Claudine Picardet
Claudine Picardet (* 7. August 1735; † 4. Oktober 1820) war eine französische Chemikerin und wissenschaftliche Übersetzerin.
Biografie
Claudine geborene Poullet wurde in Dijon geboren. Sie war die älteste Tochter eines königlichen Notars, François Poulet de Champlevey. 1755 heiratete sie den Rechtsanwalt Claude Picardet, dieser war Ratsmitglied der Table de marbre und später Mitglied der Académie royale des sciences, arts, et belles-lettres de Dijon. Dies verschaffte ihr Zugang zu wissenschaftlichen, bürgerlichen und hochrangigen Gesellschaftskreisen. Sie besuchte Vorlesungen und Vorführungen und wurde als Wissenschaftlerin, Salonnière und Übersetzerin aktiv. Ihre ersten Veröffentlichungen erschien unter dem Namen Mme P*** de Dijon. Das Paar hatte einen Sohn, der 1776 im Alter von 19 Jahren starb.[1]
Nachdem ihr Mann 1796 gestorben war, zog sie nach Paris. 1798 heiratete sie Louis Bernard Guyton de Morveau, einen engen Freund und langjährigen wissenschaftlichen Kollegen. Guyton de Morveau war Abgeordneter im Rat der Fünfhundert und Direktor und Professor für Chemie am École polytechnique in Paris. Sie setzte ihre Übersetzungs- und wissenschaftliche Arbeit fort und richtete einen elitären wissenschaftlichen Salon ein. Während der Herrschaft Napoleons trug sie den Titel Baronin Guyton-Morveau.[1][2]
Übersetzungen
Picardet übersetzte viele Werke führender Wissenschaftler ihrer Zeit aus mehreren Sprachen ins Französische, um sie zu veröffentlichen.[3][4]
Ihr Ehemann Guyton de Morveau leitete eine Gruppe von Übersetzern an der Akademie von Dijon, dem Bureau de traduction de Dijon, um der Nachfrage nach zeitnahen vollständigen Übersetzungen ausländischer wissenschaftlicher Texte, insbesondere aus den Bereichen der Chemie und Mineralogie, gerecht zu werden. Zusätzlich zur sprachlichen Arbeit der Übersetzung führte die Gruppe Laborexperimente durch, um die Versuchsabläufe nachzustellen und die beobachteten Ergebnisse zu bestätigen.[3]
Die Gruppe an der Akademie von Dijon spielte eine Vorreiterrolle dabei, die Arbeiten ausländischer Wissenschaftler in Frankreich zugänglich zu machen. Einige Übersetzungen wurden in Büchern und Zeitschriften veröffentlicht, andere wurden als Manuskriptkopien in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kreisen verbreitet. Darüber hinaus wurden die Experimente in öffentlichen Vorträgen und Vorführungen präsentiert. Claudine Picardet war die einzige Nicht-Akademikerin sowie die einzige Frau in der Gruppe. Dazu war sie die einzige, die in fünf Sprachen arbeitete und die einzige, die neben den Annales de Chimie auch in anderen Zeitschriften veröffentlichte.[3]
Einige spätere Autoren haben Guyton de Morveau und anderen Mitgliedern der Gruppe die Urheberschaft für Picardets Werk zugeschrieben. Das konnte allerdings durch verschiedene Beweise wie die Zuschreibungen in den veröffentlichten Werken widerlegt werden.[5][3][6]
Übersetzte Werke
Auf Bitte von Guyton de Morveau übersetzte Picardet 1774 John Hills Spatogenesia: the Origin and Nature of Spar; Its Qualities and Uses (Englisch, 1772). Dieses wurde im Journal de physique von Jean-André Mongez veröffentlicht. Sie wurde eine prominente Mitwirkende an Mongez' Zeitschrift, obwohl sie in ihren frühen Veröffentlichungen nur als Mme. P oder Mme P*** de Dijon bezeichnet wird. Aus den Briefen von Guyton de Morveau geht hervor, dass Claudine Picardet bis 1782 Werke aus dem Englischen, Schwedischen, Deutschen und Italienischen ins Französische übersetzt hatte.[3][7]
Picardet schuf die erste veröffentlichte Sammlung der chemischen Texte von Carl Wilhelm Scheele, übersetzt aus schwedischen und deutschen Schriften, als Mémoires de chymie de M. C. W. Scheele in zwei Bänden (Französisch, 1785). So wird Picardet durch ihre Übersetzung auch zugeschrieben, Scheeles Arbeit über Sauerstoff unter den Wissenschaftlern in Frankreich bekannt gemacht zu haben.[8] Picardet wurde zum ersten Mal öffentlich als Übersetzerin genannt, und zwar in einer Rezension des Buches von Jérôme Lalande, die im Juli 1786 im Journal des sçavans erschien.[9]
Sie verfasste ebenfalls die erste Übersetzung von Abraham Gottlob Werners Werk Von den äusserlichen Kennzeichen der Fossilien (Deutschland, 1774). Werners Hauptwerk war das erste moderne Lehrbuch zur deskriptiven Mineralogie und entwickelte ein umfassendes Farbschema für die Beschreibung und Klassifizierung von Mineralien. Picardets Übersetzung, Traité des caractères extérieurs des fossiles, traduit de l'allemand de M. A. G. Werner (Abhandlung über die äußeren Merkmale von Fossilien), wurde schließlich 1790 in Dijon veröffentlicht. Da der Originaltext erheblich erweitert und mit Anmerkungen versehen wurde, wird Picardets Übersetzung oft als Neuauflage des Werks angesehen.[10][3]
Der Chemiker und Wissenschaftshistoriker James R. Partington schrieb Picardet den größten Teil der französischen Übersetzung der ersten beiden Bände von Torbern Olof Bergmans sechsbändigem Werk Opuscula physica et chemica (lateinisch, 1779–1790) zu. Veröffentlicht unter dem Titel Opuscules chymiques et physiques de M. T. Bergman (Dijon, 1780–1785), wurde sie allgemein Guyton de Morveau zugeschrieben.[1] Auf der Grundlage von Briefen zwischen Guyton de Morvea und Bergman vermutet Partington, dass Picardet und andere bei der Übersetzung von Bergmans Werken mitgewirkt haben, ohne genannt zu werden.[11][12][13]
Mme. Picardet wird vielfach zugeschrieben, Madame Lavoisiers Übersetzung und Kritik von Richard Kirwans Essay über Phlogiston aus dem Jahr 1787 inspiriert und möglicherweise auch mitverfasst zu haben. Sie übersetzte einige von Kirwans Texten.[14][15][11]
Picardet übersetzte wissenschaftliche Arbeiten aus dem Schwedischen (Scheele, Bergman), Deutschen (Johann Christian Wiegleb, Johann Friedrich Westrumb, Johann Carl Friedrich Meyer, Martin Heinrich Klaproth), Englischen (Richard Kirwan, William Fordyce), Italienischen (Marsilio Landriani) und möglicherweise Lateinischen (Bergman). Obwohl sie am häufigsten Werke über Chemie und Mineralogie übersetzte, übersetzte sie auch einige meteorologische Werke. Dazu gehörte Observationes astron. annis 1781, 82, 83 institutæ in observatorio regio Havniensi (1784), in dem über die astronomischen Beobachtungen der Länge des Mars-Knotens berichtet wurde, die Thomas Bugge im Dezember 1783 durchgeführt hatte. Die Übersetzung wurde unter dem Titel Observations de la longitude du nœud de Mars faite en Décembre 1873, par M. Bugge im Journal des sçavans (1787) veröffentlicht.[4]
Wissenschaftliche Arbeit
Picardet besuchte Morveaus Chemievorlesungen und studierte die Mineralien in der Sammlung der Akademie von Dijon. Zusammen mit Guyton de Morveau und anderen Mitgliedern des Bureau de traduction de Dijon führte sie chemische Experimente und mineralogische Beobachtungen durch, um den Inhalt der Werke, die sie übersetzten, zu bestätigen. Sie entwickelte sogar eigene Begriffe auf Französisch, basierend auf ihren direkten Beobachtungen von Mineralien, um Werners Neologismen wiederzugeben.[4]
Picardet war auch in Antoine Lavoisiers Netzwerk zur Erfassung meteorologischer Daten aktiv. Bereits seit 1785 führte sie täglich barometrische Beobachtungen mit Instrumenten der Akademie von Dijon durch. M. Picardet schickte ihre Ergebnisse an Lavoisier, und diese wurden der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Paris präsentiert.[16][17]
Gemälde
Bereits 1782 hatte Guyton de Morveau einen systematischen Ansatz für die chemische Nomenklatur vorgeschlagen. Von 1786 bis 1787 trafen sich Guyton de Morveau, Antoine Lavoisier, Claude-Louis Berthollet und Antoine-François Fourcroy fast täglich und arbeiteten intensiv an der Abfassung der Méthode de nomenclature chimique (Methode der chemischen Nomenklatur), die sie als vollständige und endgültige Reform der Namen in der anorganischen Chemie konzipierten. Ein Gemälde von Lavoisier mit den Co-Autoren der Méthode de nomenclature chimique soll sowohl Marie Lavoisier als auch Claudine Picardet zeigen. Diese hält ein Buch in der Hand, das symbolisch für ihre Arbeit als Übersetzerin steht.[18][7]
Einfluss
Durch die Arbeit von Claudine Picardet und ihrem zweiten Ehemann Louis-Bernard Guyton de Morveau wurde Dijon international als wissenschaftliches Zentrum anerkannt. Als Übersetzerin im Bereich der Chemie in den 1780er Jahren trug Madame Picardet dazu bei, chemisches Wissen in einer Phase Chemischer Reformen zugänglich zu machen. Der Wert ihrer Arbeit als Übersetzerin wurde von Wissenschaftlern ihrer Zeit sowohl national als auch international anerkannt.[1]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Picardet, Claudine | Encyclopedia.com. In: encyclopedia.com. Abgerufen am 16. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Marelene F. Rayner-Canham, Geoffrey Rayner-Canham: Women in Chemistry: Their Changing Roles from Alchemical Times to the Mid-twentieth Century. Chemical Heritage Foundation, 1998, ISBN 0-941901-27-0, S. 23 (google.de [abgerufen am 16. Dezember 2025]).
- ↑ a b c d e f Patrice Bret: The letter, the dictionary and the laboratory: translating chemistry and mineralogy in eighteenth-century France. In: Annals of Science. 73. Jahrgang, Nr. 2, 19. April 2015, S. 122–142, doi:10.1080/00033790.2015.1034780, PMID 27391665.
- ↑ a b c Marilyn Bailey Ogilvie: Women in science : antiquity through the nineteenth century : a biographical dictionary with annotated bibliography. Cambridge, Mass. : MIT Press, 1986, ISBN 0-262-15031-X (archive.org [abgerufen am 16. Dezember 2025]).
- ↑ Patrice Bret: Madame Picardet, traductrice scientifique ou cosmétique des Lumières ? In: Pour la Science. 21. November 2014, abgerufen am 16. Dezember 2025 (französisch).
- ↑ Marta Macho Stadler: Claudine Picardet, una pionera en la traducción científica. 28. April 2021, abgerufen am 16. Dezember 2025 (spanisch).
- ↑ a b brian: Claudine Picardet (1735–1820). In: Geological Digressions. 22. September 2025, abgerufen am 16. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ T. E. (Thomas Edward) Thorpe: Essays in historical chemistry. London, New York, Macmillan and Co., 1894 (archive.org [abgerufen am 16. Dezember 2025]).
- ↑ Henry Carrington Bolton Bolton: New Books. In: Journal of the American Chemical Society. XXIV. Jahrgang, Nr. 3, März 1902, S. 280, doi:10.1021/ja02017a018 (google.com [abgerufen am 7. September 2016]).
- ↑ WERNER, Abraham Gottlob. (1749–1817). In: The Library. Archiviert vom am 19. Oktober 2016; abgerufen am 7. September 2016.
- ↑ a b Michael D. Gordin: Scientific Babel: How Science Was Done Before and After Global English. University of Chicago Press, 2024, ISBN 978-0-226-00032-9 (google.de [abgerufen am 16. Dezember 2025]).
- ↑ BERGMAN, Torbern Olof. (1735–1784). In: The Library. Archiviert vom am 18. Oktober 2016; abgerufen am 7. September 2016.
- ↑ Torbern Bergman: Torbern Bergman's foreign correspondence. Stockholm : Almqvist & Wiksell, 1965 (archive.org [abgerufen am 16. Dezember 2025]).
- ↑ Keiko Kawashima: Madame Lavoisier et la traduction française de l'Essay on phlogiston de Kirwan / Madame Lavoisier and the French translation of Kirwan's Essay on phlogiston. In: Revue d'histoire des sciences. Band 53, Nr. 2, 2000, S. 235–264, doi:10.3406/rhs.2000.2083 (persee.fr [abgerufen am 16. Dezember 2025]).
- ↑ Jean Pierre Poirier: Lavoisier, chemist, biologist, economist. Philadelphia : University of Pennsylvania Press, 1998, ISBN 0-8122-1649-0 (archive.org [abgerufen am 16. Dezember 2025]).
- ↑ M. Picardet: Journal des observations du barometre de M. Lavoisier. In: Mémoires de l'Académie des Sciences, Arts et Belles Lettres de Dijon. 1785, S. 435–437 (google.com [abgerufen am 8. September 2016]).
- ↑ Nouveau Memoires de l'Academie de Dijon. In: The Critical Review, or, Annals of Literature. 65. Jahrgang, 1788, S. 552 (google.com [abgerufen am 8. September 2016]).
- ↑ Marco Beretta: Imaging a Career in Science: The Iconography of Antoine Laurent Lavoisier. Science History Publications/USA, 2001, ISBN 0-88135-294-2 (google.de [abgerufen am 16. Dezember 2025]).