Dachziegelwerke Nelskamp

Dachziegelwerke Nelskamp

Rechtsform GmbH
Gründung 1926
Sitz Schermbeck, Deutschland Deutschland
Leitung Georg Harrasser (Geschäftsführer)[1]
Mitarbeiterzahl 560 (Durchschnitt, 2023)[2]
Umsatz 130,1 Mio. Euro (2023)[2]
Branche Baustoffe
Website www.nelskamp.de

Die Dachziegelwerke Nelskamp GmbH sind einer der bundesweit bedeutenden Hersteller und Lieferanten von Dachziegeln, Betondachsteinen und Energiedächern, sowie Dachzubehör und Dachschmuck. Die Firma wurde 1926 von den vier Gebrüdern Nelskamp im nordrhein-westfälischen Schermbeck-Overbeck gegründet. Das Unternehmen hat sechs Standorte, die sich ausschließlich in Deutschland befinden.

Geschichte

Gründung

Die Werksgründer Heinrich (1905–1964), Karl (1906–1981), Johann (1907–1944) und Hubert Nelskamp (1911–1986) entstammen einer alten Zieglerfamilie, die von Finkenberg, einem Höhenzug bei Dingden, nach Erle (Raesfeld) übersiedelte. Ihr Großvater, Johann Heinrich Nelskamp (1842–1892), auch „Finkenberg“ genannt, arbeitete sich in dem Schermbecker Ziegelwerk J.B. Prinz und Sohn zu Schermbeck b. Wesel, ab 1902 Schermbecker Thon & Falzziegelwerke AG, zum Ziegelmeister hoch, was in etwa der heutigen Position eines Prokuristen gleichkommt.[3][4] Sein Sohn, Johann Nelskamp (1875–1924), der Vater der Firmengründer, ebenfalls Ziegelmeister im selben Werk, hielt seine Kinder bereits früh zur Selbständigkeit an. „Wenn ihr erst een Preßken häbt, dann geit et u better.“[5]

Heinrich Nelskamp, der älteste der vier Brüder, besuchte die Zieglerschule in Zwickau. Diese Fachschule zur Ausbildung von Brennmeistern und Technikern für den Ziegeleibetrieb galt in der Vorkriegszeit als die bekannteste.[6] Nach eigenen Bodenerkundungen kauften die Gebrüder Nelskamp schließlich in Overbeck von Brüggemann ein Grundstück mit ergiebigen Tonvorkommen.[5] 1926 erfolgte die Eintragung der Firma Falzziegelwerke Nelskamp GmbH ins Handelsregister und 1927 wurde die behördliche Genehmigung zur Errichtung eines Dachfalzziegelwerkes in der Gemeinde Schermbeck erteilt.[7]

Die Produktion begann unter schwierigsten Umständen: Der Ton wurde mit dem Spaten abgebaut, die Loren zunächst per Hand in den Betrieb geschoben und der An- und Abtransport von Kohlen bzw. fertiger Ziegel vom und zum Bahnhof Schermbeck erfolgte auf teilweise unbefestigten Wegen. Die Steine zur Errichtung des Betriebsgebäudes und der ersten „Kasseler Öfen“ wurden noch im Meiler gebrannt.[5]

Die erste Revolverpresse verkaufte ein holländischer Maschinenhersteller mit den Worten: „Bezahlt die Presse, wenn ihr das Geld damit verdient habt.“[5] Bereits 1933 wurde die Genehmigung zur Errichtung eines modernen Teilringofens zum Brennen von Falzziegeln erteilt.[7] Mit Traktor und Hänger gingen Lieferungen bis nach Ostfriesland.

Expansion im 20. Jahrhundert

Die Produktionskapazität in Overbeck reichte bereits in den 1930er Jahren nicht mehr aus und die Expansionsphase begann. In Hünxe-Gartrop wurden vom Baron Nagell umfangreiche Tonabbaurechte gekauft. Der erste Werksneubau an dem für den Schiffstransport günstig gelegenen Lippe-Seitenkanal in Hünxe-Gartrop ging kriegsbedingt nicht in Betrieb. Er wurde gesprengt und als Füllmaterial für die Kanalquerung verwendet. Ab 1948 bis zur Stilllegung 1970 im Zuge der Übernahme der Thon & Falzziegelwerke AG wurden am Standort Hünxe-Gartrop Doppelfalz-Dachziegel produziert.

1953 stieg man mit dem Kauf einer Ziegelei in Breitscheid (Ratingen) und Umbau aufgrund des nachkriegsbedingten hohen Bedarfs in die Produktion von Lochziegeln ein.[5] Die Produktion endete an diesem Standort 2002.

Ebenfalls 1953 begannen die Dachziegelwerke Nelskamp GmbH mit der Produktion des Betondachsteins „Finkenberger Pfanne“,[5][8] ein Produkt, das nicht mehr aus Ton, sondern Sand, Zement, Wasser und Farbpigmenten hergestellt wurde, um dem außerordentlich hohen Bedarf an Dachbedeckungen zu begegnen. Im selben Jahr begann auch die Firma Monier Braas GmbH mit der Produktion des Betondachsteins „Frankfurter Pfanne“. Die Strangpressanlage der Gebrüder Nelskamp zur kontinuierlichen Herstellung von Betondachsteinen wurde in Hünxe-Gartrop errichtet und der Betondachstein in Anlehnung an die ursprüngliche Herkunft der Familie vom Finkenberg in Dingden „Finkenberger Pfanne“ genannt.[9]

Von 1958 bis zum Brand der Betriebsstätte 1988 produzierte man am Standort Schermbeck-Gartrop zusätzlich noch Lochziegel. Der Bedarf des norddeutschen und holländischen Vertriebsgebietes an Betondachsteinen wurde von 1966 bis 2001 aus der neu errichteten Produktionsstätte Leer in Ostfriesland[5] abgedeckt.

1970 wurde die Schermbecker Thon & Falzziegel AG (vormals Prinz & Sohn) gekauft[10] und die Produktionskapazität an Dachziegeln mit diesem Schritt verfünffacht, die Ziegelproduktion an den technisch mittlerweile veralteten Standorten Overbeck und Hünxe-Gartrop dafür eingestellt und der Firmensitz an die neue Produktionsstätte verlegt.[11] Die Belieferung des süddeutschen Raumes mit Finkenberger Pfannen erfolgte seit 1975 in erster Linie vom Standort Dieburg aus. In Obergartzem wurden von 1984 bis 1990 Dachziegel mit der „hängenden Brenntechnik“ produziert. Dieses Produktionsverfahren setzte sich jedoch nicht durch.

Die Produktionsstätte Unsleben mit einer Jahreskapazität von circa 20 Millionen Dachziegeln kam 1985 hinzu. Vornehmlich für die nach der Wiedervereinigung neu hinzugekommenen östlich gelegenen Absatzmärkte wurden 1991 in Wandlitz eine Produktionsstätte für Betondachsteine (u. a. die Finkenberger Pfanne) und in Groß Ammensleben eine für Dachziegel errichtet.

21. Jahrhundert

Im April 2021 wurde bekannt, dass das Unternehmen plant, den Produktionsstandort in Schermbeck zu schließen. Im Zuge einer umfangreichen wirtschaftlichen Restrukturierung 2021/2022[12] wurde das Stammwerk in Schermbeck schließlich an die Schermbecker Building Products GmbH verkauft.[13] Unter dieser wurde das Stammwerk in Schermbeck jedoch nur wenige Jahre später geschlossen.[14]

Unternehmensstruktur

Der Verwaltungssitz der Dachziegelwerke Nelskamp GmbH ist in Schermbeck.[15] Im Jahr 2023 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von über 130,1 Mio. Euro und beschäftigte im Schnitt 560 Mitarbeiter.[2]

Die Firma ist nach wie vor im Familienbesitz. Mit dem Todestag des jeweiligen Vaters traten deren Söhne Karl-Heinrich Nelskamp (geb. 1945) sowie Heiner Nelskamp (geb. 1952) in die Geschäftsführung ein. Ersterem folgte von 2014 bis 2023 wiederum sein Sohn Ulrich Nelskamp (geb. 1974). Weiterer Geschäftsführer aus der Familie waren von 1990 bis 2000 Heinrich Wenger und ab 2009 Andreas Liesenklas. Mitte 2024 zog sich Heiner Nelskamp aus der Unternehmensleitung zurück.[16] Geschäftsführer ist seit November 2024 Georg Harrasser,[17] Teil der Geschäftsleitung sind zudem Klaus Flacke (Finanzen) und Michael Specht (Verkauf). Die Geschäftsführung wird seit 2024 auch von einem dreiköpfigen Beirat unterstützt.[16]

Die Standorte des Unternehmens sind:[18]

Produkte

Dachsteine

Die Dachziegelwerke Nelskamp produzieren Dachsteine aus Sand, Zement, Wasser und Farbpigmenten. Die porenarme, glatte Oberfläche soll das Anhaften gröberer Schmutzpartikel verhindern und ein sauberes Dachbild bewahren. Luftschadstoffe können nach dem Prinzip der Photokatalyse abgebaut werden: In die Mikrobetonoberfläche eingearbeitete Nanopartikel aus Titandioxid katalysieren die Umwandlung von Stickoxiden zu Nitrat mittels UV-Licht.

Zudem stellt das Unternehmen auch die Dachpfanne Easy Life her, die etwa ein Drittel leichter als herkömmliche Dachsteine ist und sich daher auch besonders für historische Dächer eignet.[19]

Dachziegel

Auch stellen die Dachziegelwerke Nelskamp Dachziegel her, die (im Gegensatz zu Dachsteinen) aus gebranntem Ton bestehen. Die Dachziegelpresslinge (auch Pressdachziegel genannt) werden bei ca. 1000 °C gebrannt und erhalten so ihre Härte und Struktur. Zu den Dachziegelpresslingen gehören unter anderem Doppelmuldenfalzziegel, Flachdachpfannen, Flachkremper und Verschiebeziegel.[20]

Energiedächer

Seit 2008 verfolgen die Dachziegelwerke Nelskamp das Konzept des Energiedaches und installierten bis Stand 2021 rund 2.000 Solaranlagen.[21] Bei den von ihnen verbauten Photovoltaikanlagen und Solarziegeln sind die Solarmodule in das Dach integriert.

Seit Mitte der 2010er-Jahre liegt der Schwerpunkt der Dachziegelwerke Nelskamp im Bereich Energiedächer auf dem Anbieten von gebäudeintegrierten PV-Systemen (BIPV), umgangssprachlich auch Solarziegel genannt. Dabei sind Photovoltaikmodule in einen herkömmlichen Keramikziegel eingelassen und bilden eine stromproduzierende Dacheindeckung.[21] Bereits 2017 wurde mit dem G10-PV-System für den Glattziegel G10 ein PV-Ziegelsystem auf den Markt gebracht.[22] In der folgenden Zeit führten die Dachziegelwerke Nelswerk zusätzlich das Planum-PV-System für den Glattstein Planum ein, das für ein glattes Dach entwickelt wurde und um 10 % leistungsstärker als das G10-PV-System ist.[23] Angeboten werden unter anderem 1,5 Meter breite Riegel, die flächenmäßig jeweils fünf bis sechs Dachpfannen ersetzen können. Zierkerben im Kunststoffträger sollen den Eindruck einzelner Pfannen erwecken.[24]

Zu den Solarprodukten des Unternehmens gehört das SolarPowerpack, das optisch dem Dachstein angepasste Aluminium-Vollflächen-Solarkollektoren beinhaltet, in Verbindung mit einer Wärmepumpe zur Heizwärme- und Warmwassererzeugung. Weitere Produkte waren in der Vergangenheit 2Power-Photovoltaik und MS5-2Power (Solarthermie), ein Doppelsystem zur gleichzeitigen Erzeugung von Strom und Heizwärme; unter der oberen Photovoltaikschicht lag hierbei eine Flüssigkeit-durchströmte Solarthermieschicht zur Aufnahme solarer Wärmeenergie.

Dachstick

2014 führten die Dachziegelwerke Nelskamp erstmals sogenannte Dachsticks ein. Dabei handelt es sich um ein am Dachziegel vormontiertes Befestigungssystem zur Sturmsicherung.[25]

Auszeichnungen

  • Kombisolarmodul 2Power: Produkt des Jahres 2014 des Dachbaumagazins[26]
  • MKB-Trofee 2015: Fachmagazin Bouwbelang zeichnet den Dachstick als innovativstes Produkt aus.[27]
  • Planum-PV: Produkt des Jahres 2020/21 von BaustoffMarkt und BaustoffWissen in der Kategorie Rohbau/Dach/Fassade[28]

Einzelnachweise

  1. Impressum. In: Dachziegelwerke Nelskamp. Abgerufen am 16. September 2025.
  2. a b c Dachziegelwerke Nelskamp GmbH, Jahresabschluss zum Geschäftsjahr vom 01.01.2023 zum 31.12.2023. In: Unternehmensregister. 26. September 2024.
  3. E. Badstüber, D. Schumann: Backsteintechnologien in Mittelalter und Neuzeit. Lukas Verlag 2003, ISBN 978-3-931836-27-6, S. 265
  4. W. Burkhard: Die Brüder Nelskamp. Dachziegelfabrikanten vom Niederrhein. In: Niederrheinische Unternehmer. Mercator Verlag, Duisburg 1990, ISBN 3-87463-162-1, S. 174–175
  5. a b c d e f g Gebrüder Nelskamp Dachziegelwerke, Festschrift 50 Jahre. In: Dachziegel-Archiv. Dachziegelwerke Nelskamp, 1976, abgerufen am 16. September 2025.
  6. Bayerischer Ziegelindustrieverband e. V.: 100 Jahre Bayerischer Ziegelindustrie-Verband e. V. (Memento vom 2. April 2015 im Internet Archive). S. 77. Abgerufen am 4. März 2015
  7. a b Übersicht: Gebrüder Nelskamp Dachziegelwerke (Nelskamp Schermbeck), Gründungsinformationen 1927. In: Dachziegel-Archiv. Dachziegelwerke Nelskamp, 1927, archiviert vom Original am 2. April 2015; abgerufen am 16. September 2025.
  8. Klaus Nikolei: „Finkenberger Pfanne“ feiert Jubiläum. In: Rheinische Post. 24. Januar 2013.
  9. Gebrüder Nelskamp Dachziegelwerke, Prospekt Finkenberger Pfanne 60 Jahre. In: Dachziegel-Archiv. Dachziegelwerke Nelskamp, 2013, abgerufen am 16. September 2025.
  10. Helmut Scheffler: Schermbeck: Vom Tonabbau- zum Schutzgebiet. In: Rheinische Post. 31. August 2018, abgerufen am 16. September 2025.
  11. Gebrüder Nelskamp, Festschrift 60 Jahre. In: Dachziegel-Archiv. Dachziegelwerke Nelskamp, 1986, abgerufen am 16. September 2025.
  12. Alfons Oebbeke: Nelskamp stellt Weichen für die Zukunft. In: Baulinks. Abgerufen am 13. Juli 2022.
  13. Major deal to import German clay roof tiles to tackle shortages. In: Construction Enquirer. Abgerufen am 18. Juli 2022 (englisch).
  14. Berthold Fehmer: Arbeitsplätze und Betriebsschließungen in Schermbeck: Fluktuation in der Mittelstraße. In: Dorstener Zeitung. 22. Juli 2025, abgerufen am 16. September 2025.
  15. Dachziegelwerke Nelskamp GmbH, Schermbeck. In: North Data. Abgerufen am 16. September 2025.
  16. a b Traditionsfirma aus Schermbeck: Große Veränderung bei Nelskamp. In: Neue Ruhr Zeitung. 24. Mai 2024, abgerufen am 16. September 2025.
  17. Geschäftsführer der Dachziegelwerke Nelskamp: Georg Harrasser tritt Posten zum 1. November an. In: Dorstener Zeitung. 19. September 2024, abgerufen am 16. September 2025.
  18. Standorte. In: Dachziegelwerke Nelskamp. Abgerufen am 16. September 2025.
  19. Zwei Dachsteine und ein Ziegel: Leicht, luftreinigend und großflächig. In: Bayerische Staatszeitung. 12. April 2019, S. 27.
  20. Dachlexikon: Pressdachziegel. In: Dachziegelwerke Nelskamp. Abgerufen am 16. September 2025.
  21. a b Bernd Schlupeck: Elon Musks Solarziegel könnten die Nischenbranche boomen lassen. In: Die Welt. 1. Mai 2021, abgerufen am 16. September 2025.
  22. PV-Modul im bunten Ziegelkleid. In: Gebäude-Energieberater. 26. Februar 2018, abgerufen am 15. September 2025.
  23. Solarziegel Planum PV. In: Deutsche Bauzeitung. 18. April 2020, abgerufen am 15. September 2025.
  24. Gregor Honsel: Ziegel unter Strom. In: MIT Technology Review. Juli 2023, S. 54–58.
  25. Alfons Oebbeke: Werkseitig vormontiert: Nelskamps Dachstick zur werkzeuglosen Sturmsicherung. In: Baulinks. 27. Oktober 2014, abgerufen am 16. September 2025.
  26. Produkt des Jahres 2014 – Leser wählen das Kombi-Solarmodul. In: Dachbaumagazin.de. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 2. April 2015; abgerufen am 3. März 2015.
  27. wint MKB Trofee. In: Bouwbelang.com. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 2. April 2015; abgerufen am 3. März 2015.
  28. Gewinner der Auszeichnungen „Produkt des Jahres 2020“ stehen fest. In: Baustoffmarkt Online. 28. Februar 2020, abgerufen am 16. September 2025.