Chiwa-Expedition von 1839–1840

Die Chiwa-Expedition von 1839–1840 war ein gescheiterter Angriff des Russischen Kaiserreichs gegen das Khanat Chiwa. General Wassili Alexejewitsch Perowski führte den Feldzug um Russlands Grenzen in Richtung Zentralasien auszudehnen, während das Britische Empire im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg verwickelt war. Die Expedition geriet in einen ungewöhnlich kalten Winter und musste nach der Hälfte des Weges umkehren.

Hintergrund

Das Khanat Chiwa war ein unabhängiges Khanat im westlichen Zentralasien. Es wurde 1512 gegründet, wurde ab dem 17. Jahrhundert Khanat Chiwa genannt.

Russlands Bestreben, Zentralasien zu beherrschen, geht auf die Zeit Peters des Großen zurück. 1717[1] waren die Russen in das Khanat Chiwa eingefallen und wurden zurückgeschlagen. Um 1743 hatte sich Russland an der Orenburg-Linie, etwa 1200 Kilometer nördlich von Chiwa, etabliert. Orenburg diente Russland lange als Basis, von der aus es die Steppen im Osten und Süden beobachtete und zu beherrschen versuchte. Im Laufe des folgenden Jahrhunderts gewannen sie zunehmend die Kontrolle über die kasachischen Nomaden.

Die Expansion Russlands stand auch unter dem Eindruck des Great Game, dem Konflikt zwischen dem Britischen Weltreich und dem Russischen Kaiserreich um den Einfluss in Zentralasien. Ab 1835 verschärfte sich die Situation zwischen den Ländern durch die Annäherung Afghanistans an Russland. Um die Situation in Afghanistan ein für alle Mal zu lösen, beschloss der britische Generalgouverneur von Kalkutta, Baron Auckland den afghanischen Emir Dost Mohammed zu entmachten und den früheren Herrscher Schah Schudscha Durrani wieder einzusetzen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, wurde im Dezember 1838 die Army of the Indus nach Afghanistan geschickt. Es folgte der Erste Anglo-Afghanische Krieg.

Chiwa hielt zahlreiche persische Sklaven, die von den Turkmenen erworben worden waren. Auch einige Russen wurden entlang der Orenburg-Linie verschleppt. Ab dem frühen 19. Jahrhundert wurden immer mehr russische Fischer am Kaspischen Meer gefangen genommen. Nachdem andere Versuche, Druck auf den Khan auszuüben, gescheitert waren, ordnete Russland im August 1836 die Verhaftung aller Chiwaer Händler auf russischem Gebiet an – etwa 572 Personen und Waren im Wert von 1.400.000 Silberrubeln. Dem Khan wurde zugesichert, dass seine Untertanen freigelassen würden, sobald alle russischen Sklaven freigelassen seien. Ende September erklärte Khan Allah Quli Bahadur, er werde seine Russen freilassen, doch als die Karawane eintraf, befanden sich nur 25 Personen darin, fast ausschließlich alte Männer, die 30 oder 40 Jahre lang versklavt gewesen waren. Fünf weitere wurden 1838 und 80 weitere im August 1839 freigelassen. Am 24. März 1839 genehmigte der Zar einen Angriff auf Chiwa. Ziel war nicht die Annexion, sondern, wenn möglich, die Ablösung des derzeitigen Khans durch einen Russland gegenüber loyalen Kasachen. Der endgültige Plan wurde am 10. Oktober verabschiedet.

Verlauf

Wassili Alexejewitsch Perowski, der Militärgouverneur von Orenburg, wurde mit dem Kommando über die Expedition betraut. Er hatte den Feldzug bewusst in den Winter gelegt, um weniger unter der Trockenheit der Region zu leiden.

Die Streitmacht gliederte sich in 5 Kolonnen. Sie bestand aus 582 russischen Rekruten, 549 polnischen Rekruten, 1.578 Polen aus vorheriger Gefangenschaft und 1.694 Verbannten und andere Gefangenen. Die Artillerieausrüstung der Expedition bestand aus 16 Kanonen mit Kalibern von 6 bis 12 Pfund und vier Raketenwerfern. Zusammen mit den, unter anderem, für den Betrieb von Pontons und Faltbooten zuständigen Einheiten umfasste die Expeditionsstreitmacht 5.325 Soldaten. Das gesamte Gepäck wurde auf 11.500 Kamele verladen.[2]

Am 26. November verließ die erste Kolonne Orenburg. Drei weitere Kolonnen folgten im Abstand von ein bis zwei Tagen. Der erste Schnee fiel am 2. Dezember. Am 19. Dezember setzte der erste Schneesturm ein. Die Truppen erreichten den Emba am 31. Dezember ohne Tote, aber mit zahlreichen Erfrierungsfällen. Nun erlebten die 5.000 Russen einen der kältesten Winter in dieser Region. Die Versorgungsschiffe auf dem Kaspischen Meer hatten sich durch ungünstige Winde verspätet und waren im Eis eingeschlossen worden, nur zwei erreichten Astrachan. Die Männer litten an Skorbut, und die kasachischen Kameltreiber meutern.

Im Januar begannen die Kolonnen, Fort Emba zu verlassen. Die Hauptkolonne erreichte Aq Bulak am 6. Februar 1840 und legte dabei etwa 160 Kilometer in 16 Tagen. Die Temperatur lag weit unter Minus Zwanzig Grad. Männer mussten vor den Kamelen hergehen, um sich einen Weg durch den Schnee zu bahnen. Zwischen Fort Emba und Ak Bulaq starben 1.200 Kamele, und etwa 2.500 mussten aufgrund von Erschöpfung zurückgelassen werden. Überflüssige Vorräte wurden als Brennstoff verbrannt. Die Kälte machte es unmöglich, sich zu waschen oder die Kleidung zu wechseln. Anfang Februar wurden Kundschafter etwa 160 Kilometer südlich geschickt und berichteten, dass der Schnee noch tiefer lag. Von den rund 2.700 Infanteristen, die in Orenburg aufgebrochen waren, waren nur zwei Drittel einsatzfähig, und 236 gefallen. Angesichts der hohen Verluste an Männern und Kamelen war klar, dass die Armee, sollte sie Chiwa erreichen, nicht kampffähig sein würde. Am 13. Februar beschloss Perowski deshalb den Rückzug.[3]

Folgen

Im Jahr 1873 folgte eine Expedition unter Konstantin Petrowitsch von Kaufmann nach Chiwa. Militärisch war das Khanat kein Gegner, das einzige Problem war wiederum die Durchquerung der Wüste durch die russischen Truppen. Sie rückten in fünf Kolonnen von verschiedenen Seiten auf Chiwa vor, koordiniert über Petersburg, und nur eine kam nicht ans Ziel. Der Sturm auf die Stadt kostete die Russen elf Tote. Am 12./24. August 1873 wurde Chiwa zum russischen Protektorat gemacht.[4]

Literatur

  • Gavin Hambly (Hrsg.): Zentralasien. 62.–63. Tsd. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-60016-2 (Fischer-Weltgeschichte 16).
  • Jürgen Paul: Zentralasien. Frankfurt am Main 2012 (Neue Fischer Weltgeschichte, Band 10).
  • Daniel Jircik: Noch 1.000 Flaschen Champagner bis Khartum. BoD – Books on Demand. 2021, ISBN 978-3-7543-0198-2.
  • A Narrative of the Russian Military Expedition to Khiva under General Perofski in 1839. Calcutta: Superintendent Government Printing.
  • Karl E. Meyer, Shareen Blair Brysac: Tournament of shadows. The great game and the race for empire in central asia. Counterpoint, Washington DC 1999, ISBN 1-58243-028-4.

Anmerkungen

  1. Chiwa-Feldzug von 1717; russ. Хивинский поход (1717)
  2. Wojciechowski G., Chiwa 1839-1840, Zabrze – Tarnowskie Góry: Inforteditions, ISBN 978-83-64023-80-4 (pol.).
  3. Daniel Jircik (2021), S. 39
  4. Richard A. Pierce, S. 218 (Abb. 26: Die russischen Eroberungen in Zentralasien)