Das Jüngste Gericht (Hans Memling)

Das Jüngste Gericht, auch Triptychon des Weltgerichts, ist ein Triptychon von Hans Memling. Das Bildthema ist der Offenbarung des Johannes entnommen.

Das Original befand sich ursprünglich in der Danziger Marienkirche. Heute ist dort eine Louis Friedrich Sy[1] zugeschriebene Kopie[2] zu sehen und das Original befindet sich im Nationalmuseum Danzig.

Dargestellt sind der Weltenrichter am Tag des Jüngsten Gerichts, die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag, die Seelenwägung durch den Erzengel Michael und der Einzug der Geretteten in das Himmlische Jerusalem (Paradies) sowie der Gang der Verdammten in die Hölle. Auf den Außentafeln sind im geschlossenen Zustand des Flügelaltars die Stifterporträts zu sehen. Wahrscheinlich wurden die beiden Flügel an Sonn- und Feiertagen aufgeklappt und gaben so den Blick auf die drei Mitteltafeln frei.

Stifterbildnis von Angelo di Jacopo Tani; darüber die Gottesmutter mit Kind
Stifterbildnis der Ehefrau Caterina di Franceso Tangeli; darüber der Erzengel Michael

Beschreibung

Die Mitteltafel des mit Öl und Tempera auf Holz gemalten Altarbildes ist 242 × 180 cm groß, die beiden Flügel messen je 242 × 90 cm. Das Gemälde entstand wahrscheinlich in den Jahren 1467 bis 1471. Auf der Mitteltafel sieht man Jesus als Weltenrichter sitzend auf einem Regenbogen (Offb 4,3 ). Lilie und Schwert befinden sich links und rechts seines Mundes und bezeichnen die Seiten der Erlösten und der Verdammten. An seiner rechten Seite kniet Maria, an seiner linken Seite Johannes der Täufer mit einem rotgefütterten schwarzen Mantel über seinem Fellgewand. Im Halbkreis sind die zwölf Apostel angeordnet. Unter Jesus steht der Erzengel Michael, gewappnet in einen Harnisch, als Seelenwäger. Das Schicksal der Verdammten ist auf der rechten Tafel dargestellt. Von Teufeln ergriffen werden sie in die Hölle gezogen. Auf der linken Seite ist die Aufnahme der Glückseligen ins Paradies (Himmlisches Jerusalem) zu sehen; sie werden von Petrus begrüßt und anschließend neu eingekleidet. Auf den Rückseiten der beiden Flügel, d. h. in zugeklapptem Zustand, ist der Erzengel Michael beim Kampf gegen einen am Boden liegenden Lindwurm (Teufel) und eine gekrönte Madonna mit dem Jesusknaben dargestellt. Beide Figuren stehen auf Podesten und sind in Grisaille-Technik ausgeführt.[3] In der unteren Zone der beiden Seitenflügel ist das schwarz und rot gekleidete Stifterpaar, Angelo di Jacopo Tani, Vertreter des Bankhauses der Medici in Brügge, und seine Frau Caterina di Franceso Tangeli, jeweils mit ihren Wappen dargestellt.[4]

Der Weg nach Danzig

Das Triptychon wurde um 1467 für die Michaelskapelle der Badia Fiesolana, die von den Medici in Fiesole gestiftet worden war, von Angelo di Jacopo Tani (1415–1482) in Brügge in Auftrag gegeben. Tani war von 1455 bis 1465 Geschäftsführer der Medici-Bank in Brügge. Das Schiff, mit dem das Bild im Jahr 1473 nach Florenz gebracht werden sollte, wurde jedoch kurz nach dem Auslaufen am 14. April 1473 vor der englischen Küste von der Peter von Danzig, einem Schiff der Hanse unter dem Kommando des Danziger Kaperfahrers Paul Beneke, gekapert. Ein Teil der Prise, darunter auch das Gemälde, wurde nach Danzig gebracht.[3] Es wurde den Danziger Reedern Johann Sidinghusen, Tideman Valandt und Reinhold Niederhoff als Anteil der Beute ausgeliefert, die es der Marienkirche stifteten.[4] Obwohl sich der rechtmäßige florentinische Eigentümer Tommaso Portinari um Rückgabe bemühte und trotz Intervention Karls des Kühnen, des damaligen Herzogs von Burgund, und von Papst Sixtus IV. behielt man die Beute in Danzig. Allerdings leistete die Stadt Brügge eine Schadenersatzzahlung an Tommaso Portinari.[3]

Die Urheberschaft Hans Memlings war lange Zeit nicht gesichert oder unbekannt. Im Verlauf der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Werk einer Reihe verschiedener altniederländischer Maler zugeschrieben, unter anderen Jan van Eyck, Aelbert van Ouwater und Hugo van der Goes.[3] 1847 brachte Johann David Passavant erstmals überzeugende Argumente für die Urheberschaft Memlings vor,[4][5] die heute als gesichert gilt.[3]

Transfer nach Paris während der Napoleonischen Zeit

Nach dem Sieg Napoleons über Preußen im Vierten Koalitionskrieg wurde das seit 1793 preußische Danzig im Jahr 1807 von französischen Truppen besetzt. Schon kurz nach der Übergabe der Stadt richtete der französische Stadtkommandant Jean Rapp am 3. Juni 1807 die Aufforderung an die Kirchenvorsteher, das Triptychon an Dominique-Vivant Denon, den Direktor des Musée Napoléon in Paris (heutiger Louvre) herauszugeben. Dies geschah, und von 1807 bis 1815 befand sich das Gemälde in Paris. Nach dem Sieg über Napoleon und der Besetzung von Paris durch Koalitionstruppen wurden unter der Regie Everhard von Grootes zahlreiche nach Paris vebrachte Beutekunstschätze wieder restituiert und das Jüngste Gericht gelangte zunächst nach Berlin. Dort sprachen sich prominente Kunstpersönlichkeiten, unter anderem Johann Gottfried Schadow und der Berlinische Künstler-Verein für den Verbleib des Kunstwerks in Berlin aus, um es für ein künftiges Nationalmuseum zu gewinnen. Die Prediger der Marienkirche richteten am 28. Mai 1816 ein Gesuch an den preußischen König Friedrich Wilhelm III., in dem sie um Rückgabe des seit Jahrhunderten im Besitz der Kirche befindlichen Gemäldes baten. Trotz weiterer intensiver Lobbyarbeit der Berliner Künstlerwelt mit unter anderem dem Angebot verschiedener Künstler, ein passendes Ersatzbild für die Marienkirche zu malen, blieb der König bei seinem Entschluss. Am 17. Dezember 1816 traf das Kunstwerk wieder in Danzig ein. Am 7. Januar 1817 wurde in einer Besprechung von Behördenvertretern und Kirchenvorstand entschieden, das Bild nicht an seinem alten Platz am Georgenpfeiler aufzuhängen, sondern in der benachbarten Dorothenkapelle aufzustellen, wo die Lichtverhältnisse günstiger schienen. Am 18. Januar 1817, dem Jahrestag der ersten preußischen Königskröung, wurde das Gemälde im Rahmen eines Gottesdienstes das Gemälde feierlich wieder in der Marienkirche aufgestellt.[6] Unter der mittleren Bildtafel ließen die dankbaren Danziger eine Inschrifttafel mit folgendem Inhalt anbringen:[4]

Als das ew‘ge Gericht des Kleinods Räuber ergriffen
Gab der gerechte Monarch uns das erkämpfte zurück.

Siehe auch

Literatur

  • Dirk de Vos: Hans Memling. Das Gesamtwerk. Stuttgart/Zürich 1994, ISBN 3-7630-2312-7.
  • Dirk de Vos: Flämische Meister. Jan van Eyck, Rogier van der Weyden, Hans Memling. DuMont, Köln, ISBN 3-8321-7201-7.
  • Karl Schütz: Der Danziger Weltgerichtsaltar von Hans Memling. In: Museumsbund. Wien 2002. S. 13–18 pdf.
Commons: Das Jüngste Gericht (Hans Memling) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Alicja Andrzejewska-Zając: Tryptyk. In: mng.pl. Muzeum Narodowe w Gdańsku, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 2. April 2023; abgerufen am 2. April 2023 (polnisch).
  2. Eine alternativ Eugen Groth vermutete Zuschreibung dieser Kopie findet sich in einem Blog: Eine Kopie von Hans Memling "Das Jüngste Gericht" und ihr Schicksal
  3. a b c d e Karl Schütz: Der Danziger Weltgerichtsaltar von Hans Memling. In: Museumsbund Österreich (Hrsg.): Neues Museum – Die Österreichische Museumszeitschrift. Band 3+4, 2002, ISSN 1015-6720 (zobodat.at [PDF]).
  4. a b c d Warburg, Aby: Flandrische Kunst und Florentinische Frührenaissance Studien. I. In: Jahrbuch der Königlich Preussischen Kunstsammlungen. Band 23, Nr. 3/4, 1902, S. 247–66, JSTOR:25167456.
  5. Johann David Passavant, Cottasches Kunstblatt 1847, Nr. 34–36
  6. Paul Simson: Die Rückkehr des „Jüngsten Gerichts“ nach Danzig. Verlag A. W. Kafemann, Danzig 1916 (gda.pl).