Christine Böer

Christine Böer (* 2. Februar 1941 in Berlin; † 11. September 2025 in Hamburg) war eine deutsche Zeichnerin, Presse- und Gerichtszeichnerin sowie Journalistin, die vor allem durch ihre Gerichtsreportagen und Porträtserien bekannt geworden ist.[1][2] Ihre Zeichnungen erschienen in zahlreichen deutschen Leitmedien und prägten die visuelle Berichterstattung über prominente Strafprozesse seit den späten 1980er-Jahren.[3][4]

Leben

Böer wurde 1941 in Berlin geboren und wuchs in Potsdam auf.[2] Im Jahr 1961 verließ sie kurz vor dem Bau der Berliner Mauer die DDR und zog nach Hamburg.[2] An der Hochschule für bildende Künste Hamburg studierte sie zwei Jahre lang.[2] Anschließend arbeitete sie sieben Jahre lang als Kostümmalerin an der Hamburgischen Staatsoper und an weiteren Theatern.[2] Später lehrte sie in der Klasse Kostümdesign an der Fachhochschule Hamburg.[2]

Im Jahr 1984 erschien, begleitend zu einer Ausstellung im Altonaer Museum, ihr Buch Darf ich Sie zeichnen? – Menschen in Hamburg-Altona beim Ernst-Kabel-Verlag.[5] 1992 veröffentlichte sie die gezeichnete Reportage Auf der Kippe – Junkie-Porträts, Zitate, Kommentare zur Sucht, die in Hamburg erschien.[6] 1991 veröffentlichte Böer in der taz die Serien Porträts Hamburger Jugendlicher und Porträts Hamburger Medienmacher mit Zeichnungen und Kurzporträts bekannter und unbekannter Personen aus der Hansestadt.[2]

Wirken

Seit 1987 arbeitete Böer regelmäßig als Gerichtszeichnerin; ihre Arbeiten erschienen unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Der Spiegel, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Tagesspiegel und Stuttgarter Zeitung sowie bei ARD und ZDF.[2] Sie dokumentierte zahlreiche aufsehenerregende Strafverfahren, etwa gegen die Gladbecker Geiselnehmer, gegen Erich Honecker und im sogenannten Mykonos-Prozess in Berlin.[2] Weitere bekannte Serien entstanden zu Prozessen gegen den Kaufhaus-Erpresser Dagobert, den „Baulöwen“ Jürgen Schneider sowie im Umfeld der Reemtsma-Entführung; auch der Terrorist Carlos und der DDR-Devisenjäger Alexander Schalck-Golodkowski gehörten zu ihren Sujets.[3][4]

Über die Eigenarten des Mediums sagte Böer bedauernd dem Spiegel, dass die zeichnerische Reportage vom „Knopfdruck der raffiniertesten Fotoapparate“ verdrängt worden sei; beim Zeichnen könne man „weglassen und übertreiben, auswählen und bewusst zusammenstellen“.[2] Von 1994 an reiste sie jährlich zum Karneval nach Venedig, wo sie Maskenträger und „Paradiesvögel“ porträtierte.[2] 2003 widmete ihr das Museum für Völkerkunde Hamburg (heute MARKK) die Ausstellung Paradiesvögel des Carnevale di Venezia mit rund 50 Porträts, die aufgrund des Publikumsinteresses verlängert wurde.[7]

Im Jahr 2010 erschien ihr Band Gezeichnete. Menschen vor Gericht im Dölling-&-Galitz-Verlag.[4][8] Eine bibliografische Erfassung des Buchs findet sich unter anderem im Kriminalwissenschaftlichen Dokumentationszentrum der Universität Tübingen.[9] Böers Gerichtszeichnungen wurden zudem in Roman Grafes Dokumentation Deutsche Gerechtigkeit – Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber verwendet.[10]

Christine Böer starb am 11. September 2025 im Alter von 84 Jahren in Hamburg.[1][2]

Einzelnachweise

  1. a b ks: Zum Tod von Christine Böer: Respektvoll und empathisch. In: Der Spiegel. Band 2025, Nr. 39, 18. September 2025, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 2. Oktober 2025]).
  2. a b c d e f g h i j k l Roman Grafe: Nachruf auf Christine Böer: „Mal mir Wurzeln, weil ich keine hab!“ In: Die Tageszeitung: taz. 1. Oktober 2025, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 2. Oktober 2025]).
  3. a b Thomas Wolff: Die Frau für die schwierigen Fälle. In: Frankfurter Rundschau. 24. Januar 2019, abgerufen am 2. Oktober 2025.
  4. a b c Eva Eusterhus: Gezeichnete vor Gericht. In: Die Welt. 29. April 2010, abgerufen am 2. Oktober 2025.
  5. Christine Böer: Christine Böer: Darf ich Sie zeichnen? ; Menschen in Hamburg-Altona. E. Kabel, Hamburg 1984, ISBN 978-3-921909-68-3 (arthistoricum.net [abgerufen am 2. Oktober 2025]).
  6. Christine Böer: Auf der Kippe: gezeichnete Reportage zur Sucht. Förderverein der Landesstelle gegen die Suchtgefahren, Hamburg 1992 (d-nb.info [abgerufen am 2. Oktober 2025]).
  7. Katja Engler: Paradiesvögel aus dem Venezianischen Karneval. In: Welt am Sonntag. 23. Februar 2003, abgerufen am 2. Oktober 2025.
  8. Friederike Gräff: Gerichtszeichnerin Christine Böer: "Wollte ihm doch gerecht werden". In: Die Tageszeitung: taz. 6. Juni 2010, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 2. Oktober 2025]).
  9. Christine Böer: Gezeichnete: Menschen vor Gericht. In: krimdok.uni-tuebingen.de. Universitätsbibliothek der Eberhard Karls Universität Tübingen – KrimDok-Team – Institut für Kriminologie, 2010, abgerufen am 2. Oktober 2025.
  10. Roman Grafe: Deutsche Gerechtigkeit: Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber. 2., durchgesehene Auflage. Siedler, München 2007, ISBN 978-3-88680-819-9.