Klawdija Lukjanowna Issatschenko

Klawdija Lukjanowna Issatschenko (russisch Клавдия Лукьяновна Исаченко; * 23. Apriljul. / 5. Mai 1876greg. in Moskau, Russisches Kaiserreich; † 1951 in der ČSR) war eine deutsch-russische Theaterschauspielerin und Tanzpädagogin, die in Moskau, Belgrad, Berlin, Paris und weiteren Städten wirkte.

Leben und Wirken

Familie und Aktivitäten in Russland

Claudia war die Tochter des deutschen Feldmessers Lukian Egert, der aus dem bayerischen Adelsgeschlecht Eggert von Eckhoffen stammte, und von Tatjana Alexandrowna.[1][2][3] Sie hatte vier jüngere Geschwister.[4] Sie heiratete den General und Kammerherrn am Zarenhof Wladimir Abramow aus der Adelsfamilie Galitzin und bekam 1901 ihre Tochter Tatjana, die später eine bekannte Balletttänzerin in Deutschland wurde.[5]

Noch im selben Jahr begann Klawdija am bekannten Künstlertheater (MChAT) von Konstantin Stanislawski in Moskau als Schauspielerin. Sie spielte in den folgenden Jahren auch in Provinztheatern und in St. Petersburg. Von 1905 bis 1907 machte sie eine Ausbildung bei den bekannten Ausdruckstänzerinnen Isadora und Elizabeth Duncan in Deutschland (wahrscheinlich in Berlin). In den folgenden Jahren reiste sie auch nach Griechenland und Italien, um antike Tanzdarstellungen zu studieren. In Russland spielte sie weiter als Schauspielerin in Theatern und lernte bei der Ausdruckstänzerin Ella Rabenek.

1910 bekam Klawdija mit ihrem zweiten Ehemann, dem Juristen Wassili Issatschenko ihren Sohn Alexander, der später ein bekannter Sprachwissenschaftler wurde.[6] Danach beendete sie ihre Schauspielkarriere und begann junge Tänzerinnen auszubilden. 1912 hatten diese ihren ersten öffentlichen Auftritt, 1913 wurde der bekannte Regisseur Wsewolod Meyerhold zu einer Vorstellung eingeladen. 1915 eröffnete Klawdija Issatschenko eine öffentliche Schule in Moskau, in der sie plastische Bewegungen, Ausdruckstanz nach den Methoden von Isadora Duncan, François Delsarte und Émile Jaques-Dalcroze (Rhythmische Gymnastik), sowie Gestik, Gesang, Rezitation und weitere Fächer unterrichtete.[7] Sie wollte leichte, fließende Bewegungen mit wenig körperlicher Anspannung vermitteln, die auch von inneren Impulsen ausgehen sollten. Schülerinnen konnten angehende Tänzerinnen, Schauspielerinnen, aber auch Laien und Kinder werden. Die Aufnahmegebühr von 200 Rubel im Jahr war aber nur für wohlhabendere Töchter bezahlbar. Zu den Schülerinnen gehörte in dieser Zeit auch die baltendeutsche Edith von Schrenck.

Exil in Belgrad, Berlin und Paris

Nach der Oktoberrevolution emigrierte Klawdija Issatschenko 1918 mit fünf Schülerinnen nach Belgrad in Jugoslawien, wo sie im Städtischen Theater auftrat und seit 1921 Ballettmeisterin an der Königlichen Oper war.[8][9]

1923 zog sie wegen der politisch unsicheren Situation nach Berlin.[10] Am 29. September hatte sie mit ihrem plastischen Ballett ihren ersten Auftritt im Blüthner-Saal in der Lützowstraße, das nach Musik von Schubert, Schumann, Brahms, Grieg, Rachmaninoff und weiteren Komponisten tanzte.[11] Es folgten 1924 Auftritte in Hamburg, Breslau, Dresden, Prag, Berlin, Nürnberg, Mannheim, Braunschweig, Bielefeld, Münster, Essen, Dortmund, Wiesbaden, Duisburg, Mainz, Frankfurt, Düsseldorf[12], Elberfeld, Köln, Darmstadt, London (August bis Oktober)[13], Leipzig, Hamburg und 1925 in Wien (mehrere Wochen im Januar).[14] Die Vorführungen bestanden aus dichten Gruppenbewegungen mit expressionistischen Ausdrucksformen des modernen Tanzes, die auch an antiken Tanzdarstellungen mit einem Tempeltanz angelehnt waren.[15][16] Auch in den folgenden Jahren gastierten sie in verschiedenen Städten Europas.[17] Anfang der 1930er Jahre eröffnete Klawdija Issatschenko in Paris im Salle Pleyel eine russischsprachige Tanzschule.

Letzte Jahre

1950 zog sie zu ihrem Sohn Alexander nach Bratislava in der Slowakei, wo auch dessen Tochter Varvara (seit 1966 verheiratete von Kühnelt-Leddihn) lebte.[18] 1951 starb sie dort und wurde auf dem Friedhof Slávičie údolie beerdigt.[19] Ihr Grabstein ist nicht mehr vorhanden.

Literatur

  • Claudia Issatschenko und ihre Schule. Berlin 1923 (Auszüge)
Commons: Claudia Issatschenko – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Lukian Ignat'evič Egert Erik Amburger Datenbank
  2. Клавдия Лукьяновна Егерт Центральный государственный архив города Москвы
  3. @1@2Vorlage:Toter Link/www.rgfond.ru (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)
  4. Konstantin Luk'janovič Egert Erik Amburger Datenbank, der nächstjüngere Bruder Konstantin war 1914 Oberstleutnant der russischen Armee
  5. Michael Heuermann: Tatjana Gsovsky und das „Dramatische Ballett“. Der „Berliner Stil“ zwischen Der Idiot und Tristan. (pdf) Dissertation. Universität Bremen. 2001, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 4. März 2016; abgerufen am 23. Januar 2013 (3,73 MB).  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/elib.suub.uni-bremen.de; auch Michael Heuermann: „Tatjana“. Leben und Werk der Choreographin und Pädagogin Tatjana Gsovsky. München 2007, ISBN 978-3-935456-17-3., S. 33 und öfter (kurze Auszüge); mit einigen Informationen über die Aktivitäten von Klawdija Issatschenko in dieser Zeit
  6. Wassili Wassiljewitsch Issatschenko (1880–1925) Pogost Tegel (russisch, Memento), starb in Berlin und wurde auf dem russischen Friedhof in Tegel begraben
  7. Клавдия Исаченко Reading
  8. Elizabetha Souritz, Russian Dancers in Yugoslavia. Margarita Froman, Yelena Poliakova and Klavdia Issachenko. Instituto Estatal de Estudios sobre Artes, Rusia (auch Elisabeth Suritz)
  9. Melita Milin, The Russian musical emigration in Yugoslavia after 1918, in Muzikologija, 3/2003, S. 65–80, hier S. 73–74 (Digitalisat), mit kurzen Erwähnung, auch über die Rivalität zur jugoslawischen Tänzerin Maga Magazinović, die seit 1910 in Belgrad ebenfalls ein plastisches Ballett nach Isadora Duncan hatte
  10. Ergänzungen zur Biographie von Klawdija Issatschenko Brodiaga Live Journal, V. Nabojchenko, vom 18. September 2020 (deutsch), mit vielen Zeitungsausschnitten der Emigrantenzeitung Rul seit dem 27. Juli 1923, S. 5, und weiteren Hintergrundinformationen
  11. Rul, vom 16. September 1923, S. 4, Konzertanzeige, auch in weiteren Ausgaben bis zum 3. Oktober 1923
  12. Einmaliger Russischer Plastischer Ballett-Abend, Claudia Issatschenko mit ihrer Kunst-Tanztruppe, Apollo Theater Düsseldorf, Programmzettel zum 10. Mai 1924 (Bestand in der ULB Düsseldorf)
  13. Die Woche, 1924, S. 886, mit Foto; auch The Sketch. A Journal of Art and Actuality vom 3. Septembre 1924, S. 465 (kurze Auszüge), mit Bericht von der Vorstellung im Coliseum
  14. Rul, vom 14. November 1924, S. 5 (Leipzig); vom 16. Dezember 1924, S. 4 (Hamburg); und vom 23. Dezember 1924, S. 4 (Wien Ankündigung für das Apollo-Theater); in Ergänzungen zur Biographie Klawdija Issatschenko Brodiaga64, Live Journal, V. Naboichenko, 20. September 2020 (deutsch), mit Faksimiles der Zeitungsausschnitte und einem Foto aus London
  15. Plastisches Ballett Theatermuseum Wien, mit Foto von einer Vorstellung im Ronacher 1925
  16. Der Querschnitt, Juli 1926, zwischen S. 560/561 (Digitalisat, PDF), ein Foto
  17. Das Programm. Die Fachzeitschrift der Internationalen Artisten-Loge, 1930, S. 30 (kurze Auszüge), mit Bericht über ihre europäische Tournee
  18. Варвара А. Исаченко, Мой отец и я. Осколки, Erinnerungen der Enkelin Warwara an ihren Vater und die Großmutter, mit Fotos
  19. Ergänzungen zur Biographie Klawdija Issatschenko Brodiaga64, Live Journal, В. Набойченко (V. Naboichenko), 20. September 2020 (russisch), mit Foto vom Grabstein, das er von der Enkelin Dr. Varvara Kühnelt-Leddihn erhielt, der aber nicht mehr vorhanden ist (das dortige angebliche Geburtsdatum 1884 widerspricht den amtlichen Geburtseinträgen im Moskauer Zentralarchiv, sie müsste auch 1901 ihre Tochter mit 17 Jahren bekommen haben)