Dōjigiri

Dōjigiri

Dōjigiri im Nationalmuseum Tokio
Angaben
Waffenart: Schwert
Bezeichnungen: Dōjigiri, auch Dōjigiri Yasutsuna
Verwendung: Individuelles Schwert
Entstehungszeit: Heian-Zeit (10. bis 12. Jhd.)
Ursprungsregion/
Urheber:
Ōhara Yasutsuna, Provinz Hōki
Verbreitung: Japan, Einzelstück
Gesamtlänge: 99,99 cm
Klingenlänge: 80,0 cm
Klingenbreite: 2,91 cm
Griffstück: Metall, Itomaki-Schwert, mit Nashiji-Lackarbeit
Besonderheiten: Nationalschatz, eines von „Fünf Schwertern unter dem Himmel“
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Dōjigiri Yasutsuna (japanisch 童子切安綱) ist ein japanisches Tachi und ein Nationalschatz Japans. Die Klinge gehört zu den Tenka Goken („Fünf Schwerter unter dem Himmel“) und gilt als das älteste unter ihnen. Der Dōjigiri soll in der späten Heian-Zeit (10. Jahrhundert) vom Schwertschmied Ōhara Yasutsuna (大原安綱) gefertigt worden sein, einem der frühesten namentlich bekannten Meister der japanischen Schmiedekunst. Das Schwert ist eng mit der Kriegerelite des mittelalterlichen Japans (Samurai) verbunden und war über Jahrhunderte im Besitz bedeutender militärischer Machthaber. Seinen Namen verdankt der Dōjigiri der Legende, nach der er zur Tötung des Dämonenknaben Shuten-dōji verwendet worden sein soll. Die Klinge hat eine Länge von 80 Zentimetern und zeigt die charakteristische, tief gekrümmte Form eines frühen Tachi, die als stilbildend für die Entwicklung der japanischen Schwertkunst gilt.[1]

Schmied und stilistische Einordnung

Ōhara Yasutsuna steht zeitlich vor der Ausbildung klar abgegrenzter Schmiedeschulen. Dennoch lässt sich seine Arbeit stilistisch eindeutig dem Yamashiro-Raum zuordnen. Der Dōjigiri repräsentiert damit keine ausgereifte Form des Yamashiro-den, sondern eine frühe, prototypische Ausprägung, aus der sich diese Tradition erst entwickelte. In der Forschung gilt die Klinge als Referenz für die Entstehung jener ästhetischen und technischen Prinzipien, die später für das klassische Yamashiro-den charakteristisch wurden.[2][3]

Sugata

Die Klinge zeigt die typische Form eines Heian-zeitlichen Tachi. Charakteristisch sind ein ausgeprägter koshizori mit tiefer Krümmung (2,7 cm) im unteren Klingenbereich, eine schlanke, ausgewogene Silhouette ohne betonte Massigkeit sowie ein kleiner, gut proportionierter Kissaki. Diese Form gilt als stilbildend und wurde über Jahrhunderte hinweg zum Referenztypus für höfisch geprägte Tachi.[2]

Kitae

Das Stahlgefüge ist als feines ko-itame ausgebildet und von hoher Homogenität. Masame-Anteile sind nur in geringem Umfang erkennbar. Die gleichmäßige Struktur des Jihada weist auf eine außergewöhnlich kontrollierte Schmiedearbeit hin, insbesondere vor dem Hintergrund der frühen Entstehungszeit.[2]

Hamon

Der Hamon ist als ruhiges suguha ausgeführt, getragen von feinem nie. Die Härtelinie zeigt eine zurückhaltende, gleichmäßige Aktivität ohne ausgeprägte dekorative Effekte. Diese Form der Gestaltung wird in der Fachliteratur als Ausdruck technischer Reife und bewusster Zurückhaltung interpretiert.[2]

Bedeutung im Zusammenhang der Gokaden

Innerhalb der Gokaden nimmt der Dōjigiri Yasutsuna eine grundlegende Stellung ein. Er gilt als Wurzel des Yamashiro-den und als maßgeblicher Bezugspunkt für spätere Schmiedeschulen wie Sanjō, Awataguchi und Rai. Die am Dōjigiri ausgebildeten Prinzipien von Proportion, Materialbeherrschung und ästhetischer Zurückhaltung bilden die Grundlage für das klassische Yamashiro-Ideal und damit für die höfische Schwertästhetik der folgenden Jahrhunderte.[3]

Besitzgeschichte und historische Zusammenhänge

Der Dōjigiri Yasutsuna weist eine der am besten dokumentierten und symbolisch aufgeladenen Besitzgeschichten innerhalb der japanischen Schwerttradition auf. Seine Überlieferung ist eng mit der politischen und militärischen Elite Japans verbunden und spiegelt zentrale Machtverschiebungen der japanischen Geschichte wider.

Bereits in der späten Heian- und frühen Kamakura-Zeit wurde der Dōjigiri als außergewöhnliche Klinge erkannt und dem Kreis der bedeutendsten Schwerter zugerechnet. Früh ist er mit der Minamoto-Familie verbunden, insbesondere mit Minamoto no Yorimitsu (源頼光), einer Schlüsselfigur der höfisch-militärischen Elite. In diesem Zusammenhang entstand auch die bekannte Legende, nach der Yorimitsu den Dämon Shuten-dōji mit diesem Schwert getötet habe, woraus sich der Name Dōjigiri („Dämonenschneider“) ableitet. Unabhängig vom historischen Wahrheitsgehalt dieser Erzählung dokumentiert sie die frühe symbolische Aufladung der Klinge als Träger übermenschlicher Autorität.[4]

In der Kamakura-Zeit gelangte der Dōjigiri in den Besitz des Hōjō-Klans, der als Regenten des Kamakura-Shōgunats die tatsächliche politische Macht ausübte. Die Aufnahme des Schwertes in den Besitz der Hōjō unterstreicht seine Funktion als Herrschaftssymbol, nicht lediglich als Waffe.[5]

Nach dem Fall des Kamakura-Shōgunats wechselte der Dōjigiri in der Muromachi-Zeit in den Besitz der Ashikaga-Shōgune. In dieser Phase wurde das Schwert zunehmend als Meibutsu verstanden – als historisch einzigartiges, namentlich bekanntes Objekt von übergeordneter Bedeutung. Die Ashikaga nutzten solche Schwerter gezielt zur Legitimation ihrer Stellung.[2]

Während der Sengoku-Zeit blieb der Dōjigiri außerhalb der instabilen Zirkulation des Kriegsadels und wurde nicht wie viele andere berühmte Klingen durch Schlachten, Verpfändungen oder Verkäufe gefährdet. Spätestens in der frühen Edo-Zeit gelangte er in den Besitz des Tokugawa-Shōgunats, wo er als Teil des shōgunalen Schatzes bewahrt wurde. In dieser Phase setzte auch die systematische Bewertung durch die Hon’ami-Familie ein, die den Rang des Dōjigiri als eines der höchsten Schwerter Japans endgültig festschrieb.[6]

Nach dem Ende des Shōgunats und der Meiji-Restauration ging der Dōjigiri in staatliche Obhut über. Heute wird die Klinge als Nationalschatz Japans im Nationalmuseum Tokio verwahrt. Sie ist damit dauerhaft der privaten Zirkulation entzogen und wird als Teil des nationalen Kulturerbes bewahrt.[4]

Historische Bedeutung

Die kontinuierliche Verwahrung des Dōjigiri durch die jeweils mächtigsten politischen Akteure Japans macht deutlich, dass das Schwert nicht primär als Gebrauchsgegenstand verstanden wurde. Vielmehr fungierte es über Jahrhunderte als Symbol legitimer Herrschaft, militärischer Autorität und kultureller Kontinuität. Seine Besitzgeschichte spiegelt den Übergang von der höfischen Welt der Heian-Zeit über die militärischen Regime der Kamakura- und Muromachi-Zeit bis hin zur staatlichen Kulturgutverwaltung der Moderne wider.[5]

In diesem Sinne ist der Dōjigiri Yasutsuna weniger ein individuelles Sammlerstück als ein historisches Objekt von staatstragender Bedeutung, dessen Wert wesentlich aus seiner ununterbrochenen Einbindung in die Macht- und Kulturgeschichte Japans resultiert.

Commons: Dōjigiri – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. NBTHK: Nihontō Kōza. Hrsg.: Nihon Bijutsu Token Hozon Kyokai. Band 1: Koto. Tokyo.
  2. a b c d e Tokyo National Museum: Masterpieces of Japanese Swords. Hrsg.: Tokyo National Museum. Tokyo 1997.
  3. a b Markus Sesko: Encyclopedia of Japanese Swords. Hrsg.: AuthorHouse. 2014, ISBN 978-1-312-56315-5.
  4. a b Agency for Cultural Affairs (文化庁), Japan: National Treasures of Japan – Swords (国宝・重要文化財データベース).
  5. a b Karl Friday: Samurai, Warfare and the State in Early Medieval Japan. Hrsg.: Routledge. 2003, ISBN 0-415-32963-9.
  6. Nihontō Kantei Hikkei (日本刀鑑定秘訣): Hon’ami Kōson. Hrsg.: Nihontō Kantei Hikkei (日本刀鑑定秘訣).