David Seven Deers
David Seven Deers (* 1957 in Vancouver, British Columbia) ist ein kanadisch-indigener Bildhauer, Maler, Schriftsteller und Elder der Coast Salish Nation. Er gehört dem Volk der Skwah (Stó:lō-Halkomelem) an. In Deutschland wurde er vor allem durch seine monumentalen Totempfahl-Projekte in Hamburg und München sowie durch die 2025 geschaffene Granitskulptur „The Spirit Canoe“ in Lübeck bekannt.
Leben
David Seven Deers wuchs im Einflussbereich der Coast-Salish-Kultur an der pazifischen Nordwestküste Kanadas auf. Ab 1974 besuchte er die Vancouver School of Art (heute Emily Carr University of Art + Design). Bereits 1978 unternahm er erste Reisen nach Europa, die den Grundstein für seine spätere enge Verbindung zu Deutschland legten.
1994 lernte er während seiner Arbeit am Museum für Völkerkunde in Hamburg die deutsche Schriftstellerin Sanna Seven Deers (* 1974 in Hamburg) kennen. Das Paar heiratete und zog 1997 gemeinsam nach Kanada. Sie leben mit ihren vier Kindern auf einer Ranch in der Nähe von Greenwood in den Monashee Mountains von British Columbia.
Seven Deers versteht sich als „Knowledge Keeper“ (Bewahrer des Wissens) seiner First Nation. Er engagiert sich aktiv für die Vermittlung indigener Kultur und Spiritualität und gründete in seiner Heimat die Sculpture Art Academy, eine gemeinnützige Kunstakademie, die jungen Künstlern traditionelle Techniken vermittelt.
Künstlerisches Werk
Seven Deers’ Werk ist tief in der Spiritualität und den Traditionen der Coast Salish verwurzelt. Er lehnt den westlichen Kunstbegriff für seine Arbeit häufig ab und bezeichnet seine Skulpturen stattdessen als „Medizinarbeit“ oder „Gebet“. Nach seinem Verständnis ist das künstlerische Schaffen kein Akt der individuellen Selbstverwirklichung, sondern ein Dienst an der Gemeinschaft.
Charakteristisch für seine Arbeitsweise ist:
- Verzicht auf Maschinen: Er arbeitet fast ausschließlich mit traditionellen Handwerkzeugen, um eine unmittelbare energetische Verbindung zum Material zu wahren.
- Dialog mit dem Material: Seven Deers beschreibt seinen Schaffensprozess als Zuhören; der Stein oder das Holz „erzählen“, was sie werden möchten.
- Potlatch-Tradition: Viele seiner monumentalen Werke sind als Geschenke konzipiert, die im Rahmen traditioneller Potlatch-Zeremonien übergeben werden, um kulturelle Brücken zu bauen.
Hauptwerke im öffentlichen Raum
Totempfahl „Oh-let – Respekt“ (Hamburg)
Von 1995 bis 1997 schuf Seven Deers als Artist in Residence im Innenhof des Museums für Völkerkunde Hamburg (heute MARKK) einen 12 Meter hohen Wappenpfahl (House Post).
Material: Ein ca. 600 Jahre alter Stamm einer Rot-Zeder (Western Red Cedar).
Ikonografie: Der Pfahl zeigt Darstellungen aus der Kosmologie der Coast Salish, darunter Lachs und Otter.
Bedeutung: Das Werk wurde der Stadt Hamburg 1997 in einem feierlichen Potlatch als Geschenk übergeben und steht seitdem vor dem Museum an der Rothenbaumchaussee. Es gilt als Symbol für den Respekt zwischen den Kulturen.
Wappenpfahl (München)
Für das Museum Fünf Kontinente (ehemals Staatliches Museum für Völkerkunde) in München fertigte Seven Deers ebenfalls einen großen Wappenpfahl unter den Augen der Öffentlichkeit an. Auch dieses Projekt diente der direkten Kulturvermittlung, da Besucher den Entstehungsprozess live verfolgen konnten.
The Spirit Canoe (Lübeck, 2025)
Im Jahr 2025 realisierte Seven Deers sein bisher ambitioniertestes Steinprojekt in Deutschland als Artist in Residence am Museum für Natur und Umwelt Lübeck.
Werk: Ein 7 Tonnen schwerer Findling aus Granit wurde in 179 Tagen manueller Arbeit in eine monumentale Skulptur verwandelt.
Gestaltung: Der Stein wurde in zwei Hälften gespalten, um einen begehbaren Zwischenraum zu schaffen – ein Symbol für den Dialog und den Übergang zwischen Welten. Die Oberflächen tragen Reliefs eines spirituellen Kanus sowie Tierfiguren der Salish-Mythologie.
Zeremonie: Am 4. November 2025 wurde das Werk („The Spirit Canoe“) in einer traditionellen Potlatch-Zeremonie auf dem Lübecker Domkirchhof der Öffentlichkeit übergeben.
Kontext: Das Projekt war Teil der Ausstellung „Fantasie und Vielfalt“ und wurde von wöchentlichen Lagerfeuer-Gesprächen begleitet, bei denen der Künstler als Geschichtenerzähler auftrat.
Kuratorische Tätigkeit
Neben seiner bildhauerischen Arbeit war David Seven Deers auch als Kurator tätig. Er beriet das Hamburger Völkerkundemuseum maßgeblich bei der Neugestaltung der Nordamerika-Ausstellung, die 2008 eröffnet wurde, um eine authentische indigene Perspektive zu gewährleisten.
Rezeption und Medien
Das Leben der Familie Seven Deers in der kanadischen Wildnis sowie Davids künstlerisches Schaffen stießen auf breites mediales Interesse.
Dokumentation: Der Fernsehsender Arte strahlte am 10. Oktober 2014 die Dokumentation „Zuhause in der Wildnis – mein indianisches Leben“ aus, die den Alltag der Familie und Davids tiefe Verbindung zur Natur porträtierte.
Literatur: Seine Frau Sanna Seven Deers verarbeitete das gemeinsame Leben und indigene Themen in zahlreichen Romanen, in denen David oft als Inspiration oder Vorbild für Figuren dient.
Veröffentlichungen
David Seven Deers ist Autor und Illustrator mehrerer Bücher, die oft zweisprachig erschienen sind, um kulturelles Wissen zu bewahren und zu teilen.
- Die Menschen an meinem Ufer. Ein Fluss erzählt die Geschichte der Skwahla-Indianer. Frederking & Thaler, München 1996, ISBN 3-89405-356-9.
- Heelahs Traum. Eine indianische Schöpfungsgeschichte (Original: Heelah's Dream). Zweisprachiges Bilderbuch (Deutsch/Englisch). Übersetzt von Sanna Seven Deers, illustriert von Merle Michaelis. Little Tiger Verlag, Gifkendorf 2010, ISBN 978-3-931081-68-3.
- Potlatch (Original: Potlatch). Kinder- und Jugendbuch über die Tradition des Schenkens. Little Tiger Verlag, Gifkendorf 2012, ISBN 978-3-931081-76-8.
- Reisende Mutter. Indianische Parabeln (Original: Travelling Mother. A First Nations' Journey). Übersetzt von Sanna Seven Deers. Merlin Verlag, Gifkendorf 2014, ISBN 978-3-87536-312-8.
Literatur
- Karin Lubowski: Ein Geschenk für alle Lübecker - Ein Potlatch von Bildhauer Seven Deers. In: Lübeckische Blätter. 2024, Heft 13, S. 233.
- Hajo Schiff: Entwirrte Exotik. In: taz. die tageszeitung. 18. November 1994, S. 16.
- Andrea Blätter: Lau Siyaye : der Stó:lo Halkomelem Hauspfosten in Hamburg. Hamburgisches Museum für Völkerkunde, Hamburg 1997.
Weblinks
- Offizielle Website zum Projekt „The Spirit Canoe“
- Literatur von und über David Seven Deers im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Bilder des Totempfahls „Respekt“ in Hamburg auf Wikimedia Commons