Delcy Rodríguez

Delcy Eloína Rodríguez Gómez (* 18. Mai 1969 in Caracas)[1] ist eine venezolanische Juristin und Politikerin. Seit Juni 2018 ist sie Vizepräsidentin von Venezuela; zuvor war sie Außenministerin, Ministerin für Kommunikation und Information sowie Vorsitzende der Verfassunggebenden Versammlung des Landes. Als Vizepräsidentin wurde sie im Januar 2026 vom Obersten Gerichtshof ermächtigt, übergangsweise als geschäftsführende Präsidentin die Amtsgeschäfte zu übernehmen, nachdem Präsident Nicolás Maduro am 3. Januar durch eine völkerrechtswidrige US-amerikanische Militärintervention nach New York entführt und dort vor Gericht gestellt wurde.

Herkunft und Ausbildung

Delcy Rodríguez ist die Tochter von Jorge Antonio Rodríguez, dem Mitbegründer und Generalsekretär der Liga Socialista, einer Partei, die später in der heutigen Regierungspartei PSUV aufging. 1976, als sie sieben Jahre alt war, wurde ihr Vater in einem venezolanischen Gefängnis zu Tode gefoltert.[2]

Sie studierte in Caracas an der Universidad Central de Venezuela Jura, ein Aufbaustudium in Arbeitsrecht führte sie auch nach Frankreich und Großbritannien. Ihr Bruder Jorge Rodríguez ist Psychiater und war seit 2017 Venezuelas Minister für Kommunikation und Information. Am 5. Januar 2021 wurde er von der neuen Nationalversammlung Venezuelas zum Parlamentspräsidenten gewählt, wurde aber von Staaten der westlichen Gemeinschaft wie den USA nicht anerkannt. Nach der US-Militärintervention und Verhaftung von Präsidenten Nicolas Maduro wurde er im Januar 2026 im Amt bestätigt; er nahm als Parlamentspräsident auch den Amtseid seiner Schwester als neue Übergangspräsidentin von Venezuela ab[3].

Politische Karriere

Karriere unter Nicolás Maduro

Bereits in der Ära Hugo Chávez bekleidete Rodríguez öffentliche Ämter, ihre politische Karriere machte sie jedoch ab 2013 unter Nicolás Maduro. 2017 galt sie nach Einschätzung der Deutschen Welle als die mächtigste Frau Venezuelas und ist eine enge Vertraute Maduros.[4]

Im Jahr 2003 begann sie ihre Tätigkeit als Beamtin im Vizepräsidialamt von Venezuela und später als Direktorin für Internationale Angelegenheiten im Ministerium für Energie und Bergbau. Im Jahr 2005 war sie außerdem Vizeministerin für Beziehungen mit Europa. Sie war von Februar bis August 2006 während der Regierung von Hugo Chávez Ministerin im Präsidentschaftsbüro. Am 3. August 2013 ernannte Präsident Nicolás Maduro sie zur Ministerin für Kommunikation und Information, eine Position, die sie bis zum 13. Oktober 2014 innehatte. Am 26. Dezember 2014 wurde sie von Präsident Maduro zur Außenministerin ernannt und trat die Nachfolge von Rafael Ramírez Carreño an.[5] Damit war sie die erste Frau in Venezuela, die dieses Amt bekleidete. Am 14. Dezember 2016 versuchte Rodríguez gemeinsam mit dem bolivianischen Außenminister David Choquehuanca am Mercosur-Gipfel in Buenos Aires in Argentinien teilzunehmen. Venezuela war durch Mehrheitsbeschluss der Mitgliedsregierungen von der Organisation ausgeschlossen worden. Als die beiden ohne Einladung den Palacio San Martín, den Sitz des argentinischen Außenministeriums, betreten wollten, verweigerten ihnen argentinische Sicherheitskräfte den Zutritt. Schließlich gelang es ihnen doch, das Gebäude zu betreten, ohne jedoch am Treffen teilnehmen zu können.[6]

Am 30. Juli 2017 wurde sie zur Abgeordneten für Caracas in der Verfassungsgebenden Versammlung gewählt und kurz später zu dessen Präsidentin.[5] Am 27. Januar 2018 ernannte Maduro sie zur Präsidentin der neu aufgestellten Partei „Movimiento Somos Venezuela“ (MSV). Am 7. Februar trat sie gemäß den Statuten, die eine Doppelmitgliedschaft in mehreren Parteien verbot, aus der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) aus und schloss sich der MSV an. Im Oktober desselben Jahres kehrte sie jedoch als Mitglied zur PSUV zurück. Den Posten als venezolanische Vizepräsidentin übernahm sie nach den Präsidentschaftswahlen 2018 von Tareck El Aissami, der zum Industrieminister ernannt wurde.[7][8] In ihrer Rolle als Vizepräsidentin untersteht ihr auch der SEBIN, der Geheimdienst von Venezuela.[9] Seit dem 10. September 2020 ist sie zudem Ministerin für Wirtschaft und Finanzen. Sie wurde im September 2020 zur Direktorin der venezolanischen Zentralbank ernannt und vertritt dort die Regierung;[10] im August 2024 wurde Rodríguez zudem zur Erdölministerin ernannt.[11]

In ihren verschiedenen Rollen erlangte sie die Kontrolle über große Teile der venezolanischen Ölwirtschaft. Um den Staat zu steuern, arbeitete sie mit ausländischen Beratern mit Erfahrung auf den globalen Märkten; darunter befanden sich zwei ehemalige Finanzminister Ecuadors, die unter ihrem Parteikollegen Rafael Correa eine dollarisierte, exportorientierte Wirtschaft mitgestaltet hatten. Ein weiterer wichtiger Vertrauter ist der französische Anwalt David Syed, der seit Jahren versucht, Venezuelas Auslandsschulden angesichts der lähmenden US-Sanktionen neu zu verhandeln. Auch nutzte sie ihre Macht, um interne Rivalen auszuschalten. Darunter auch den einst mächtigen Ölminister Tareck El Aissami, der 2024 im Zuge einer von Rodríguez angeführten Antikorruptionskampagne inhaftiert wurde. In ihrer faktischen Rolle als Venezuelas oberste Regierungschefin galt Rodríguez als flexiblere und vertrauenswürdigere Partnerin als Maduro.[12]

Übergangspräsidentin

Am frühen Morgen des 3. Januar 2026 führte die US-Regierung unter Präsident Donald Trump den militärischen Überfall auf Venezuela durch.[13] Im Zuge dieses Angriffs, der strategische Bombenangriffe auf Caracas umfasste, entführten Spezialeinheiten Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores. Nach ihrer Gefangennahme wurden beide auf die USS Iwo Jima gebracht und anschließend in die Vereinigten Staaten überführt, wo ihnen eine Gerichtsverhandlung wegen Drogenhandels, Terrorismusfinanzierung und Waffenbesitz droht.[14] Später erklärte Trump, Außenminister Marco Rubio habe Kontakt zu Rodríguez aufgenommen. Sie habe Rubio versichert, sie werde „alles tun, was die Vereinigten Staaten von ihr verlangen“, fügte er hinzu.[15][16] Sie sei höflich gewesen, habe aber „eigentlich keine Wahl“. Kurz darauf trat Rodríguez jedoch auf einer Pressekonferenz auf, widersprach Trump und bekräftigte ihre Loyalität zu Maduro als Präsident Venezuelas.[17] Eine CIA-Analyse, die US-Präsident Trump vorgelegt worden sei, sei zum Schluss gekommen, dass hochrangige Maduro-Loyalisten, darunter Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, am besten geeignet wären, die Stabilität im Land aufrechtzuerhalten, falls der venezolanische Präsident die Macht verlieren sollte.[18] Rodríguez hatte als Vizepräsidentin durch ihre pragmatische Wirtschaftspolitik, die Steigerung der Ölproduktion ihres Landes und die Stabilisierung der Wirtschaft trotz verschärfter US-Sanktionen in den letzten Jahren einen Ruf als Technokratin erworben sowie Anerkennung US-amerikanischer Beamter gewonnen.[12][19] Laut der Financial Times hatte Delcy Rodríguez Bruder Jorge Rodríguez bereits im Vorfeld Gespräche mit der US-Regierung geführt, um seine Schwester an die Spitze einer Übergangsregierung nach Maduro zu setzen.[20] Das venezolanische Militär erklärte, es werde Rodríguez als amtierende Präsidentin anerkennen und rief zur Rückkehr zur Normalität auf.[21] Sie erhielt außerdem die Gefolgschaft von Nicolás Maduro Guerra, Abgeordneter und Sohn Maduros.[22]

Am folgenden Tag ordnete die Verfassungskammer des venezolanischen Obersten Gerichtshofs an, dass die Vizepräsidentin Delcy Rodríguez als amtierende Präsidentin die Befugnisse des Präsidentenamtes übernehmen und ausüben solle, um die Kontinuität der Staatsverwaltung zu gewährleisten. Die Entscheidung erfolgte angesichts der Abwesenheit von Präsident Maduro und basierte auf Artikel 233 der Verfassung, ohne dass die Vakanz des Präsidentenamtes formell erklärt worden war.[23][24] Sie legte am 5. Januar ihren Amtseid in der Nationalversammlung in der Hauptstadt Caracas ab.[25]

Privatleben

Bis 2007 war Rodríguez mit dem Schauspieler Fernando Carrillo liiert.[26] Seit 2017 ist ihr Partner Yussef Abou Nassif Smaili, ein venezolanischer Unternehmer libanesischer Abstammung.[27]

Sanktionen und Kontroversen

Ab September 2017 wurde Rodríguez zunächst von Kanada wegen des Bruches der venezolanischen Verfassungsordnung mit Sanktionen belegt. Nach ihrer Ernennung zur venezolanischen Vizepräsidentin erhielt sie auch von der Europäischen Union Einreise- und Vermögenssperren. Die EU begründete ihre neuen Sanktionen damit, dass die Wahl in Venezuela "weder frei noch fair" gewesen sei und fordere Neuwahlen. Später wurde sie auch von der Schweiz und Trumps Regierung mit Sanktionen belegt.[28][29]

Sie stand im Mittelpunkt einer politischen Kontroverse in Spanien unter dem Namen „Delcygate“[30] als sie im Januar 2020 am Flughafen Barajas in Madrid José Luis Ábalos, spanischer Verkehrsminister im Kabinett Pedro Sánchez, und einen Mittelmann trotz gegen sie gerichtete EU-Sanktionen traf. Rodríguez war mit hochrangigen Ministern, Beamten und Unternehmern angereist und soll bis zu 40 Gepäckstücke mit großen Mengen Bargeld und Goldbarren mit sich geführt haben.[31] Während der Unterredung soll sie auch mit Ministerpräsident Sánchez telefoniert haben und dabei das Schicksal oppositioneller Politiker und möglicher Geschäfte mit dem Spaniens Ölkonzern Repsol besprochen haben.[32] Das Bargeld soll zum Begleichen venezolanischer Schulden bei spanischen Unternehmen verwendet worden sein.[31] Sánchez erklärte später, ein Treffen im internationalen Bereich des Flughafens stelle keine Unterlaufung bestehender Sanktionen dar.[30]

Commons: Delcy Rodríguez – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Daniel Arkin: Who is Delcy Rodríguez, Venezuela's interim leader after the capture of Nicolás Maduro? In: NBC News. 5. Januar 2026, abgerufen am 5. Januar 2026 (englisch).
  2. Delcy Rodríguez, the Woman Who Stands for a Nation in Defiance After Trump Abducts President Maduro of Venezuela. 6. Januar 2026, abgerufen am 9. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  3. Venezuela: Rodríguez als geschäftsführende Präsidentin vereidigt. In: Grenzecho. 5. Januar 2026, abgerufen am 9. Januar 2026.
  4. Evan Romero-Castillo: Delcy Rodriguez, die mächtigste Frau Venezuelas. In: Deutsche Welle. 9. August 2017, abgerufen am 5. Januar 2026.
  5. a b CIA World Factbook - Venezuela (Memento vom 23. September 2013 im Webarchiv archive.today), vom 14. Februar 2019, abgerufen am 24. Februar 2019
  6. El golpe a Venezuela fue en el cuerpo de la canciller. In: Página/12. 15. Dezember 2016, abgerufen am 4. Januar 2016 (spanisch).
  7. Venezuelas Präsident Maduro ernennt neue Vize-Präsidentin, blick.ch vom 15. Juni 2018, abgerufen am 24. Februar 2019
  8. Delcy Rodriguez, die mächtigste Frau Venezuelas, dw.com vom 9. August 2017, abgerufen am 24. Februar 2019
  9. Venezolanischer Parlamentspräsident kurzzeitig festgenommen, zeit.de vom 13. Januar 2019, abgerufen am 24. Februar 2019
  10. Gaceta Oficial N° , Decreto N° 4.300, mediante el cual se nombra a la ciudadana Delcy Eloína Rodríguez Gómez, Ministra del Poder Popular de Economía y Finanzas (E), como Directora del Banco Central de Venezuela, en representación del Ejecutivo Nacional. (pdf) Tribunal Supremo de Justicia (Venezuela), 11. September 2020, abgerufen am 1. Oktober 2025 (spanisch).
  11. Gaceta Oficial N°6830, Decreto N° 4980. (pdf) Tribunal Supremo de Justicia (Venezuela), 27. August 2024, abgerufen am 12. März 2025 (spanisch): „Delci Rodríguez Gómez es nombrado Ministra del Poder Popular de Petróleo“
  12. a b JOSHUA GOODMAN: How Delcy Rodríguez courted Donald Trump and rose to power in Venezuela. ABC News, 6. Januar 2026, abgerufen am 7. Januar 2026 (englisch).
  13. Trump: USA haben Venezuelas Staatschef Maduro entmachtet. In: Deutsche Welle. 3. Januar 2026, abgerufen am 3. Januar 2026.
  14. La fiscal general de Estados Unidos confirmó la imputación de Nicolás Maduro por narcoterrorismo. Infobae, 3. Januar 2026, abgerufen am 3. Januar 2026 (spanisch).
  15. Venezuela latest: Trump says US will 'run' Venezuela until 'safe transition can take place'. In: BBC News. 3. Januar 2026, abgerufen am 3. Januar 2026 (englisch).
  16. Live updates: Trump addresses US capture of Venezuela President Maduro. In: CNN. 3. Januar 2026, abgerufen am 3. Januar 2026 (englisch).
  17. Delcy Rodríguez: "Estamos listos para defender a Venezuela". In: BBC Mundo. 3. Januar 2026, abgerufen am 3. Januar 2026 (spanisch).
  18. Steve Holland: CIA concludes regime loyalists best suited to lead Venezuela after Maduro, sources say. In: Reuters. 6. Januar 2026, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
  19. Anatoly Kurmanaev, Tyler Pager, Simon Romero, Julie Turkewitz: How Trump Fixed On a Maduro Loyalist as Venezuela's New Leader In: The New York Times, 4. Januar 2026 (englisch). 
  20. The woman with Donald Trump's nod to lead Venezuela In: Financial Times, 4. Januar 2026. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch). 
  21. Trump warns Venezuela's interim president of 'big price' if she resists US In: France 24, 5. Januar 2026 (englisch). 
  22. Anya Zoledziowski: 'No country is safe': Maduro's son speaks out In: CBC News, 5. Januar 2026 (englisch). 
  23. Fernando Salinas: El Supremo ordena que Delcy Rodríguez asuma la  Presidencia tras la captura y traslado a Nueva York de Maduro. In: El Debate. 4. Januar 2026, abgerufen am 4. Januar 2026 (spanisch).
  24. "Wird ihnen nicht gelingen": Rodríguez zur Interimspräsidentin von Venezuela ernannt. In: t-online. 4. Januar 2026, abgerufen am 4. Januar 2026.
  25. Nach US-Militäreinsatz: Maduros Stellvertreterin Rodriguez als geschäftsführende Präsidentin vereidigt. In: deutschlandfunk.de. 5. Januar 2026, abgerufen am 7. Januar 2026.
  26. Víctor González: #TBT – El día que Fernando Carrillo le declaró su amor a Delcy Rodríguez ?? El Farandi, 21. Juni 2018, abgerufen am 21. Dezember 2023 (spanisch).
  27. La familia, mercantil antes que política, de Delcy Rodríguez. In: Armando.info. 15. August 2021, abgerufen am 26. Februar 2024 (spanisch).
  28. Wegen umstrittener Wiederwahl Neue EU-Sanktionen gegen Führung in Venezuela, tagesspiegel.de vom 25. Juni 2018, abgerufen am 24. Februar 2019
  29. Trumps Regierung verhängt neue Sanktionen gegen Venezuela, handelsblatt.com vom 25. September 2018, abgerufen am 24. Februar 2019
  30. a b J. J. Gálvez: Un juez de Madrid archiva la investigación por el encuentro de Ábalos con Delcy Rodríguez en Barajas. In: El Pais. 11. November 2020, abgerufen am 7. Januar 2026 (spanisch).
  31. a b LGI: Delcy vino a España cuando Aldama mediaba con Venezuela. In: La Gaceta. 6. März 2024, abgerufen am 7. Januar 2026 (spanisch).
  32. Alexis Rodriguez: Delcy Rodríguez habló con Pedro Sánchez desde Barajas para que no recibiera a Guaidó. In: ABC. 5. Februar 2020, abgerufen am 7. Januar 2026 (spanisch).
VorgängerAmtNachfolger
Tareck El AissamiVizepräsidentin von Venezuela
2018–