Claude Vorilhon
Claude Vorilhon (* 30. September 1946 in Vichy), auch bekannt als Raël, ist ein französischer Autor, Musiker und Gründer der UFO-Religion Raelismus. Er behauptet, 1973 von einem Außerirdischen kontaktiert worden zu sein, der ihm offenbarte, dass eine Zivilisation namens Elohim wissenschaftlich die Menschheit erschaffen habe. Aufgrund dieser Begegnungen gründete Vorilhon die Raël-Bewegung, die Ideen wie außerirdische Schöpfung, gentechnischen Fortschritt (Menschenklonen) und sexuelle Befreiung propagiert.[1]
Frühes Leben
Claude Vorilhon wuchs in Ambert (Zentralfrankreich, nahe Vichy) auf. Er wurde im Haus seiner Großmutter mütterlicherseits aufgezogen. Sein unbekannter Vater war Jude und seine Mutter eine „überzeugte Atheistin“.[2] Als Jugendlicher begeisterte er sich für Musik, insbesondere den belgischen Chansonnier Jacques Brel. Im Alter von 15 Jahren lief Vorilhon aus seinem Internat weg und trampte nach Paris, wo er drei Jahre lang auf der Straße, in Cafés und Kabaretts musizierte. Er traf Lucien Morisse, den Direktor einer Radiosendung (auf Europe 1), der auf der Suche nach jungen Talenten war. Vorilhon unterschrieb einen Plattenvertrag und wurde zu einem aufstrebenden Teenie-Popstar im Radio. Er nahm eine neue Identität an, nannte sich fortan Claude Celler und veröffentlichte sechs Singles, darunter den kleinen Hit „Le miel et la cannelle“ („Honig und Zimt“), seine Karriere als Sänger fand jedoch ein jähes Ende, als Morisse sich im September 1970 das Leben nahm.[3] Danach wandte er sich dem Motorsportjournalismus zu: 1971 gründete Vorilhon in Clermont-Ferrand das Autorennsport-Magazin Autopop, in dem er als Chefredakteur auch als Testfahrer tätig war.[4] Diese Tätigkeit bot ihm den Zugang zur Rennsport-Szene – ein Hobby, das er zeitlebens beibehielt.[1]
Gründung des Raelismus
Nach eigenen Angaben erlebte Vorilhon am 13. Dezember 1973 im Vulkangebiet Puy de Lassolas eine Begegnung mit einem Außerirdischen (genannt „Eloha“) der Zivilisation der Elohim. Dieser behauptete, die Elohim hätten vor etwa 25.000 Jahren technisch das Leben auf der Erde erschaffen und seien die „Schöpfer der Menschheit“. Zwei Jahre später, im Oktober 1975, berichtet Vorilhon von einer zweiten Begegnung, in deren Verlauf er auf den Heimatplaneten der Elohim mitgenommen worden sei.[1] Aus diesen Erlebnissen leitete er seine Mission ab: Er solle die Menschheit auf die kommende Rückkehr der Elohim vorbereiten.
Unmittelbar nach dem ersten Erlebnis veröffentlichte er 1974 sein erstes Buch Le Livre Qui Dit la Vérité (deutsch: Das Buch, das die Wahrheit sagt), in dem er die Botschaft der Außerirdischen darlegte.[5] 1974 trat er erstmals im französischen Fernsehen auf und gründete die Organisation MADECH (Mouvement pour l’accueil des Extraterrestres, créateurs de l’humanité). Nach der zweiten Begegnung erschien 1977 ein weiteres Buch (Les extraterrestres m’ont emmené sur leur planète), das seine angebliche Reise zum Planeten der Elohim beschreibt. 1976 wurde diese Bewegung offiziell in Mouvement Raëlien (Raël-Bewegung) umbenannt.[6]
Die Raël-Bewegung gewann rasch erste Anhänger in Frankreich und im Ausland. Spätere Schätzungen bezifferten die Zahl ihrer Mitglieder in den 1990er Jahren auf einige zehntausend weltweit.[1] Vorilhon trug seither den Namen Raël (eine Abkürzung für „Révélateur d’Élohim“, „Offenbarer der Elohim“) und führte die Bewegung über Jahrzehnte hinweg als selbsternannter Prophet weiter.
Ideen und Ideologie der Gruppe
Zentrales Element der raëlianischen Lehre ist der Glaube, dass die Elohim technisch hochentwickelte Außerirdische sind, nicht göttliche Wesen. Sie verstehen sich als „atheistische Religion“: Es gebe keinen übernatürlichen Gott, und traditionelle Propheten (wie Jesus, Buddha, Mohammed) seien lediglich Gesandte oder Inkarnationen der Elohim gewesen.[7] Die Elohim hätten das Leben auf der Erde in einem Labor aus eigenem Genmaterial erschaffen. Die Raël-Bewegung propagiert, dass die Menschheit durch wissenschaftlichen Fortschritt eines Tages eine ähnliche Stufe erreichen werde. Beispielsweise streben Raëlianer die Entwicklung von Klontechnologie an. Sie glauben, dass Menschen eines Tages wie die Elohim Leben neu erschaffen können und die Elohim um das Jahr 2035 zurückkehren werden, sofern genügend Menschen ihre Botschaft akzeptiert haben.[6][8] Laut dem Ufologen Jacques Vallée ist für Raëlianer die Abschaffung der Demokratie und des Geldsystems sowie die Errichtung einer Weltregierung die Grundlage für die Wiederkehr der Elohim. Bei ihrer Wiederkehr würden sie dann ihr Wissen mit der Menschheit teilen.[9]
Die Raël-Lehre beinhaltet zudem strenge Lebensregeln: Mitglieder sollen Vegetarier sein und auf Drogen, Alkohol oder Koffein verzichten, um „reine Gene“ zu bewahren. Die Raëlianer unterstützen individuelle Freiheit und Wissenschaftsoptimismus: Menschen sollten Technologie wie Klonen oder Mind-Uploading nutzen dürfen, um die Menschheit weiterzuentwickeln. Ein besonderes Merkmal der Bewegung ist ihr freizügiger Umgang mit Sexualität. Raël selbst lehrt die sogenannte sinnliche Meditation, eine Kombination aus Meditation, Streicheln und massierenden Berührungen, die zum „kosmischen Orgasmus“ führen soll.[1]
Privatleben
Claude Vorilhon heiratete 1970 die Krankenschwester Marie-Paule Cristini; das Paar hatte zwei Kinder und ließ sich später scheiden. Nachdem er zunächst in Frankreich lebte, zog er später nach Kanada (Quebec) und ließ sich später in Japan nieder.[4] 1987 lernte er die Japanerin Lisa Sunagawa kennen. Raël trennte sich irgendwann zwischen 1990 und 1992 von Sunagawa. Zu dieser Zeit wurde Sophie de Niverville, deren Mutter und Tante beide Raelianerinnen waren, im Alter von 15 Jahren als Raëlianerin getauft. Als sie 16 wurde, heiratete sie Raël im Rathaus von Montreal. In einem Interview mit Palmer im Dezember 2001 äußerte sich Sophie positiv über Raël, obwohl sie sich im Jahr zuvor scheiden ließen; sie lebten weiterhin zusammen.[10]
Kontroversen
Die Raël-Bewegung steht seit ihrer Gründung in der Kritik. Schon 1995 nannte die französische Nationalversammlung sie in einem Bericht eine „gefährliche Sekte“ mit „antisozialer“ Rhetorik und hohen finanziellen Ansprüchen an ihre Mitglieder.[1] 2003 wurde ihm von Südkorea die Einreise verweigert.[11] In der Schweiz wurde Vorilhon als „Sektenführer“ bezeichnet: 2008 bestätigte das Schweizer Bundesgericht die Verweigerung seiner Aufenthaltsbewilligung.[12] Vorilhon wurde vorgeworfen, Autoren der Prä-Astronautik plagiarisiert zu haben und dass die Philosophie der Raëlianer sich bei dem indischen Guru Osho bedient hätte.[13] Religionswissenschaftler ordnen den Raelismus als Beispiel einer modernen UFO-Religion ein. Einige Experten, darunter der Anthropologe Phillips Stevens Jr., betonen allerdings, dass viele Mitglieder weniger aufgrund der Lehre beigetreten seien, sondern vor allem soziale Gemeinschaft suchten.[1]
Besonders heftige öffentliche Debatten lösten raëlianische Ansichten zu Sexualität und Biotechnologie aus. So stellte der französische Kulturausschuss 1999 fest, die Bewegung fördere „sexuelle Initiation“ von Kindern und Jugendlichen. 2006 wurden zudem zwei ehemalige Anhänger wegen „systematischer Verführung minderjähriger Mädchen“ verurteilt. Raël selbst propagierte eine sehr offene Sexualerziehung („sinnliche Bildung“), was von Medien und Kritikern als gefährlich empfunden wurde.[1]
Auch die langjährigen Klonprojekt-Pläne der Raëlianer sorgten für Aufsehen. Anfang der 2000er Jahre ließ die angebliche Geburt eines Klon-Babys durch die Raël-nahe Firma Clonaid aufhorchen – die Behauptung erwies sich jedoch als unbelegt. Kritiker sehen in solchen spektakulären Behauptungen vor allem PR-Aktionen, die der Bewegung Öffentlichkeitswirkung verschafften sollen.[1]
Bibliographie
- 1974: Le Livre qui dit la vérité
- 1975: Les extra-terrestres m'ont emmené sur leur planète
- 1978: La géniocratie
- 1979: Accueillir les extra-terrestres
- 1980: La méditation sensuelle
- 1992: Le racisme religieux financé par le gouvernement socialiste
- 1995: Vive le Québec libre!
- 2001: Oui au clonage humain
- 2003: Le Maitraya
- 2006: Intelligent Design: Message from the Designers
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i He claimed he saw aliens and had means to clone babies. Why do thousands believe him? In: The Independent. 7. Februar 2024, abgerufen am 12. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Susan Palmer, Aliens Adored: Raël's UFO Religion, Rutgers University Press, 2004, S. 32
- ↑ Susan J. Palmer: Aliens Adored: Rael's UFO Religion. Rutgers University Press, 2004, ISBN 978-0-8135-3476-3, S. 32–34 (google.me [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ a b Vicente-Juan Ballester Olmos: The Reliability of UFO Witness Testimony. In: The Reliability of UFO Witness Testimony. (academia.edu [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ Contributor: Factsheet: the Raëlian movement. In: Religion Media Centre. 7. Januar 2022, abgerufen am 12. Dezember 2025 (britisches Englisch).
- ↑ a b Rael-Bewegung (Region Basel) | Inforel. Abgerufen am 12. Dezember 2025.
- ↑ Anne Berryman: Who Are the Raelians? In: TIME. (time.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ Contributor: Factsheet: the Raëlian movement. In: Religion Media Centre. 7. Januar 2022, abgerufen am 12. Dezember 2025 (britisches Englisch).
- ↑ Jacques Vallee: Messengers of Deception: UFO Contacts and Cults. Daily Grail Publishing, 2008, ISBN 978-0-9757200-4-2 (com.py [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ Susan J. Palmer: Aliens Adored: Rael's UFO Religion. Rutgers University Press, 2004, ISBN 978-0-8135-3476-3, S. 43–45 (google.me [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ WorldWide Religious News-Raelian Cult Leader Threatens to Sue Korea Over Denied Entry. Archiviert vom am 27. September 2007; abgerufen am 12. Dezember 2025.
- ↑ Sektenführer Raël auch beim Bundesgericht abgeblitzt. Abgerufen am 12. Dezember 2025.
- ↑ Maryse Péloquin: Raël : voleur d'âmes. Montréal : Trait d'union, 2004, ISBN 978-2-89588-088-2 (archive.org [abgerufen am 12. Dezember 2025]).