Costumbrismo
Der Costumbrismo (deutsch Kostumbrismus; von spanisch costumbre „Brauchtum, Landessitte“) ist als leichte, auf Unterhaltung bedachte Sittenschilderung[1] eine literarische Strömung in der spanischen und lateinamerikanischen Literatur von etwa 1830 bis etwa 1870, die die Sitten und Gebräuche spanischsprachiger Gesellschaften schildert. Die Vertreter dieser Strömung werden als costumbristas (Einzahl: costumbrista) bezeichnet.
Der Costumbrismo im Modernisierungsprozess der agrarischen Gesellschaften
Der Costumbrismo der hispanischen Welt des 19. Jahrhunderts ist noch weitgehend der feudal-agrarischen Welt verhaftet. Doch verweist er auf Modernisierungstendenzen dieser Gesellschaften. Er ist nicht nur durch romantische und retardierende Tendenzen gekennzeichnet, sondern vor allem durch die realistische Typisierung sozialer Charaktere (z. B. „der Gaucho“). Er erhebt marginalisierte und untergeordnete Figuren zu moderne Subjekten und rassisch und sozial segregierter Klassen zu Gegenständen literarischer Diskurse. Dadurch erhalten diese Gruppen einen sichtbaren Platz innerhalb der Gesellschaft. Als ein hinsichtlich der Erzählformen (Kurzprosa: satirische articulos, pittoreske cuadros oder kurze relatos, worin sich die kommende Kurzgeschichte ankündigt) und der Veröffentlichungswege (Zeitungen und Zeitschriften) modernes Phänomen ersetzt der Costumbrismo den Hang zur Imitation und zu den klassizistischen Idealen des späten 18. Jahrhunderts durch eine realistische, bisweilen auch stereotype Typisierung.
Die Hispanistin Susan Kirkpatrick sieht die Verbreitung des Costumbrismo in engem Zusammenhang mit der Entstehung der Mittelschichten und einer bürgerlichen Presse. Angesichts der zunehmenden rassischen und sozialen Heterogenität urbaner Räume zielt die Klassifizierung sozialer Gruppen auch darauf ab, eine neue begriffliche Ordnung der Gesellschaft zu etablieren[2] und die verschiedenen Gruppen in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Oft verbindet sich der Costumbrismo auch mit dem Nationalismus.
In Lateinamerika dient der Costumbrismo auch zur Selbstvergewisserung einer vom Mutterland zunehmend unabhängigen kreolischen Identität – bis hin zum Versuch, „Nationalcharaktere“ oder einen Nationalgeist im Sinne Johann Gottfried Herders zu beschreiben. Seine späten Formen romantisieren und idyllisieren jedoch die soziale Wirklichkeit bis hin zur Realitätsverleugnung.
Spanische Schriftsteller
Der Herausgeber der aufklärerischen Zeitschrift El pensador („Der Denker“, seit 1762), José Clavijo y Fajardo, wurde wohl als erster als costumbrista bezeichnet.[3] Die Sittenschilderungen der Costumbristas des frühen 19. Jahrhunderts – oft handelte es sich um Journalisten – waren geprägt von einer romantischen Orientierung und einer oft konservativen Grundhaltung, was die realistische Behandlung echter sozialer Probleme und auch Satiren nicht ausschloss. Angeregt von dem in Paris erschienenen Band Les français peints par eux mémes („Die Franzosen von sich selbst gemalt“) wurde 1843/44 in Spanien Los Españoles pintados por sí mismos („Die Spanier von sich selbst gemalt“), eine Textsammlung von Reportagen und Humoresken spanischer Autoren herausgebracht.[4] Viele Autoren veröffentlichten unter einem Pseudonym. Vertreter waren u. a. die gebürtige Schweizerin Fernán Caballero, Ramón de Mesonero Romanos, Mariano José de Larra, Serafín Estébanez Calderón und Pedro Antonio de Alarcón. Sie bereiteten dem realistischen Roman des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts (z. B. Pérez Galdós) den Weg. Der Stil des Costumbrismo hat in vielen Regionen – z. B. in Andalusien, Asturien, im Baskenland oder in Galicien – durch die Betonung des Lokalkolorits die Entstehung einer eigenständigen Literatur in den jeweiligen Regionalsprachen begünstigt. Er beeinflusste auch die Literatur Lateinamerikas, vor allem die Perus und Mexikos sowie der La-Plata-Region.
Lateinamerikanische Schriftsteller
Vorbilder für den lateinamerikanischen Costumbrismo waren neben Spanien auch Frankreich und England. Der costumbrismo peruano setzt mit José Joaquín de Larriva y Ruiz (1780–1832) ein; weitere Vertreter waren F. Pardo (1806–68), Ricardo Palma und Clorinda Matto de Turner, die Begründerin des indigenistischen Romans. In Chile gilt José Joaquín Vallejo (späteres Pseudonym: Jotabeche) (1811–58) als Kostumbrist. In Kolumbien sind J. de Dios Restrepo (1827–97), T. Carrasquilla (1858–1940), José Manuel Groot (1800–1878), José Manuel Marroquín (1827–1908) und Rubén López zu nennen. In Mexiko – neben Lima das geistige Zentrum der bereits rebellierenden spanischen Kolonien – war es José Joaquín Fernández de Lizardi (1776–1827), der 1816 den ersten Roman Lateinamerikas (El Periquillo Sarniento) überhaupt schrieb und mit seinen Werken politische Reformen anstieß,[5] ferner J. B. Morales (1788–1856), Manuel Payno (1810–94) und Guillermo Prieto (1818–97). Eine später mexikanischer Vertreter des Costumbrismo ist Mariano Arzuela (1873–1952). In Kuba ist der Costumbrismo durch den Freiheitskämpfer Cirilo Villaverde (1812–1894) vertreten. In seinem bedeutenden Roman Cecilia Valdés o La Loma del Angel[6] schildert er den Alltag im Kuba des frühen 19. Jahrhunderts.
Im Süden des Subkontinents (Argentinien, Chile) verbreitete Varianten des Costumbrismo waren Criollismo[7] und Gauchismo,[8] literarische und z. T. auch politische Gegenbewegungen gegen die der Aufklärung anhängenden urbanen Eliten und ihre Literatur. Unter der Diktatur des Generals Juan Manuel de Rosas wurde in den 1830er und 1840er Jahren der Gaucho mit seinem roten Poncho zur sozialen Leitfigur Argentiniens; der „zivilisierte“ bürgerlich-liberale Habitus, der von Sarmiento (in seinem Essay Civilización y barbarie 1845) gegen die „Primitivität“ und Wildheit der Indianer wie der Gauchos verteidigt wurde, war hingegen zunehmend verpönt. Mit großer Empathie schildern die costumbristischen Autoren zunächst den Kampf und die Arbeit der verarmten kreolischen Landbevölkerung inmitten ihrer natürlichen Umgebung; später führte das Erstarken der Agrar-Oligarchien zum zähen Festhalten an den neuen Leitbildern.
Insbesondere in Zentralamerika dominierte der Costumbrismo bis in die 1930er Jahre. In El Salvador sind José María Peralta Lagos und Salvador Salazar Arrué zu nennen. Rafael Ocasio hebt die Rolle des Costumbrismo für die afrokubanische Identitätsfindung, aber zugleich ihre problematischen Stereotypen bei der Beschreibung des Lebens der schwarzen Sklaven hervor.[9]
Auch linksrevolutionäre Vertreter des Modernismo wie der Argentinier Leopoldo Lugones begeisterten sich für den Gaucho als kraftvollen und ursprünglichen Träger der argentinischen Zivilisation. Mit dem Gaucho schuf Lugones den Archetypen des lateinamerikanischen Nationalisten, den Helden der Iliada de la pampa („Ilias der Pampa“). Das Streben nach Ursprung, Erdverbundenheit und Dekolonisierung erwies sich jedoch als erster Schritt zur Begründung grausamer faschistischer Traditionen auch in Lateinamerika.
In Brasilien gibt es eine dem Costumbrismo vergleichbare Strömung erst nach etwa 1890, vor allem in Form des Indianismo. Als urbanen Vorläufer kann man die Memórias de um Sargento de Milícias (1852/53) von Manuel Antônio de Almeida betrachten, ein Sittengemälde des kleinbürgerlichen Alltags in Rio de Janeiro.[10]
Costumbrismo im weiteren Sinn
Im weiteren Sinne wird mit Costumbrismo in Spanien jede Art künstlerischer Darstellung volkstümlicher oder regionaler Charaktere bis hin zur Karikatur bezeichnet (deutsche Entsprechung in der Literatur etwa: Heimatdichtung, in der bildenden Kunst: Sitten- oder Genremalerei). Ein wichtiger Vertreter der andalusischen romantischen Genremalerei waren der von der flämischen Malerei beeinflusste José Domínguez Bécquer (1805–1841) sowie sein Sohn Valeriano Domínguez Bécquer (1833–1870).
Auch in Bezug auf die Musik Lateinamerikas wird oft von Costumbrismo gesprochen. Kennzeichnend ist die Verwendung von Volksliedern, regionalen Rhythmen und Instrumenten, um Szenen des ländlichen Lebens oder traditionelle Feste musikalisch zu illustrieren.
Costumbrismo in der bildenden Kunst Lateinamerikas
Besonders in Lateinamerika spielte der Costumbrismo eine bedeutende Rolle in Malerei und Grafik. Er zeichnete sich durch eine detailgenaue, beinahe ethnografisch-dokumentarische Schilderung des Lebens und der Feste des Volkes aus, die bisweilen in idyllische Genremalerei umschlug. Die vor allem in Kuba und Brasilien ubiquitäre Sklaverei, die dort erst 1886 bzw. 1888 abgeschafft wurde, fand keine Beachtung durch die kreolischen Künstler. Afrokubaner und Afrobrasilianer wurden allenfalls in Karnevalszenen oder als Karikaturen dargestellt. Ausnahmen machten ausländische Maler und Zeichner wie Moritz Rugendas, die durch die Exotik Lateinamerikas fasziniert waren. Dazu gehörte auch eine bedeutende costumbristische Malerschule auf Kuba um den in Spanien geborenen Victor Patricio de Landaluce (1830–89) und den französischen Lithographen und Landschaftsmaler Toussaint-Frédéric Mialhe (1810–68), der 1838 bis 1854 auf der Insel lebte.
Zu nennen sind ferner: in Kolumbien Ramón Torres Méndez (1809–85), in Argentinien Carlos Morel (1813–94)[11], in Uruguay J. M. Besnes y Irigoyen (1788–1865) und Pedro Figari (1861–1938), der die Gauchos am Río de la Plata malte, in Chile M. A. Caro (1835–1903) und in Mexiko José Agustín Arrieta (1802–79).
Literatur
- Hans Ulrich Gumbrecht, Juan-José Sánchez: Der Misanthrop, die Tänzerin und der Ohrensessel. Über die Gattung „Costumbrismo“ und die Beziehungen zwischen Gesellschaft, Wissen und Diskurs in Spanien von 1805 bis 1851. In: Jürgen Link, Wulf Wülfing (Hrsg.): Bewegung und Stillstand in Metaphern und Mythen. Fallstudien zum Verhältnis von elementarem Wissen und Literatur im 19. Jahrhundert (Sprache und Geschichte; Bd. 9). Klett-Cotta, Stuttgart 1984, ISBN 3-608-91251-7, S. 15–62.
- George D. Schade: Costumbrismo y novela sentimental (Literatura hispanoamericana en imagines; Bd. 9). Editorial La Muralla, Madrid 1979, ISBN 84-7133-283-3 (+ 60 Dias).
- Stefanie Wenzl: Der „costumbrismo“ als Selbstvergewisserung in Antwort auf Fremdprojektionen. GRIN Verlag, München 2007, ISBN 978-3-638-82633-4.
Weblinks
- Costumbrisco Movement auf ebsco.com
- Stichwort „Costumbrismo“, Große Sowjetenzyklopädie (1979, englisch)
Einzelnachweise
- ↑ Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8, S. 42 f.
- ↑ Ethnographies of the everyday. Perspectives on costumbrismo (Veranstaltungsprojekt). A Two-Part Conference Munich, June 2015 / Berkeley, February 2016 auf romanistik.de
- ↑ Albert Theile (Hrsg.): Lateinamerika erzählt. Vorwort, Frankfurt 1962, S. 7
- ↑ Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8, S. 44.
- ↑ Theile 1962, S. 7
- ↑ Text des Romans
- ↑ Memoria chilena ( vom 6. Oktober 2014 im Internet Archive)
- ↑ Michael Rössner: Die hispanoamerikanische Literatur, in: Kindlers neues Literatur-Lexikon, Band 20, 1996, S. 44 ff.
- ↑ Rafael Ocasio, Afro-Cuban Costumbrismo: From Plantations to the Slums, University Press of Florida 2012, ISBN 978-0813041643
- ↑ Georg Wink: Brasilien als «vorgestellte Gemeinschaft»? Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung der Erzählung Brasiliens vom Reich zur Nation im lateinamerikanischen Kontrast, Dissertation Mainz 2008, S. 184 Anm. 764
- ↑ Carlos Morel: Argentina’s First Artist Turns 200, in: The Argentina Independent, 13. Februar 2013 ( vom 11. März 2015 im Internet Archive)