Christian Wehrschütz
Christian Ferdinand Wehrschütz (* 9. Oktober 1961 in Graz) ist ein österreichischer Journalist.
Leben
Nach der Matura 1980 am Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Kirchengasse Graz studierte Wehrschütz von 1981 bis 1985 an der Universität Graz Jus, weiters auch Slawistik, dieses Studium schloss er aber nicht ab.
Wehrschütz spricht neben seiner deutschen Muttersprache laut eigenen Angaben auch Englisch, Russisch, Ukrainisch, Serbisch, Französisch, Slowenisch, Mazedonisch und Albanisch und ist Militärdolmetscher für Russisch und Ukrainisch.[1]
Er ist Bundesheer-Offizier der Reserve mit Dienstgrad Oberstleutnant.[2]
Wehrschütz ist verheiratet und Vater zweier Töchter.
Journalistische Tätigkeit
Wehrschütz begann seine journalistische Tätigkeit bei der später als rechtsextrem eingestuften Monatszeitschrift Die Aula, wo er bis 1983 Artikel verfasste.[3][4] Sein erstes Interview machte er mit dem Holocaustleugner und Verschwörungstheoretiker David Irving.[5] In den Jahren 1987 bis 1990 war Wehrschütz Chefredakteur der Wochenzeitung Neue Freie Zeitung der FPÖ und Autor bei verschiedenen Zeitschriften. 1988 volontierte er bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) und schrieb für die NZZ einige Jahre Rezensionen in der Rubrik „Das politische Buch“. Er schreibt regelmäßig für die Kleine Zeitung und die Kronen Zeitung.
Seit 1991 ist Wehrschütz beim ORF tätig. Er arbeitete bis 1992 beim ORF-Teletext und danach bis 1999 beim ORF-Radio.[6] Wehrschütz ist (Stand Ende 2022) seit November 1999 ORF-Korrespondent für das ehemalige Jugoslawien und für Albanien. Seit September 2015 leitet er auch das ORF-Büro in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine.[7][8]
Im August 2011 kandidierte Wehrschütz für das Amt des Generaldirektors des ORF,[9] er unterlag jedoch dem amtierenden Generaldirektor Alexander Wrabetz.[10] Er wurde in diesem Zusammenhang der FPÖ zugerechnet, war aber bereits im Jahr 2002 aus der FPÖ ausgetreten, weil sie seine Erwartungen nicht erfüllt habe.[11]
2014 berichtete er vom Absturz des Malaysia-Airlines-Flugs 17 in der Ukraine am Beginn des Kriegs. 90 % des Materials wurde aus Gründen der Pietät den Angehörigen gegenüber nicht veröffentlicht.[12]
Seit dem 24. Februar 2022, dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine, ist Wehrschütz als ORF-Korrespondent im Kriegsgebiet als Journalist tätig. Am 8. November 2025 entgingen Wehrschütz und sein Kamerateam in Frontnähe bei einer Fahrt nach Kostjantyniwka dem Angriff durch eine FPV-Drohne auf das Auto des Teams. Laut Wehrschütz war die Drohne offenbar von der russischen Seite gekommen.[13][14][15] Reporter ohne Grenzen hat angeprangert, dass das Putin-Regime völkerrechtswidrig gezielt Journalisten angreift und tötet, um unabhängige Berichterstattung zu verhindern.[16]
Im Dezember 2025 betraute Generaldirektor Roland Weißmann Cornelia Primosch als Nachfolgerin von Wehrschütz mit der Leitung des ORF Belgrad ab dem 1. Juli 2026. Wehrschütz soll sich ab dann für ein halbes Jahr bis zur Pensionierung Ende 2026 auf die Ukraine konzentrieren.[17][18] Nach seiner Pensionierung soll Ungarn-Korrespondent Paul Krisai die ORF-Ukraine-Berichterstattung übernehmen.[19]
Kontroversen
Wehrschütz wurde mehrfach falsche Ausgewogenheit und eine prorussische Haltung vorgeworfen. 2019 wurde er von der Ukraine wegen „antiukrainischer Propaganda“ und der Verletzung von Reisebestimmungen in okkupierte Gebiete vorübergehend mit Einreiseverbot belegt. Wehrschütz bestreitet diese Vorwürfe. Außenministerin Karin Kneissl, später selbst wegen ihrer Nähe zum Putin-Regime unter Kritik, sprach von einem „inakzeptablen Akt der Zensur“ und lud den ukrainischen Botschafter in Wien vor.[20][21] Wehrschütz klagte gegen die Entscheidung, die ein Monat später wieder aufgehoben wurde.[22]
Seine Berichterstattung über die Massengräber von Isjum wurde von der Botschaft der Ukraine kritisiert. Der ORF sprach von „haltlosen Vorwürfen“ und sah die Sicherheit von Wehrschütz durch die Kritik gefährdet.[23]
In den Euromaidan-Protesten und der Absetzung von Wiktor Janukowytsch sah er einen Mitgrund für die Annexion der Krim 2014: „Janukowitsch wäre dann halt noch ein Jahr Präsident geblieben, wir hätten Anfang 2015 die Wahlen gehabt, wir hätten uns die Krim-Krise erspart, Hunderttausende Flüchtlinge und Tausende Tote.“[24] Im Zuge des russischen Einfalls im Donbas 2014 sprach er von „Rebellenrepubliken“. Kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine[25] 2022 postete er ein Tom-und-Jerry-Meme auf seinem Facebook-Account, das eine Kriegsschuld der NATO nahelegt.[5][26]
Wehrschütz verwendete im August 2023 in einem zweiminütigen Beitrag für die ORF-Nachrichtensendung Zeit im Bild zwei Videos in einem falschen Kontext. In dem Beitrag über Korruption in der Ukraine sollten Videos die Verhaftung von Ukrainern zeigen, „die nicht bereit sind, für ihr Land zu kämpfen“. In Wirklichkeit zeigte ein Video die Festnahme eines russischen Spions durch die Ukraine; das andere Video zeigte ukrainische Studenten, die nicht im Ausland studieren durften und dagegen an der Grenze zu Polen demonstrierten, ein Student wurde abgeführt. Diese Videos waren zuvor zu prorussischen Propagandazwecken in neue Kontexte gesetzt und online verbreitet worden. Wehrschütz sagte später, dies sei der „erste derartige Fehler“ in seiner 23-jährigen Karriere als Korrespondent gewesen. Es sei „falsch und böswillig“, ihm eine prorussische Haltung vorzuwerfen.[27][28][5]
Der Kommunikationswissenschafter Jakob-Moritz Eberl warf Wehrschütz 2023 vor, in einem Interview mit der Kronen Zeitung westliche Propaganda mit der russischen gleichgesetzt zu haben.[29]
Im Zuge dieser Kontroverse widmete Ö1 Wehrschütz eine Ausgabe von „#doublecheck“. „Wehrschütz kann so agieren, weil er ein enormes Standing bei der ORF-Führung hat, das auf seiner Prominenz durch den langjährigen Einsatz als Reporter sowie auf seiner guten Vernetzung ins Bundesheer, mit dem Boulevard und ins rechte Lager basiert. Wehrschütz hat FPÖ-Hintergrund und kann auch als Signal an eine Gruppe gesehen werden, bei der der ORF Akzeptanzprobleme hat.“[29][30]
In einem Interview mit dem Pester Lloyd im Oktober 2025 sagte Wehrschütz zu seiner nationalen Identität: „Ich definiere mich nicht als Weltbürger, sondern zunächst als Steirer, dann als Österreicher, dann als Europäer.“[25]
Schriften (Auswahl)
- Das Aktiengesetz als Analogiebasis des Sparkassenorganisationsrechts. Ungedruckte Diplomarbeit, Graz 1986.
- Im Kreuzfeuer. Am Balkan zwischen Brüssel und Belgrad. Molden, Wien/Graz/Klagenfurt 2009, ISBN 978-3-85485-247-6.
- Brennpunkt Balkan. Blutige Vergangenheit, ungewisse Zukunft. Styria premium, Wien 2013, ISBN 978-3-222-13427-2.
- Brennpunkt Ukraine. Gespräche über ein gespaltenes Land. Styria premium, Wien 2014, ISBN 978-3-222-13474-6.
- Mein Journalistenleben zwischen Darth Vader und Jungfrau Maria. edition keiper, Graz 2022, ISBN 978-3-903322-65-3.
- Frontlinien: 25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung, edition a, 2025, ISBN 978-3-99001-878-1.
Auszeichnungen und Preise
- 2000: Staatspreis für publizistische Leistungen im Interesse der Geistigen Landesverteidigung
- 2007: Leopold-Kunschak-Pressepreis
- 2014: Journalist des Jahres der Fachzeitschrift Der Österreichische Journalist[31]
- 2022: Romy – Sonderpreis der Jury[32]
- 2022: Militär-Anerkennungsmedaille[33]
- 2022: Großer Josef-Krainer-Preis[34]
- 2022: Journalist des Jahres in der Kategorie Außenpolitik[35]
- 2023: Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich[36][37]
- 2023: Platinbuch des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels für Mein Journalistenleben zwischen Darth Vader und Jungfrau Maria[38]
Weblinks
- Website von Christian Ferdinand Wehrschütz
- Kurzporträt beim ORF
- Literatur von und über Christian Wehrschütz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
- ↑ Christian Wehrschütz: Bewerbung für die Funktion des ORF-Generaldirektors 2011, pdf-Seite auf diepresse.com, abgerufen am 5. November 2017.
- ↑ Beitrag von Christian Wehrschütz in linkedin.com, 1. März 2024.
- ↑ Freimaurer: Widerstand gegen Wehrschütz. In: Der Standard. 18. September 2011, abgerufen am 8. September 2014.
- ↑ Wehrschütz für Generalin. In: Der Standard. 29. Januar 2002, abgerufen am 9. Dezember 2017.
- ↑ a b c Florian Bayer: Schweigen und weitermachen, taz.de, 29. August 2023.
- ↑ Thomas Götz: Porträt der Woche: Ein Kämpfer gegen Windmühlen. In: Kleine Zeitung, 8. August 2011, Seite 7.
- ↑ ORF-Büros Belgrad und Kiew. In: der.orf.at. Abgerufen am 30. Dezember 2022.
- ↑ Neues ORF-Büro in Kiew eröffnet auf OTS vom 11. September 2015, abgerufen am 15. September 2015.
- ↑ Der Standard: Wehrschütz bewirbt sich für ORF-Generalswahl. In: derstandard.at, 21. Juni 2011.
- ↑ 29 von 35 Stimmen für Wrabetz. In: orf.at, 9. August 2011.
- ↑ Richte oft Stoßgebete an Gott, kurier.at, Artikel vom 14. November 2014.
- ↑ Aktuell nach Fünf : Porträt: Christian Wehrschütz orf.at, 23. März 2023, abgerufen am gleichen Tag.
- ↑ krone.at: ORF-Mann Wehrschütz überlebt Drohnenangriff knapp. 8. November 2025, abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ Angriff auf Fahrzeug von ORF-Korrespondenten Wehrschütz. In: ORF. 8. November 2025, abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ Daphne Hruby: „Das war kein Attentat auf mich persönlich“. In: Libratus. 14. November 2025, abgerufen am 16. November 2025 (deutsch).
- ↑ Lage für Reporter „völlig unbeherrschbar“. In: ORF. 8. November 2025, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ ORF-Korrespondentinnen: Cornelia Primosch übernimmt ORF-Büro in Belgrad, Carola Schneider leitet erneut ORF-Büro in Moskau. In: ORF.at. 17. Dezember 2025, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Bestätigt: Primosch übernimmt von Wehrschütz ORF-Balkanbüro. In: DerStandard.at/APA. 17. Dezember 2025, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ ORF-Ukraineberichterstattung künftig bei Krisai in Ungarn. In: Die Presse. 22. Dezember 2025, abgerufen am 23. Dezember 2025.
- ↑ Ukraine lässt Wehrschütz nicht einreisen, Kneissl lädt Botschafter vor, derstandard.at, 7. März 2019, abgerufen am 20. August 2023.
- ↑ ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz darf nicht in die Ukraine, diepresse.com, 8. März 2019, abgerufen am 20. August 2023.
- ↑ Ukraine hebt Einreiseverbot für ORF-Journalist Wehrschütz auf, kurier.at, 11. April 1019, abgerufen am 20. August 2023.
- ↑ Botschafter kritisiert Berichterstattung des ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz, kleinezeitung.at, 20. September 2022, abgerufen am 26. September 2023.
- ↑ Wehrschütz: "Europa hat total versagt", kleinezeitung.at, 9. Dezember 2014.
- ↑ a b Jasper Reichardt: „Krieg vom Ende her denken“ – ein Gespräch mit Christian Wehrschütz über Frontlinien, Legitimation und die Rolle Europas. In: pesterlloyd.net. 22. Oktober 2025, abgerufen am 29. Oktober 2025.
- ↑ Hans Rauscher: Wenn der ORF auf prorussische Fake News hereinfällt, derstandard.at, 18. August 2023, abgerufen am 20. August 2023.
- ↑ ORF saß russischer Propaganda auf, diepresse.com, 18. August 2023, abgerufen am 20. August 2023.
- ↑ Nach ORF-Panne: Wehrschütz bezieht Stellung, kurier.at, 19. August 2023, abgerufen am 20. August 2023.
- ↑ a b Nadja Hahn und Stefan Kappacher: Kriegsreporter mit eigenen Fronten, oe1.orf.at, 1. September 2023, abgerufen am 11. September 2023.
- ↑ Krieg, Lügen und Videos, oe1.orf.at, 1. September 2023, abgerufen am 11. September 2023.
- ↑ Christian Wehrschütz ist Österreichs "Journalist des Jahres", Kleine Zeitung, abgerufen am 16. Dezember 2014.
- ↑ Georg Leyrer: Das sind die Gewinner der ROMY 2022. In: Kurier.at. 23. April 2022, abgerufen am 23. April 2022.
- ↑ Bundesheer: „Militär-Anerkennungsmedaille“ für Christian Wehrschütz. In: ots.at, 14. November 2022.
- ↑ Stefanie Werger erhielt Josef-Krainer-Preis. In: ORF.at. 29. November 2022, abgerufen am 29. November 2022.
- ↑ ORF-Korrespondent Paul Krisai ist „Journalist des Jahres“. In: journalistin.at. 21. Dezember 2022, abgerufen am 21. Dezember 2022.
- ↑ Goldenes Ehrenzeichen für Wehrschütz und Veitl. In: ORF.at. 4. Juli 2023, abgerufen am 4. Juli 2023.
- ↑ Ehrenzeichen im Medien- und Kultusbereich im Bundeskanzleramt verliehen. In: ots.at. 4. Juli 2023, abgerufen am 4. Juli 2023.
- ↑ Goldenes Buch und Platinbuch auf der Buch Wien 23. In: buecher.at. 14. November 2023, abgerufen am 14. November 2023.