Col de l’Iseran

Col de l’Iseran
Blick auf die Passhöhe des Col de l’Iseran vom etwas höher gelegenen Parkplatz (Juni 2005), dahinter die Pointe des Lessières, 3041 m
Himmels­richtung Nordseite Südseite
Passhöhe 2764 m
Département Savoie, Frankreich
Wasser­scheide Ruisseau de l'Iseran → Isère → Rhône Ruisseau de Céma → Ruisseau de la Lenta → Arc → Isère → Rhône
Talorte Séez Lanslebourg-Mont-Cenis
Ausbau Passstraße (D902)
Erbaut 1936[1]
Winter­sperre Erster Montag im November bis Zweiter Freitag im Juni
Gebirge Grajische Alpen
Profil
Länge 44,5 32,2
Anstieg 1867 m 1383 m
Ø-Steigung 4,2 % 4,3 %
Max. Steigung (auf km 7) (auf km 10)
Bergwertung HC HC
Karte (Savoie)
Koordinaten 45° 25′ 1″ N, 7° 1′ 51″ O
REGION1-BEZ=REGION2-BEZ

Der Col de l’Iseran ist mit einer Höhe von 2764 m der höchste überfahrbare Gebirgspass der Alpen.[2][3] Er befindet sich im französischen Département Savoie, das Teil der Region Auvergne-Rhône-Alpes ist. Über die D902 verbindet der Col de l’Iseran das nördliche Tarentaise mit dem südlichen Maurienne-Tal, wobei er durch das Vanoise-Massiv führt. Als Talorte dienen Val-d’Isère im Norden und Bonneval-sur-Arc im Süden.

Höchste asphaltierte Passstraße der Alpen

Der Col de l’Iseran gilt mit 2764 Metern als höchste asphaltierte Passstraße der Alpen. Er führt die Liste dabei vor dem Stilfser Joch (2758 m) und Col Agnel (2744 m) an. Auf Rang vier liegt der Col de la Bonette (2715 m), der über eine asphaltierte Zusatzschleife auf eine Höhe von 2802 Metern führt.[4] Diese trägt den Namen Cime de la Bonette, gilt jedoch nicht als Passstraße.[3]

Der höchste befahrbare Alpenpass ist der 2997 Meter hohe Col de Sommeiller, der rund 30 Kilometer südlich im Mont Cenis liegt. Dieser ist jedoch nicht asphaltiert und nicht überquerbar.[5] Die höchste asphaltierte Höhenstraße ist die Ötztaler Gletscherstrasse (2830 m).[6]

Geschichte

Die Geschichte des Col de l’Iseran reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals herrschte der Mythos, dass oberhalb von Bonneval-sur-Arc ein mehr als 4000 Meter hoher Gipfel erheben würde. Dieser wurde als Mont Iseran auf mehreren Karten abgebildet. Nach präziseren Vermessungen erkannte man jedoch den Irrtum. Aus dem Mont Iseran wurde daraufhin der Signal du Mont Iseran (3237 m), der einen Nebengipfel des höheren Aiguille Pers (3386 m) darstellt.

Der Pass wurde bereits im 17. Jahrhundert genutzt, um Güter zwischen dem Tarentaise- und dem Maurienne-Tal zu transportieren. Die Wichtigkeit des Passes zeigte sich in einer Anordnung des Hauses Savoyen aus dem Jahr 1667, in der es darum ging, den Pfad in Schuss zu halten, sodass er von Maultieren ohne Probleme überquert werden konnte. Im 19. Jahrhundert ließ König Viktor Emanuel II. große Steinhaufen als Wegmarkierungen aufschütten.

Die Errichtung der Passstraße begann im Jahr 1929 um die anliegenden Täler besser erschließen zu können. Die Eröffnung erfolgte am 10. Juli 1937 durch den französischen Präsidenten Albert Lebrun. Nur ein Jahr später führte die Tour de France über den höchsten Pass der Alpen.[7]

Lage und Auffahrten

Der Col de l’Iseran liegt im Département Savoie und führt unweit der italienischen Grenze durch das Vanoise-Massiv. Auf der Nordseite befinden sich die bekannten Wintersportorte Tignes und Val-d’Isère. Die Straße ist nur im Sommer befahrbar; im Winter wird sie als Teil einer Skipiste des Skigebiets Espace Killy benutzt. Im Sommer findet zudem auf der Passhöhe Sommerskibetrieb am Glacier de Pissailas statt. Direkt westlich der Passhöhe befindet sich die Pointe des Lessières, ein relativ einfach zu besteigender Dreitausender mit einer Höhe von 3041 m und einer eindrucksvollen Aussicht auf die Passstraße.

Nordauffahrt

Die Nordauffahrt erfolgt vom Tarentaise. Kurz nach Bourg-Saint-Maurice erreicht man in Séez die Abzweigung der D902, die auf den Col de l’Iseran führt. Die eigentliche Passstraße wird jedoch erst in Val-d’Isère auf einer Höhe von rund 1800 Metern erreicht. Die Nordauffahrt der D902 ist insgesamt 44,5 Kilometer lang und weist dabei eine durchschnittliche Steigung von 4,2 % auf.

Die ersten zwei Kilometer verlaufen entlang der Isère leicht abschüssig. Nach der Ortschaft Longfoy folgt ein rund fünf Kilometer langes Flachstück, ehe die D902 mit der Überquerung des Torrent de Saint-Claude stärker zu steigen beginnt. Auf einer gut ausgebauten Straße geht es nun auf großteils geradem Weg in Richtung Süden, wobei die Straße für sechs Kilometer mit rund 7 % ansteigt. Im Anschluss folgt ein kurzes Flachstück, ehe fünf Kilometer bei 5 % folgen. Nach rund 18 Kilometern erreicht man den Abzweiger der schmaleren D87B, die bergab in die Ortschaft Les Brévières führt. Diese liegt unterhalb der Tignes-Talsperre. Die D902 hingegen beginnt hier stärker anzusteigen und führt für drei Kilometer im Schnitt mit etwa 7 % an das Ufer des Lac du Chevril. Entlang des Ufers geht es nun für sieben Kilometer flach nach Val-d’Isère, das nach rund 27 Kilometer erreicht wird. Nun beginnen die letzten 17,5 Kilometer, die im Schnitt mit 5,5 % ansteigen. Mit dem Verlassen von Val-d’Isère verändert sich die Charakteristik des Anstiegs deutlich. Nun führt eine deutlich schmalere Straße oberhalb der Baumgrenze durch schroffes Gelände. Die Steigungsprozente nehmen dabei stetig zu, wobei nach der Pont Saint-Charles Kilometerschnitt jenseits der 7-%-Marke erreicht werden. Nun folgen acht Kehren. Beim Restaurant d'Altitude Le Signal flacht die Straße kurzzeitig ab, ehe die letzten sechs Kilometer Kilometerschnitte von rund 6,5 % aufweisen.

Südauffahrt

Die Südauffahrt vom Maurienne-Tal hat ihren Ausgangspunkt in Lanslebourg-Mont-Cenis. Die eigentliche Passstraße beginnt jedoch in Bonneval-sur-Arc auf einer Höhe von rund 1800 Metern. Insgesamt weist die D902 von der Südseite auf einer Länge von 32,2 Kilometern eine durchschnittliche Steigung von 4,3 % auf.

Nach zwei flachen Kilometern beginnt die Straße in Lanslevillard nach und nach stärker anzusteigen. Die D902 führt dabei über sechs langgezogene Kehren auf den Col de la Madeleine (1746 m), der nach rund 7,5 Kilometern erreicht wird. Dabei werden bereits Steigungsschnitte von mehr als 7 % erreicht. Im Anschluss folgen zwei leicht abschüssige Kilometer, ehe es über eine kurze flache Gegensteigung auf ein Plateau geht, auf dem die Straße neben dem Ufer des Arc verläuft. Nun geht es auf acht flachen Kilometern vorbei an Bessans nach Bonneval-sur-Arc, wo die eigentliche Passstraße beginnt. Diese weist auf einer Länge von 13 Kilometern eine durchschnittliche Steigung von 7,5 % auf. Nach vier Kilometern bei rund 8 % folgt ein kurzes Flachstück, ehe die Straße mit der Überquerung des Ruisseau de la Lenta erneut stärker zu steigen beginnt. Nach vier weiteren Kilometern bei 8 % flacht die Straße kurz vor der Pont de la Neige ein weiteres Mal ab. Die letzten drei Kilometer weisen wieder deutlich höhere Steigungsprozente auf, wobei Kilometerschnitte jenseits der 9-%-Marke erreicht werden.

Tour de France

Der Col de l’Iseran wurde bislang acht Mal von der Tour de France überquert. Die Erstbefahrung erfolgte im Jahr 1938 nur ein Jahr nach der Fertigstellung der Passstraße, wobei die Auffahrt noch nicht asphaltiert worden war. Mit einer Höhe von 2764 Metern löste der Col de l’Iseran dabei den Col du Galibier als höchster Pass der Frankreich-Rundfahrt ab. Damals wurde die Südseite auf der 15. Etappe absolviert, die über 311 Kilometer von Briançon nach Aix-les-Bains führte.[8] Als erster Fahrer führte der Belgier Félicien Vervaecke über die Passhöhe, wo Temperaturen um den Gefrierpunkt herrschten. Der Etappensieg ging jedoch an seinen Landsmann Marcel Kint, während Gino Bartali das Gelbe Trikot verteidigte und wenige Tage später seinen ersten Gesamtsieg feierte.[9]

Nur ein Jahr später führte die Tour de France erneut über den Col de l’Iseran. Diesmal wurde der Pass jedoch im Rahmen einer Einzelzeitfahrens überquert, das von Bonneval-sur-Arc über 64,5 Kilometer nach Bourg-Saint-Maurice führte. Der Etappensieg ging an den gesamtführenden Belgier Sylvère Maes, der die Strecke in einer Zeit von rund 1 Stunde 55 Minuten absolvierte und so um mehr als vier Minuten schneller war als der zweitplatzierte Edward Vissers. Sylvère Maes baute seinen Vorsprung so weiter aus und gewann schlussendlich seine zweite Tour de France.[10]

Die nächsten beiden Befahrungen erfolgten nun mit Abständen von jeweils 10 Jahren, wobei die Südauffahrt des Col de l’Iseran als vorletzter Anstieg dienten, ehe es über den Kleinen Sankt Bernhard nach Italien ging. Auf dem Pass wurde nun eine Bergwertung der 1. Kategorie abgenommen, die zwischenzeitlich eingeführt worden war. Diese sicherten sich der Italiener Giuseppe Tacca (1949) und der Österreicher Adolf Christian (1959). Im Jahr 1963 wurde der Col de l’Iseran erstmals im Finale einer Etappe absolviert, ehe sich das Ziel nach der anschließenden Abfahrt in Val-d’Isère befand. Der Spanier Fernando Manzaneque griff im Anstieg an und gewann neben der Bergwertung auch die Etappe.[11] Im Anschluss dauerte es fast 30 Jahre bis der Col de l’Iseran im Jahr 1992 ins Programm der Tour de France zurückkehrte. Dabei war er Teil einer 254,5 Kilometer langen Bergetappe, die über den Col des Saisies, Cormet de Roselend, Col de l’Iseran und Col du Mont Cenis nach Sestriere führte. Der siegreiche Claudio Chiappucci benötigte dafür mehr als siebeneinhalb Stunden, wobei Miguel Indurain das Gelbe Trikot von Pascal Lino übernahm.[12] Der Col de l'Iseran galt nun als Bergwertung der hors categorie, die im 1979 Jahr als höchste Kategorie eingeführt worden war.[13]

Im Jahr 1996 hätte erstmals die Nordauffahrt des Col de l’Iseran genutzt werden sollen, wobei der Pass ebenso wie der Col du Galibier aufgrund der schlechten Wetterbedingungen aus dem Programm genommen werden musste.[14] Die Erstbefahrung der Nordseite fand somit erst im Jahr 2007 im Rahmen der 9. Etappe statt, die in Val-d’Isère gestartet wurde. Die Bergwertung sicherte sich damals der Ukrainer Yaroslav Popovych.[15]

Die bislang letzte Befahrung des Col de l’Iseran fand im Jahr 2019 statt. Damals hätte die 19. Etappe über die Südauffahrt nach Tignes führen sollen, musste jedoch aufgrund eines Unwetters und einer Schlammlawine nahe der Tignes-Talsperre frühzeitig abgebrochen werden. Die Zeiten für das Gesamtklassement wurden dabei auf der Passhöhe des Col de l’Iseran genommen, womit Egan Bernal das Gelbe Trikot vom Franzosen Julian Alaphilippe übernahm. Der Kolumbianer hatte im Anstieg des Col de l’Iseran angegriffen und lag zum Zeitpunkt der Passüberquerung rund eine Minute vor den restlichen Gesamtklassement-Fahrern.[16] Tags drauf verteidigte er seinen Vorsprung und ging wenig später als erster südamerikanischer Tour-de-France-Sieger in die Geschichte ein.[17]

Sieger der Bergwertung bei der Tour de France
Jahr Etappe Bergwertung Erster am Gipfel Auffahrt
1938 15. Etappe GPM Belgien Félicien Vervaecke Süd
1939 16b. Etappe GPM Belgien Sylvère Maes Süd
1949 17. Etappe 1. Kategorie Italien Giuseppe Tacca Süd
1959 18. Etappe 1. Kategorie Osterreich Adolf Christian Süd
1963 16. Etappe 1. Kategorie Spanien Fernando Manzaneque Süd
1992 13. Etappe HC Kategorie Italien Claudio Chiappucci Süd
2007 9. Etappe HC Kategorie Ukraine Yaroslav Popovych Nord
2019 19. Etappe HC Kategorie Kolumbien Egan Bernal Süd

Galerie

Siehe auch

Literatur

  • Rennradführer: Kristian Bauer: Roadbook Tour de France. 40 Top-Anstiege von den Alpen bis zu den Pyrenäen mit dem eigenen Rennrad bezwingen. (Plus Höhepunkte aus der Geschichte der Tour). Bruckmann, München 2006, ISBN 3-7654-4477-4.
  • Geschichte: Peter Leissl: Die legendären Anstiege der Tour de France. Covadonga, Bielefeld 2004, ISBN 3-936973-09-1.
  • Fotoband: Serge Laget: Cols mythiques du Tour de France. L’Equipe, Issy-Les-Moulineaux 2005, ISBN 2-915535-09-4.
Commons: Col de l'Iseran – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Kurt Mair: Die Hochstraßen der Alpen. 9. Auflage; Richard Carl Schmidt & Co Braunschweig 1965, ISBN 3-901182-36-5, S. 462
  2. Landkarte IGN 151 "Grenoble Bourg-St-Maurice", Institut national de l'information géographique et forestière 2019, ISBN 978-2-7585-4765-5
  3. a b Höchste Alpenpässe mit asphaltierten Strassen. Abgerufen am 13. Oktober 2025 (deutsch).
  4. Höchste Alpenpässe mit asphaltierten Strassen. Abgerufen am 13. Oktober 2025 (deutsch).
  5. der höchste befahrbare Alpenpass ist der Col de Sommeiller. 7. März 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  6. Höchste Alpenpässe mit asphaltierten Strassen. Abgerufen am 13. Oktober 2025 (deutsch).
  7. slaurent: The Iseran pass: between legends, heritage and historical exploits. In: Haute Maurienne Vanoise. 7. Mai 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025 (englisch).
  8. 1938 Tour de France by BikeRaceInfo. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  9. slaurent: The Iseran pass: between legends, heritage and historical exploits. In: Haute Maurienne Vanoise. 7. Mai 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025 (englisch).
  10. 1939 Tour de France by BikeRaceInfo. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  11. 50ème Tour de France 1963 - 16ème étape. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  12. 1992 Tour de France results by BikeRaceInfo. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  13. Anstiegskategorien erklärt. 17. März 2021, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  14. 1996 Tour de France. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  15. Tour de France 2007 Stage 9 results. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  16. 19. Etappe am Iseran abgebrochen - Bernal in Gelb | radsport-news.com. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  17. Zach Nehr: How did Egan Bernal train to win the Tour de France? In: Cyclist. 1. August 2019, abgerufen am 13. Oktober 2025 (englisch).