderneutraler Formen in der deutschen Gesellschaft und lehnt einen aktivistisch geforderten, linguistisch wenig fundierten Sprachgebrauch ab.

Schriften (Auswahl)

Monographien

  • Gender und Text. Zum Wandel von Textsorten und Konventionen in einer diversen Gesellschaft. Hamburg 2022.
  • Grammatik und Ideologie. Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus der Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2020.
  • The Discourse on Gender Identity in Contemporary Russia. An Introduction with a Case Study in Russian Gender Linguistics. Hildesheim 2017.
  • Präponeme und Präponemkonstrukte im Russischen, Polnischen und Deutschen. Zur Terminologie, Morphologie und Semantik einer Wortbildungseinheit und eines produktiven Kompositionstypus. Frankfurt a. M. 2010.
  • Neologismen im Russischen, Polnischen und Deutschen. Kongruenzen und Divergenzen in der modernen Wortbildung. Saarbrücken 2008.

Beiträge in Sammelwerken

  • Ich bin divers! Aber wo ist mein Pronomen? Kritische Anmerkungen zu einer lexikalischen Leerstelle vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels. In: Vít Kolek, Manfred Kienpointner (Hrsg.): Sprache und Geschlecht im mitteleuropäischen Raum. Festschrift zum 70. Geburtstag von Dr.in Jana Valdrová. Hamburg 2025, 131-155.
  • Feminitives (Word Formation). In: Marc L. Greenberg, René M. Genis (Hrsg.): Encyclopedia of Slavic Languages and Linguistics Online. Leiden / Boston 2021.
  • Slavic Gender Linguistics. In: Marc L. Greenberg, René M. Genis (Hrsg.): Encyclopedia of Slavic Languages and Linguistics Online. Leiden / Boston 2020.
  • Queerlingvistika. In: Jana Valdrová: Reprezentace ženství z perspektivy lingvistiky genderových a sexuálních identit. Svými texty do knihy přispĕli Dennis Scheller-Boltz a Pavla Špondrová. Prag, 2018, 397–401.
  • LGBT? LGBTQ+? LGBTTQQFAGPBDSM? Or just: QUEER! Critical Remarks on an Acronym in Slavonic and Non-Slavonic Languages. In: Peter Handler, Klaus Kaindl, Holger Wochele (Hrsg.): Ceci n’est pas une festschrift. Texte zur Angewandten und Romanistischen Sprachwissenschaft für Martin Stegu. Berlin 2017, 279-291.

(Mit-)Herausgeberschaft

  • mit Tilmann Reuther (Hrsg.): Language Policies in the Light of Anti-Discrimination and Political Correctness: Tendencies and Changes in the Slavonic Languages. Und weitere Beiträge. Berlin 2019.
  • mit Sonja Koroliov, Helmut Weinberger, Kurt Scharr (Hrsg.): Am Zug – Aufbruch, Aktion und Reaktion in den Literaturen und Kulturen Ost- und Südosteuropas. Eine Festschrift für Andrea Zink zum 60. Geburtstag. Innsbruck 2019.
  • mit Helmut Weinberger (Hrsg.): Lexikografische Innovation – Innovative Lexikografie. Bi- und multilinguale Wörterbücher in Gegenwart und Zukunft: Projekte, Konzepte, Visionen. Hildesheim 2017.
  • New Approaches to Gender and Queer Research in Slavonic Studies. Wiesbaden 2015.
  • Język Polski – 25 lat po Przełomie. Die polnische Sprache – 25 Jahre nach der Wende. Hildesheim 2014.
  • mit Maria Katarzyna Lasatowicz (Hrsg.): Zweisprachigkeit als Herausforderung und Chance. Berlin 2012.

Zeitschriftenbeiträge

  • Genderneutrale Pronomina: Zwischen gesellschaftlichem Polit-Aktivismus und sprachlicher Notwendigkeit. In: Germanistische Werkstatt 13, 2024, 137-156.
  • Gender and Text: How Societal Awareness of Gender and Identity Diversity Changes the Production of Texts – Illustrated Using German as an Example. In: Academic Journal of Modern Philology 19, 2023, 395-416.
  • Identität als polydimensionales Selbst. Zu Verständnis und Konstruktion geschlechtlicher und sexueller Identität in Russland. Eine allgemeine Einführung für Slawist_inn_en. In: Academic Journal of Modern Philology 4, 2015, 89-120.

Einzelnachweise

  1. Promotionen am Fachbereich 06 der Johannes Gutenberg-Universität Mainz | Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft. Abgerufen am 18. November 2021.
  2. Sprache erforschen und Sprache lehren. Abgerufen am 8. Oktober 2021 (deutsch).
  3. Institut für Slawistik. Abgerufen am 8. Oktober 2021.
  4. Dennis Scheller-Boltz – Humboldt Universität zu Berlin. Academia.edu, abgerufen am 8. Oktober 2021.
  5. Seehofers Führungsmannschaft: Frauen „mitgemeint“ statt „mit dabei“. Abgerufen am 8. Oktober 2021 (österreichisches Deutsch).
  6. Burkhard Maria Zimmermann: Homosexualität: Was heißt hier "warmer Bruder"? In: Die Zeit. 12. Januar 2017, abgerufen am 8. Oktober 2021.
  7. Ceci n´est pas une festschrift: Texte zur Angewandten und Romanistischen Sprachwissenschaft für Martin Stegu. Logos, Berlin 2017, ISBN 978-3-8325-4527-7.
  8. Dennis Scheller-Boltz: Genderneutrale Pronomina: Zwischen gesellschaftlichem Polit-Aktivismus und sprachlicher Notwendigkeit. In: Germanistische Werkstatt. Nr. 13, 10. Mai 2025, ISSN 3071-9518, S. 137–156, doi:10.25167/pg.5853.