Demografie der Ukraine
Der Artikel Demografie der Ukraine beschäftigt sich mit der Bevölkerungsentwicklung und anderen demografischen Indikatoren der Ukraine. Das Land zählte Anfang der 1990er Jahre rund 52 Millionen Einwohner und gehörte damit zu den bevölkerungsreichsten Ländern Europas. Seither ist die Einwohnerzahl jedoch stark rückläufig: niedrige Geburtenraten, hohe Sterblichkeit und eine erhebliche Abwanderung ließen die Bevölkerung bis 2019 auf schätzungsweise 45 Millionen Menschen schrumpfen, wovon ein Teil durch den Beginn des russisch-ukrainischer Konflikts effektiv nicht mehr unter ukrainischer Kontrolle stand. Die demografische Krise wurde durch die russische Invasion 2022 drastisch verschärft, Millionen Menschen flohen ins Ausland, und zehn bis hunderttausende kamen ums Leben. Die Ukraine weist heute eine der am schnellsten schrumpfenden und ältesten Bevölkerungen der Welt auf.[1] 2025 lebten noch knapp 29 Millionen Einwohner in den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten. Damit hat der russische Angriff die bereits vorher bestehende demografische Schrumpfung extrem beschleunigt. Während die Ukraine 1991 noch zu den 25 bevölkerungsreichsten Ländern der Welt gehörte, rangiert sie 2023 nur noch um Platz 40.[2]
Demografische Geschichte der Ukraine
Mittelalter bis 19. Jahrhundert
Die heutige Ukraine umfasst den Kern des mittelalterlichen ostslawischen Reiches der Kiewer Rus, das im 9. Jahrhundert entstand. Über mehrere Jahrhunderte wuchs die Bevölkerung der Rus langsam und erreichte in ihrer Spätzeit schätzungsweise rund 7,5 Millionen Menschen, davon jedoch nur ein Teil innerhalb der heutigen ukrainischen Staatsgrenzen.[3] Kiew wurde um 1000 auf 35.000 bis 40.000 Einwohner geschätzt, eine der größten Städte Europas.[4] Invasionen aus der Steppe (etwa durch Petschenegen und Kumanen) führten immer wieder zu Verwüstungen. Der verheerendste Einschnitt war der Mongolensturm 1237–1240, bei dem Kiew und andere Städte zerstört wurden. Große Teile der Bevölkerung kamen ums Leben oder flohen in entlegenere Regionen. Das einst dichte Siedlungsnetz der Ukraine dünnte im 13. Jahrhundert erheblich aus. Einige Überlebende wichen nach Norden aus, wo sich das aufstrebende Großfürstentum Moskau formierte. In den südlichen und östlichen Landesteilen der heutigen Ukraine etablierte sich das Krim-Khanat, unter dem die Steppengebiete entvölkert blieben und von regelmäßigen Sklavenraubzügen („Tatarenüberfälle“) heimgesucht wurden. Bis zu zwei Millionen Ukrainer, Russen und Polen wurden Schätzungen zufolge bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Opfer des krimtatarischen Sklavenhandels.[5]
Im 14. Jahrhundert gerieten die zentralen und westlichen Gebiete der Ukraine unter die Herrschaft des Großfürstentums Litauen, während der äußerste Westen bereits zu Polen gehörte. Ab 1569 kam die gesamte heutige Ukraine (mit Ausnahme der Krim) zur Adelsrepublik Polen-Litauen. Die Bevölkerung erholte sich allmählich von den Mongolenstürmen, doch die Steppengebiete im Süden blieben dünn besiedeltes Grenzland. Unter polnischer Verwaltung wuchs die ethnische Vielfalt: Neben der ruthenisch-orthodoxen Mehrheitsbevölkerung wanderten vermehrt Juden, Armenier und Deutsche in die ukrainischen Städte und Dörfer ein. Die meisten Menschen lebten jedoch weiterhin als Bauern in der offenen Feldmark, während nur wenige städtische Handelszentren existierten. Im 17. Jahrhundert wurden in der Ukraine die Kosaken zu einem entscheidenden demografischen und politischen Faktor. Aus entflohenen Leibeigenen und Abenteurern entstanden im Steppenvorland Kosakenheere, die teils im Dienst des polnischen Königs standen, zugleich aber eine eigene militärisch-demokratische Gesellschaftsordnung entwickelten.[6]
Unter Hetman Bohdan Chmelnyzkyj erhoben sich die Kosaken 1648 zum großangelegten Aufstand gegen die polnische Herrschaft. In diesem Krieg wurden fast alle Polen und zehntausende Juden in der Ukraine getötet oder vertrieben. Die verheerenden Kämpfe entvölkerten ganze Regionen. Im sogenannten Hetmanat errichteten die Kosaken einen de-facto unabhängigen Herrschaftsverband, riefen aber zur Sicherung ihrer Position 1654 den Moskauer Zaren zu Hilfe. In der Folge teilten Russland und Polen die Ukraine zwischen sich auf (Vertrag von Andrussowo 1667); die Ostukraine kam unter russische Oberhoheit, während die rechtsufrige Ukraine bis 1793 polnisch blieb.[6] Die jahrzehntelangen Kriege im 17. Jahrhundert (neben den Kosakenaufständen auch der Russisch-Polnische Krieg und Kriege mit den Türken) forderten einen hohen Tribut. Weite Landstriche lagen entvölkert brach und viele Siedlungen wurden in den „Wirren“ jener Zeit aufgegeben.
Am Ende des 18. Jahrhunderts geriet nahezu das gesamte ukrainische Siedlungsgebiet unter die Herrschaft des Russischen Kaiserreichs. Nur Galizien, die Bukowina und die Karpatenukraine verblieben bis 1918 unter der Habsburgermonarchie. Die Integration in das Russische Reich ging mit einer zielgerichteten Russifizierung der ukrainischen Gebiete einher. Die Zaren förderten russische und deutsche Siedler und verboten im 19. Jahrhundert phasenweise die ukrainische Sprache in Schulen und Publikationen.[6] In der Steppenregion kam es zur Vertreibung der Krimtataren; bis 1860 verließen zahlreiche Tataren die Krim in Richtung Osmanisches Reich, was diese Halbinsel ethnisch weitgehend slawisch (russisch/ukrainisch) prägte. Trotz staatlicher Repression erlebte die ukrainische Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ihren Aufschwung, vor allem in den habsburgischen Gebieten. In Lemberg (Lwiw) und anderen westukrainischen Städten bildeten sich Vereine zur Pflege der ukrainischen Sprache und Kultur, welche die Keimzelle des ukrainischen Nationalismus bildeten.
Die Gesamtbevölkerung der Ukraine wuchs im 19. Jahrhundert rasch dank hoher Geburtenüberschüsse in der bäuerlichen Gesellschaft. Die erste gesamtimperiale Volkszählung 1897 erfasste im Russischen Reich 22,4 Millionen Ukrainer („Kleinrussen“), was rund 18 % der Gesamtbevölkerung Russlands entsprach.[7] Zusammen mit den etwa 4 Millionen Ukrainern („Ruthenen“) in der Habsburgermonarchie (1910).[8] Dennoch blieben die Ukrainer im Zarenreich politisch benachteiligt und ökonomisch überwiegend Bauern: Städte wie Kiew, Odessa, Charkiw oder Donezk wuchsen zwar im Industriezeitalter erheblich, doch wurde das städtische Bürgertum dort mehrheitlich von Russen, Juden und Polen gestellt. 87 Prozent der ethnischen Ukrainer waren Bauern und weniger als ein Drittel der ukrainischen Männer konnten lesen und schreiben.[6] Vor dem Ersten Weltkrieg war die Ukraine eine demografisch junge, ländlich geprägte Gesellschaft mit hohen Geburtenraten (um 6 Kinder pro Frau) und einer weiter hin hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit.
Sowjetzeit
Der Erste Weltkrieg und der darauffolgende russische Bürgerkrieg trafen die Ukraine besonders hart. Zwischen 1914 und 1921 war das Land ununterbrochen Kriegsschauplatz und erlitt katastrophale Verluste: Rund 500.000 Ukrainer fielen im Weltkrieg, bis zu 1,5 Millionen Menschen im Bürgerkrieg.[6] Die Ukrainische Volksrepublik blieb 1917–1920 ein nur kurzlebiger Versuch staatlicher Unabhängigkeit, bevor die Bolschewiki das Land bis 1921 unterwarfen. In dieser chaotischen Epoche (inklusive einer Hungersnot 1921 mit 250.000 Toten) dürfte die Bevölkerung der Ukraine deutlich unter das Vorkriegsniveau gefallen sein. Im Jahr 1926 wurden, nach Rückkehr einiger Flüchtlinge, in den Grenzen der späteren Ukrainischen SSR etwa 29 Millionen Einwohner gezählt. In den 1920er-Jahren verfolgte das Sowjetregime zunächst eine Politik der „Ukrainisierung“, die den Gebrauch der ukrainischen Sprache förderte und viele Einheimische in Partei und Verwaltung aufsteigen ließ.[6]
Doch schon ab Ende der 1920er änderte Diktator Stalin den Kurs: Die Ukraine wurde in das rigorose Programm der forcierenden Industrialisierung und Kollektivierung eingebunden. Millionen von Landbewohnern zogen in die neuen Industriestädte, während auf dem Land die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft ab 1929 einen verheerenden Aderlass verursachte. Bauern, die Widerstand leisteten, wurden als „Kulaken“ verfolgt, deportiert oder ermordet. Die erzwungenen Getreideablieferungen führten 1932–33 zur Hungersnot (Holodomor), in deren Folge schätzungsweise etwa 3 Millionen Ukrainer verhungerten. Diese menschengemachte Hungerkatastrophe entvölkerte ganze Dörfer, besonders in der Kornkammer Ukraine, und gilt aus ukrainischer Sicht als Völkermord an den Ukrainern. Zeitgleich wurden bei Stalins „Großem Terror“ 1937/38 die ukrainischen Eliten weiter dezimiert: Intellektuelle, Priester, ehemalige Politiker und „bürgerliche Nationalisten“ fielen den Säuberungen zum Opfer. Gulagsystem und stalinistischer Massenmord forderten in der sowjetischen Ukraine eine weitere Million Opfer.[6]
Zwischen 1926 und 1939 schrumpfte die Anzahl der Ukrainer in der Sowjetunion von 32 auf 28 Millionen, während die Anzahl der Russen von 78 auf 100 Millionen anwuchs. Insgesamt starben zwischen 1914 und 1939 rund 7 Millionen Menschen in der Ukraine einen gewaltsamen oder vermeidbaren Tod (Krieg, Hunger, Terror). Laut der (unzuverlässigen) sowjetischen Volkszählung von 1939 lebten im Gebiet der Ukrainischen SSR etwa 31,8 Millionen Menschen.[6] Bald darauf wurden durch die sowjetische Besetzung Ostpolens der Sowjetukraine knapp 7 Millionen Einwohner in der heutigen Westukraine hinzugefügt.
Die deutsche Invasion im Zweiten Weltkrieg (1941–1944) bedeutete einen weiteren verheerenden Schlag. Insgesamt starben nach Schätzungen über 7 Millionen Ukrainer im Krieg, mehr als ein Sechstel der Vorkriegsbevölkerung. Darunter waren etwa 2,7 Millionen ukrainische Soldaten (Rotarmisten) und 4 Millionen Zivilpersonen, darunter 1,5 Millionen jüdische Ukrainer, die dem Holocaust zum Opfer fielen.[6] Die Lebenswartung brach während dieser Jahre dramatisch ein (zeitweise nur 10 Jahre für Frauen bzw. 7 Jahre für Männer).[9] Neben den Todesopfern verlor die Ukraine durch Krieg und Nachkrieg auch viele Menschen durch Vertreibung und Umsiedlung: Hunderttausende überlebende Juden wanderten nach 1945 ins Ausland aus, und die verbliebene polnische Minderheit der Westukraine (ca. 800.000 Personen) wurde 1944–46 nach Polen umgesiedelt. Die Krimtataren, eine muslimische Minderheit auf der Krim, wurden 1944 unter Stalin kollektiv der Kollaboration beschuldigt und vollständig nach Zentralasien deportiert (fast die Hälfte von ihnen starb im Exil).
Nach dem Krieg änderte sich Territorium und Fläche der Ukraine durch den Anschluss der Karpatenukraine (mit einer ungarischen Minderheit) 1945/1946 an die Sowjetukraine und den Transfer der Krim von der Russischen SFSR an die Ukraine 1954. Die Heimkehr der Soldaten und ein Babyboom sorgten ab 1946/47 wieder für steigende Geburtenzahlen, trotz einer letzten Hungersnot 1946/47, die nochmals etwa 100.000 Menschenleben in der Ukraine forderte. Die Volkszählung 1959 ergab 41,9 Millionen Einwohner in der Ukrainischen SSR und bis 1989 stieg die Bevölkerung auf 51,7 Millionen.[6] Dieser Zuwachs resultierte v. a. aus natürlichen Geburtenüberschüssen, da bis in die 1970er-Jahre die Geburtenrate nur allmählich sank. Die Ukraine gehörte aber bereits in den 1960ern zu den demografisch „älteren“ Teilen der Sowjetunion und verzeichnete – wie auch Russland – eine Stagnation der männlichen Lebenserwartung, bedingt durch verbreiteten Alkoholmissbrauch und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Im Zuge der Sowjetindustrialisierung hatte sich die Ukraine von einer Agrargesellschaft in eine städtisch-industrielle Gesellschaft gewandelt: Der Urbanisierungsgrad stieg von nur 19 % im Jahr 1926 auf 67,5 % Stadtbevölkerung im Jahr 1989. Millionen ethnische Russen wanderten als Facharbeiter in die Ost- und Südukraine ein (besonders ins Donezbecken und auf die Krim), was den Anteil der Russen an der Bevölkerung der Ukrainischen SSR von 13,5 % (1939) auf 22,1 % (1989) steigen ließ.[6]
Unabhängige Ukraine
Nach dem Zerfall der UdSSR erklärte die Ukraine im August 1991 ihre Unabhängigkeit. Zum Jahresanfang 1992 zählte das Land etwa 51,5 Millionen Einwohner. In den 1990er-Jahren fiel das Land in eine tiefe Transformationskrise, welche dramatische demografische Folgen hatte. Die schweren wirtschaftlichen Einbrüche, Inflation und ein Kollaps des Gesundheitssystems führten zu einem sprunghaften Anstieg von Armut und Krankheit. Die Sterblichkeit stieg stark an, besonders unter Männern im arbeitsfähigen Alter; 1994 fiel die durchschnittliche Lebenserwartung ukrainischer Männer auf nur noch 62 Jahre. Gleichzeitig brach die Geburtenrate ein: Von knapp 2 Kindern pro Frau 1990 fiel sie bis 2000 auf nur noch 1,1, einen der niedrigsten Werte weltweit. Zwischen 1993 und 2001 schrumpfte die Einwohnerzahl um etwa 4 Millionen, sodass die erste gesamtukrainische Volkszählung 2001 noch 48,5 Millionen Einwohner ermittelte.[10] Die Regionen im Süden und Osten, vormals Zuzugsgebiete, verloren am stärksten an Bevölkerung, während viele Arbeitskräfte ins Ausland abwanderten.
Eine leichte Erholung zeigte sich Mitte der 2000er-Jahre: Durch wirtschaftliche Stabilisierung und staatliche Familienhilfen (Einführung eines Kindergeldes ab 2005) stieg die Fertilität bis 2012 wieder auf ca. 1,5 Kinder je Frau. Die Zahl der Geburten erreichte 2008–2013 Werte, wie es sie seit frühen 19900ern nicht mehr gegeben hatte. Dennoch blieb die Ukraine von einer echten demografischen Trendwende weit entfernt, auch weil Abwanderung und Alterung weiterwirkten. Bis 2013 sank die Bevölkerungszahl auf etwa 46 Millionen.
Seit dem Beginn des Russisch-ukrainischen Konflikts ab 2014
Die Annexion der Krim 2014 und der Krieg im Donbass (seit 2014) stellten dann einen Wendepunkt dar: Die Ukraine verlor die Kontrolle über rund 7 % ihres Staatsgebietes mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern. Hunderttausende Bewohner der Ostukraine (v. a. aus den Kampfgebieten in Donezk und Luhansk) flohen ins ukrainische Kernland oder emigrierten nach Russland. Dadurch und durch die weiter niedrige Geburtenrate ging die ukrainische Einwohnerzahl bis 2021 auf etwa 42 Millionen (ohne besetzte Gebiete) zurück. Die Fertilitätsrate pro Frau begann außerdem ab ca. 2015 wieder zu sinken und gehörte ca. 2020 zu den niedrigsten weltweit, während bei der Lebenserwartung leichte Zugewinne zu verzeichnen waren. Die COVID-19-Pandemie ab 2020 traf das Land jedoch schwer, mit einer erheblichen Übersterblichkeit in den Jahren 2020 und 2021.[11]
Nach 2001 wurde in der Ukraine keine Volkszählung mehr durchgeführt, weshalb große Unklarheit über die Zahl der im Land verbliebenen Menschen besteht.[1] Die UN schätzte die Bevölkerung der Gesamtukraine ca. 2020 noch auf knapp 45 Millionen.[12] Das ukrainische Statistikamt schätzte die Bevölkerung der Ukraine (ohne Krim, aber mit Donbass) auf knapp 42 Millionen für 2019, während eine Regierungserhebung mit alternativer Messweise zum selben Zeitpunkt auf nur noch 37 Millionen Einwohner (ohne Krim, mit ukrainisch kontrollierten Gebieten im Donbass) kam.[1]
Der am 24. Februar 2022 begonnene russische Überfall auf das Land hat die demografische Lage der Ukraine massiv verschlechtert. Infolge von Kämpfen und russischen Angriffen sind nach ukrainischen Angaben zehntausende Zivilisten getötet worden; genaue Zahlen sind nicht bekannt. Auch die Verluste der ukrainischen Streitkräfte (und der russischen Angreifer) dürften in die Zehn- bis Hundertausend gehen, auch wenn keine genauen Zahlen veröffentlicht werden. Vor allem aber setzte eine enorme Fluchtbewegung ein: Bereits in den ersten Kriegsmonaten verließen rund 8,2 Millionen Menschen die Ukraine, hauptsächlich Frauen und Kinder in Richtung EU. Zeitgleich wurden im Landesinneren etwa 8 Millionen Menschen als Binnenvertriebene registriert. Mitte 2023 lebten ca. 5 Millionen Ukrainer mit temporärem Schutzstatus in der EU (über eine Million allein in Deutschland). Auch in Russland halten sich nach UN-Angaben mehr als 2,8 Millionen ukrainische Vertriebene auf, teils freiwillig, teils nach umstrittenen Evakuierungen aus Kampfgebieten. Zusätzlich wurden etwa 19.500 ukrainische Kinder von den Besatzungsbehörden nach Russland verschleppt, dieser Kinderraub führte 2023 zu einem Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Russlands Präsident Putin.[1]
Neben den akuten Verlusten belastet der Krieg die demografische Zukunft des Landes in mehrfacher Hinsicht: Die Geburtenrate ist 2022/23 nochmals eingebrochen (2022 gab es rund 30 % weniger Geburten als im Vorjahr), da zahlreiche junge Frauen außer Landes flohen. Mitte 2023 lebten im unbesetzten Gebiet der Ukraine Schätzungen zufolge nur noch etwa 30 Millionen Menschen, wobei die demografische Zukunft auch davon abhängt, ob und wann die Geflohenen zurückkehren.[1]
Statistik
Einwohnerentwicklung
| Jahr | Einwohner | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1840[13] | 11,1 Mio. | Schätzung; Ukrainisch besiedelte Gouvernemente des Russischen Kaiserreichs |
| 1871[13] | 14,4 Mio. | Schätzung; Ukrainisch besiedelte Gouvernemente des Russischen Kaiserreichs |
| 1897[13] | 23,4 Mio. | Volkszählung; Ukrainisch besiedelte Gouvernemente des Russischen Kaiserreichs; 22,4 Mio. Sprecher der Ukrainischen Sprache im Russischen Reich |
| 1910[13] | 30,8 Mio. | Schätzung; Ukrainisch besiedelte Gouvernemente des Russischen Kaiserreichs |
| 1926[6] | 29,0 Mio. | Volkszählung, Ukrainische SSR (80,0 % Ukrainer, 9,2 % Russen, 5,4 % Juden; Stadtbevölkerung 19 %) |
| 1939[6] | 31,8 Mio. | Volkszählung, Ukrainische SSR (76,5 % Ukrainer, 13,5 % Russen, 5,0 % Juden; Stadtbevölkerung 34 %) |
| 1940 | 39–40 Mio. | Schätzung, Ukrainische SSR nach Annexion ostpolnischer Gebiete |
| 1959[6] | 41,9 Mio. | Volkszählung, Ukrainische SSR (Ukrainer 76,8 %, Russen 16,9 %; Stadtbevölkerung 46 %) |
| 1970[14] | 47,1 Mio. | Volkszählung, Ukrainische SSR (Ukrainer 74,9 %, Russen 19,4 %) |
| 1989[6] | 51,7 Mio. | Volkszählung, Ukrainische SSR (Ukrainer 72,7 %, Russen 22,1 %; Stadtbevölkerung 67,5 %) |
| 2001[6] | 48,5 Mio. | Volkszählung, Ukraine (Ukrainer 77,8 %, Russen 17,4 %) |
| 2014[6] | 45,4 Mio. | Schätzung, Ukraine in international anerkannten Grenzen |
| 2024[15][12] | 36–38 Mio. | Schätzung, Ukraine in international anerkannten Grenzen; ca. 29 Mio. unter ukrainischer Kontrolle[1] |
Geburten und Todesfälle
Jährliche Entwicklung der Geburten und Todesfälle und weiterer Vitalstatistiken laut Schätzungen der UN.[12] Die folgenden Angaben gelten für die gesamte Ukraine in ihren internationale anerkannten Grenzen von 1992 einschließlich Krim und Donbass.
| Einwohnerzahl | Geburten | Todesfälle | Natürliche Änderung |
Geburtenrate (je 1000 Einw.) |
Sterberate (je 1000 Einw.) |
Nat. Änderung (je 1000 Einw.) |
Fertilitätsrate | Lebenserwartung | Nettemigration | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Männer | Frauen | Gesamt | Gesamt | (je 1000 Einw.) | |||||||||
| 1950 | 37 311 000 | 854 000 | 454 000 | 399 000 | 22,9 | 12,2 | 10,7 | 2,45 | 58,0 | 63,6 | 61,2 | 96 000 | 2,6 |
| 1951 | 37 808 000 | 857 000 | 456 000 | 402 000 | 22,7 | 12,1 | 10,6 | 2,43 | 58,2 | 63,9 | 61,4 | 96 000 | 2,6 |
| 1952 | 38 307 000 | 851 000 | 448 000 | 403 000 | 22,2 | 11,7 | 10,5 | 2,40 | 59,0 | 64,5 | 62,1 | 96 000 | 2,5 |
| 1953 | 38 806 000 | 83 0008 | 435 000 | 403 000 | 21,6 | 11,2 | 10,4 | 2,36 | 60,0 | 65,4 | 63,0 | 96 000 | 2,5 |
| 1954 | 39 320 000 | 81 0007 | 419 000 | 398 000 | 20,8 | 10,7 | 10,1 | 2,31 | 61,1 | 66,5 | 64,1 | 131 000 | 3,3 |
| 1955 | 39 860 000 | 824 000 | 404 000 | 420 000 | 20,7 | 10,1 | 10,5 | 2,31 | 62,2 | 67,6 | 65,3 | 131 000 | 3,3 |
| 1956 | 40 419 000 | 830 000 | 393 000 | 437 000 | 20,5 | 9,7 | 10,8 | 2,30 | 63,1 | 68,7 | 66,3 | 132 000 | 3,3 |
| 1957 | 40 999 000 | 844 000 | 383 000 | 461 000 | 20,6 | 9,3 | 11,2 | 2,30 | 64,0 | 69,7 | 67,2 | 130 000 | 3,2 |
| 1958 | 41 627 000 | 865 000 | 381 000 | 484 000 | 20,8 | 9,1 | 11,6 | 2,30 | 64,4 | 70,3 | 67,7 | 182 000 | 4,4 |
| 1959 | 42 244 000 | 886 000 | 358 000 | 528 000 | 21,0 | 8,5 | 12,5 | 2,30 | 65,3 | 71,2 | 68,7 | 41 000 | 1,0 |
| 1960 | 42 824 000 | 892 000 | 353 000 | 539 000 | 20,8 | 8,2 | 12,6 | 2,29 | 65,9 | 72,0 | 69,4 | 52 000 | 1,2 |
| 1961 | 43 400 000 | 857 000 | 348 000 | 509 000 | 19,7 | 8,0 | 11,7 | 2,20 | 66,5 | 72,7 | 70,0 | 52 000 | 1,2 |
| 1962 | 43 944 000 | 831 000 | 349 000 | 482 000 | 18,9 | 7,9 | 11,0 | 2,15 | 66,8 | 73,1 | 70,4 | 46 000 | 1,0 |
| 1963 | 44 462 000 | 801 000 | 351 000 | 450 000 | 18,0 | 7,9 | 10,1 | 2,11 | 67,0 | 73,4 | 70,7 | 60 000 | 1,4 |
| 1964 | 44 951 000 | 745 000 | 353 000 | 391 000 | 16,6 | 7,9 | 8,7 | 2,01 | 67,2 | 73,8 | 71,0 | 77 000 | 1,7 |
| 1965 | 45 387 000 | 694 000 | 359 000 | 334 000 | 15,3 | 7,9 | 7,4 | 1,94 | 67,2 | 74,1 | 71,1 | 69 000 | 1,5 |
| 1966 | 45 803 000 | 706 000 | 369 000 | 338 000 | 15,4 | 8,0 | 7,4 | 2,04 | 67,1 | 74,3 | 71,2 | 90 000 | 2,0 |
| 1967 | 46 216 000 | 694 000 | 380 000 | 314 000 | 15,0 | 8,2 | 6,8 | 2,04 | 66,9 | 74,3 | 71,1 | 86 000 | 1,9 |
| 1968 | 46 614 000 | 688 000 | 393 000 | 295 000 | 14,8 | 8,4 | 6,3 | 2,03 | 66,6 | 74,4 | 71,0 | 102 000 | 2,2 |
| 1969 | 46 976 000 | 683 000 | 408 000 | 275 000 | 14,5 | 8,7 | 5,9 | 2,01 | 66,3 | 74,4 | 70,8 | 52 000 | 1,1 |
| 1970 | 47 261 000 | 710 000 | 418 000 | 292 000 | 15,0 | 8,9 | 6,2 | 2,08 | 66,2 | 74,5 | 70,8 | −48 000 | −1,0 |
| 1971 | 47 573 000 | 732 000 | 426 000 | 306 000 | 15,4 | 9,0 | 6,4 | 2,11 | 66,2 | 74,5 | 70,9 | 75 000 | 1,6 |
| 1972 | 47 947 000 | 745 000 | 435 000 | 310 000 | 15,5 | 9,1 | 6,5 | 2,13 | 66,3 | 74,7 | 71,0 | 57 000 | 1,2 |
| 1973 | 48 277 000 | 724 000 | 449 000 | 275 000 | 15,0 | 9,3 | 5,7 | 2,04 | 66,2 | 74,5 | 70,8 | 19 000 | 0,4 |
| 1974 | 48 577 000 | 738 000 | 464 000 | 273 000 | 15,2 | 9,6 | 5,6 | 2,06 | 65,9 | 74,4 | 70,6 | 32 000 | 0,7 |
| 1975 | 48 865 000 | 739 000 | 483 000 | 257 000 | 15,1 | 9,9 | 5,3 | 2,05 | 65,6 | 74,2 | 70,4 | 15 000 | 0,3 |
| 1976 | 49 121 000 | 747 000 | 499 000 | 247 000 | 15,2 | 10,2 | 5,0 | 2,04 | 65,2 | 74,2 | 70,1 | −8 000 | −0,2 |
| 1977 | 49 336 000 | 731 000 | 514 000 | 217 000 | 14,8 | 10,4 | 4,4 | 1,98 | 65,0 | 74,2 | 70,0 | −25 000 | −0,5 |
| 1978 | 49 521 000 | 736 000 | 529 000 | 207 000 | 14,9 | 10,7 | 4,2 | 1,97 | 64,7 | 74,2 | 69,8 | −29 000 | −0,6 |
| 1979 | 49 72 0001 | 740 000 | 543 000 | 197 000 | 14,9 | 10,9 | 4,0 | 1,96 | 64,5 | 74,3 | 69,8 | 26 000 | 0,5 |
| 1980 | 49 955 000 | 747 000 | 550 000 | 197 000 | 15,0 | 11,0 | 3,9 | 1,95 | 64,5 | 74,3 | 69,8 | 47 000 | 0,9 |
| 1981 | 50 189 000 | 740 000 | 557 000 | 183 000 | 14,8 | 11,1 | 3,6 | 1,92 | 64,5 | 74,5 | 69,8 | 41 000 | 0,8 |
| 1982 | 50 403 000 | 758 000 | 564 000 | 194 000 | 15,0 | 11,2 | 3,9 | 1,95 | 64,6 | 74,6 | 69,9 | 9 000 | 0,2 |
| 1983 | 50 637 000 | 817 000 | 575 000 | 242 000 | 16,1 | 11,4 | 4,8 | 2,10 | 64,6 | 74,6 | 69,9 | 24 000 | 0,5 |
| 1984 | 50 888 000 | 811 000 | 588 000 | 222 000 | 15,9 | 11,6 | 4,4 | 2,08 | 64,8 | 74,5 | 70,0 | 13 000 | 0,3 |
| 1985 | 51 109 000 | 787 000 | 586 000 | 201 000 | 15,4 | 11,5 | 3,9 | 2,03 | 65,5 | 74,6 | 70,4 | 6 000 | 0,1 |
| 1986 | 51 319 000 | 810 000 | 585 000 | 226 000 | 15,8 | 11,4 | 4,4 | 2,12 | 66,2 | 74,8 | 70,8 | −12 000 | −0,2 |
| 1987 | 51 516 000 | 780 000 | 581 000 | 199 000 | 15,1 | 11,3 | 3,9 | 2,07 | 66,7 | 75,0 | 71,2 | - 18 000 | −0,4 |
| 1988 | 51 725 000 | 758 000 | 595 000 | 162 000 | 14,6 | 11,5 | 3,1 | 2,04 | 66,4 | 75,0 | 71,0 | 76 000 | 1,5 |
| 1989 | 51 918 000 | 716 000 | 609 000 | 106 000 | 13,8 | 11,7 | 2,1 | 1,93 | 66,1 | 75,0 | 70,8 | 37 000 | 0,7 |
| 1990 | 52 054 000 | 682 000 | 633 000 | 49 000 | 13,1 | 12,2 | 0,9 | 1,85 | 65,4 | 74,8 | 70,4 | 76 000 | 1,5 |
| 1991 | 52 171 000 | 651 000 | 668 000 | −16 000 | 12,5 | 12,8 | −0,3 | 1,77 | 64,6 | 74,4 | 69,7 | 126 000 | 2,4 |
| 1992 | 52 324 000 | 611 000 | 707 000 | −96 000 | 11,7 | 13,5 | −1,8 | 1,67 | 63,8 | 73,9 | 68,9 | 292 000 | 5,6 |
| 1993 | 52 350 000 | 570 000 | 739 000 | − 169 000 | 10,9 | 14,1 | −3,2 | 1,56 | 63,0 | 73,4 | 68,3 | 26 000 | 0,5 |
| 1994 | 52 076 000 | 533 000 | 772 000 | −239 000 | 10,2 | 14,8 | −4,6 | 1,47 | 62,2 | 72,9 | 67,5 | −166 000 | −3,2 |
| 1995 | 51 666 000 | 501 000 | 783 000 | −282 000 | 9,7 | 15,1 | −5,5 | 1,40 | 61,6 | 72,7 | 67,1 | −134 000 | −2,6 |
| 1996 | 51 226 000 | 474 000 | 779 000 | −305 000 | 9,2 | 15,2 | −6,0 | 1,33 | 61,5 | 72,8 | 67,1 | −158 000 | −3,1 |
| 1997 | 50 787 000 | 448 000 | 755 000 | −307 000 | 8,8 | 14,9 | −6,0 | 1,27 | 62,2 | 73,2 | 67,7 | −109 000 | −2,1 |
| 1998 | 50 380 000 | 423 000 | 742 000 | −318 000 | 8,4 | 14,7 | −6,3 | 1,21 | 62,6 | 73,5 | 68,0 | −81 000 | −1,6 |
| 1999 | 49 976 000 | 394 000 | 743 000 | −348 000 | 7,9 | 14,9 | −7,0 | 1,13 | 62,5 | 73,6 | 68,0 | −59 000 | −1,2 |
| 2000 | 49 557 000 | 388 000 | 752 000 | −364 000 | 7,8 | 15,2 | −7,3 | 1,11 | 62,2 | 73,5 | 67,8 | −68 000 | −1,4 |
| 2001 | 49 107 000 | 382 000 | 757 000 | −375 000 | 7,8 | 15,4 | −7,6 | 1,09 | 62,0 | 73,5 | 67,7 | −93 000 | −1,9 |
| 2002 | 48 677 000 | 395 000 | 759 000 | −365 000 | 8,1 | 15,6 | −7,5 | 1,13 | 62,1 | 73,5 | 67,7 | −27 000 | −0,6 |
| 2003 | 48 315 000 | 413 000 | 764 000 | −351 000 | 8,5 | 15,8 | −7,3 | 1,17 | 62,0 | 73,5 | 67,6 | 19 000 | 0,4 |
| 2004 | 47 980 000 | 430 000 | 774 000 | −344 000 | 9,0 | 16,1 | −7,2 | 1,22 | 61,8 | 73,4 | 67,5 | 6 000 | 0,1 |
| 2005 | 47 586 000 | 434 000 | 772 000 | −338 000 | 9,1 | 16,2 | −7,1 | 1,22 | 61,8 | 73,5 | 67,5 | −111 000 | −2,3 |
| 2006 | 47 279 000 | 463 000 | 764 000 | −301 000 | 9,8 | 16,1 | −6,4 | 1,30 | 61,7 | 73,5 | 67,5 | 136 000 | 2,9 |
| 2007 | 47 063 000 | 480 000 | 763 000 | −283 000 | 10,2 | 16,2 | −6,0 | 1,34 | 62,0 | 73,7 | 67,7 | 15 000 | 0,3 |
| 2008 | 46 819 000 | 516 000 | 745 000 | −229 000 | 11,0 | 15,9 | −4,9 | 1,44 | 62,7 | 74,1 | 68,3 | 9 000 | 0,2 |
| 2009 | 46 624 000 | 522 000 | 720 000 | −198 000 | 11,2 | 15,4 | −4,2 | 1,47 | 63,8 | 74,6 | 69,2 | 27 000 | 0,6 |
| 2010 | 46 456 000 | 507 000 | 687 000 | −180 000 | 10,9 | 14,8 | −3,9 | 1,44 | 65,0 | 75,3 | 70,2 | 16 000 | 0,3 |
| 2011 | 46 308 000 | 512 000 | 670 000 | −158 000 | 11,1 | 14,5 | −3,4 | 1,46 | 65,6 | 75,7 | 70,7 | 26 000 | 0,6 |
| 2012 | 46 210 000 | 528 000 | 658 000 | −130 000 | 11,4 | 14,2 | −2,8 | 1,53 | 66,0 | 76,0 | 71,1 | 67 000 | 1,4 |
| 2013 | 46 127 000 | 515 000 | 645 000 | −130 000 | 11,2 | 14,0 | −2,8 | 1,52 | 66,3 | 76,4 | 71,5 | 27 000 | 0,6 |
| 2014 | 45 972 000 | 489 000 | 629 000 | −140 000 | 10,6 | 13,7 | −3,1 | 1,47 | 66,6 | 76,8 | 71,8 | −66 000 | −1,4 |
| 2015 | 45 785 000 | 449 000 | 596 000 | −147 000 | 9,8 | 13,0 | −3,2 | 1,39 | 67,7 | 77,5 | 72,7 | −22 000 | −0,5 |
| 2016 | 45 617 000 | 439 000 | 574 000 | −136 000 | 9,6 | 12,6 | −3,0 | 1,39 | 68,5 | 78,0 | 73,4 | −31 000 | −0,7 |
| 2017 | 45 436 000 | 399 000 | 557 000 | −158 000 | 8,8 | 12,3 | −3,5 | 1,30 | 69,1 | 78,6 | 74,0 | −36 000 | −0,8 |
| 2018 | 45 209 000 | 367 000 | 595 000 | −227 000 | 8,1 | 13,2 | −5,0 | 1,23 | 68,6 | 78,3 | 73,6 | −32 000 | −0,7 |
| 2019 | 44 957 000 | 352 000 | 588 000 | −236 000 | 7,8 | 13,1 | −5,3 | 1,22 | 68,9 | 78,7 | 73,9 | −7 000 | −0,2 |
| 2020 | 44 680 000 | 338 000 | 645 000 | −308 000 | 7,6 | 14,4 | −6,9 | 1,21 | 68,3 | 78,0 | 73,3 | − 4 000 | −0,1 |
| 2021 | 44 299 000 | 309 000 | 759 000 | − 450 000 | 7,0 | 17,1 | −10,2 | 1,15 | 67,1 | 76,0 | 71,6 | −1 000 | −0,0 |
| 2022 | 41 049 000 | 233 000 | 582 000 | −349 000 | 5,7 | 14,2 | −8,5 | 0,90 | 66,2 | 79,4 | 72,7 | −5 699 000 | −138,8 |
| 2023 | 37 733 000 | 212 000 | 495 000 | −283 000 | 5,6 | 13,1 | −7,5 | 0,98 | 66,9 | 80,2 | 73,4 | −300 000 | −8,0 |
Demografische Krise
Die Ukraine durchlebt seit den 1990er-Jahren eine demografische Krise, die sich in den 2010er-Jahren noch verschärft hat. Bereits seit 1991 übersteigt die Sterblichkeit konstant die Geburtenzahl, was zu einem dauerhaften Bevölkerungsschwund führt. Als Hauptgründe gelten die niedrige Fertilität, die hohe Mortalität (besonders unter Männern) und die anhaltende Abwanderung junger Menschen. Ab 2013 sank die Zahl der Geburten jedes Jahr, auch infolge der Krim-Annexion und des Donbasskriegs (viele junge Leute aus diesen Gebieten waren geflohen). 2020 wurden in der Ukraine nur noch 340.000 Kinder geboren – rund 40 % weniger als 2012. Im Jahr 2021 lag die natürliche Bevölkerungsabnahme bei ca. 450.000 Personen. Mit der russischen Invasion verschlimmterte sich das Problem weiter und es wurde von einer „demografische Katastrophe“ für das Land gesprochen. Auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner kamen 5,6 Geburten und 13,1 Todesfälle im Jahr 2023, womit Todesfälle die Geburten fast um das dreifache übersteigen.[16] Alle Szenarien gehen von einer viel kleineren Bevölkerung im Jahr 2030 aus (zwischen 24 und 35 Millionen).[1] Laut Umfragen von 2024 wollen mindestens ein Viertel der Vertriebenen nicht mehr nicht in die Ukraine zurückkehren.[17] Bis 2050 könnte die Einwohnerzahl auf 25 Millionen und bis 2100 auf 15 Millionen zurückgehen.[18]
Die ukrainische Regierung ist sich der demografischen Probleme bewusst, konnte diesen aber bislang kaum entgegenwirken. Verschiedene Maßnahmen wie einmalige Geburtenbeihilfen (seit 2005) oder bessere Unterstützung für Familien hatten allenfalls begrenzte Effekte.
Bevölkerungsverteilung
Mit rund 73 Einwohnern pro km² (vor Kriegsbeginn 2022) ist die Ukraine insgesamt dünner besiedelt als die meisten westeuropäischen Länder.[19] Die Bevölkerung verteilt sich jedoch sehr ungleichmäßig. Besonders Ballungsräume im Osten und Süden, etwa das Donezbecken (Donezk und Luhansk) und die dicht besiedelte Dnipropetrowsk-Region, erreichen hohe Einwohnerdichten von weit über 200 Ew./km². Auch die Hauptstadtregion Kiew (Kyjiw) und das westukrainische Galizien um Lemberg (Lwiw) sind relativ dicht bewohnt. Dagegen weisen die ausgedehnten zentralukrainischen Ebenen (Waldsteppe) nur Streudörfer auf, und die nördlichen Gebiete an der Grenze zu Belarus, geprägt von Wäldern und Sümpfen in Polesien, gehören mit teils unter 30 Ew./km² zu den dünnsten besiedelten Landesteilen. Die Bergregionen der Karpaten sowie weite Teile der Krimhalbinsel (abseits der Küste) sind ebenfalls schwach besiedelt. Die durch die Tschernobyl-Katastrophe 1986 kontaminierten Landstriche im Norden Kiews wurden vollständig aufgegeben und bleiben unbewohnt.
Historisch ist die heutige Siedlungsverteilung ein Ergebnis der Kolonisation im 18.–19. Jahrhundert. Nachdem die Südukraine im 18. Jh. vom Osmanischen Reich an Russland gefallen war, wurden die zuvor dünnen Steppen am Schwarzen Meer gezielt mit Bauern und Handwerkern aus dem Inland sowie Siedlern deutscher, bulgarischer, griechischer u. a. Herkunft bevölkert. Es entstanden neue Hafenstädte wie Odessa und Ackerbaukolonien in der sogenannten Neurussland-Region. Im 20. Jahrhundert kamen industrielle Verdichtungsräume im Donbass hinzu. Allerdings hinterließ der wirtschaftliche Niedergang nach 1991 deutliche regionale Disparitäten: Einige altindustrialisierte Gebiete (etwa im Donbass) verloren in den letzten Jahrzehnten viele Einwohner durch Abwanderung, während wirtschaftlich dynamischere Zentren (Kiew, Odessa, Lwiw) als Zielregionen innerer Migration dienten. Dadurch konzentriert sich die Bevölkerung zusehends auf einige Kernräume.
Die Ukraine ist heute eine urbanisierte Gesellschaft: Etwa 70 % der Einwohner leben in Städten (2024).[20] Im Zuge der sowjetischen Industrialisierung stieg der Urbanisierungsgrad von nur 34 % (1939) auf 60 % (1979) und weiter auf knapp 70 % im Jahr 1991 an. Seitdem blieb der Wert relativ stabil, doch die Städte haben intern Bevölkerung verloren (viele weisen seit 1991 schrumpfende Einwohnerzahlen auf). Die Hauptstadt Kiew stellt mit rund 3 Millionen Bewohnern (2022) das unangefochtene urbane Zentrum dar, gefolgt in weitem Abstand von Charkiw im Osten. Während Kiew seit 1991 deutlich gewachsen ist, verlor der ländliche Raum und viele Städte im Osten des Landes an Einwohnern. Städte wie Donezk, Luhansk oder Mariupol wurden durch Kampfhandlungen ab 2014 teils entvölkert und zerstört, während Städte im Westen tendenziell von Binnenmigration profitierten.
| Stadt | Einwohnerzahl (2022) |
Einwohnerzahl (2014) |
Einwohnerzahl (2001) |
Einwohnerzahl (1989) |
Einwohnerzahl (1979) |
|---|---|---|---|---|---|
| Kiew | 2.952.301 | 2.868.702 | 2.611.327 | 2.587.945 | 2.143.855 |
| Charkiw | 1.421.125 | 1.451.132 | 1.470.902 | 1.609.959 | 1.443.754 |
| Odessa | 1.010.537 | 1.017.022 | 1.029.049 | 1.115.371 | 1.046.133 |
| Dnipropetrowsk | 968.502 | 993.094 | 1.080.846 | 1.191.971 | 1.080.117 |
| Donezk | 901.645 | 949.825 | 1.016.194 | 1.109.102 | 1.020.799 |
Gesundheit
Die Gesundheitslage in der Ukraine ist geprägt von einem paradoxen Nebeneinander aus hochqualifiziertem medizinischem Personal und erschreckend niedrigen Gesundheitsindikatoren. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag 2019 bei nur 72,5 Jahren (Männer 68, Frauen 78).[21] Sie liegt damit deutlich niedriger als in den EU-Staaten. Hauptursache dafür ist die hohe Sterblichkeit durch nichtübertragbare Krankheiten (v. a. Herz-Kreislauf-Leiden) in Verbindung mit ungesunden Lebensweisen. Die Ukraine hat, wie viele andere postsowjetische Länder, ein gravierendes Problem mit Alkoholismus: Pro Kopf wurden jährlich etwa 13–15 Liter reiner Alkohol konsumiert, was zu den weltweit höchsten Raten gehört. Nach einem Rückgang waren es 2021 noch ca. 9 Liter.[22] Besonders Männer trinken oft exzessiv; einer Studie von 2009 zufolge waren ein Drittel der Männer starke Trinker.[23] Tabakrauchen ist ebenfalls verbreitet: Rund 36 % der Männer und 15 % der Frauen rauchten 2021 täglich.[24] Die Folgen sind eine hohe Rate an Krebserkrankungen (Lungen-, Kehlkopfkrebs etc.) sowie chronische Bronchialleiden. Weitere Faktoren, die die Sterblichkeit erhöhen, sind ungesunde Ernährung (häufiges Übergewicht), zu geringe Vorsorge (späte Diagnose von Tumoren) und psychosozialer Stress.
Auch Infektionskrankheiten belasten die ukrainische Bevölkerung überproportional. In den 1990er-Jahren entwickelte sich in der Ukraine die größte HIV/Aids-Epidemie Europas: 2021 lebten geschätzt 240.000 Menschen mit HIV (Prävalenz ~0,9 % der Erwachsenen). Zunächst breitete sich das Virus v. a. unter Drogenanhängigen und Prostituierten aus; mittlerweile ist der heterosexuelle Verkehr Hauptübertragungsweg. Dank internationaler Hilfsprogramme (u. a. Global Fund) erhalten über 60 % der HIV-Patienten antiretrovirale Therapie.[25] Ebenfalls problematisch ist die Tuberkulose: Die Ukraine gehört zu den Ländern mit der höchsten TB-Last weltweit. Pro Jahr erkranken zwischen 20.000 und 30.000 Ukrainer neu an Tuberkulose; multiresistente Stämme sind dabei ein wachsendes Problem.[26]
Ein ernstes demografisches Problem der Ukraine sind die externen Todesursachen. Die Rate an Tötungsdelikten ist deutlich höher als in Westeuropa, wobei viele Gewaltverbrechen im familiären Umfeld unter Alkoholeinfluss geschehen. Die Suizidrate gehört konstant zu den höchsten in Europa[27], verschlimmert durch den Krieg im Land und damit verbundene Traumata.[28] Gründe sind unter anderem die hohe Alkohol- und Arbeitslosenquote und fehlende psychosoziale Betreuung. Ebenfalls gravierend sind die Verkehrstoten: Mit rund 10 Todesopfern pro 100.000 Einwohner jährlich gehörten die ukrainischen Straßen 2019 zu den gefährlichsten Europas.[29] Mangelhafte Straßen, alte Fahrzeuge, oft aber auch Raserei und Trunkenheit am Steuer tragen hierzu bei.
Das ukrainische Gesundheitssystem steht seit der Unabhängigkeit vor großen Herausforderungen. Zwar hinterließ die Sowjetunion ein dichtes Netz an Polikliniken, Sanatorien und Krankenhäusern, doch fehlten nach 1991 die Mittel, um diese Infrastruktur instand zu halten. In den 1990er-Jahren brach die staatliche Finanzierung drastisch ein; Ärzte und Pflegepersonal erhielten monatelang keinen Lohn. Viele gut ausgebildete Mediziner wanderten ins Ausland ab Ein großer Mangel an medizinischem Personal besteht vor allem im ländlichen Raum, was die rechtszeitige Erkennung und Behandlungen von Krankheiten erschwert. Hinzu kommt eine eklatante Unterbezahlung: Das Durchschnittsgehalt eines Arztes lag 2015 bei umgerechnet ca. 300 US-Dollar im Monat, was viele Mediziner zu informellen Zuzahlungen oder dem Wechsel in die Privatwirtschaft drängt. Korruption und Bestechung sind im öffentlichen Gesundheitswesen verbreitet, Patienten müssen oft „extra“ zahlen, um versorgt zu werden.[30]
Ethnien
Die Ukraine ist ein multiethnischer Staat mit über 130 in Volkszählungen registrierten Nationalitäten. Die ethnischen Ukrainer bilden die Bevölkerungsmehrheit. Sie sind ein ostslawisches Volk mit eigener Sprache, das sich im Mittelalter entwickelte. Sie siedeln flächendeckend in allen Landesteilen und stellen in fast allen Regionen die Mehrheit (ausgenommen die Krim). Die Russen leben vor allem im Osten und Süden der Ukraine, wo sie teils seit dem 18./19. Jahrhundert heimisch sind (z. B. in Hafenstädten wie Odessa oder im Donbass). Im Jahr 1989 lag der russische Bevölkerungsanteil noch bei 22 %, sank danach aber durch Abwanderung auf 17,5 Prozent 2001.[10] Viele der russisch geprägten Gebiete sind seit 2014 umkämpft oder stehen (wie die Krim) nicht mehr unter ukrainischer Kontrolle. In verbliebenen Gebieten liegt ihr Anteil deutlich unter 10 Prozent.
Die zahlreichen weiteren Minderheiten sind überwiegend in bestimmten Regionen konzentriert. Die Belarussen leben zerstreut in den nördlichen Landesteilen, die Moldauer/Rumänen vor allem in der südlichen Bukowina (Oblast Tscherniwzi) und in Transkarpatien. Die Krimtataren, ein Turkvolk muslimischen Glaubens, waren bis zu ihrer Deportation 1944 auf der Krim ansässig; ab 1990 kehrten rund 250.000 Krimtataren aus dem Exil zurück und stellten 2014 etwa 12–15 % der Krim-Bevölkerung. Seit der russischen Annexion der Krim 2014 sind die Tataren dort Repressionen ausgesetzt; viele flohen aufs ukrainische Festland, wo heute eine krimtatarische Diaspora existiert. Ungarn und Rumänen bilden in einigen Grenzbezirken der Westukraine beachtliche Anteile (z. B. 12 % Ungarn in Transkarpatien; 7 % Rumänen in Tscherniwzi). Bulgaren sind seit dem 18. Jh. im Budschak (Oblast Odessa) ansässig, Griechen seit der Antike am Asowschen Meer (Mariupol-Region). Die Polen und Deutschen der Ukraine wurden durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs fast vollständig vertrieben; nur kleine Reste verblieben. Die Juden hatten bis 1939 mit über 1,5 Millionen Menschen eine große Gemeinde in der Ukraine (ca. 5 % der Gesamtbevölkerung), was sich durch den Zweiten Weltkrieg und Abwanderung bis 2001 noch auf ca. 0,2 Prozent reduzierte.[10]
| Ethnie | Census 1926[31] | Census 1939[32] | Census 1959[33] | Census 1970[14] | Census 1979[34] | Census 1989[34] | Census 2001[10] | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Anzahl | % | Anzahl | % | Anzahl | % | Anzahl | % | Anzahl | % | Anzahl | % | Anzahl | % | |
| Ukrainer | 23.218.860 | 80,0 | 23.667.509 | 76,5 | 32.158.493 | 76,8 | 35.283.857 | 74,9 | 36.488.951 | 73,6 | 37.419.053 | 72,7 | 37.541.693 | 77,5 |
| Russen | 4.175.299 | 13,5 | 7.090.813 | 16,9 | 9.126.331 | 19,4 | 10.471.602 | 21,1 | 11.355.582 | 22,1 | 8.334.141 | 17,2 | ||
| Rumänen/Moldauer | 257.794 | 0,9 | 230.698 | 0,8 | 391.753 | 1,1 | 378.043 | 1,1 | 415.371 | 1,1 | 459.350 | 1,2 | 409.608 | 1,1 |
| Belarussen | 75.842 | 0,3 | 158.174 | 0,5 | 290.890 | 0,7 | 385.847 | 0,8 | 406.098 | 0,8 | 440.045 | 0,9 | 275.763 | 0,6 |
| Krimtartaren | 193 | 0,0 | 3.554 | 0,0 | 6.636 | 0.0 | 46.807 | 0,1 | 248.193 | 0,5 | ||||
| Bulgaren | 92.078 | 0,3 | 83.838 | 0,3 | 219.419 | 0,5 | 234.390 | 0,5 | 238.217 | 0,5 | 233.800 | 0,5 | 204.574 | 0,4 |
| Ungarn | 149.229 | 0,4 | 157.731 | 0,3 | 164.373 | 0,3 | 163.111 | 0,3 | 156.566 | 0,3 | ||||
| Polen | 476.435 | 1,6 | 357.710 | 1,2 | 363.297 | 0,9 | 295.107 | 0,6 | 258.309 | 0,5 | 219.179 | 0,4 | 144.130 | 0,3 |
| Juden | 1.574.428 | 5,4 | 1.532.776 | 5,0 | 840.311 | 2,0 | 777.126 | 1,7 | 634,154 | 1,3 | 486.628 | 1,0 | 103.591 | 0,2 |
| Armenier | 28.024 | 0,1 | 33.439 | 0,1 | 38.646 | 0,1 | 54.200 | 0,1 | 99.894 | 0,2 | ||||
| Griechen | 104.666 | 0,4 | 107.047 | 0,4 | 104.359 | 0,3 | 106.909 | 0,2 | 104.091 | 0,2 | 98.594 | 0,2 | 91.548 | 0,2 |
| Tataren | 22.281 | 0,1 | 55.456 | 0,2 | 61.334 | 0,2 | 72.658 | 0,2 | 83.906 | 0,2 | 86.875 | 0,2 | 73.304 | 0,2 |
| Roma | 13.578 | 0,0 | 10.443 | 0,0 | 22.515 | 0,1 | 30.091 | 0,1 | 34.411 | 0,1 | 47.917 | 0,1 | 47.587 | 0,1 |
| Aserbaidschaner | 6.680 | 0,0 | 10.769 | 0,0 | 17.235 | 0,0 | 36.961 | 0,1 | 45.176 | 0,1 | ||||
| Georgier | 11.574 | 0,0 | 14.650 | 0,0 | 16.301 | 0,0 | 23.540 | 0,1 | 34.199 | 0,1 | ||||
| Deutsche | 393.924 | 1,4 | 392.458 | 1,3 | 23.243 | 0,1 | 29.871 | 0,1 | 34.139 | 0,1 | 37.849 | 0,1 | 33.302 | 0,1 |
| Gagausen | 23.530 | 0,1 | 26.464 | 0,1 | 29.398 | 0,1 | 31.967 | 0,1 | 31.923 | 0,1 | ||||
| Karaiten | 3.301 | 0,0 | 2.596 | 0,0 | 1.845 | 0,0 | 1.404 | 0,0 | 1.196 | 0,0 | ||||
| Sonstige | 103.935 | 0,4 | 174.810 | 0,6 | 129.338 | 0,3 | 157.084 | 0,3 | 165.650 | 0,3 | 209.172 | 0,4 | 363.821 | 1,1 |
| Gesamt | 28.994.980 | 30.946.218 | 41.869.046 | 47.126.517 | 49.609.333 | 51.452.034 | 48.240.902 | |||||||
| Angaben in jeweiligen Grenzen | ||||||||||||||
Sprache
Die ukrainische Staatsbürgernation vereint Menschen aller genannten Gruppen. Laut Verfassung gilt Ukrainisch als einzige Amtssprache. Tatsächlich ist die Sprache jedoch kein eindeutiges Abgrenzungskriterium zwischen den Ethnien: Viele ethnische Ukrainer sind bilingual (Ukrainisch und Russisch), während ein Teil der russischsprachigen Bevölkerung sich dennoch als Ukrainer im nationalen Sinne sieht. Es gibt auch eine als Surschyk bekannte Mischsprache aus Russisch und Ukrainisch. Im Jahr 2001 gaben 67,5 % der Bürger Ukrainisch und 29,6 % Russisch als Muttersprache an, wobei Russisch vor allem in Städten und im Osten des Landes weit verbreitet ist.[10] Minderheitensprachen werden vorwiegend in den Grenzregionen im Westteil des Landes gesprochen.
Vor 2014 verfolgte die Ukraine eine pluralistische Sprachenpolitik (in einigen Regionen hatten Russisch, Ungarisch oder Rumänisch offiziellen Regionalstatus). Seit den Ereignissen um die Annexion der Krim und die russische Intervention im Donbass gewann jedoch der Schutz der ukrainischen Sprache an politischer Bedeutung. 2017 wurde das Ukrainische in Schulen ab der fünften Klasse zur Pfichtsprache im Unterricht. 2019 trat ein Gesetz in Kraft, das die Verwendung des Ukrainischen im öffentlichen Raum ausweitet, um der „Ukrainischen Sprache als Staatssprache“ Geltung zu verschaffen. Die Minderheitensprachen – insbesondere Russisch – werden seither zurückgedrängt, was von den Nachbarländern teils kritisch gesehen wird (z. B. Sprachkonflikt mit Ungarn).[35][36]
Migration
Die Migrationsbewegungen haben die ukrainische Demografie seit jeher geprägt. Im Zarenreich des 19. Jh. wanderten viele Ukrainer ins russische Kernland oder nach Sibirien ab, um neues Land zu erschließen. Zugleich gab es eine erste Auswanderungswelle nach Übersee: Zwischen 1880 und 1914 verließen hunderttausende galizische und bukowinische Ukrainer (damals Österreicher) sowie viele ukrainische Juden ihre Heimat in Richtung Kanada, USA, Brasilien und Argentinien. Sie gründeten dort bis heute bestehende ukrainische Gemeinden (z. B. in Manitoba oder im Bundesstaat Paraná). Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer kleineren Emigrationswelle von ukrainischen Intellektuellen und Nationalaktivisten in westeuropäische Exilländer (Wien, Prag, Paris). In der Sowjetzeit war Auswanderung dann nahezu unmöglich, dafür fand eine starke Binnenmigration statt: Millionen Ukrainer gingen als Fachkräfte in andere Sowjetrepubliken (etwa nach Kasachstan oder in den russischen Ural), während umgekehrt viele Russen und Belarussen in die Ukraine übersiedelten.
Nach der Unabhängigkeit 1991 wandelte sich die Ukraine rasch zu einem Land mit hohem Emigrationsüberschuss. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1991 und 2004 rund 2,5 Millionen Menschen aus der Ukraine abwanderten, bei nur geringen Zuzügen aus dem Ausland (darunter viele ethnische Ukrainer aus GUS-Staaten).[37] Offiziell sind zwar viele dieser Arbeitsmigranten in der Ukraine gemeldet geblieben, doch de facto hielten sie sich oft dauerhaft im Ausland auf. In der Zeit vor dem Krieg arbeiteten bis knapp 9 Millionen Ukrainer im Ausland. Bis 2014 war Russland ein beliebtes Ziel für diese Gastarbeiter, danach zunehmend EU-Staaten wie Polen. In den 2010er-Jahren war zunehmend von einem „Brain-Drain“ die Rede, da vor allem gut ausgebildete junge Kräfte im Ausland bessere Bedingungen suchten.[38]
Bei der Volkszählung 2001 lag der Ausländeranteil in der Ukraine bei knapp 10 Prozent. Diese ungewöhnlich hohe Quote erklärt sich aber größtenteils aus den historischen Umständen: In sowjetischer Zeit gab es innerhalb der UdSSR intensive Wanderungen, sodass bei der Unabhängigkeit viele in anderen Teilrepubliken geborene Menschen plötzlich als „Migranten“ galten. So waren 2001 etwa 3,6 Millionen Ukrainer im heutigen Russland geboren und 0,3 Millionen in Belarus.[10] Aufgrund der niedrigen Löhne im Land ist die Ukraine kein klassisches Einwanderungsland und insgesamt leben nur wenige Ausländer im Land, welche nicht aus den postsowjetischen Staaten stammen, darunter einige zehntausende Auslandstudenten.
Religion
Religion in Ukraine (2022)
Die Ukraine verfügt über ein reiches religiöses Erbe und war historisch ein Schnittpunkt zwischen der orthodoxen, katholischen und islamischen Welt. Laut einer Umfrage von 2022 waren rund 72 % der Ukrainer orthodoxe Christen, etwa 9 % bekennen sich zum Katholizismus (überwiegend in Form der griechisch-katholischen Kirche), ca. 2 % zu protestantischen Kirchen und ca. 2 % gehörten anderen christlichen Konfessionen an. Daneben gibt es kleine Gemeinschaften von Muslimen (unter 1 %, vor allem Krimtataren) und Juden (~0,1–0,2 %) sowie eine erhebliche Gruppe Konfessionsloser (um 10 % bezeichnen sich als atheistisch oder glaubensfern).[39] Die ukrainische Verfassung garantiert religiöse Freiheit, und der Staat ist offiziell säkular.
Nach Umfragen von 2020 betrachten sich etwa 68 % der Ukrainer als gläubig (davon die Mehrheit christlich-orthodox), während sich nur 3,4 % sich als überzeugte Atheisten bezeichnen, was ein höherer Anteil an Religiosität als in den meisten Ländern in Westeuropa ist.[40] Allerdings sind viele Gläubige nicht regelmäßig praktizierend: Lediglich ca. 15 % besuchen wöchentlich einen Gottesdienst, während 40 % dies nur zu Feiertagen tun.[41] Die Kirchen genießen dennoch hohes gesellschaftliches Ansehen (Vertrauenswerte von über 60 Prozent).[40]
Christentum
Die Mehrheit der Ukrainer gehört einer der orthodoxen Kirchen an. Das Land gilt als „Wiege“ der ostslawischen Orthodoxie, da die Taufe der Kiewer Rus (988) die Christianisierung der Ostslawen begründete – dieses Ereignis wird sowohl in der Ukraine als auch in Russland als identitätsstiftend angesehen. Nach den Repressionen der Sowjetära (Bekämpfung des Glaubens und Tötung von Priestern) erlebte die Orthodoxie und die Religion allgemein jedoch einen starken Aufschwung in den 1990er Jahren: Millionen vormals konfessionslose Menschen bekannten sich wieder zum orthodoxen Glauben und füllten die Kirchen, die vielerorts neu gebaut oder restauriert wurden.[42]
Heute existieren in der Ukraine zwei große orthodoxe Kirchenstrukturen: Zum einen die seit 2019 in der heutigen Form bestehende autokephale Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) unter dem Metropoliten von Kiew, zum anderen die mit dem Moskauer Patriarchat verbundene Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (UOK-MP). Hintergrund dieser Zweiteilung war ein Jahrzehnte währender Konflikt um die kirchliche Unabhängigkeit: Seit 1991 strebte die ukrainische Orthodoxie die Loslösung von der russischen Kirche an. Dies gelang 2019, als der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel der Kiewer Kirche die Eigenständigkeit (Tomos) verlieh.[42] Nach Kriegsbeginn 2022 distanzierte und löste sich die UOK-MP zwar offiziell von Moskau, doch misstrauen viele Ukrainer ihr. Bereits 2016 bekannten sich 46 Prozent der Ukrainer zur Kiewer OKU und nur 13 Prozent zur moskautreuern UOP-MP (ohne Oblaste Donezk, Luhansk und Krim).[43]
Neben der Orthodoxie ist im Westen der Ukraine der Katholizismus fest verwurzelt. Etwa 8 % der Ukrainer gehören der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche (UGKK) an. Diese Kirche, entstanden 1596 durch die Union von Brest, verbindet den ostkirchlichen Ritus mit der päpstlichen Oberhoheit. Sie konzentriert sich auf Galizien (Lwiw, Iwano-Frankiwsk, Ternopil) und das Karpatengebiet und war dort ein wichtiger Träger der ukrainischen Nationalbewegung. Daneben gibt es rund 1 % lateinische (römisch-katholische) Christen[43], vornehmlich polnisch- oder ungarischstämmige Gemeinden in Wolhynien, Podolien und Transkarpatien.
Die Protestanten machen gesamtstaatlich etwa 2–3 % der Bevölkerung aus, was gemessen an anderen osteuropäischen Ländern relativ viel ist.[44] Darunter sind ukrainischsprachige Baptisten, Pfingstgemeinden, Adventisten und andere Freikirchen, die besonders im Süden (etwa im Gebiet Saporischschja) stark missioniert haben. Es gibt zudem kleinere lutherische und reformierte Gemeinden (etwa in Transkarpatien), meist deutscher oder ungarischer Herkunft. Seit der Unabhängigkeit entstand auch eine wachsende Zahl an neuprotestantischen Gemeinden (z. B. Evangelikale, Charismatiker).
Islam
Die wichtigste nichtchristliche Religion ist der Islam, zu dem sich zwischen 0,9 % und ca. 2 % der Einwohner bekennen.[45][46] Der Großteil davon sind Krimtataren, die auf der Halbinsel Krim ihre historische Heimat haben. Bis 2014 gab es auf der Krim rund 300 Moscheen und ein Muftiat in Simferopol. Durch die russische Besatzung sind viele Tataren ins ukrainische Kernland übergesiedelt; dort entstanden neue muslimische Gemeinden (z. B. in Kiew, Cherson). Neben den Tataren gibt es eine kleine Zahl anderer Muslime (eingewanderte Aserbaidschaner, Usbeken sowie einige Konvertiten).[47] Historisch gehörte auch das Donau-Deltagebiet (Budschak) teils zur islamischen Welt; heute lebt dort aber nur noch eine Minderheit muslimischer Gagausen und Osmanen-Nachfahren.
Judentum
Die Ukraine blickt auf eine über tausendjährige jüdische Geschichte zurück. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte das Land – insbesondere das „Schtetl“-Gürtel in Wolhynien, Podolien und Bessarabien – zu den Zentren der europäischen Judenheit. Strömungen wie der osteuropäische Chassidismus entstanden hier im 18. Jahrhundert. Im 19. und frühen 20. Jh. kam es jedoch wiederholt zu Pogromen (v. a. 1881–1905 und in den Bürgerkriegswirren 1919), was bereits viele ukrainische Juden zur Emigration nach Nordamerika veranlasste. Die Shoah vernichtete schließlich die Mehrheit der verbliebenen etwa 1,5 Millionen Juden in den Jahren 1941–1944.[48] Später wanderten weitere rund 500.000 ukrainische Juden nach Israel aus.[49] Heute umfasst die jüdische Gemeinschaft nur noch etwa 50.000 Personen (die Angaben variieren)[50], bilden aber weiterhin eine der großen jüdischen Gemeinden Europas.
Bildung
Das Bildungswesen der Ukraine war traditionell eine Stärke des Landes. Bereits zu Sowjetzeiten wurde eine nahezu vollständige Alphabetisierung erreicht, die heute bei über 99 % liegt.[51] Gemäß der Verfassung besteht allgemeine Schulpflicht und das Recht auf unentgeltlichen Unterricht. Die Ukraine hat ein zentraleuropäisches Bildungssystem mit einer 11-jährigen Pflichtschule (Beginn im Alter von 6–7 Jahren). Daran schließen sich optional berufliche Ausbildungsgänge oder das Hochschulstudium an. Das Ministerium für Bildung und Wissenschaft in Kiew setzt die Lehrpläne fest; regionalen Behörden kommt bei der Umsetzung gewisse Autonomie zu. Insgesamt gilt das System aber als stark zentralisiert. Unterrichtssprache ist überwiegend Ukrainisch (nach 2017 wurden russischsprachige Schulen vollständig auf Ukrainisch umgestellt, zum Unmut mancher russischsprachiger Eltern). Minderheitensprachen werden in ihren jeweiligen Siedlungsgebieten in Grundschuljahren berücksichtigt (z. B. Ungarisch in Transkarpatien), aber ab Sekundarstufe soll der Unterricht laut Gesetz von 2020 überall auf Ukrainisch erfolgen.
Die Hochschulbildung hat in der Ukraine einen hohen Stellenwert. Etwa 80 % der jungen Erwachsenen nehmen ein Hochschulstudium oder absolvieren einen sonstigen tertiären Bildungsgang (2020)[52], einer der höchsten Quoten in Europa. Die Ukraine besitzt über 200 Universitäten, Akademien und Institute, darunter traditionsreiche Hochschulen wie die Nationale Taras-Schewtschenko-Universität Kiew (gegr. 1834), die Nationale Polytechnische Universität Lwiw (1844) oder die Nationale Technische Universität „KPI“ in Kiew (1898). International bekannt ist auch die Kiewer Mohyla-Akademie, die schon 1632 als orthodoxe Akademie gegründet und 1992 wiedereröffnet wurde. Trotz dieser historischen Institute litt das Hochschulsystem nach 1991 unter Finanzknappheit, Abwanderung von Dozenten und Korruption (Diplomkauf war in den 2000ern ein Problem). Aufgrund der günstigen und relativ hochwertigen Auswertungen gab es 2021 über 80.000 Auslandsstudenten in der Ukraine aus Ländern wie Indien, Marokko oder Nigeria, vor allem in medizinischen Fächern. Anfang 2023 waren es immer noch über 50.000 Auslandsstudenten.[53]
Einzelnachweise
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- ↑ Г. В. Вернадский: Золотой век Киевской Руси. Алгоритм, 2012, S. 120.
- ↑ Orest Subtelny (2009). Ukraine: A History. Fourth Edition. University of Toronto Press, ISBN 978-1-4426-9728-7, S. 48.
- ↑ Борьба Московского государства с татарами в первой половине XVII века. In: Информационно-аналитическая служба Белгорода на Беелгород.ру. Abgerufen am 1. Oktober 2025.
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