Das Haupt der Medusa

Das Haupt der Medusa
Peter Paul Rubens, um 1613
Ölmalerei auf Leinwand
68,5 × 118 cm
Kunsthistorisches Museum, Wien
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Das Haupt der Medusa ist ein Gemälde, das aus der Werkstatt von Peter Paul Rubens stammt. An dem Bild hat wahrscheinlich der Maler Frans Snyders mitgearbeitet, der insbesondere die Reptilien und Insekten gestaltete. Das um 1613 entstandene Werk ist dem flämischen Barock zuzuordnen. Es gab und gibt in verschiedenen Museen und Sammlungen mehrere Versionen und auch Kopien dieses Bildes. Das Motiv stammt aus der griechischen Mythologie und zeigt auf drastische Weise das Schicksal der Gorgone Medusa. Ausgestellt ist das Werk in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums, Wien.

Provenienz, Beschreibung und Hintergrund

Das Bild hat ohne Rahmen die Maße 68,5 × 118 cm und ist in der Maltechnik Ölmalerei auf Leinwand ausgeführt. Von 1635 bis 1648 gehörte es zur Sammlung des Herzogs George Villiers of Buckingham. Im Jahr 1649 wurde es während seines Exils in Flandern versteigert (oder verpfändet) und kam 1650 über mehrere Stationen zurück nach Buckingham. Im gleichen Jahr erwarb es der österreichische Erzherzog Leopold Wilhelm für seinen Bruder Ferdinand III., durch den es in die kaiserliche Sammlung nach Prag gelangte. Seit 1880 befindet es sich im Kunsthistorischen Museum in Wien und trägt dort die Inventarnummer „Gemäldegalerie 3834“.

In der Kunst des Barock war das Unheimliche und Grausige, beispielsweise aus der griechischen Mythologie, immer ein lohnendes Motiv für Künstler und deren Auftraggeber. In der Kunstgeschichte wird dies teilweise durch die historischen Umstände nach dem Dreißigjährigen Krieg, der folgenden Gegenreformation und den damit verbundenen Erscheinungen in der bildenden Kunst erklärt. Rubens scheint also mit diesem Werk den damaligen Zeitgeschmack getroffen zu haben, was die große Zahl der Versionen in verschiedenen Sammlungen jener Zeit erklärt. Rubens' Darstellung ist daher allegorisch und politisch als Zeichen aufzufassen, ganz im Sinne der katholischen Religion, die den Sieg ihrer Vernunft über die Feinde der christlichen Tugend errungen hat.[1]

Der Künstler präsentiert Medusas Haupt isoliert, also ohne ihren Körper. Er bezieht sich damit auf ältere Darstellungen, in denen auf dem Schild der Minerva (oder Athene) Medusas Gesicht als Relief dargestellt ist. Denn Perseus konnte Medusa nur besiegen, weil er ihr das auf seinem polierten Schild erscheinende Spiegelbild entgegen hielt und sie dadurch selbst zu Stein wurde. Vermutlich gehen die weit verbreiteten reliefartigen Gesichter der Medusa in der Bildenden Kunst auf Leonardo da Vinci zurück. Dieser soll als junger Mann einen Kopf der Medusa auf eine Holztafel gemalt haben, die sich im 16. Jahrhundert unter dem Titel italienisch una Furia infernale ‚eine Furie der Hölle‘ in der Gemäldesammlung des Cosimo de’ Medici befunden haben soll.[2] Anonimo Gaddiano beschrieb das Bild als “una testa di Megera con mirabilj et rarj agruppamentj di serpi” (deutsch: „der Kopf einer Magierin mit wundervollen und seltenen Ansammlungen von Schlangen.“)[3]

Ähnliche Darstellungen und Details

In dem Gemälde von Rubens liegt der Kopf mit weit aufgerissenen, teilweise blutunterlaufenden Augen und blutigen Nasenlöchern auf einer ebenen Stein- oder Felsfläche. Manche Interpretationen sehen darin in Zusammenhang mit dem eine Berglandschaft darstellenden Bildhintergrund eine Anspielung auf das Atlasgebirge. Am rechten Rand befindet sich ein weißes Tuch, dass sowohl als eine Art Leichentuch aufgefasst werden kann, aber auch als Kibisis, der magische Rucksack des Perseus, der seine Kampfausrüstung enthielt. Der Sage nach gelang es ihm mit dem Medusenhaupt im Gepäck den Titanen Atlas zu versteinern (Ovid: Metamorphosen. Buch 6, Verse 655 bis 662), denn das Haupt blieb weiterhin wirksam. Um den Kopf herum wimmelt es von Schlangen, die aus Medusas Blut, das aus ihrem Hals rinnt, entstehen. Es gibt aber auch einen Feuersalamander, einen Skorpion, sowie Spinnen, Insekten und Würmer. Es wird angenommen, dass dieses Getier von Frans Snyders stammt, einem Spezialisten für Tierdarstellungen, während sich Rubens auf das Gesicht des Kopfes mit seiner grauenvollen Physiognomie beschränkte. Snyders gestaltete die ovalen Tropfen neben der Blutlache an Medusas Hals sehr detailliert, so dass die Entstehung der Schlangen genau zu erkennen ist. Am rechten Rand zeigt er sogar, wie eine Schlange andere Schlangen gebiert, womöglich inspiriert von einer Grafik von Hieronymus Wierix nach Marten de Vos (1593).[4][5] Dazu gibt es einen Text des römischen Dichters Marcus Annaeus Lucanus der die Geburt (giftiger) Schlangen aus den Blutstropfen Medusas beschreibt. Auch die Amphisbaena im Vordergrund, eine Art Schlange oder Echse mit je einem Kopf am Körperende, erwähnt Lucan in seinen Pharsalia (in den Büchern sechs und neun). Eine Abbildung der Amphisbaene kannte Rubens aus dem Werk Rerum medicarum Novae Hispaniae thesaurus von Francisco Hernandez de Toledo, das der Künstler über seinen Freund, den Arzt Johannes Faber, kannte.[6]

Bildausschnitte Anmerkung

Kopf mit blutunterlaufenen Augen und blutigen Nasenlöchern und leicht blassbläulich verfärbte Haut, weisen auf Rubens anatomische Kenntnisse hin.

Spinnen, Skorpione, Schlangen und Salamander wurden in der Malerei jener Zeit als giftig und todbringend aufgefasst.

Im Bildvordergrund ist an der Kante der Steinplatte zudem eine Efeuranke und rechts oben im Bildhintergrund sind Farne zu sehen, die ebenfalls giftig sind. Diese Tiere und Pflanzen scheinen die Gefährlichkeit der Medusa zu unterstreichen.

Die zweiköpfige Schlage Amphibaena wurde in der zeitgenössischen wissenschaftlichen Literatur als existent aufgefasst.

Ausstellungen (Auswahl)

  • 15. April bis 19. Juni 1977: Peter Paul Rubens 1577–1640; Ausstellung zur 400. Wiederkehr seines Geburtstages im Kunsthistorischen Museum Wien
  • 7. Juli 2017 bis 15. Oktober 2017: Die Menagerie der Medusa: Otto Marseus van Schrieck und die Gelehrten (hier wurde die Version aus Brünn ausgestellt)
  • 8. Februar bis 21. Mai 2018: Rubens – Die Kraft der Verwandlung Städel Museum in Frankfurt
  • 2018: Albtraumhaft Schön: Rubens’ Wiener Medusenhaupt trifft auf die Brünner Fassung

Literatur

  • Adolf Rosenberg (Hrsg.): P. P. Rubens, des Meisters Gemälde in 538 Abbildungen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1922, S. 223 (Textarchiv – Internet Archive – Abbildung als Der Kopf der Medusa schwarzweiß).
  • Kunsthistorisches Museum (Hrsg.): Peter Paul Rubens. Ausstellung zur 400. Wiederkehr seines Geburtstages. Kunsthistorisches Museum, Wien 1977 (Ausstellungskatalog).
  • Caroline van Eck: The Petrifying Gaze of Medusa: Ambivalence, Explexis, and the Sublime. In: Journal of Historians of Netherlandish Art. Band 8, Nr. 2, 2016, doi:10.5092/jhna.2016.8.2.3 (englisch).
  • Gerlinde Gruber, Petr Tomášek: Albtraumhaft Schön: Rubens’ Wiener Medusenhaupt trifft auf die Brünner Fassung. In: Ansichtssache. 23, Kunsthistorisches Museum, Wien 2018, ISBN 978-3-99020-185-5 (Ausstellungskatalog).
Commons: Das Haupt der Medusa (Rubens) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Alfried Wieczorek, Christoph Lind, Uta Coburger (Hrsg.): Barock – Nur schöner Schein? Begleitband zur Ausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“ in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim vom 11. September 2016 – 19. Februar 2017, ISBN 978-3-7954-3111-2, S. 43 ff.
  2. Cosimo Conti: La prima reggia di Cosimo I de’ Medici nel Palazzo già della signoria di Firenze : descritta ed illustrata coll’appoggio d’un inventario inedito del 1553 e coll’aggiunta di molti altri documenti. Giuseppe Pellas, Florenz 1893, S. 138–139 (italienisch, Textarchiv – Internet Archive).
  3. Gaetano Milanesi: Documenti Inediti Risguardanti Leonardo Da Vinci. In: Archivio Storico Italiano. Band 16, Nr. 71/72, 1872, ISSN 0391-7770, S. 219–230, hier S. 225, JSTOR:44456606.
  4. Kunsthistorisches Museum (Hrsg.): Peter Paul Rubens. Ausstellung zur 400. Wiederkehr seines Geburtstages. Wien 1977, S. 81 ff. (Autor: Wolfgang Prohaska)
  5. Gerlinde Gruber: Rubens’ Haupt der Medusa. In: Sabine Haag, Stefan Weppelmann (Hrsg.): Albtraumhaft Schön: Rubens’ Wiener Medusenhaupt trifft auf die Brünner Fassung. Kunsthistorisches Museum, Wien 2018, ISBN 978-3-99020-185-5, S. 10 ff. (khm.at PDF).
  6. Rerum medicarum Novae Hispaniae thesaurus, seu, Plantarum animalium mineralium Mexicanorum historia. Buch 10. Vitalis Mascardi, Rom 1651, S. 796 (Textarchiv – Internet Archive).