Creonte (Bortnjanski)
| Werkdaten | |
|---|---|
| Originaltitel: | Creonte |
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Titelblatt des Librettos, Venedig 1776 | |
| Form: | Dramma per musica in zwei Akten |
| Originalsprache: | Italienisch |
| Musik: | Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski |
| Libretto: | Marco Coltellini |
| Literarische Vorlage: | Sophokles: Antigone |
| Uraufführung: | 26. November 1776 |
| Ort der Uraufführung: | Teatro San Benedetto, Venedig |
| Spieldauer: | Griechische Mythologie |
| Personen | |
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Creonte ist die erste Oper von Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski. Sie besteht aus zwei Akten mit 14 bzw. 8 Szenen. Das Libretto verfasste Marco Coltellini nach der Tragödie Antigone von Sophokles (441 v. Chr.). Die Uraufführung fand am 26. November 1776 im Teatro San Benedetto in Venedig statt.
Handlung
Vorgeschichte
Die Oper spielt in der antiken Sagenwelt in der Stadt Theben. Sie basiert auf dem Mythos von König Ödipus (hier Edipo genannt), seinen Söhnen Eteocle (Eteokles) und Polinice (Polyneikes) sowie seinen Töchtern Antigona (Antigone) und Ismene. Nach dem Selbstmord von Ödipus’ Mutter und Frau Iokaste und seinem Exil ist der Thron verwaist, was zu einem Kampf zwischen seinen Söhnen führt.
Erster Akt
Eteocle und Polinice kämpfen um die Macht und töten sich gegenseitig im Duell. Die Bürger von Theben wählen Creonte (Kreon) zum Herrscher, und er besteigt den Thron. Der neu gewählte König befiehlt, Eteocle ehrenvoll beizusetzen, während Polinices Körper unbestattet bleiben soll. Antigona, die sich gegen diesen Befehl stellt, beerdigt ihren Bruder heimlich und wird zum Tode verurteilt. Sie soll lebendig in einer Höhle eingemauert werden. Creontes Sohn Emone (Haimon) liebt Antigona und versucht, sie zu retten, doch man verdächtigt ihn des Hochverrats und verurteilt ihn ebenfalls zum Tode.
Zweiter Akt
Antigona wird in der Höhle eingemauert, und Emone schleicht sich ein, um ihr Schicksal zu teilen. Das Volk, empört über Creontes Grausamkeit, erhebt sich und erklärt Antigona zur Königin. Sie wird befreit und versichert, dass sie Creonte vergibt. Die Oper endet mit der Hoffnung, dass der Frieden in Theben wiederhergestellt wird.[1]
Gestaltung
Creonte gehört zum Genre der italienischen opera seria bzw. „dramma per musica“.[2] Die Oper besteht aus zwei Akten (14 und 8 Szenen) und folgt einem strukturierten Format mit Solo-Arien, Duetten, Rezitativen, Chören und Instrumentalstücken. Die Urfassung des Librettos war in drei Akte unterteilt, doch Bortnjanski vereinte den ersten und zweiten Akt.[2]
Die Musik von Creonte vereint die Traditionen des italienischen Bel Canto mit Bortnjanskis individuellem Stil. Sie steht im Einklang mit dem Opernstil von Wolfgang Amadeus Mozart und bildet eine Brücke zwischen Werken wie Mitridate (1770) und Idomeneo (1780). Dies lässt auf einen gemeinsamen Einfluss der italienischen Operntraditionen auf die Entwicklung beider Komponisten schließen. Die Oper weist eine nummerierte Struktur und secco-Rezitative auf, was eine Verbindung zur Barockoper anzeigt, jedoch fehlen barocke da-Capo-Arien.[3]
Werkgeschichte
Entstehung
Dmitri Bortnjanskis Opern haben in seinem schöpferischen Erbe eine große Bedeutung. Er schuf insgesamt sechs Opern, die ersten drei davon in Italien im Genre der opera seria. Seine erste Oper, Creonte, schrieb er im Alter von 25 Jahren in Italien. Sie war das Ergebnis seiner Studien beim italienischen Maestro Baldassare Galuppi.
Der Schweizer Komponist und Musikforscher Rudolf Mooser stellte fest, dass das Libretto für Creonte eine Bearbeitung von Marco Coltellinis Libretto der Oper Antigona des italienischen Komponisten Tommaso Traetta ist, das auf Sophokles’ Tragödie Antigone basiert. Traettas Oper spiegelt den reformistischen Ansatz des Komponisten im Operngenre wider. Coltellini und Traetta arbeiteten am kaiserlichen Hof in St. Petersburg, wo 1772 die Uraufführung der Antigona stattfand. Anschließend wurde sie 1773 in Italien aufgeführt. Dort hatte Bortnjanski vermutlich Gelegenheit, sie zu hören, was ihn dazu inspirierte, seine eigene Version der Geschichte zu schaffen. Beim Vergleich des Librettos von Antigona mit dem von Creonte stellte Mooser fest, dass Bortnjanski den Text vereinfachte, ihn von drei Akten auf zwei reduzierte und den Titel änderte. Anders als das Original endet Bortnjanskis Oper mit einem Happy End (lieto fine).
Die Uraufführung fand am 26. November 1776 während der Herbstsaison im Teatro San Benedetto in Venedig statt. Es sangen Giacomo Panati (Creonte), Agata Carrara (Antigona), Rosa Zanetti (Ismene), Sebastiano Folicaldi (Emone) und Pietro Muschietti (Adrasto). Die Kostüme stammten von Antonio Dian, genannt „Il Vicentino“, die Bühnenbilder von den Signori Cugini Mauri. Zusätzlich kamen die beiden Ballette Porzia und Amor non può celarsi des Choreografen Giuseppe Canziani zur Aufführung.[4]
Die Oper lief während der gesamten Theatersaison 1776/1777. Sie wurde vom italienischen Publikum jener Zeit, das für seinen hohen Standard und tiefes Musikverständnis bekannt war, gut aufgenommen. Es gab Pläne, die Oper auch in anderen europäischen Ländern aufzuführen, aber aus unbekannten Gründen verschwand die Partitur. Fast 250 Jahre lang galt diese erste Oper von Dmitri Bortnjanski als verloren.
Wiederentdeckung
Die handschriftliche Partitur wurde erst Anfang des 21. Jahrhunderts in den Archiven der Ajuda-Bibliothek, einer Abteilung der Portugiesischen Nationalbibliothek in Lissabon, entdeckt. Aufzeichnungen zeigen, dass Bortnjanskis Oper bereits 1803 in der königlichen Opernsammlung verzeichnet war und 1958 im gedruckten Katalog der Manuskriptsammlungen der Nationalbibliothek erwähnt wurde.[5] Die Partitur der Oper ist in zwei handschriftlichen Bänden erhalten, wobei jeder Akt in einem separaten Band vorliegt. Es sind insgesamt 270 Blätter oder 540 Seiten.
Nach der Wiederentdeckung arrangierte Olha Schadrina-Lytschak und Artem Roschtschenko das Manuskript für moderne Aufführungen.[6] Im Jahr 2023 brachte Olha Schumilina Kopien des Manuskripts in die Ukraine. Die Musikwissenschaftlerin und Professorin für Musiktheorie an der Nationalen Musikakademie Mykola Lyssenko in Lemberg wollte die Partitur erforschen, dachte aber auch schon an künftige Aufführungen.[7][1]
Am 11. November 2024 fand die konzertante[8] Premiere der wiederentdeckten und restaurierten Oper an der Diplomatischen Akademie der Ukraine in Kiew statt, einer Abteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der Ukraine.[9] Die Produktion stand unter der Schirmherrschaft der UNESCO,[10] Europa Nostra und der Nationalen Kommission der Ukraine für UNESCO. Das Projekt „Dmitri Bortnjanskis erste Oper Creonte der Welt zurückgeben“ wurde von dem UNESCO-Künstler für den Frieden, Herman Makarenko, initiiert und geleitet.[11][12] Er selbst dirigierte die Nationale Ehrensymphonische Kapelle der Ukraine „Dumka“ und das Nationale Präsidentenorchester (Cembalo: Olha Schadrina-Lytschak). Die Sänger waren Serhij Bortnyk (Creonte), Olha Fomitschowa (Antigona), Danylo Kotok (Emone), Stanislaw Paschtschuk (Adrasto) und Marharyta Bilokis (Ismene).[13]
Literatur
- Adelina Yefymenko: Wolfgang Amadeus Mozart und Dmitri Bortnjanski: Künstlerisch-ästhetische und stilistische Parallelen. In: Verfahren der Shevchenko Wissenschaftlichen Gesellschaft. Band CCXLVII: Werke der Musikwissenschaftlichen Kommission. Lwiw 2004. S. 185–197.
- Lyubov Kiyanovska: Mozart und Bortnjanski: Ein Versuch einer typologischen Vergleich. In: Wolfgang Amadeus Mozart: Eine Sicht des 21. Jahrhunderts. Wissenschaftliche Sammlungen der Lwiwer Staatlichen Musikakademie nach M. V. Lysenko. Lwiw 2006. Heft 13. S. 81–86.
- Marika Kuzma: Kennen wir den wahren Bortnjanski?. In: Wissenschaftliche Mitteilungen der Nationalen Musikakademie der Ukraine nach P. I. Tschaikowski. Heft 6: Musicae Ars et Scientia: Ein Buch zu Ehren von N. O. Herasymova-Persidska’s 70. Geburtstag. Kiew 1999. S. 89–99.
- Stepan Lisetsky: Opernwerke von D. Bortnjanski. In: ders.: Wissenschaftliche Artikel. Rezensionen. Lehr- und Methodische Materialien. Kiew 2009. S. 72–84.
- Myroslava Novakovich: Dmitri Bortnjanski als die „erfundene Tradition“ der galizischen Musikkultur des 19. Jahrhunderts. In: Wissenschaftliche Sammlungen der Lwiwer Nationalen Musikakademie nach M. Lysenko. Lwiw 2017. Heft 41. S. 19–31.
- Ihor Yudkin-Ripun: Bortnjanski als Vertreter des Übergangsstils. In: Wissenschaftliche Mitteilungen der P. I. Tschaikowski Nationalen Musikakademie der Ukraine. Heft 24: Alte Musik: Eine zeitgenössische Sicht. Buch 1. Kiew 2003. S. 76–86.
- Marika Kuzma: Bortnjanski, Dmitri Stepanovych. In: S. Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Auflage. London 2001. Bd. 4. S. 43–45.
Weblinks
- Creonte (Dmitrij Stepanovi Bortnjanskij) im Corago-Informationssystem der Universität Bologna
Einzelnachweise
- ↑ a b Olha Schumilina: Опера «Креонт» Дмитра Бортнянського: з Португалії — в Україну. In: Zeitschrift der P. I. Tschaikowski Nationalen Musikakademie der Ukraine. Nr. 2 (63), 26. Juni 2024, ISSN 2414-052X, S. 37–54 (com.ua [abgerufen am 4. Februar 2025]).
- ↑ a b Libretto (italienisch), Venedig 1776. Digitalisat im Corago-Informationssystem der Universität Bologna, abgerufen am 29. September 2025.
- ↑ Lydia Kornyi: Dmitri Bortnjanski. In: Geschichte der ukrainischen Musik. Teil 2. Kiew/Charkiw/New York 1998.
- ↑ Datensatz der Uraufführung am 26. November 1776 im Corago-Informationssystem der Universität Bologna, abgerufen am 29. September 2025.
- ↑ M. Santos (Hrsg.): Cátalogo música manúscrita Biblioteca da Ajuda. Bd. 1 (A – Cor). Lissabon 1958.
- ↑ WPCODERPROBD: Реєстрація авторського права на аранжування опери “Креонт”. 11. November 2024, abgerufen am 17. März 2025 (ukrainisch).
- ↑ Музикознавиця Ольга Шуміліна: «Багатьох українських композиторів у світі сприймають як росіян, і нам треба протидіяти цьому». In: LB.ua. 18. Oktober 2024, abgerufen am 17. März 2025 (ukrainisch).
- ↑ У Києві презентували оперу, яку два століття вважали втраченою. 11. November 2024, abgerufen am 17. März 2025 (ukrainisch).
- ↑ Міністерство закордонних справ України - Мар’яна Беца взяла участь у світовій прем’єрі опери Дмитра Бортнянського «Креонт». Abgerufen am 17. März 2025 (ukrainisch).
- ↑ UNESCO Artist for Peace Herman Makarenko directed the premiere of Creonte, Dmytro Bortnyansky’s first opera revived by UNESCO. (unesco.org [abgerufen am 4. Februar 2025]).
- ↑ У Києві відбулася світова прем’єра першої опери Бортнянського, яка вважалася втраченою. 11. November 2024, abgerufen am 4. Februar 2025 (ukrainisch).
- ↑ Герман Макаренко, диригент Національної опери України, художній керівник оркестру «Київ-Класик». In: www.ukrinform.ua. 15. November 2024, abgerufen am 17. März 2025 (ukrainisch).
- ↑ Історична подія: в Києві відбулась світова прем'єра опери „Креонт“. In: Kiewer Klassik Orchester. 12. November 2024, abgerufen am 17. März 2025.