Corrado Levi
Corrado Levi (* 1936 in Turin) ist ein italienischer Künstler, Architekt, Kurator, Schriftsteller, Hochschullehrer, Sammler und Kulturaktivist. Er gilt als bedeutende Figur der zeitgenössischen internationalen Kunstszene, insbesondere für seine Rolle als Förderer junger Künstler und als Vermittler zwischen der Mailänder Szene und der internationalen Kunstwelt der 1980er Jahre.[1]
Leben
Ausbildung, akademische Laufbahn
Corrado Levi wurde 1936 in Turin geboren. Während der Rassengesetze (Italien)|faschistischen Rassengesetze wurde er von dem Maler Felice Casorati an der Accademia Albertina di Torino versteckt.[2] Er studierte Architektur und war Schüler von Carlo Mollino und Franco Albini.[3]
Levi war Professor für Architekturkomposition an der Fakultät für Architektur des Politecnico di Milano.[3] Sein Unterricht war unkonventionell: Er lud unterschiedlichste Persönlichkeiten zu Gastvorträgen ein, von etablierten internationalen Künstlern wie Richard Long und Alighiero Boetti bis zu DJs wie Nicola Guiducci.[4] In den 1970er Jahren organisierte Levi an der Fakultät Gruppen für homosexuelle Studenten sowie gemischte Gruppen für Hetero- und Homosexuelle und für Frauen.[2]
Künstlerische und kuratorische Tätigkeit
Ab den 1980er Jahren begann Levi, Ausstellungen in seinem Mailänder Atelier in der Via San Gottardo zu organisieren und wurde zu einem wichtigen Vermittler zwischen der Mailänder und der internationalen Kunstszene, insbesondere New York.[5] Die Zeitschrift Artforum beschrieb Levi als "seltsame Figur innerhalb der italienischen Kunstlandschaft, Sammler, Dozent, Theoretiker, Künstler und Organisator von Ausstellungen, die für die neue jugendliche Intersubjektivität zwischen Mailand und New York empfänglich sind".[5]
1986 kuratierte er die Ausstellung Il Cangiante im Padiglione d’Arte Contemporanea (PAC) in Mailand, in der er Jugendwerke berühmter Künstler wie Filippo de Pisis, Francis Picabia und Otto Dix mit Arbeiten junger, damals unbekannter Künstler gegenüberstellte.[6] Die Ausstellung zeigte auch Arbeiten amerikanischer Künstler wie Rodney Alan Greenblat, David Wojnarowicz und Judy Rifka, wodurch Levi als Brückenbauer zwischen europäischer und amerikanischer Kunstszene fungierte.[5]
Künstlerisches Werk
Levis künstlerische Praxis ist durch Interdisziplinarität geprägt und bewegt sich zwischen Kunst, Architektur, Design und Literatur. Artforum International charakterisierte ihn 1998 als "Architekt und Architekturlehrer, Künstler und Schriftsteller", der "zeitgenössische Kunst sammelt und die Arbeit jüngerer Künstler begeistert fördert".[7] Der Kritiker Giacinto Di Pietrantonio beschrieb Levi 2002 als "Außenseiter in einer Welt von Spezialisten ... ein Mann der Zukunft, weil er ein Mann der Vergangenheit in einem interdisziplinären, Renaissance-artigen Sinne ist".[8]
Seine Arbeiten umfassen Installationen, architektonische Interventionen, Skulpturen, Designobjekte, Gemälde und Texte. Ein wiederkehrendes Thema in seinem Werk ist der Körper, der entweder direkt dargestellt oder durch Anspielungen und Verweise evoziert wird.[9]
Zu seinen bekanntesten Werken gehören:
- Panchina rosa triangolare (1989) – Ein dreieckiges rosa Denkmal für homosexuelle Opfer der NS-Verfolgung, realisiert mit dem Kollektiv R.O.S.P.O. der Architekturfakultät des Politecnico di Milano, installiert im Park der Villa Cassarini in Bologna[3]
- Baci Urbani / Piercing a Milano (1996/2020) – Ein monumentales Piercing an einem Turiner Gebäude, in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv Cliostraat[10]
- Gioielli Guaritori per Cinzia Ruggeri (1986) – Zusammenarbeit mit der Designerin Cinzia Ruggeri, eine Serie surrealer tragbarer Skulpturen, die in internationalen Ausstellungen gezeigt wurden[11]
- Vestiti di arrivati (2015) – Eine Serie von Selbstporträts, in denen Levi Kleidungsstücke von Migranten trägt, die er an den Küsten von Otranto gefunden hat[12]
Internationaler Einfluss
Beziehungen zur internationalen Kunstszene
Levi war als bedeutender Sammler und Vermittler im internationalen Kunstkreis anerkannt. Der italienische Konzeptkünstler Alighiero Boetti schloss Levi in sein Werk Dossier Postale (1969–70) ein, eine Serie von Briefen an 26 prominente Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt, darunter Künstler wie Bruce Nauman und Giulio Paolini, Kritiker wie Lucy Lippard, Galeristen wie Leo Castelli und Konrad Fischer, sowie Sammler wie Giuseppe Panza und Corrado Levi.
2004 kuratierte Levi gemeinsam mit Giacinto Di Pietrantonio die bedeutende Retrospektive Alighiero Boetti. Quasi tutto an der GAMeC in Bergamo, die anschließend nach Buenos Aires zur Fundación PROA reiste.[13]
Architektonische Projekte
Als Architekt realisierte Levi gemeinsam mit Laura Petrazzini das DUPARC Contemporary Suites in Turin (1970er Jahre), ein avantgardistisches Projekt des italienischen Rationalismus der 1970er Jahre. Das Gebäude beherbergt eine bedeutende Sammlung zeitgenössischer Künstler wie Giuseppe Penone, Michelangelo Pistoletto, Mario Schifano, Alighiero Boetti, Giovanni Anselmo, Gilberto Zorio, Thomas Struth und Fischli & Weiss.[14]
Auszeichnungen
- 1991: Premio Francesca Alinovi für experimentelle zeitgenössische Kunst[15]
- Premio In-Arch Piemonte für Architektur[2]
Ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen
- 2020: Tra gli spazi, Triennale di Milano, Mailand (kuratiert von Joseph Grima und Damiano Gullì)[3]
- 2010: 18 modi di progettare ad arte, GAMeC, Bergamo (kuratiert von Giacinto Di Pietrantonio und Beppe Finessi)[16]
- 1998: Galleria RIBOT, Mailand (rezensiert in Artforum International)[7]
- 1988: Corrado Levi Studio, Mailand (rezensiert in Artforum)[17]
- 2017: Arte come differenza, Galleria RIBOT, Mailand
- 2021: Di amici, di uomini e di Pontormo, Galleria RIBOT, Mailand[18]
Gruppenausstellungen (Auswahl)
- 2016: Altri tempi, altri miti, XVI Quadriennale, Palazzo delle Esposizioni, Rom
- 2018: Franco Toselli e gli artisti di "porto franco". Soft revolution, Triennale Milano
- 2010: Quali cose siamo, Triennale Milano
- 1986: Dopo Gondrand: Cinzia Ruggeri Denis Santachiara, Il Luogo di Corrado Levi, Mailand (erwähnt in Encyclopedia.com)[19]
Publikationen
Monografien und Künstlerbücher
- Corrado Levi. Corpi, Electa, Mailand 2021 (mit Beiträgen von Luca Massimo Barbero, Beppe Finessi, Damiano Gullì, Maria Villa; verfügbar bei ARTBOOK|D.A.P.)[20]
- Arte 1982-1996, Giancarlo Politi Editore, Mailand 1996
- Vedere l'arcobaleno con la coda dell'occhio (Catch the Rainbow out of the Corner of Your Eye), Charta, Mailand 2002[21]
Schriften über Kunst und Architektur
- È andata così. Cronaca e critica dell'arte 1970-2008, Electa, Mailand 2009[2]
- Una diversa tradizione, CLUP, Mailand 1985
- Trattatino di architettura, Tranchida, Mailand 1993
- Tiro al bersaglio su problemi di architettura, Tranchida, Mailand 1994
Literarische Werke
- Canti spezzini, Chimera, Mailand 1986
- Marrakech Teoria, Cadmo, Florenz 2004
- Mes amis! Mes amis!, Corraini Edizioni, Mantua 2007
- Come ti quando? Am I a gymnast or an artist?, Corraini Edizioni 2020
- Novità in casa, Corraini Edizioni 2020[2]
Katalogbeiträge und Interviews
- Beitrag in Cinzia Ruggeri: Cinzia Says..., Mousse Publishing, 2022 (vertrieben von ARTBOOK|D.A.P.)[22]
- Interview mit Carol Rama (1997), zitiert im Katalog der Kunstmuseum-Bern-Retrospektive 2025[23]
- Katalogtexte für die Ausstellung Alighiero Boetti. Quasi tutto, GAMeC Bergamo / Fundación PROA Buenos Aires, 2004[24]
Politisches und soziales Engagement
In den frühen 1970er Jahren beteiligte sich Levi an den ersten Treffen der Homosexuellenbewegung F.U.O.R.I. in Mailand und praktizierte dort erstmals homosexuelles Selbstbewusstsein. Er veröffentlichte in der gleichnamigen Zeitschrift den Artikel Storia palpitante e violenta.[2] Von 1975 bis 1977 gab er die Hefte Dalle cantine und Dalle cantine frocie heraus.[2]
Artforum International würdigte 1998 Levis theoretische Beiträge zur italienischen Schwulenbefreiungsbewegung der 1970er Jahre, einschließlich seines Essays "New Kamasutra" über Sadomasochismus und dessen philosophische Implikationen.[7]
Internationale Rezeption und Kritik
Levis Werk wurde in führenden internationalen Kunstzeitschriften mehrfach besprochen:
- Artforum International widmete ihm zwischen 1986 und 2010 mehrere kritische Essays und Ausstellungsbesprechungen[5][7][25]
- Die Contemporary Art Library dokumentiert seine internationalen Projekte seit 2014[28]
Literatur
- Luca Massimo Barbero, Beppe Finessi, Damiano Gullì (Hrsg.): Corrado Levi. Corpi. Electa, Mailand 2021, ISBN 978-88-928213-0-9
- Giacinto Di Pietrantonio, Corrado Levi: Alighiero Boetti. Quasi tutto. Katalog GAMeC Bergamo, 2004
- Giorgio Verzotti: Corrado Levi. In: Artforum International, Dezember 1998
- Pier Luigi Tazzi: Corrado Levi, "New Polverone". In: Artforum International, Dezember 1986
- Marco Meneguzzo: Texte über Corrado Levi als "movimentatore massimo" der Mailänder Kunstszene der 1980er Jahre
Weblinks
- Corrado Levi bei Artforum International (englisch)
- Corrado Levi bei Artnet (englisch)
- Corrado Levi bei Artsy (englisch)
- Corrado Levi bei ARTBOOK|D.A.P. (englisch)
- Monografie "Corpi" bei Electa (englisch)
Einzelnachweise
- ↑ Pier Luigi Tazzi: Corrado Levi, "New Polverone". In: Artforum International. Dezember 1986, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e f g LEVI, Corrado. In: Centro Documentazione Cassero. Abgerufen am 6. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ a b c d Corrado Levi in Triennale. Triennale Milano, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi e gli anni Ottanta milanesi. In: UnderTrenta. 19. September 2015, abgerufen am 6. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ a b c d Pier Luigi Tazzi on Corrado Levi, "New Polverone". In: Artforum International. Dezember 1986, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi: l'arte è felicità, non verità. In: Il Giornale dell'Arte. Abgerufen am 6. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ a b c d Giorgio Verzotti on Corrado Levi. In: Artforum International. Dezember 1998, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi at GAMeC. In: Artforum International. 13. Juli 2010, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Beppe Finessi (Hrsg.): Corrado Levi. Corpi. Electa, 2021, ISBN 978-88-928213-0-9 (italienisch).
- ↑ Corrado Levi in Triennale. Triennale Milano, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Cinzia Ruggeri: Cinzia Says... In: ARTBOOK. D.A.P., abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi: l'arte è felicità, non verità. In: Il Giornale dell'Arte. Abgerufen am 6. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Alighiero Boetti. Quasi tutto. GAMeC, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ DUPARC Contemporary Suites. In: Archilovers. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi. In: Artribune. Abgerufen am 6. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Corrado Levi at GAMeC. In: Artforum International. 13. Juli 2010, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi Studio. In: Artforum International. Februar 1988, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Il libro sull'artista Corrado Levi. In: Artribune. 26. April 2022, abgerufen am 6. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Ruggeri, Cinzia. In: Encyclopedia.com. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi. Corpi. Electa, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Alighiero Boetti Books. In: ThriftBooks. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Cinzia Ruggeri: Cinzia Says... In: ARTBOOK. D.A.P., abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Carol Rama: A Rebel of Modernity / Retrospective at Kunstmuseum Bern. In: VernissageTV. 14. März 2025, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Alighiero Boetti. Quasi tutto. GAMeC, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi at GAMeC. In: Artforum International. 13. Juli 2010, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi. In: Artnet. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi. In: Artsy. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Corrado Levi. In: Contemporary Art Library. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).